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28.05.2012
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FreieWelt.net-Serie Kirche und Wissenschaft: Folge I - Georges Lemaître
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Bild: Georges Lemaître und Albert Einstein

Ab 1914 knallt es gewaltig auf den Schlachtfeldern von Flandern.  Das Donnern der Kanonen, das Rattern der Maschinengewehre, die Geräusche zerberstender Granaten sind allgegenwärtig.  Flugzeuge, Panzer und giftige Gase werden erstmals im großen Stil als Waffen eingesetzt.  Ca. zehn Millionen junge Männer aus fast allen Ländern Europas sterben in den Jahren bis 1918 im Rahmen der Kampfhandlungen.  Unter denen, die diese Zeit von Blut und Eisen überleben, sind Unzählige für den Rest ihres Lebens gezeichnet.  Manche haben ihr Augenlicht, ihre Arme oder ihre Beine verloren, andere hat das, was sie gerochen, gesehen, gehört haben in den Wahnsinn getrieben.

Georges Edouard Lemaître gehört zu denen, die mehr Glück haben.

An einem Stück und unversehrt kehrt er nach vier Jahren, die er freiwillig als Offizier in einer belgischen Artillerieeinheit gedient hat, in seine Heimat zurück um seine Studien wieder aufzunehmen.  Diese Studien werden dazu führen, dass auch in den späteren Lebensjahren des ehemaligen Jesuitenschülers ein Knall eine große Rolle spielen wird. 

Die Antwort auf die große Frage

Lemaître will schon als Jugendlicher Wissenschaftler und Priester werden.  1894 im belgischen Charleroi geboren, beginnt er nach dem  Abschluss der Jesuitenschule an der Katholischen Universität Löwen Bauingenieurwesen zu studieren.  Nach seinem Militärdienst studiert Lemaître dann  Physik und Mathematik, während er sich gleichzeitig auf das Priesteramt vorbereitet.  1920 wird er mit seiner „Approximation der Funktion verschiedener echter Variablen“ betitelten These promoviert, 1923 zum Priester geweiht.  Noch im selben Jahr geht er nach England.  An der Universität von Cambridge vertieft sich der Gottesmann in die Astronomie und die Kosmologie.  Ganz besonders interessiert sich Lemaître für eine Frage, die sowohl für die Wissenschaft als auch für die Religion eine der wichtigsten ist:  Die Frage nach dem Ursprung des Universums.

1925 wird Lemaître nach einem weiteren Forschungs-und Studienaufenthalt in den USA Dozent an der Universität von Löwen.  Von nun an kommt er der Antwort auf die große Frage nach dem Ursprung immer näher.  1927 entwickelt Lemaître das Konzept von der Expansion des Universums. 

In seinen in der außerhalb Belgiens kaum beachteten Zeitschrift „Annales de la Société Scientifique de Bruxelles“ veröffentlichten Aufzeichnungen ist Lemaître der erste, der schließt, dass das  Universum kein statisches Gebilde ist, sondern sich ausdehnt.  Mit dieser Veröffentlichung zieht der zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannte belgische Priester die Kritik eines Mannes auf sich, der bis heute vielen als der größte Wissenschaftler aller Zeiten gilt:  Albert Einstein.

„Ihre Berechnungen sind korrekt, aber ihr Verständnis von Physik ist entsetzlich.“ 

Einstein lehnt die Idee eines sich ausdehnenden Universums ab.  Als er bei einem Aufenthalt in Brüssel persönlich mit Lemaître konfrontiert wird, sagt er:  „Ihre Berechnungen sind korrekt, aber ihr Verständnis von Physik ist entsetzlich.“  Dabei ist Einstein einer derjenigen, auf dessen Arbeit sich Lemaîtres Erkenntnis stützt. 

Albert Einstein und Willem de Sitter haben 1917 das Universum mit Hilfe der allgemeinen Relatitivitätstheorie beschrieben.  Es sind die Grundgleichungen eben dieser Relativitätstheorie, in Verbindung mit der von Erwin Hubble gewonnenen Einsicht, dass das Sternenbild „Andromeda“ außerhalb unserer Milchstraße liegt und der von Vesto Slipher entdeckten Verschiebung des Lichts weit entfernter Galaxien hin zum Roten (Rotverschiebung), aus denen Lemaître auf die Expansion des Universums schließt.

