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"Die Politik spricht heute nicht mehr vom mündigen Bürger, sondern vom bedrohten Verbraucher" - Interview mit Thomas Deichmann
Weitere Themen: Allgemein, Reformen


Bild: Thomas Deichmann

Der Journalist und Autor Thomas Deichmann setzt sich als Chefredakteur und Herausgeber des Magazins "NovoArgumente" für Freiheits- und Fortschrittsdenken ein. Im Interview mit FreieWelt.net kritisiert er den in der westlichen Welt verbreiteten Fortschrittspessimismus und fordert mehr Offenheit für neue Technologien und Erfindungen. Auch müsse die Politik die Menschen wieder mehr als mündige Bürger und nicht als bedrohte Verbraucher betrachten.

Wie kam es ursprünglich zur Gründung des Magazins „Novo Argumente“?

Eine Gruppe Studenten an der TU Darmstadt hatte Anfang der 90er Jahre die Idee, ein politisches Magazin herauszugeben. Vorausgegangen war ab Ende der 80er vereinzeltes Engagement in Fachschaften, die Gründung einer Initiative gegen Rassismus und später die einer studentischen Gruppierung namens Linkswende. Der Lancierung des Magazins Novo im November 1992 lag der Wunsch zu Grunde, zu möglichst vielen wichtigen Themen der Zeit fortschrittliche Standpunkte zu entwickeln. Anfangs ging es oft um die kritische Auseinandersetzung mit linken Gruppierungen sowie der grünen Bewegung. Diese wirkte damals noch dynamisch, wenngleich sie aus dem Niedergang linker Strömungen entstanden war. Ein weiterer Antrieb für Novo war die Wiedervereinigung, durch die viele neue Fragen aufgeworfen wurden, zu deren Klärung wir unseren Beitrag leisten wollten. Wir hatten eine positive Haltung zur Überwindung der Teilung, während viele andere Gruppierungen an der Universität den stalinistischen Systemen im Osten nachtrauerten.

Sie setzen sich nach eigenen Angaben „für Fortschritt und Humanismus und für eine bessere Zukunft durch mehr Wachstum und Freiheit für alle“ ein, aber tun das nicht alle anderen auch?

In der Tat haben sich alle möglichen Initiativen fortschrittlich und human anmutende Zielvorstellungen auf ihre Fahnen geschrieben. Auch Esoteriker und Weltuntergangspropheten wollen nur unser „Bestes“. Man muss deshalb genauer hinschauen, was erstens angestrebt wird und wie dies zweitens erreicht werden soll. So ist es zum Beispiel heute üblich, Ressentiments gegen Araber und Muslime zu schüren und sich trotzdem als „aufgeklärter Humanist“ zu präsentieren. Das kritisieren wir.

Ganz grundlegend steht man heute auf der Seite der „Guten“ – und damit abseits von Novo –, wenn man die Menschheit an und für sich schlecht redet, ihr also in erster Linie destruktives Potenzial zuschreibt und sich am liebsten bei ihren Misserfolgen aufhält. Von diesem misanthropischen Zeitgeist, der in Deutschland vom Ökologismus verkörpert wird, grenzen wir uns ab. Aus dieser Haltung folgt, dass der individuelle Anspruch von Menschen inklusive Erfolgs- und Leistungsdenken, darüber hinaus wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn heute eher als Problem betrachtet werden. Mit dieser Perspektive lässt sich keine bessere Zukunft gestalten.

Warum aber glauben Sie, ist Fortschrittspessimismus ausgerechnet im wohlhabenden Deutschland so verbreitet?

Fortschrittspessimismus ist überall in der westlichen Welt präsent – in Deutschland ist er stark ausgeprägt und findet Ausdruck im grünen Denken. Eine Ursache dafür ist die Entleerung der politischen Programmatik unserer traditionellen Parteien. Nach dem Ende des Kalten Krieges entstand ein geistiges Vakuum, weil die politischen Organisationen nicht in der Lage waren, neue visionäre Inhalte jenseits des klassischen Blockdenkens zu formulieren. Parteien- und Politikverdrossenheit nahmen in der Folge zu. Und in dieser Akzeptanz- und Legitimationsnot suchte man neue Anknüpfungspunkte und Integrationsmechanismen für die Wähler. Das grüne Denken lieferte sie. Im Ergebnis spricht die Politik heute nicht mehr vom mündigen Bürger, sondern vom bedrohten Verbraucher.

Die moderne Verbraucherschutzpolitik steht für diesen Ansatz: Selbst profane Tätigkeiten wie die tägliche Nahrungsaufnahme werden zu riskanten Manövern und bedeutenden Gattungsfragen hochstilisiert. Die Menschen werden entpolitisiert und verunsichert und im wahrsten Sinne des Wortes kirre gemacht. Die Politik kann sich jedoch als Schutzpatron profilieren, obwohl sie sich im Grunde davon verabschiedet, Verantwortung für eine bessere Zukunft zu übernehmen. Die Grünen haben diesen maroden Politikstil des Regulierens und Verbietens hoffähig gemacht. Mittlerweile sind aber fast alle Parteien Meister dieses Fachs.

