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22.05.2013
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FreieWelt.net-Serie Kirche und Wissenschaft: Folge II - David Snowdons Nonnenstudie
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Bild: Dieter Schütz/pixelio.de

Wenn eine Schwarze Mamba aus ihrem Ei schlüpft, ist sie vollständig entwickelt.  Die Mambamutter kümmert sich nach dem Schlüpfen nicht mehr um ihren Nachwuchs, der von diesem Moment an selbstständig nach Nahrung suchen kann.  Dabei muss sich die Schwarze Mamba auf ihre Instinkte verlassen.  Lernen, so wie ein Mensch zu lernen vermag, kann die Schlange nicht.

Der Mensch hingegen ist eine Lernmaschine.  Hilflos kommen wir auf die Welt, aber von ersten Tag an, eignen wir uns eine Fertigkeit nach der anderen an.  Unser Gedächtnis hilft uns dabei, uns das Sitzen, Laufen, das Sprechen, das Zählen, das Radfahren, das Lesen, das Schach spielen und das Musizieren zu eigen zu machen.  Ohne unser Gedächtnis sind wir nicht mehr wir selbst.

Es zu verlieren gehört daher zu unseren größten Ängsten.

Aber immer mehr Menschen sind von diesem Schicksal betroffen.  Wir dürfen ein immer längeres Leben genießen, werden 70, 80, 90 Jahre alt.  Die Kehrseite dieser Medaille ist eine massive Zunahme von altersbedingten Krankheiten wie der Alzheimer-Krankheit.  Die Krankheit beginnt mit Warnzeichen, die oft kaum wahrgenommen werden.  Vielleicht stellt jemand immer wieder die gleiche Frage, vielleicht erzählt derjenige immer wieder die gleiche Geschichte.  Bald treten Schwierigkeiten bei alltäglichen Verrichtungen auf.  Der Erkrankte vergisst, den Herd auszuschalten, verwechselt beim Kochen die Zutaten, kennt die Regeln eines Kartenspiels nicht mehr oder ist nicht mehr in der Lage, mit einer Fernbedienung umzugehen.  Man spricht von einer Demenz, einem Defizit an sozialen, emotionalen und geistigen Fähigkeiten.  Nicht selten geht sie mit Aggression einher.  Zum Beispiel bestreiten Betroffene, dass sie ihr Äußeres vernachlässigen, obwohl dies offensichtlich der Fall ist oder verdächtigen  Andere, Gegenstände weggenommen zu haben, die sie selbst verlegt haben.  Im fortgeschrittenen Stadium erkennen sie ihre eigenen Angehörigen nicht wieder, können kaum noch sprechen und nicht mehr allein auf die Toilette gehen.  Der Tod wird angesichts des geschwächten Zustands häufig durch eine Lungenentzündung oder einen Herzinfarkt ausgelöst. 

Die Krankheit des Vergessens

1901 wurde die Alzheimer-Krankheit erstmals von dem deutschen Arzt Alois Alzheimer beschrieben, der sie „Die Krankheit des Vergessens“ nannte.  Alois Alzheimer war auf den Fall der 51-jährigen Patientin Auguste Deter aufmerksam geworden, die Anzeichen von Demenz zeigte, die er sonst nur bei sehr viel älteren Patienten gesehen hatte.  Als Auguste Deter 1906 starb, ließ sich Alzheimer ihr Gehirn zuschicken, um es mikroskopisch zu untersuchen.  In dem Organ entdeckte er in der gesamten Hirnrinde Eiweißablagerungen, sogenannte Plaques.  Von da an standen diese Plaques, die sich auch bei anderen Patienten fanden, als Ursache der Alzheimer-Krankheit fest. Später wurden noch genetische Faktoren entdeckt, die die Entstehung der Krankheit begünstigen.

Doch immer wieder passiert es, dass bereits sicher geglaubte Erkenntnisse der Wissenschaft durch neue Forschungen erschüttert werden.  So auch in diesem Fall.

Perfekte Probanden

Einer der führenden Alzheimerforscher unserer Zeit ist der amerikanische Neurologieprofessor David Snowdon.  Snowdon leitete ab 1986 eine der umfassendsten Studien, die jemals zum Thema Alzheimer durchgeführt wurden.  Dafür brauchte er geeignete Versuchspersonen.  Ein verbreitetes Problem bei Studien mit erwachsenen Probanden ist, dass ihre Lebensweisen oft stark voneinander abweichen.  Menschen arbeiten in unterschiedlichen Berufen, ernähren sich unterschiedlich, gehen zu unterschiedlichen Tageszeiten ins Bett, schlafen unterschiedlich eine unterschiedliche Anzahl von Stunden, haben unterschiedliche Hobbys und bewegen sich unterschiedlich viel.  Überall lauern mögliche Verzerrungen der Ergebnisse.   David Snowdon aber fand einen Ort, an dem Erwachsene über viele Jahrzehnte einen sehr ähnlichen Lebensstil pflegten:  Ein Kloster. 

Ab 1986 lief seine Studie unter Beteiligung von etwa 600 katholischen Nonnen aus der Kongregation der „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ (School Sisters of Notre Dame) im Alter zwischen 76 und 107 Jahren.  Jahrelang begleitete Snowdon mit seinem Team die Ordensschwestern.  Dreimal am Tag testete er ihre geistigen Fähigkeiten, auch gestatten sie ihm, nach ihrem Tod ihre Gehirne zu untersuchen. 