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Es ist aber nicht die Auseinandersetzung mit Einstein, die Lemaître zu internationaler Bekanntheit verhilft.  Ein langer Kommentar, den der britische Astrophysiker Arthur Stanley Eddington im Jahre 1930 in der Zeitschrift „Monthly Notices of the Royal Astronomical Society“ publiziert, ist hierfür entscheidend.   Darin bezeichnet Eddington Lemaîtres Ansatz als brillante Lösung für die noch offenen Fragen der Kosmologie.

Big Bang

Lemaître wird nach London eingeladen, um einen Vortrag bei der „British Association for the Advancement of Science“ zu halten, einer Gelehrtengesellschaft mit dem Ziel, Wissenschaft populär zu machen und den Austausch zwischen Wissenschaftlern zu fördern.  Hier stellt Georges Lemaître zum ersten Mal eine Theorie vor, die er selbst „Hypothese des Uratoms“ nennt.  Den Ursprung des Universums beschreibt er als ein solches „Uratom“, „ein kosmisches Ei, das im Moment der Entstehung des Universums explodierte“.  In diesem Uratom sei die gesamte, heute im Universum zusammengepresste Materie enthalten gewesen.  Der Beginn seiner Ausdehnung wäre damit der Beginn der Entstehung von Raum und Zeit.  Nicht jeder Wissenschaftler kann sich für diese Theorie begeistern.  Zu nahe scheint das, was der Priester aus Belgien da erzählt, sich an die christliche Vorstellung von der Erschaffung der Welt anzulehnen. Viele weigern sich zu glauben, dass das Universum so etwas wie einen Anfang haben könnte.  Der Ausdruck „Big Bang Theory“, den der Astronom und Mathematiker Sir Fred Hoyle prägt, ist als Spottname für Lemaîtres Konzept gedacht.  Hoyle akzeptiert zwar die Expansion des Universums hat aber seine eigene Theorie für die Ursache dieser Ausdehnung.   Er glaubt, dass die kontinuierliche Erzeugung von Materie das Weltall expandieren lässt und versucht mit dem Begriff „Big Bang“ (großer Knall) seinen Konkurrenten Lemaître ins Lächerliche zu ziehen, auch wenn das in der deutschen Übersetzung „Urknall“ kaum deutlich wird.

„Das ist die schönste und zufriedenstellendste Erklärung der Schöpfung, die ich jemals gehört habe“.   

Fred Hoyle wird Zeit seines Lebens ein Kritiker der Urknalltheorie bleiben, aber einen anderen Mann kann Lemaître schließlich von der Richtigkeit seiner Annahmen überzeugen.  Im Januar 1933 reisen Georges Lemaître und Albert Einstein beide nach Kalifornien, um eine Seminarreihe zu besuchen.  Nachdem der Belgier gesprochen hat, erhebt sich Einstein von seinem Platz, applaudiert und sagt:  „Das ist die schönste und zufriedenstellendste Erklärung der Schöpfung, die ich jemals gehört habe“.   

Von nun an folgt Ehrung auf Ehrung für Lemaître.  In Zeitungen rund um den Globus heißt es, er sei der neue, führende Kopf der neuen, kosmologischen Physik.  1934 verleiht ihm der belgische König Leopold III. den Franqui-Preis, die höchste wissenschaftliche Auszeichnung Belgiens.  Vorgeschlagen haben ihn Albert Einstein, Charles de la Vallée-Poussin und Alexandre de Hemptinne.  1936 wird er zum Mitglied der „Päpstlichen Akademie der Wissenschaften“ berufen.  Doch natürlich beschäftig sich Lemaître als Geistlicher auch mit der Vereinbarkeit seiner Urknalltheorie mit der katholischen Schöpfungslehre.   Noch tut die Kirche sich schwer mit einigen Bestandteilen des wissenschaftlichen Fortschritts dieser Zeit wie mit der Evolutionstheorie, deren Grundlage Charles Darwin bereits im 19. Jahrhundert formuliert hat.  Erst 1950 – 91 Jahre nachdem Darwins Werk „Die Entstehung der Arten“ erstmals erschienen ist – zieht Papst Pius XII. die Evolutionstheorie in der Enzyklika „Humani generis“ zumindest als Möglichkeit in Betracht. Lemaîtres Urknalltheorie setzt sich hingegen innerhalb weniger Jahre auch in Kirchenkreisen durch.  1951 wird sie von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften auf einer Tagung akzeptiert. In einem abschließenden Vortrag führt der selbe Papst Pius XII. aus, der mit dem Urknall zeitlich festlegbare Anfang der Welt sei einem göttlichen Schöpfungsakt entsprungen.  Den wenigen verbliebenen Kritikern der Urknalltheorie scheint die Nähe zum Schöpfungsmythos so groß, dass einige von ihnen Lemaîtres Arbeit für eine Art Verschwörung halten.  Eine Unterwanderung der Wissenschaft mit den Lehren der Bibel.  Nichtsdestotrotz ist  Lemaîtres Theorie heute praktisch universell anerkannt.  Es sind die neuen Entwicklungen der Teleskopen- und Satellitentechnologie, die es in den 1990er Jahren ermöglichen, kosmologische Parameter präziser zu bestimmen als jemals zuvor, die die letzten ernstzunehmenden Skeptiker zum schweigen bringen. 

