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19.05.2013
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"Kinder brauchen Zuwendung, Wärme und Geborgenheit" - Interview mit Chris Frey
Weitere Themen: Allgemein, Familie


Bild ; geralt/photoopia.com

Der Autor Chris Frey beschreibt in seinem Roman "Das Mädchen, das zweimal geboren wurde" das Schicksal einer jungen Ausreißerin, die unerwartet Zuwendung findet. Im Interview mit FreieWelt.net spricht er über seine Arbeit als Autor, seine eigenen Kindheitserfahrungen und darüber, warum ihm das Schicksal junger Menschen besonders am Herzen liegt.

Was hat Sie bewogen, einen Roman zu schreiben, in dem ein vernachlässigtes Kind die Hauptperson ist?

Tatsächlich habe ich den Roman geschrieben, ohne je die Absicht gehabt zu haben, einen zu schreiben. Er ist quasi „aus Versehen“ entstanden.
Die ersten Skizzen entstanden schon Anfang der achtziger Jahre, und zwar aufgrund eigener Erlebnisse als Kind. Meine Mutter (oder besser meine Erzeugerin) wollte mich nicht haben und hat mich von der Empfängnis an gehasst. Ich bin Jahrgang 1954, und es dürfte nachvollziehbar sein, dass Verhütung damals noch kein Thema war. Der Hass der Erzeugerin, der wiederholt auch in schwere Misshandlungen (in Form von Schlägen) gipfelte, hat mich während meiner ersten fünf Lebensjahre verfolgt. Mein Vater war von frühmorgens bis abends in der Arbeit und hat nicht viel davon mitbekommen. In meinem 5. Lebensjahr ist meine Erzeugerin dann über Nacht verschwunden und hat meinem Vater nur einen Zettel hinterlassen.
Ich will das hier nicht weiter ausführen. Jedenfalls haben diese Kindheitserlebnisse zu Verhaltensstörungen mit einer entsetzlichen Langzeitwirkung, nämlich im Grunde bis auf den heutigen Tag, geführt. Die Schwierigkeiten, die ich als Jugendlicher und Heranwachsender hatte, die ständige Ausgrenzung (aus heutiger Sicht jedoch sehr verständlich) haben mich schließlich in den siebziger Jahren fast an den finalen Abgrund geführt.
Dann kam wohl so etwas wie Glück (?) ins Spiel. Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich selbst etwas tun müsse, um mir zu helfen. Aber wie?
Mit Aufschreiben! Immer wieder mit Skizzen – war dies doch die einzige Möglichkeit, meiner grenzenlosen Einsamkeit zu entkommen. Das vernachlässigte Kind aus der Frage – bin ich selbst! Und schließlich, erst nach dem Jahrtausendwechsel, brachte mich ein Bekannter auf die Idee, das alles doch mal zusammenfassend aufzuschreiben! Also eignete ich mir per Fernstudium ein wenig Handwerkszeug an und habe alles zu diesem Roman zusammen gebunden.
Weitere Einzelheiten wären entweder langweilig oder würden dem Roman etwas die Spannung nehmen.

Es handelt sich bei Ihrem Roman um eine fiktive Erzählung, haben Sie trotzdem auch Hintergründe recherchiert?

Rein fiktiv ist an dem Roman eigentlich nichts. Meine kleine Protagonistin Viola hat als Kind gleich zwei absolute Katastrophen auf einmal erlebt. Die erste, nämlich sexueller Missbrauch, ist nur insofern fiktiv, als ich diesen Aspekt nicht selbst erlebt, sehr wohl aber davon gehört habe. Die zweite Katastrophe ist zu 100% autobiographisch, samt aller Folgeprobleme, und ich bitte um Verständnis, dass ich hier nicht näher darauf eingehe, um die Spannung nicht zu nehmen.

Recherchiert habe ich unendlich viel, hauptsächlich im Bereich Kinderpsychologie. Dies war zusammen mit einer Gesprächspsychotherapie, die etwa ein Jahr gedauert hatte, unabdingbar, um mir selbst zu helfen. Die im Roman zutage tretenden Gefühle sind in ihrer bisweilen furchtbaren Intensität authentisch und psychologisch fundiert.

Welcher Aspekt Ihrer Erzählung liegt Ihnen ganz besonders am Herzen?

