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"Eine europäische Wirtschaftsregierung würde erheblichen Schaden anrichten" - Interview mit Dr. Alfred Boss
Weitere Themen: Finanzkrisen, Reformen, Wirtschaftspolitik


Bild: Dr. Alfred Boss

Der Volkswirt Dr. Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel plädiert schon lange für Subventions- und Staatsschuldenabbau.  Im Interview mit FreieWelt.net erklärt er, warum Staatsschulden ein so großes Problem sind, wie er sich den Abbau von Schulden und Subventionen vorstellt und warum er gegen eine europäische Wirtschaftsregierung ist. Außerdem erläutert Boss, weshalb die zukünftige Entwicklung des Euro maßgeblich von der relativen Geldpolitik abhängt. 

FreieWelt.net: Deutschland ist immer noch eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt.  Ist Staatsverschuldung für uns da wirklich ein so großes Problem?

Alfred Boss: Die Größe einer Volkswirtschaft wird in Form des nominalen Bruttoinlandsprodukts berücksichtigt, wenn die öffentlichen Schulden zu diesem in Beziehung gesetzt werden. Diese Relation beträgt für Deutschland aktuell mehr als 80 Prozent. Sie ist um 60 Prozentpunkte höher als vor 40 Jahren, sie überschreitet die 60-Prozent-Marke gemäß dem Maastricht-Vertrag, ist aber wesentlich niedriger als die entsprechende Relation beispielsweise für Japan. Unberücksichtigt sind dabei die sog. impliziten Schulden, also Leistungsversprechen des Staates beispielsweise gegenüber den Rentnern, den Pensionären, den in der Gesetzlichen Krankenversicherung Versicherten und den in der sozialen Pflegeversicherung Versicherten. Die impliziten Schulden betragen ein Vielfaches der expliziten, also der offen ausgewiesenen, Schulden. Insgesamt ist die Finanzpolitik ist nicht tragfähig in einem ökonomischen Sinn; Eingriffe sind erforderlich, um langfristig die Solvenz des Staates zu sichern.

FreieWelt.net: Was sollte also Ihrer Ansicht nach zum Abbau der Staatsschulden unternommen werden? 

Alfred Boss: Der Personalbestand im öffentlichen Dienst sollte mittelfristig reduziert werden. Die Lohnerhöhungen im öffentlichen Bereich sollten hinter jenen im gewerblichen Bereich zurückbleiben. Vor allem sollten Finanzhilfen des Staates an die Landwirtschaft, den Kohlenbergbau, etc. sowie Steuervergünstigungen  gekürzt werden. Viele Maßnahmen der sog. Arbeitsmarktpolitik sollten gestrichen werden. Langfristig ist es nötig, das Renteneintrittsalter auf mehr als 67 Jahre festzusetzen.

FreieWelt.net: Wird durch zu viele restriktive Sparmaßnahmen der Staat nicht handlungs- und damit auch investionsunfähig?

Alfred Boss: Der Staat wird handlungsunfähig, aber nur in dem Sinne, dass ökonomisch wenig sinnvolle Maßnahmen unmöglich werden. Er kann Wohltaten zugunsten bestimmter Gruppen nicht mehr verteilen. Unfähig, Investitionen zu tätigen, wird der Staat nicht. Im Gegenteil: Er gewinnt den notwendigen Spielraum zur Steigerung der Investitionen in Bildung, Forschung, etc., und er schafft Spielraum für Steuerentlastungen für alle und fördert so das wirtschaftliche Wachstum.

FreieWelt.net: Auch das Subventionsvolumen ist Ihrer Ansicht nach zu hoch.  Wird Deutschland aber nicht massive Nachteile erleiden, wenn hier Subventionen abgebaut werden und uns dann andere Länder, zum Beispiel China, mit ihren subventionierten Produkten überschwemmen?

