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28.05.2012
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FreieWelt.net-Serie: Fabian Heinzels "Erinnerung, Emotion, Illusion" (II)
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Bild: Dieter Schütz/pixelio.de

Fortsetzung von Teil I: Es steht jedoch fest, dass unser Gedächtnis die eindrucksvollste Funktion unseres Gehirns ist. Alles, was wir wissen, können und glauben, das wissen, können und glauben wir, weil es sich auf die eine oder andere Weise in unserem Gedächtnis festgesetzt hat. Hilflos betreten wir diese Welt. Wir können nichts außer zu schreien, zu strampeln und zu nuckeln.  

Wir müssen lernen, zu essen, zu sitzen, zu krabbeln, zu laufen und zu sprechen. Jeder dieser Fähigkeiten gehen ungezählte gescheiterte Versuche voraus.  Wir müssen lernen, andere Menschen wiederzuerkennen, und die Regeln und Gesetze unserer Umgebung zu beachten. 

Jede Erfahrung beeinflusst uns, prägt uns, verändert uns – weil sie sich in unserem Gedächtnis festsetzt.  Weil alles, was wir erleben, alles was wir tun, Spuren in unserem Gehirn hinterlässt. Diese Spuren formen die Erinnerungen, die Fertigkeiten und das Wissen, das wir Gedächtnis nennen. Ohne unser Gedächtnis sind wir nicht die, die wir sind. 

So wie jener Mann, der im Februar 1918 auf einem Bahnhof in Lyon herumirrte1. Er gehörte zu einer Gruppe von 64 französischen Soldaten des Ersten Weltkriegs, die vorzeitig aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückkehrten. Der Mann trug keine Papiere bei sich. Er wusste nichts über seine eigene Vergangenheit, nicht woher er kam und nicht, wie er hieß. 

Man nannte ihn „Anthelme Mangin“ - den Namen glaubte man aus den wenigen Wortbrocken, die er von sich gab, herausgehört zu haben, brachte ihn in einer psychiatrischen Anstalt unter und versuchte, seine Identität zu klären. Vier Jahre vergingen, bis die französische Presse des Schicksal des „lebenden unbekannten Soldaten“ aufgriff.  Zu dieser Zeit warteten in Frankreich immer noch 300.000 Familien verzweifelt auf die Rückkehr ihrer im Krieg verschollenen Angehörigen. Mehr als 1,4 Millionen Franzosen waren im Ersten Weltkrieg gestorben.

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Ohne Totenschein oder Leichnam blieb den Hinterbliebenen nichts als banges Hoffen und Harren. Das führte dazu, dass die Berichte über den Fall Anthelme Mangin ein gewaltiges Echo auslösten. In ganz Frankreich wollten Mütter, Väter, Schwestern, Brüder, Töchter und Söhne in Anthelme Mangin einen der ihren erkennen. 300 Familien holten in den Archiven der zuständigen Präfektur der Stadt Rodez Erkundigungen über den Soldaten ein. Man führte Schriftproben durch, um zu klären, wer er wirklich war und präsentierte ihm Gegenstände, um seinen Beruf herauszufinden. Aber Mangin reagierte nicht darauf.

Zwölf lange Jahre  blieb seine Herkunft für die ganze Welt, einschließlich ihm selbst, im Dunkeln.  Im Jahr 1930 beantragte dann ein gewisser Joseph Monjoin aus Saint-Maur-sur-Indre Hinterbliebenenrente für seinen seit 1916 verschollenen Sohn Octave. Er reichte  ein Foto und eine Schriftprobe des Vermissten ein. Die Handschrift glich der von Anthelme Mangin. Bei einem daraufhin arrangierten Treffen der beiden Männer erkannte keiner den jeweils anderen. Dennoch war der zuständige Psychiater überzeugt, dass es sich bei „Anthelme Mangin“ um Octave Monjoin handelte. Als Anthelme Mangin drei Jahre später nach Saint-Maur-sur-Indre gebracht wurde, benahm er sich wie jemand, der mit den Örtlichkeiten vertraut ist.  Er setzte sich ohne zu zögern in das einstige Lieblingscafé von Octave Monjoin und lief ohne fremde Hilfe zum Haus der Familie Monjoin. 1937 befand ein Gericht, dass „Anthelme Mangin“ Octave Monjoin sei. Das Urteil wurde allerdings von anderen Familien angefochten und daher nicht rechtskräftig. Joseph Monjoin starb im November 1939. 

Die Prozesse um seinen vermutlichen Sohn endeten erst, als Frankreich vierzehn Monate später von der Deutschen Wehrmacht besetzt wurde. Anthelme Mangin starb am 10. September 1942 einsam und in völliger Armut.  Seine Identität wurde nie mit letzter Sicherheit geklärt. Wie unser Gedächtnis funktioniert, ob es der Norm entspricht, außergewöhnlich gut, außergewöhnlich schlecht oder krank ist, ist für unser ganzes Leben von entscheidender Bedeutung. Fasziniert beobachten wir, wie kleine Kinder sich beim Spiel eine Fähigkeit nach der anderen aneignen, wie sie Erfahrungen machen, die sie lehren, die Welt zu erkennen, zu begreifen und schließlich zu meistern, wie sich aus einem Säugling über die Jahre eine immer stärker eine Persönlichkeit und irgendwann ein selbstständiger Mensch entwickelt. Ein Individuum, entstanden aus seinen eigenen Erlebnissen und die Erinnerungen an diese. Das menschliche Gedächtnis ist Forschungsgegenstand der Psychologie, der Philosophie, der Medizin, der Physik und der Biologie. Es ist relevant für alle Entscheidungen, die wir treffen.

zu Teil I

Aus:

Fabian Heinzel
Erinnerung, Emotion, Illusion
Das Gedächtnis und seine Folgen
Books on Demand
ISBN 978-3-8423-5971-0, Paperback, 416 Seiten

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Kontakt zum Autor

Vom Erlös jedes verkauften Exemplars werden 50 Cent der "Alzheimer Forschung Initiative e.V." gespendet, dem derzeit größten privaten Förderer der Alzheimer-Forschung in Deutschland.

Quellen dieses Abschnitts

MARKOWITSCH; . Hans (2009): Das Gedächtnis – Entwicklung, Funktionen, Störungen. München. C.H. Beck

http://www.g-geschichte.de/pdf/plus/der_soldat_ohne_gedaechtnis_amnesie_im_ersten_weltkrieg.pdf,



Redaktion, 06.05.2011 12:05 | Kommentare (0)


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