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22.05.2013
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FreieWelt.net-Serie Iran - Das Land der verlorenen Schreie - Folge I
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Bild: Zerényi/pixelio.de

Aus Mohammad Moshiris "Iran - Das Land der verlorenen Schreie":

Vor einigen Jahren half ich iranischen Asylsuchenden in Deutschland.

Durch einen Freund erfuhr ich, daß einige Asylsuchende aus dem Iran illegal nach Berlin gebracht wurden. Die deutschen Behörden wollten sie wieder in den Iran zurückschicken. Es waren zwei Frauen und ein Mann. Ich ging sofort nach Berlin, um dort einen Freund zu treffen, der mir helfen wollte. Wir suchten sie überall, aber wir fanden sie nicht. Im Laufe unserer Suche lernte ich einen iranischen Asylbewerber kennen, der etwas über die Anderen wußte.  Er sagte mir, daß sie in einem Flüchtlingsheim untergekommen waren und dort auf ihre Abschiebung warteten.

 Es könnte lange dauern, aber auch schnell gehen. Es hieß, man könnte sie sofort abschieben. Das Heim lag in der Nähe von Polen. Wir fuhren sofort los, um sie zu finden. Die Suche hatte uns an einen Ort gebracht, wie ich ihn mir nie hätte vorstellen können. Ich war sehr lange in Deutschland gewesen und es war für mich unvorstellbar zu sehen, daß man Menschen in Deutschland unter solchen Bedingungen untergebracht hatte.

Wir fuhren von Dorf zu Dorf. Die Bevölkerung war sehr nett und half uns auch. Der Letzte, der uns eine Adresse gab, sah sehr nett aus, aber trotzdem führte uns der Weg in die Mitte eines sehr dichten Waldes. Am Anfang war der Weg noch ganz gut, mit gut meine ich, daß zwei Autos nebeneinander fahren konnten! Der Weg wurde dann immer schmaler, so daß nur noch ein Auto den Weg befahren konnte. Es gab nichts an Zivilisation, nur den Weg selbst. Er ging wie eine Schlange in den Wald und wir saßen mitten auf dieser Schlange, die uns immer tiefer in den Wald hinein brachte. Wir hatten Angst um uns selbst. Wir schwiegen beide, im Inneren mit der Frage konfrontiert: hat der Mann uns die richtige Adresse gegeben? Oder ist diese Situation eine Folge von ausländerfeindlicher Vorverurteilung?

Ich brach dann die Wand des Schweigens und sagte zu meinem Freund: „Ich glaube, wir haben uns zu früh bedankt!“ „Wie meinst du das?“, fragte er mich erstaunt. Ich antwortete: „ Der Mann, von dem wir die Adresse haben, den meine ich. Obwohl sein Aussehen und sein Gesicht sehr nett waren, hat er uns bestimmt eine falsche Adresse gegeben! Vielleicht sind wir Opfer ausländerfeindlicher Tendenzen geworden. Fahren wir zurück, es ist fast dunkel und es wäre unklug, weiter zu fahren. Fahren wir zurück und kommen morgen wieder. Wir finden bestimmt ein Zimmer zur Übernachtung.“
Er war einverstanden und wir fuhren in das letzte Dorf zurück. Wir waren beide erleichtert. Im Dorf gab es aber keinen Gasthof oder ein Hotel, wo wir ein Zimmer mieten konnten, so fuhren wir in ein größeres Dorf.
Dort war das neue Auto meines Freundes eine Attraktion und es wurde aufmerksam begutachtet. Die meisten Autos dort waren oft noch aus DDR-Zeiten. Wir fanden ein Gasthaus und mieteten dort ein Zweibettzimmer für 60 Mark. Der Besitzer war ein netter Mann. Bald nannten wir ihn Onkel Helmut. Zum Essen gingen wir hinunter, weil der liebe Onkel Helmut selbst für uns gekocht hatte und wir aßen mit ihm zusammen.

Im Restaurant war außer uns noch ein älteres Ehepaar. Die waren mit sich selbst beschäftigt wie Romeo und Julia und nahmen ihre Umgebung gar nicht wahr. Ein anderer, etwas älterer Mann war sehr wohl mit der Umgebung beschäftigt. Er schaute alle paar Sekunden das Auto an und dann schimpfte er laut los: „Man stelle sich das mal vor, diese Ausländer fahren Mercedes und wir hier sind arbeitslos. Die im Westen haben uns immer alles weggenommen, auch unseren Stolz!“ Er schüttelte den Kopf und fing wieder an zu schimpfen, das Gleiche noch mal.