Zeigen nicht gerade Vorfälle wie das Atomunglück von Fukushima, dass zumindest bei einigen Technologien eine gewisse Skepsis berechtigt ist?

Die Ereignisse von Fukushima werden dazu führen, dass Kernkraftwerke der Zukunft noch sicherer sind. Aber eine besondere Skepsis gegenüber modernen Technologien lässt sich aus dem Unglück nicht automatisch ableiten. Die Ereignisse sind tragisch, aber genauso gut könnte man heute die japanischen Behörden dafür loben, dass sie die Folgen eines atomaren Gaus in solch engen Grenzen halten konnten. Es ist eine Frage der Perspektive: Sieht man vor allem die Katastrophe und fordert Verzicht, Ausstieg und Demut vor der Natur, oder ist man bereit, aus dem Unfall zu lernen, um zukünftige Technologien noch besser zum Einsatz bringen zu können. Die letztgenannte Haltung hat uns das hohe Maß an Wohlstand und Zivilisation beschert. Es wäre fatal, wenn wir sie aufgeben würden - wir sind derzeit auf diesem Weg.

Die aktuelle Diskussion über den deutschen Atomausstieg hat mit dem Abwägen wirklicher Risiken nichts zu tun. Hier kann sich vielmehr der pessimistische Zeitgeist abarbeiten. Und dies hat womöglich viel nachhaltigere Folgen als der Atomunfall. Für die nächsten Jahrzehnte werden wir gebetsmühlenartig an Fukushima erinnert werden, wann und wo immer es darum geht, Wandel und Fortschritt jenseits grüner Leisetreterei herbeizuführen. Schon seit geraumer Zeit touren Weltuntergangs-Experten durch die Lande, die vor der Grünen Gentechnik und Schutzimpfungen warnen, weil diese genauso gefährlich seien wie Atomstrom.

Welche Rolle spielen die politischen Rahmenbedingungen Ihrer Ansicht für die Entwicklung von Fortschritt und Wohlstand?

Die politischen Rahmenbedingungen sind essentiell für die Entwicklung von Fortschritt und Wohlstand. Im Grunde haben wir ein gut funktionierendes demokratisches System. Wir durchleben eine Krise des Subjekts: Weil das Vertrauen in die Menschheit und die Machbarkeit vernünftigen Fortschritts gebrochen ist, dominieren Stagnation, Miesepeterei und Krisenmanagement. Die politische Führung ist teilweise sogar zufrieden damit, diesem Kulturpessimismus das Wort zu reden. Denn Politiker sind oft froh, überhaupt noch Themen zu finden, mit denen man Wahlkämpfe bestreiten kann. Der Preis dafür ist hoch, denn eine nach der anderen Gestaltungsoption wird eingemottet. Mittlerweile sind wir so weit, dass wir im Land der Ingenieur- und Naturwissenschaften keine Magnetschwebbahnen und keinen modernen Bahnhöfe mehr bauen können und ohne reale Not mit Stromausfällen rechnen müssen, weil wir es für klug halten, eine Energiewende zu erzwingen. In Bayern will man indes aus Umweltschutzgründen Olympische Winterspiele boykottieren. Und die modernen Biowissenschaften boomen zwar auf Weltmaßstab, aber die deutsche Politik ist stolz darauf, sie aus dem Land, in dem die Pflanzenzucht einst erfunden wurde, schon weitgehend vertrieben zu haben. Dafür freuen wir uns über „Biokost“, die zwar nicht unbedingt besser ist, die aber die grüne Seele streichelt. Dies alles verheißt wenig Gutes für unseren Kulturraum. Es braucht daher dringend neuer Impulse für Fortschritts- und Freiheitsdenken.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview führte Fabian Heinzel

Thomas Deichmann (Jg. 1962) ist Herausgeber von NovoArgumente (www.novo-argumente.com). Als freier Journalist publizierte er in F.A.Z., Welt, Cicero, Focus und Brand eins. Seine letztes, mit Detlef Ganten und Thilo Spahl verfasstes Buch „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ wurde als Wissenschaftsbuch 2010 ausgezeichnet.

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Redaktion, 20.04.2011 09:48 | Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

FDominicus, 20.04.2011 17:42
Darf man vielleicht schreiben vom
(un)mündigen Bürgen? Wäre das "unverschämt"?


Rolf D. Lenkewitz, 20.04.2011 12:01
Fortschritts- und Freiheitsdenken bemüht die Dialektik und die Vielfalt in der Welt im geistigen Wettstreit. Unterschiedliche Perspektiven sind es wert gegenübergestellt zu werden. Keiner kann die Wahrheit und den 'technischen' Weg definieren, der gegangen werden muss. Dieser Beitrag zeigt auf welche harte dialektische Auseinandersetzung sich anbahnt! Das wir ein gut funktionierendes demokratisches System haben muss bezweifelt werden: Sicherlich haben wir im Vergleich zu anderen Ländern Demokratie und Meinungsfreiheit, aber gerade verwandelt sich dieses System in etwas Neues, subtil diktierend aus indirekter Demokratie mit Fraktionszwang. Hier muss noch weiter und tiefer gearbeitet werden.


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