suchen
20.05.2013
Einloggen | Registrieren
 
 
 
"Der Kampf gegen die äußerste Einsamkeit" - Interview mit Pater Jean-Marie Porté von Point-Coeur
Weitere Themen: Allgemein


Père Thierry de Roucy, Gründer von Points-Coeur, mit dem Maler Jean Miotte in seinem provenzalischen Atelier. Pignans, Novenber 2009

"Die Points-Coeur Häuser wollen kleine, auf der ganzen Welt verstreute Heime sein, einfache Zufluchtsstätten der Liebe und Zärtlichkeit, wo jedes Kind geliebt, empfangen, angehört, respektiert wird; kurz wo es mit einem liebenden Blick angenommen wird", so steht es in der Charta der Hilfsorganisation Points-Coeur, die 1990 durch die Initiative von Père Thierry de Roucy in Frankreich gegründet wurde. FreieWelt.net sprach mit Pater Jean-Marie Porté, der für das Haus in Berlin zuständig ist, über das Wesen und den Auftrag der Organisation, das Problem der Einsamkeit und die Bedeutung der Kunst.   

FreieWelt.net: Was ist „Points-Coeur“?

Porté: Points-Coeur ist eine Hilfsorganisation, die 1990 in Frankreich geboren wurde, deren erste Einsatzorte die Elendsviertel von Argentinien und Brasilien warden, und die mittlerweile in 22 Ländern tätig ist.  Unser Schwerpunkt ist die Errichtung von Häusern, die Zufluchtsstätte für jeden einsamen Menschen sind, insbesondere für Kinder, die auf der Straße leben oder Schwierigkeiten zu Hause haben.  In diesen Häusern soll jeder Mensch die Möglichkeit haben, geliebt, angehört und respektiert zu werden. Unsere Türen stehen jedem offen.  Unser Gründer, der Priester Thierry de Roucy, war tief bewegt vom Leid der Kinder in den Elendsvierteln, da sie als die Schwächsten der Gesellschaft keine Möglichkeit hatten, sich zu verteidigen.  Die die Gewalt um sie herum ertragen müssen, ohne sich wehren zu können.   

FreieWelt.net: Point-Coeur gehört zur katholischen Kirche?

Porté: Ja, wir wurden im Jahr 2000 kirchlich anerkannt.   Wir sind eine kirchliche Bewegung, aber gleichzeitig fast überall wo wir sind als privater Verein anerkannt.  Unser Ursprung ist der Freiwilligendienst, aber mit der Zeit hat es sich so entwickelt, dass wir auch eine Laiengemeinschaft für geweihte Laien, eine Priestergemeinschaft und eine Familiengemeinschaft gegründet haben.  Unsere Häuser werden jedoch weiterhin von Freiwilligen betreut, nicht von Angehörigen der Amtskirche.  Auch steht dieser Freiwilligendienst Menschen aller Glaubensrichtungen offen.  Deutsche Staatsangehörige, die bei uns Freiwilligendienst leisten, können ihn sich auch als Zivildienst anerkennen lassen.   

FreieWelt.net: Ist der Zivildienst die wesentliche Motivation, sich freiwillig zu melden?

Porté: Nein, bei uns beteiligen sich europäische Jugendliche aus allen möglichen Ländern, die den Wunsch haben, anderen etwas geben zu können.  Viele suchen eine ganze Weile, bis sie ein für sie passendes Angebot gefunden haben.  Viele sind auch nicht wirklich jugendlich, sondern schon Anfang oder Mitte 20, manche gehen zum Beispiel nach ihrem Studium in eins unserer Häuser.  Voraussetzung ist, dass sie psychisch stabil und in körperlich in der Lage sind, mit den teils recht harten Bedingungen in den Elendsvierteln umzugehen, und sich den vereinsamten Menschen und Kindern selbstlos hinzugeben.

FreieWelt.net: Diese Bedingungen sind, wie schon erwähnt, oft von Gewalt gekennzeichnet.  Ist die Sicherheit der Freiwilligen gewährleistet?

