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"Als seien sie unmündig" - Interview mit Oliver Uschmann
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Der Schrifsteller Oliver Uschmann, hat in seinem neuen, zur "Hartmut-und-ich-Reihe" gehörenden Roman "Feindesland" eine Welt erschaffen, die von einer ausufernden Staatsfürsorge geprägt ist, die sich noch in die privatesten Belange der Bürger einmischt. FreieWelt.net sprach jetzt mit Uschmann über Politik, Rhetorik, Satire, Argumente und Berlin.

FreieWelt.net: Ihr neues Buch trägt den Titel „Feindesland“ und spielt in Berlin. Ist die Hauptstadt für Sie Feindesland?

Oliver Uschmann: „Feindesland“ ist für mich jeder Ort, an dem man nicht angstfrei durch die Gegend laufen kann. „Feindesland“ ist jeder Ort, an dem irgendwelche Institutionen oder Meinungsmacher „zum Besten aller“ in das Leben der Menschen eingreifen, als seien sie unmündig. „Feindesland“ ist da, wo gut gekleidete Männer mittels abstraktem Sekundenhandel Existenzen zerstören genauso wie da, wo schlecht gekleidete Männer das mit Baseballschlägern tun. „Feindesland“ ist Zeitdruck, Meinungsdruck, politischer Opportunismus, Cappuchino-Latte-getränkter Hipster-Zynismus. Also ja, Berlin ist „Feindesland“, aber nahezu jede andere Metropole auch. 

FreieWelt.net: Obwohl es sich bei Feindesland um einen Roman handelt, ist es auch ein politisches Buch. So lassen Sie zum Beispiel einen Regierungsbeamten darauf hinweisen, dass Getreide mit Pestizidbehandlung gesünder sein kann als welches ohne, weil die Pestizide in bestimmten Fällen krebserregende Schimmelpilze bekämpfen, dass die (fiktive) Regierung die Gesetze jedoch nicht aufgrund von Fakten mache. Pestizidfreies Getreide fühle sich besser an, also würden Pestizide verboten. Ist diese Ignoranz den Fakten gegenüber nicht ein verbreitetes Problem auch unserer tatsächlichen Politik und hat Sie das inspiriert?

Oliver Uschmann: Meine Frau sagt gerne: „Es gibt keine Argumente, es gibt nur Rhetorik.“ Und zwar auf allen Seiten. Wenn ich heute einen Michael Moore-Film sehe, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Das tun sie aber auch, wenn ich den Wirtschaftsteil der Mainstream-Presse lese. Es gibt nicht nur keine Argumente, sondern auch keine „richtige Seite“ mehr. Nicht pauschal. Es ist nur noch ein großer, würdeloser Kampfkrampf, in dem überhaupt nicht mehr konstruktiv diskutiert werden kann, da sofort die Moral ins Spiel kommt. Gut und böse, erlaubt und nicht erlaubt. Je nach Kontext und Milieu kann ich mich mit ein bisschen Erfahrung exakt darauf einstellen, was die Schäfchen vor Ort hören wollen. Man könnte also auch sagen: „Es gibt keine Argumente, es gibt nur Zuweisungen.“

FreieWelt.net: Auch Quoten sind in ihrem Buch ein großes Thema.

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Um in den Genuss staatlicher Förderung zu kommen, benötigen Unternehmen in der von ihnen entworfenen Welt unter anderem Quotenfrauen, Quoteneinwanderer, Quoteneinarmige und Quotenkommunisten. Das führt dazu, dass ein Markt für „Benachteiligten“-Darsteller entsteht, die die Unternehmen sich anmieten. Ein Gag, aber sind gerade die immer wieder geforderten Quoten nicht auch ein ernsthaftes gesellschaftliches und volkswirtschaftliches Problem?

Oliver Uschmann: Sie sind eine Verlegenheitslösung für Probleme, die tatsächlich existieren. Zum Beispiel, dass Führungsetagen in vielen Bereichen weiterhin reine Männerbünde sind, die niemanden hineinlassen – weder Frauen, noch jüngere männliche Nachfolger. Die alten Herren wollen das Heft nicht aus der Hand geben und wenn, dann allenfalls noch an einen jüngeren Klon ihrer selbst. Ich bin seit 15 Jahren Rockjournalist und seit neun Jahren mit dem Literaturbetrieb vertraut.

Das sind zwei Bereiche, in denen die Menschen sich selbst für aufgeklärt und gleichberechtigt halten, aber dennoch sind die Rockredaktionen voller tätowierter Kerle und in den Verlagen betreuen die Mädels die „Unterhaltung“ und die Männer die „Hochliteratur“. Das zeigt, warum es Quoten gibt, und es zeigt zugleich, dass sie nichts nützen. Das beste Bild bieten da noch die harte Wissenschaft und der Sport. Die migrationshintergründigen Mitglieder unserer jungen Nationalmannschaft sind durch pure, überragende Leistung im Team und die Neonazis vor den Fernsehschirmen müssen ertragen, dass der urdeutsche Thomas Müller mit Mesut Özil perfekt harmoniert. Und würde eine Physikerin die Weltformel entdecken, erränge sie unter den Herren der Schöpfung den gleichen Weltruhm wie ein Mann. Obwohl, eine C3-Professur bekäme sie vielleicht trotzdem nicht… 

FreieWelt.net: Das Ministerium für Moral und die Aggressionssteuer, die in ihrem Buch vorkommen, sind Erfindungen. War das überhaupt notwendig? Hätten Sie nicht auch im echten Leben genug Beispiele für absurde Vorschriften und Einmischungen des Staates in private Belange gefunden?