Das Auto meines Freundes war aber gar kein Mercedes Benz und wir hatten es auch nicht vorgespielt. Eigentlich dachten wir beide über solche Dinge nie nach.
Onkel Helmut zeigte auf ihn und sagte zu uns: „Er ist verrückt, aber er meint es nicht böse. Hier ist die Bevölkerung ganz nett und ausländerfeindlich sind wir auch nicht. Wir freuen uns, daß Sie hier sind. Achten sie nicht auf ihn. Seine Familie ist nach Westdeutschland gegangen und er ist alleine hier geblieben. Deshalb schimpft er immer über Westdeutsche und es ärgert ihn, daß Ihr Auto neu ist!“

Onkel Helmut ließ uns dann wissen, daß wir gestern auf dem richtigen Weg gewesen waren. Ich bekam ein richtig schlechtes Gewissen und schämte mich dafür, daß ich dem Mann, von dem wir die Adresse hatten, Ausländerfeindlichkeit unterstellt hatte. Er erzählte uns weiter: „Das Heim hat außer dem Telefon nur eine weitere Verbindungsmöglichkeit. Ein Bus fährt jeden Tag, außer sonntags, vom Heim ab. Um 18.00 Uhr fährt er vom letzten Dorf zurück und wer den Bus nicht erreicht, muß bis zum nächsten Tag warten. Er kann auf der Straße warten oder hat die Möglichkeit, im Park zu übernachten. Im Dorf herumlaufen dürfen sie nicht!“
Ich konnte nicht glauben, was er erzählte, es war für mich absolut schwer vorstellbar. Mein Interesse an dem Heim wurde immer größer, ich wollte es unbedingt sehen.
Onkel Helmut fuhr fort: „Dieses Heim war in der Zeit des „kalten Krieges“ ein geheimer Stützpunkt der DDR-Armee und alle wußten darüber Bescheid.

Als die Sowjetunion abzog und dann Polen und die DDR, wurde dieser Ort vom Bundesamt übernommen und als vorläufiges Heim für Asylsuchende genutzt. Die Mehrheit von ihnen wurden aber schnell wieder ausgewiesen.“
Je mehr er über das Heim erzählte, desto neugieriger wurde ich. Ich stellte mir einen Ort wie Draculas Palast vor. Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf. Es war 6 Uhr und ich erinnerte mich, daß ich in der Nacht Träume von diesem Heim hatte und mit dem Innenminister gestritten hatte. Ich rief vorsichtig meinen Freund, um festzustellen, ob er auch so nervös und unruhig geschlafen hatte wie ich. Er öffnete aber nur ein wenig seine Augen und schaute sofort auf die Uhr. Dann sagte er leise: „Ich bin doch nicht doof!“ Er zog sich die Decke über den Kopf und schlief ruhig weiter bis acht Uhr. Er stand dann auf, denn ich hatte mich nicht getraut, ihn noch einmal zu wecken.

Zwischenzeitlich lief ich draußen ein bisschen herum. Ich hatte aber nicht die geeigneten Schuhe, deshalb ging ich bald wieder zurück ins Hotelrestaurant und schaute dort fern. Die Gedanken in meinem Kopf drehten sich nur  um dieses Heim und wie es wohl aussah. Diese Gedanken konnte ich auch nicht verbannen, sie blieben hartnäckig bei mir. Es war etwa 9 Uhr, nach dem Frühstück, als wir Onkel Helmut Auf Wiedersehen sagten. Als wir das Hotel verließen, sahen wir den verrückten Mann von gestern Abend wieder, der uns wegen des Autos so beschimpft hatte. Er grüßte uns freundlich, nahm seinen Hut ab und lächelte uns nett zu. Wir wußten nicht so recht, wie wir reagieren sollten. Erst gestern Abend die Beschimpfungen und heute morgen diese freundliche Begrüßung!
Onkel Helmut sagte hinter dem Fenster: „Gehen Sie nur!“ Er signalisierte mit seinem Kopf, daß der alte Mann eben verrückt sei. Bald waren wir wieder auf der Straße von gestern und der Weg ging, genau wie gestern, wieder mitten durch den Wald. Der Unterschied für uns war nur, daß wir sicher waren, daß der schmale Weg nichts mit „Ausländerfeindlichkeit der Deutschen“ zu tun hatte.
Auf einmal, ohne jede Beschilderung, sahen wir ein großes Gebäude, es sah aus wie ein U.
Breit, groß, einsam und ungemütlich.

 

"Iran - Das Land der verlorenen Schreie" ist eine FreieWelt.net-Serie, die aus Auszügen aus dem gleichnamigen Buch von Mohammad Moshiri besteht. 

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Redaktion, 12.11.2010 12:47 | Kommentare (2)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (2)

Kaedn, 23.06.2011 12:38
Unlebievable how well-written and informative this was.

Tom Kail, 17.11.2010 09:59
Moshiri schreibt in seinem Buch, daß er die Schreie der Menschen nicht genug beschreiben konnte. Ich habe das Buch gelesen und kann ich bestättigen, daß er wirklich diese Schreie gut und sehr schön mit den Wörter gemalt hat sodaß alle sie lesen und hören können.


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