Porté: Bisher haben wir das Glück gehabt, das nie was passiert ist.  Auch haben wir die Erfahrung gemacht, dass, da wir auf einer Basis der Freundschaft arbeiten, die Einwohner der Elendsviertel uns verteidigen.  Wir sind in ihre Gemeinschaft integriert und sie begegnen uns mit sehr großem Respekt.  In Kolumbien, Haiti und Libanon mussten wir leider unsere Häuser wieder schließen, weil es in der Tat zu gefährlich wurde – wir wollen, dass unseren Freiwilligen doch die Sicherheitsgrundbedingungen gewährleistet sind.

FreieWelt.net: Spielt es dabei eine Rolle, ob es sich um christlich geprägte Länder handelt?

Porté: Nicht unbedingt.  Überall wo wir sind wissen die Menschen, dass es sich bei Point-Coeur um eine christliche Organisation handelt.  Aber unsere Freiwilligen schließen Freundschaft mit Angehörigen aller Religionen.  So haben wir beispielsweise auch im teils muslimisch geprägten Senegal und in Thailand Häuser.  Es kommt zum Beispiel vor, dass in Thailand buddhistische Kinder stundenlang vor den Heiligen sitzen, weil auch sie manchmal ein Bedürfnis nach Stille und Gebet haben. Die Liebe kennt keine Grenzen, die unsere Freiwilligen in der stillen Anbetung schöpfen, und in ihren Alltagsbegegnungen mit ihren Nachbarn und Freunden teilen.

FreieWelt.net: Wie sieht das Engagement von Point-Coeur in Deutschland aus?

Porté: In Deutschland unterscheidet sich unsere Arbeit eigentlich nur äußerlich von der in den lateinamerikanischen oder asiatischen Elendsvierteln. Die Situation der Menschen ist zwar eine ganz andere , es gibt hier natürlich sehr viel weniger Straßenkinder, aber das Grundproblem ist auch hier die Einsamkeit – Einsamkeit von wohlstandsverwahrlosten Menschen, von älteren Menschen, von Jugendlichen, die durch ihre schwere Familiengeschichte oder die allgemeine geistliche Verwirrung der Zeit sich abgegrenzt fühlen.  Wir gehen überall dort hin, wo das Leiden ist.  Spirituell gesehen gleicht unser Dienst dem Dienst Mariens am Kreuze.

In Frankreich leiden vier Millionen Menschen an „äußerster Einsamkeit“, das heißt, sie haben weniger als drei menschliche Kontakte im Jahr.  Die Ursachen hierfür sind verschieden, sehr oft liegt der Grund allerdings in einem Bruch in der Familie, Ehescheidung, Tod oder Arbeitslosigkeit spielen häufig eine Rolle.  Ich habe einmal einen Obdachlosen in einer Suppenküche gefragt, warum die Leute dort nicht miteinander sprechen.  Er antwortete mir, sie hätten alle soviel an ihrem eigenen Leiden zu tragen, dass sie nicht auch noch das der anderen mittragen wollen.  Der Spruch „geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist aus unserer Kultur verschwunden.  Ich glaube, dass dies auch mit dem Verschwinden des Kreuzes zusammenhängt.  Das Kreuz ist ein Symbol dafür, dass Christus das Leid und die Sünden der anderen auf sich nimmt, um sie von ihrem Leiden zu erlösen.  Die Vorstellung das es eine Erlösung sein kann, das Leid eines anderen zu tragen ist etwa, was Point-Coeur den Menschen wieder näher bringen möchte.  Dabei hat auch die Kunst eine wichtige Funktion.  

FreieWelt.net: Inwiefern?