Aber der Siegeszug der Urknalltheorie war schon vorher nicht mehr zu aufzuhalten.  1953 erhält Georges Lemaître als erster Mensch überhaupt die Eddington-Medaille, die seitdem von der „Royal Astronomical Society“ für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der theoretischen Astrophysik verliehen wird.  In den Jahren vor seinem Tod verfolgt Lemaître intensiv das Aufkommen der ersten Computer.  1958 lässt er an der Universität von Löwen die Rechenmaschine Burroughs E 101 installieren.  In seinem Lebensabend gilt sein Interesse fast ausschließlich dem Programmieren. Das Ausmaß, in dem Computer die Welt verändern werden, erlebt er allerdings nicht mehr.  Georges Lemaître stirbt am 20. Juni 1966, drei Tage nach seinem 73. Geburtstag.  Nach ihm sind das klassische Standardmodell der Urknalltheorie, das Institut für Astronomie und Geophysik der Katholischen Universität Löwen und die zum Flughafen führende Hauptstraße in seiner Geburtsstadt Charleroi benannt.

"Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen."

(- Douglas Adams, "Das Restaurant am Ende des Universums")      



"Kirche und Wissenschaft" ist eine FreieWelt.net-Serie von Fabian Heinzel.  Im Laufe der Serie wird es auf FreieWelt.net regelmäßig Artikel zum Themenkomplex "Religion und Wissenschaft" geben, wobei der Schwerpunkt auf dem Verhältnis der katholischen Kirche zur Wissenschaft liegen wird.       

Alle Rechte beim Urheber.  Kontakt zum Urheber.         



Redaktion , 08.11.2010 12:25 | Kommentare (3)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (3)

Lumendelumine, 06.12.2010 13:33
Sehr interessanter Artikel, allerdings wären einige differenziertere Formulierungen gegen Ende angebrachter gewesen: Die Kirche tat sich nie "schwer mit einigen Bestandteilen des wissenschaftlichen Fortschritts dieser Zeit wie mit der Evolutionstheorie", denn es ist ja gar nicht ihre Aufgabe, über den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Theorien zu urteilen; sie kann höchstens Grenzen angeben, welche Theorien der kirchlichen Lehre eindeutig widersprechen würden (wie z. B. es Pius XII. gerade in "Humani Generis" mit der Theorie des multigenetischen Ursprungs der Menschheit macht). Deshalb äußert sie sich auf Lehramtsebene auch nicht dazu (vgl. die Evolutionslehre, wo die Kirche ja vor "Humani Generis" genau gar nix dazu gesagt hat) oder nur sehr vorsichtig (wie Pius XII. in "Humani Generis").

Sie würde sich ja auch schön blamieren, wenn weitere Forschungen ergeben, dass die Theorie nicht stimmt oder zumindest neu formuliert werden muss! Der Kirche geht es aber um ewige Wahrheiten, nicht um (zwangsläufig immer vorläufige) naturwissenschaftliche Erkenntnisse. (Was die Päpstliche Akademie der Wissenschaften gut findet oder nicht ist kein lehramtlicher Akt und daher letztlich auch für die kirchliche Lehre irrelevant.)


Fabian Heinzel, 09.11.2010 10:55
@Freigeist: Wenn Sie mir sagen wo, werde ich es gerne korrigieren.

Freigeist, 09.11.2010 01:14
Einmal haben Sie sich im Jahrhundert geirrt.


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