Bei einigen Nonnen entsprachen die Untersuchungsergebnisse den Erwartungen der Forscher.  Zu Lebzeiten hatten sie Anzeichen einer Demenz gezeigt und nach ihrem Tod offenbarten ihre Gehirne die für die Alzheimerkrankheit typischen Eiweißablagerungen.  Bei anderen jedoch, kam das, was Snowdon und seine Leute feststellen mussten, einem medizinischen Wunder gleich. 

„Eines der schlimmsten Alzheimer-Gehirne, das wir jemals hatten“

Schwester Bernadette etwa hatte in den mit ihr durchgeführten Tests nicht nur überdurchschnittlich gut abgeschnitten, sie hatte sich sogar von Test zu Test verbessert.   Als die stets körperlich und geistig aktive Nonne im Alter von 85 Jahren starb, wies ihr Gehirn Ablagerungen auf, die auf die Alzheimer-Krankheit im Endstadium hindeuteten.  "Als wir ihr Gehirn untersuchten, sahen wir, dass sie eines der schlimmsten Alzheimer-Gehirne besaß, das wir jemals hatten", erinnert sich Snowdon. "Das absolute Endstadium. Sogar die Alzheimer-Gene waren bei ihr vorhanden. Die Ergebnisse ihrer mentalen Tests zeigten dagegen nicht den leisesten Hinweis auf eine Demenz. Sie war blitzgescheit. Sie ist unser bestes Beispiel für jemanden, der der Krankheit widerstehen kann." 

Ebenso leistete Schwester Matthia im biblisch anmutenden Alter von 104 Jahren noch ihr tägliches Arbeitspensum, war geistig rege und wach.  Als sie mit 105 starb, fanden sich auch bei ihr die alzheimertypischen Ablagerungen und die beiden sind keine Einzelfälle, wie im weiteren Verlauf der Studie deutlich wurde.

Ein Leben in Arbeit, Gebet und Enthaltsamkeit als Schutz vor Krankheit und Gedächtnisverlust?  Zumindest wurde durch Snowdons Forschungen klar, dass die Plaque-Theorie allein nicht ausreicht, um die Alzheimer-Krankheit zu erklären.  David Snowdon geht mittlerweile davon aus, dass der Verlust geistiger Fähigkeiten sich zumindest teilweise auf kleinere Schlaganfälle zurückführen lässt.  Viele der Nonnen mit Anzeichen von Demenz hatten solche Schlaganfälle erlitten. 

Auch ist die Nonnenstudie ein weiterer Beleg dafür, dass unser Geistes- und Gesundheitszustand, unsere Fertigkeiten und unsere Persönlichkeit massiv durch uns selbst, durch unsere Handlungen und unsere Lebensweise geprägt werden.  Beispielsweise tritt Demenz auch bei Menschen, die aktiv musizieren seltener auf.  Selbst das jahrzehntelange Dogma der Neurowissenschaften, das sich bei Erwachsenen keine neuen Nervenzellen im Gehirn mehr bilden, wurde inzwischen umgestoßen.  Hans lernt zwar mit größeren Schwierigkeiten als Hänschen, da sein Gehirn sich bereits über Jahre an seine Umgebung angepasst hat, aber auch er lernt.  Sein Gehirn ist keineswegs vollkommen unflexibel.  Ähnlich wie ein Muskel funktioniert es umso besser, je mehr er es benutzt.  Die Nonnenstudie zeigt, wie wichtig diese Benutzung sein kann.


http://www.healthstudies.umn.edu/nunstudy/

http://www.3sat.de/page/?source=/nano/redaktion/122070/index.html

 

"Kirche und Wissenschaft" ist eine FreieWelt.net-Serie von Fabian Heinzel.  Im Laufe der Serie wird es auf FreieWelt.net regelmäßig Artikel zum Themenkomplex "Religion und Wissenschaft" geben, wobei der Schwerpunkt auf dem Verhältnis der katholischen Kirche zur Wissenschaft liegen wird.      

Alle Rechte beim Urheber.  Kontakt zum Urheber.





              

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Redaktion, 11.11.2010 13:36 | Kommentare (2)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (2)

Fabian Heinzel, 11.11.2010 15:38
@Gockeline: Das mit dem weißen Blatt Papier hat auch niemand behauptet. Die netzwerkartige, plastische Struktur unseres Gehirns ist aber sehr wohl flexibel, die Ansicht, dass wir zur nahezu 100 Prozent von unseren Genen abhängen, war in den 1990er Jahren weitverbreitet, gilt aber mittlerweile als überholt. Natürlich können wir am genetischen Potenzial selbst nichts ändern, aber in welcher Weise wir es nutzen, hat umfassende Konsequenzen. So muss auch derjenige, der die genetischen Voraussetzungen eines ausgezeichneten Sportlers mitbringt, hart trainieren, um tatsächlich ein solcher zu werden.

Gockeline, 11.11.2010 15:27
Wir sollen auf die Welt kommen wie ein weißes Blatt Papier?
Das ist längst widerlegt.
Wir haben unsere in unseren Genen alles gespeichert.
Es ist längst nicht alles offengelegt.
Auf jeden Fall kommen wir nicht wie ein weißes Blatt Paier auf die Welt.
Es ist so vieles angelegt was wir versuchen durch Erziehung abzustreifen und doch nicht geht.
Wir leben immer mit Halbwissen und verkünden es als unumkehrbares Wissen.



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