Porté: Gerade in Berlin ist die Zusammenarbeit mit Künstlern ein sehr wichtiger Aspekt unserer Arbeit.  Wir haben in Berlin Filmabende, Künstlerabende, Atelierbesuche und ähnliches.  Ein Künstler kann helfen, die Einsamkeit anderer Menschen lindern, zum Beispiel wenn sie zusammenkommen, um seine Bilder anzusehen oder seine Lieder zu singen. Der Künstler schafft durch sein Werk eine viel tiefere Begegnungsebene, als es die allgemeine „Smalltalk-begegnung“ erlaubt – er öffnet durch seine Kunst einen neuen Raum, wo der Mensch aufatmen kann. Dabei nehmen die Künstler oft für sich selbst Armut und Einsamkeit in Kauf.  Die Kunst ist nach der Spiritualität die höchste Antwort auf die Einsamkeit.  Viele Künstler leben wie Mönche, um ihrer Kunst nachgehen zu können.  Denken Sie nur an Vincent van Gogh, für seine Werke werden heute viele Millionen bezahlt, aber zu seinen Lebzeiten hat er kein einziges Bild verkauft, und die höchsten psychischen Belastungen ertragen müssen.  In Berlin kenne ich viele Künstler, die zwei Nebenjobs haben, und wenn sie abends – oder eher früh morgens -  nach Hause kommen, weiter an ihren Bildern arbeiten.  Auch sie tragen ein Stück der Einsamkeit der anderen.  So wie ja auch unsere Freiwilligen vieles in Kauf nehmen.  In Berlin arbeiten wir zum Beispiel alle noch in anderen Jobs.

FreieWelt.net: Bekommt Point-Coeurs kein Geld von der Kirche?

Porté: Wir finanzieren uns hauptsächlich über privaten Spenden. Einige spezifische Projekten im Ausland haben wir von kirchlichen Institutionen finanziert bekommen, z.B. von Adveniat, Missio, oder den Sternsingern. Für unser eigenes Leben in Berlin sorgen wir selber, indem wir alle arbeiten. Ich bekomme auch kein Priestergehalt, sondern arbeite nebenher als Übersetzer. 
Wer sich also für unseren Freiwilligendienst oder unsere Veranstaltungen interessiert oder uns unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen unsere Internetseite (oder unser Haus) zu besuchen:  http://www.offenesherzberlin.blogspot.com/

FreieWelt.net: Herzlichen Dank für dieses Interview!  

Das Interview führte Fabian Heinzel 

www.offenesherz.de

ANZEIGE




Redaktion FreieWelt.net, 09.12.2010 13:23 | Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Freigeist, 10.12.2010 18:18
Sie sollten sich mit 50% Ihrer Arbeitskraft damit beschäftigen, unerwünschte Kinder durch Empfängnisverhütung zu vermieden.


Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*

Bitte Geben Sie für die Freischaltung das Ergebnis ein:

Click to reload image
 
 
 
Umfrage

Welche Rolle spielt heute noch Angela Merkels DDR-Vergangenheit?

Foto: Songkran/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0




Ergebnis




Spruch des Tages
"Jeder Morgen ist eine neue Berufung." - Martin Buber

ANZEIGE

ANZEIGE

Interviews

Dr. Reinhard Löffler Cohn Bendit ist kein Vorbild
Dr. Reinhard Löffler
CDU-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg

Bruno Bandulet »Nach der Bundestagswahl wird richtig geschröpft«
Bruno Bandulet
Journalist

John Allan Hattie Visible Learning
John Allan Hattie
Direktor des Melbourne Education Research Institute

Dominik Geppert »Eine extrem mutige und polarisierende Politikerin«
Dominik Geppert
Professor an der Universität Bonn

Theresia Theurl »Lateinische Münzunion von Beginn an fehlerhaft«
Theresia Theurl
Professorin der Universität Münster

Mehr Interviews


Empfohlene Beiträge

CSU-Landesgruppe für EU-Referenden CSU-Landesgruppe für EU-Referenden

Lucke irritiert in Raab-Talkshow Lucke irritiert in Raab-Talkshow

Umfrage: Islam und Deutschland Umfrage: Islam und Deutschland

Pädophilie: Archivmaterial zu Cohn-Bendit unter Verschluss Pädophilie: Archivmaterial zu Cohn-Bendit unter Verschluss

"EU-Referendum jetzt"  - Joachim Spatz antwortet für FDP-Fraktion "EU-Referendum jetzt" - Joachim Spatz antwortet für FDP-Fraktion


Empfohlene Blogs

author Dr. Gérard Bökenkamp
Steuerwettbewerb und Bürgerbeteiligung statt Einheitssteuersatz

author Vera Lengsfeld
Der Tatort als geistiger Brandstifter

author Dr. Klaus Peter Krause
Immer wieder und immer noch - das Bodenreformland

author Jürgen Liminski
Volkes Wille gegen Ideologen

author Wolfgang Röhl
Auf der Reeperbahn nachts um halb zwei. Zur Debatte über einen Achse-Beitrag von Akif Pirincci


Meist gelesen
    Berliner AfD im Chaos

    EU-Geheimdienste außer Kontrolle?