Alfred Boss: Wenn z.B. Südkorea den Schiffbau subventioniert, dann hat natürlich der deutsche Schiffbau Wettbewerbsnachteile. Aber die Steuern oder die Neuverschuldung – und damit die Steuern der Zukunft – sind in Südkorea höher als sie ohne Subventionen wären, und die Wirtschaft Südkoreas ausschließlich des Schiffbaus hat einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Konkurrenten in Deutschland. Es macht keinen Sinn, auf unsinnige Politik im Ausland mit unsinniger Politik im Inland zu reagieren. Im Übrigen: Würde man Subventionen im Ausland mit Subventionen im Inland begegnen, so könnte leicht ein Subventionswettlauf mit sehr schädlichen Wirkungen für alle entstehen.

FreieWelt.net: Welche Entwicklung wird der Euro Ihrer Ansicht nach nehmen und von welchen Faktoren wird diese Entwicklung maßgeblich abhängen?

Alfred Boss: Es kommt auf die relative Geldpolitik an. Wenn – wie es scheint – die Amerikaner weniger als in den vergangenen 30 Jahren Geldwertstabilität anstreben und letztlich erreichen, dann wird der Euro aufwerten, wenn die Europäische Zentralbank bei ihrem bisherigen Kurs bleibt. Nicht auszuschließen ist aber leider, dass die EZB gedrängt wird, eine laschere Geldpolitik zu betreiben mit der Folge, dass die Inflationsrate mittelfristig höher ausfällt, als wir das seit mehr als 10 Jahren gewohnt sind. Eine Aufwertung des Euro wäre dann nicht oder in einem geringeren Maße zu erwarten; im Extremfall könnte der Euro sogar abwerten. Druck auf die EZB kann insbesondere infolge der Finanzierungsprobleme einiger Euro-Länder und der bereits ergriffenen Hilfsmaßnahmen in Form der „Rettungsschirme“ entstehen.

FreieWelt.net: Wie stehen Sie zu der Idee einer europäischen Wirtschaftsregierung?

Alfred Boss: Eine europäische Wirtschaftsregierung brächte Nachteile. Es ist besser, eine autonome Finanzpolitik der einzelnen Länder zu haben. Die Politiken stehen dann im Wettbewerb. Man kann voneinander lernen, und die Ausgabendisziplin wird gefördert. Das schließt nicht aus, dass sich die einzelnen Länder gegenseitig über die geplant Politik informieren.

Was die Festsetzung der Löhne betrifft, so sind die Anforderungen in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Nur dezentral lassen sich die erforderlichen Anpassungen an die Marktgegebenheiten erreichen. Eine europäische Wirtschaftsregierung würde großen Schaden anrichten.

FreieWelt.net: Herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview führte Fabian Heinzel

www.ifw-kiel.de

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Redaktion, 31.01.2011 09:39 | Kommentare (4)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (4)

H. Weber, 06.03.2011 01:31
Warum sollten die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst Sonderopfer bringen? Warum länger Arbeiten, wenn man spätesten mit 45 Jahren zu alt für den Arbeitmarkt ist? Dies ist nicht logisch.
Richtig ist jedoch, dass die Staatsschulden nicht weiter steigen dürfen. Fehlende Binnennachfrage kann auf Dauer nicht durch kreditfinanzierte Staatsausgaben ersetzt werden. Um Geldwertstabilität zu gewährleisten darf die Geldmenge nur im gleichen Maße wachsen wie das Wirtschaftswachstum. Eine neue Erkenntnis ist das nicht, es fehlt jedoch der Wille diese simple Erkenntnis auch konsequent umzusetzen.


Rudi Gems, 24.02.2011 15:03
@ Percy

Ich habe nirgendwo geschrieben, das ich die Lehren von Keynes bevorzuge. Obwohl ich die Zeiten, wo man Keynes versucht hat, als wahre Goldgrube in Erinnerung habe.

Keynes, hat die volle Tragweite des Systems, wenn Banken einen imaginären Finanzmarkt aufbauen, auch noch nicht verstanden, weil es das damals noch nie gegeben hat.

Das heutige Problem ist, das Banken, ständig erhebliche Mengen Gelder, aus der Realen Ökonomie herausnehmen, und damit auf dem Finanzmarkt spekulieren. Dafür haben sie heute, die Börsen, die Rohstoffmärkte und insbesondere die Regierungshaushalte. Und dafür muss eine Regelung gefunden werden. Ob dafür Keynes, der richtige Ansprechpartner ist? da hätte ich auch meine Zweifel.