Besonders am Herzen liegen mir mehrere Dinge:
•    Kinder sind keine kleinen Erwachsenen! Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft, und es ist skandalös, wie wir Erwachsenen mit dieser Zukunft umgehen! Erwachsene können versuchen, so zu sein wie Kinder, aber sie dürfen nie, nie versuchen, Kinder ihnen gleich zu machen!
•    Kinder brauchen Zuwendung, Wärme und Geborgenheit. Wehe dem Kind, dem diese drei Dinge vorenthalten werden!
•    Kinder brauchen Grenzen, die man ihnen aufzeigen muss. Es ist normal, dass sie immer wieder diese Grenzen ausprobieren – und protestieren, wenn sie gesetzt werden. Wie oft muss ich erleben, dass Kinder daraufhin von ihren Eltern gezüchtigt oder bestraft werden. Warum denn? Kindlich normales Verhalten bestraft man nicht, sondern man lässt das Kind sich erst austoben und nimmt es dann liebevoll tröstend auf den Arm (natürlich ohne die Grenzen aufzuweichen).
•    Und ganz allgemein: Achten Sie die Denkwelt der Kinder! Die Spielwelten, in denen sich Kinder zurückziehen, sind für diese real und damit heilig! Kinder sollten in der Gesellschaft ganz, ganz oben stehen – das sollte auch für Politik und Gesellschaft gelten, tut es aber nicht. Wäre dies doch der Fall, würde unsere Welt vermutlich viel besser aussehen als derzeit! Ein Kind, das als Kind vorbehaltlos geliebt wird, auch wenn es den größten „Blödsinn“ anstellt, wird nie auf die Idee kommen, Dinge wie Krieg zu spielen.
Hierzu könnte ich ein ganzes weiteres Buch schreiben. Aber an dieser Stelle soll das erst mal langen.

Was dürfen wir in Zukunft von Ihrer Arbeit als Autor erwarten?

Schreiben ist zu einer Leidenschaft geworden. Ich habe zwei weitere Romane vollendet, allerdings nicht ganz mit dem Tiefgang meines Erstlings. Der Roman enthält viele praktische Hinweise zur Kindererziehung, beziehungsweise schildere ich als tief empfundenen Wunschtraum, welche Kindheit ich gerne gehabt hätte. Ich dachte mir auch, dass er Menschen, die als Kind Ähnliches erlebt haben (ich bin ja beileibe kein Einzelfall), helfen könnte, die Probleme zu meistern. Und vielleicht auch Verständnis bei Erwachsenen zu wecken, wenn ein Kind scheinbar „ungezogen“ sind.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview führte Fabian Heinzel

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Redaktion, 05.05.2011 12:17 | Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Franz Josef Neffe, 27.07.2011 21:44
Manche Leute sind dafür oft ziemlich blind,
dass sie länger schon als Kinder Kinder sind! - so beginnt der Refrain eines meiner LEBENS-LIEDER.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen aber die meisten Erwachsenen sind - besonders wenn sie sich extrem gegenteilig aufführen - immer noch kleine Kinder.
Wer kleine Kinder niedermacht, ist selber ganz unten und erträgt niemand über sich. Weil er auch bereits von jemand unter dessen Niveau gestaucht worden ist, der auch von jemand unter sein Niveau gedrückt wurde. Der DRUCK in unserer Er"zieh"DRÜCKung ist ein beredtes Zeichen, das aber von kaum jemand verstanden wird, da wir alle auf diese plumpe Weise nivelliert wurden. Und wir sind ständig von Leuten umgeben, die uns ständig zu unserem Besten nach unten zu regulieren trachten, wenn wir nur den Kopf erheben.
Ich kenne Erfahrungen wie die des Autors und sehe die Lösung in einer Lösung für alle Kinder. Wie schon gesagt:
Manche Leute sind dafür oft ziemlich blind,
dass sie länger schon als Kinder Kinder sind!
In meiner Ich-kann-Schule interessieren die am dringlichsten, die ihre FEHLERnicht alleine korrigieren können: "Wenn ich mit deinen Kräften BESSER umgehe als du, dann mögen sie mich und folgen mir lieber als dir." Das ist im Grunde der Schlüssel für den EINFLUSS des Opfers auf den Täter. Wenn wir misshandelt worden sind, dann hat der Täter seine GUTEN Kräfte dafür selbst missbraucht. Wenn wir nun seine GUTEN Kräfte genauso schlecht oder noch schlechter behandeln als er - wovon soll dann etwas ANDERS werden???
"Wenn ich mit deinen Kräften BESSER umgehe als du, dann mögen sie mich und folgen mir lieber als dir." Der Ich-kann-Schule-Satz 2008 schließt ÄNDERUNG auf. Ich habe es seit vielen Jahren erfolgreich probiert, dem "Opfer" zu zeigen, wie es seine Probleme löst, indem es die Probleme der GUTEN Kräfte im "Täter" löst. Wenn endlich jemand die GUTEN Kräfte stärkt, können sie sich durchsetzen und man hat sie - wegen der Hilfe - auf seiner Seite. Dazu muss man nicht mal ein Wort reden: nur DENKEN muss man GUT für sie. Die 7jährige Sabrina wollte nicht mehr leben, weil sie von ihrer Lehrerin täglich blamiert wurde. Sie schickte ihr im Geiste alles, was ihr zum GUTsein fehlte und die Frau änderte sich binnen Tagen. Das Ergebnis wurde in anderen Fällen ebenso einfach erreicht. KInder IN NOT scheinen mir vor allem jemand zu brauchen, der ihnen zeigt, wie sie ihre eigenen Geistes- und Seelenkräfte nutzen um über sich selbst hinauszuwachsen und einflussreich ihre Probleme lösen. Sie brauchen also jemand, der das schon für sich selbst kann; da sollten wir alle eifrig zu lernen beginnen. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe


Chris Frey, 23.05.2011 21:28
Kommentar von Herrn Gems am 22.5.2011

Hallo Herr Gems,

zunächst einmal finde ich es absolut Spitze, dass Sie meinen Roman lesen!!