    Forscher: Merkel war DDR treu

    »Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg

    Vertrauen in Europa schwindet

Video

Beatrix von Storch zur Zypernkrise Beatrix von Storch zur Zypernkrise

Kurz-Interview: Prof. Joachim Starbatty Kurz-Interview: Prof. Joachim Starbatty

Die Zivile Koalition bei Russia Today auf Spanisch Die Zivile Koalition bei Russia Today auf Spanisch

Hedwig Beverfoerde bei Maybrit Illner: Kinder in die Krippen - Frauen in die Produktion? Hedwig Beverfoerde bei Maybrit Illner: Kinder in die Krippen - Frauen in die Produktion?

Beatrix von Storch zur Massenklage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof Beatrix von Storch zur Massenklage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof


Galerien

Forum Familie 2013 in Berlin Forum Familie 2013 in Berlin

Impulstag Familienwerte im Deutschen Bundestag Impulstag Familienwerte im Deutschen Bundestag

ESM-Diskussion vor 300 Gästen - Volles Haus gegen Schuldenunion ESM-Diskussion vor 300 Gästen  - Volles Haus gegen Schuldenunion


Reportage

»Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg »Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg

Beatrix von Storch in Baden-Württemberg Beatrix von Storch in Baden-Württemberg

Willensbildung: Bürger, mischt euch ein! Willensbildung: Bürger, mischt euch ein!

Die Signale häufen sich: Das Bargeld-verbot kommt Die Signale häufen sich: Das Bargeld-verbot kommt

Gregor Gysi, seine Linkspartei und die Privatisierung der Wasserversorgung Gregor Gysi, seine Linkspartei und die Privatisierung der Wasserversorgung

Mehr Reportagen


Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Schlagworte

Deutschland Wetter




Allgemein
Babyklappen vor dem Aus?
Missbrauchsbeauftragter kritisiert Cohn-Bendit
Sarko-Kopie François Hollande
Finanzkrisen
Türkei nicht mehr Ramsch
Sarko-Kopie François Hollande
Banken-Stresstest verschoben
Nahost-Konflikt
Lage in Nahost spitzt sich zu
Naht US-Einsatz in Syrien?
SPD will Girokonto für alle
DDR-Unrecht
Medikamententests auch im Stasi-Knast?
DDR verkaufte Patienten als Versuchskaninchen
Roland Jahn: Allen DDR-Opfern gedenken
Bildung
»Der Markt entscheidet nichts«
Guter Unterricht braucht Leidenschaft
Good Teaching demands on Passion
Innenpolitik
Schneller Jobs für Asylbewerber
EU-Handelskrieg mit China?
Armenier fordern Verbot türkischer Schulbücher
Reformen
Türkei nicht mehr Ramsch
Sarko-Kopie François Hollande
Banken-Stresstest verschoben
Wirtschaftspolitik
Türkei nicht mehr Ramsch
Banken-Stresstest verschoben
Schneller Jobs für Asylbewerber
Familie
Erster Menschen-Klon
Familien in der Minderheit
»Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg
Autoindustrie
SPD und Grüne für Tempolimit
Automarkt brummt nicht mehr
Absatzkrise läßt Daimler straucheln
Wahlen
Neue Dreiprozenthürde: Bundestag will Kleinparteien bei Europawahl behindern
Finanzamt als Zensurbehörde
BT-Wahl: Steinbrück optimistisch
Justiz
Missbrauchsbeauftragter kritisiert Cohn-Bendit
Neue Dreiprozenthürde: Bundestag will Kleinparteien bei Europawahl behindern
BGH urteilt gegen Google

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008