Fest steht für mich, jedoch, das es so, wie es z.Zt. läuft, nicht mehr lange gut geht. Die Regierungen sind soweit verschuldet, das sie schon lange in der Schuldenfalle stecken. Ja, mehr noch, Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien, stehen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Und hier wäre es mir lieber gewesen, wenn Herr Boss, dazu mal was geschrieben hätte.

Grüße, Rudi Gems


Percy, 22.02.2011 17:57
Rudi Gems

Wenn Sie immer noch mit dem Märche kommen, dass man mit Keynes und deficit spending die Weltwirtschaftskrise überwinden konnte, dann haben Sie nichts verstanden und haben die neue Literatur zum New Deal, der Weltwirtschaftskrise und dem Pseudo-Wirtschaftswunder der Nationalsozialisten nicht zur Kenntnis genommen.


Rudi Gems, 31.01.2011 19:25
Tut mir leid, aber ich kann Herrn Boss, nicht als Fachmann erkennen. Vieles von dem was er sagt, ist uralt, und stammt noch aus der Zeit, wo die "Maastricht Verträge" entstanden sind. Vor allen Dingen, die Credos, die er vor sich her trägt, widern einen förmlich an.

Da ist einmal das Sparen. Leider, hat Herr Boss immer noch nicht begriffen, wohin langfristiges Sparen führt. Dabei brauchte er nur in der deutschen Historie nachzusehen. Dort hat ein Herr Brüning vorexerziert, wie man mit so einer Sparerei, einem Herrn Hitler, den Roten Teppich ausrollt.

Dann, das Hochhalten der Preisstabilität. Preisstabilität, als Selbstzweck, ist ein Verbrechen gegen Menschen. Hätte es in den letzten 30 Jahren, nicht diese relative Preisstabilität gegeben, hätte sich ein solcher Finanzmarkt, unter dem wir schon seit 3 Jahren extrem leiden, gar nicht bilden können. Schon bei einer durchschnittlichen Inflation, von 4-5%, wären Reiche, fluchtartig aus aus ihren Vermögen ausgestiegen, und hätten sich nach anderen Anlageformen umgesehen.

Dann diese Plattitüde, mit den Rentnern. Volkswirtschaftlich, erzeugt ein ständiges Drehen, an der Einkommensspirale der Rentner, Massenelend, und fehlende Kaufkraft, die jeder Ökonomie, das Fürchten lehrt.

Das Hauptproblem, nämlich, das die meisten Banken und sonstige Vermögensbesitzer, sich eine Position in den Gesellschaften ertrotzt haben, in der sie nach Belieben, Politiker, Menschen, Völker und Machthaber, erpressen, ausbeuten, belügen und betrügen können, das hat Herr Boss nicht erwähnt.

Ja, wenn man den Menschen, immer weniger Netto vom Brutto lässt, und das jahrzehntelang, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn irgendwann, auch die eigene Kasse nicht mehr stimmt. Wenn sich dann auch noch eine Regierung, einzig darum kümmert, das die Kassen der Banken und Vermögenden, absolute Priorität, gegenüber der Anliegen der Bevölkerung haben, dann kommt genau das herraus, was wir heute erleben. Dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn kein Geld für öffentlich Bedienstete, Pensionäre, Bildung, Kinder oder Straßen da ist.

Nur wenn es gelingt, und die Fristen dafür, sind verdammt knapp geworden, Banken endlich dahin zu bewegen, sich konstruktiv am Ökonomiegeschehen, zu beteiligen, wird es eine Chance geben, die Probleme in den Griff zu bekommen. Die Vorschläge dazu, von Herrn Boss, sind wenig bis gar nicht dazu geeignet, Besserung zu bringen. Ja, mehr noch, einige Vorschläge, die er gebracht hat, wie Sparen, Kürzen, Rente mit 67 oder Wirtschaftswettbewerb, sind weder neu, noch originell, noch erfolgsversprechend, noch bewährt. Sie sind teilweise borniert, gefährlich und sogar kontraproduktiv. Von einem Dr. der Volkswirtschaft, hätte ich mehr erwartet.

Grüße, Rudi Gems



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