Zu Ihren Snmerkungen: Diese bringen mich tatsächlich zum nachdenken über meinen eigenen Roman. Mir ist inzwischen selbst klar, dass ich ihn bei einer (derzeit völlig utopischen!) zweiten Auflage in viele Passagen anders schreiben würde - es ist mein Erstling! Alles, was Sie anmerken, und auch Kritiken von Freunden und Bekannten haben mir inzwischen klar gemacht, dass ich viel mehr als gedacht meinen Wünschen und Träumen Ausdruck verliehen habe.

Ich möchte Sie ausdrücklich ermuntern, mir Ihre meinung nach der Lektüre zukommen zu lassen, wenn Sie das mögen. Vielleicht an meine private e-mail? Ich ermächtige admin (?), Ihnen diese zu übermitteln. Dann kann ich Ihnen auch ein kleines "Dankeschön" für Ihr Interesse zukommen lassen.

Was die Historie angeht: Viola ist bereits im Mutterleib gehasst worden - so wie ich auch!

Chris Frey

Nachtrag: Den Kommentar von Herrn Graf verstehe ich nicht!


Claus Graf, 22.05.2011 20:20
bravo jetzt fehlt als objektivstes "Ausstattungsmerkmal" für die gelebte Elternschaft also nur noch der grosszügig wahrgenommene Umgang zwischen Vater/Kind, Erlebnispädagogik und notfalls der gerichtliche Sorgerechtsentzug für Umgangsverweigernde widerspenstige Elternteile. Da Umgangsvereitelung ein objektiver Straftatbestand gemäß StGb, ist ein "Ordnungsgeld" für Umgangsvereitelung hier vollkommen deplaziert/unzureichend.

Claus Graf


Rudi Gems, 22.05.2011 14:59
Nun bin ich mitten in Ihrem Roman, Herr Frei! angelangt, und möchte mich nochmal melden.

Meine Befürchtung, das die Liebe und die Zärtlichkeiten zu kurz kommen könnten, war völlig unbegründet. Eher anders herum, will sagen, das ich mir kaum vorstellen konnte, das ein Zeitgenosse es so sauber und sicher darstellen könnte, wie wichtig Zärtlichkeiten und Liebe, bei Kindern sind.

Aufgefallen ist mir aber, das der Schreiber sehr ausgeprägt, von seinem Recht auf schriftstellerischer Freiheit, Gebrauch gemacht hat.

Soviele Zufälle, soviel Mitgefühl, soviele verständnisvolle Menschen, in Jugendamt, Schule, Nachbarschaft, Verwaltung, bei Zufallsbekanntschaften, Ärzten und Polizei, sind doch etwas merkwürdig, und kaum mit den Realitäten vereinbar. Wenn sowas wirklich üblich wäre, gäbe es solche Fälle wie Viola, gar nicht.

Bei Viola, hat es mit Sicherheit eine Entwicklung gegeben, die älter war, als die wenigen Wochen vor dem Einbruch. Auch eine solche verwahrloste Gestalt, wie sie beschrieben wurde, entsteht nicht in 2 oder 3 Wochen. Dazu bedarf es längere Fristen.

Ansonsten, ist der Roman (übrigens der 2. den ich je gelesen habe,) durchaus symphatisch, lehrreich und sogar spannend und interessant geschrieben.

Viele Grüße, Rudi Gems


Dunken Sadovic, 10.05.2011 13:49
Ich gebe dem Autor völlig Recht, hoffentlich kommt das innerhalb der nächsten 100 Jahre mal bei den Familiengerichten an.

Chris Frey, 09.05.2011 08:01
Vielen Dank, Herr Gems, für diesen freundlichen Kommentar! Sie haben natürlich völlig recht, die Begriffe Liebe und Zärtlichkeit fehlen hier. Ich wollte sie als in den drei genannten Begriffen enthalten verstehen. Dass sie in der Aufzählung fehlen, ist Absicht und wird nach der Lektüre vielleicht verständlich.
In den letzten beiden Sätzen Ihres Kommentars bringen Sie genau das auf den Punkt, was ich im Sinn habe, und zwar fast noch besser als ich selbst!

Chris Frey



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