Oliver Uschmann: Jede Menge. Aber damit Satire wirkt, muss sie übertreiben oder eine gleichnishafte andere Welt erschaffen, die vieles klarer macht. William Gibson, der gemeinsam mit Bruce Sterling die finsteren Visionen des Cyberpunk erfand, sagte einmal: „Ich mache nur scheinbar Science Fiction. Im Grunde stelle ich die Welt dar, wie sie ist. Nicht, wie sie aussieht, sondern wie sie schon jetzt wirklich ist. Das leisten ein „Moralministerium“ oder ein „Bürger VZ“ als scheinbar absurde Erfindungen besser als weicher, kabarettistischer Tagesrealismus.

FreieWelt.net: Was fällt Ihnen zu den folgenden drei Schlagworten ein:  Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit?

Oliver Uschmann:  Nehmen wir mal an, die Welt wäre ein Dorf mit 100 Bewohnern. Dann wäre Chancengleichheit, wenn jeder alles machen kann, was er will, sofern er es beherrscht. Soziale Gerechtigkeit wäre, wenn jeder seinem Nächsten auf freiwilliger Basis hilft, weil es eine persönliche, individuelle Übereinkunft ist. Nachhaltigkeit wäre, wenn jeder im Dorf auf autarke Energieversorgung mittels Sonne setzen und niemand Knoblauchschäler oder iPads erfinden würde. In unserem Dorf allerdings sammeln 10 von 100 Bewohnern die Hälfte des Vermögens aller Anderen ein, um „Gerechtigkeit“ aus einem riesigen Amt heraus zu „garantieren“, was dazu führt, dass alle knausern und klammern und vor lauter Ablenkung nach dem Knoblauchschälen twittern, dass sie gerade Knoblauch geschält haben. Seinem Nachbar leiht keinem mehr etwas, weil das Geld, was er dazu nutzen könnte, bei den 10 gerechten Verteilern gelandet ist, die gerade einem Dorfbewohner verbieten, eine selbst gebaute und nicht zugelassene Solaranlage in Betrieb zu nehmen. Zu seinem eigenen Besten, versteht sich...
 
FreieWelt.net: Was dürfen wir in Zukunft von Ihrer Arbeit als Autor erwarten?

Oliver Uschmann: Weitere „Hartmut und ich“-Romane in immer neuer Form und Farbe. Im Frühjahr einen frischen Roman für Junge Erwachsene bei Script 5, in dem ein verwahrloster Teenager auf schlimmste Art dazu gezwungen wird, sein Leben in den Griff zu bekommen. Schlechte Mittel für gute Zwecke. Zurzeit und noch bis August: Die Ausstellung „Ab ins Buch!“ im Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde, wo die Menschen die Kulissen der Romane betreten und bewohnen können, vom Wohnzimmer mit 300 PlayStation-Spielen über den Kunstrasthof bis zum Barfußpfad in der Obstwiese. Soweit ich weiß, bin ich auch der einzige Autor, der in der Rolle seiner Romanfigur Interview-Filme namens „Hartmut trifft…“ auf der Couch seines Protagonisten dreht.


Die Hartmut-WG im Netz: www.hartmut-und-ich.de
Die Ausstellung: www.kulturgut-nottbeck.de
Die Filme: http://www.2010lab.tv/list/Oliver-Uschmann/2342

Das Interview führte Fabian Heinzel

(Foto: Sylvia Witt)



Redaktion, 01.07.2010 11:21 | Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

juli, 02.07.2010 14:17
„Es gibt keine Argumente, es gibt nur Zuweisungen.“ Der Absatz, der mit diesem Satz endet, trifft absolut ins Schwarze. Doch wie wird das anders?

Dr. Alexander Ulfig, 02.07.2010 13:01
" ... dass Führungsetagen in vielen Bereichen weiterhin reine Männerbünde sind, die niemanden hineinlassen ...".
Diese Aussage höre ich immer wieder, ohne dass dabei konkrete Beispiele genannt werden.
Ich habe Ihr Buch noch nicht gelesen. Könnten Sie mir einige konkrete Beispiele für solche Männerbünde geben (Personen, Organisationen usw.)?
Ich höre immer wieder, dass es auch in der Wissenschaft Männerbünde bzw. Männernetzwerke gibt, die Frauen daran hindern, in der Wissenschaft Karriere zu machen. Mir ist kein einziges Männernetzwerk an den deutschen Universitäten bekannt. Es lässt sich kein einziges Männernetzwerk dort nachweisen. Es gibt natürlich Forscherteams, die nur aus Männern bestehen. Diese Männer haben aufgrund ihrer Qualifikation Stellen in diesen Teams erhalten. Das hat aber mit Männerbünden und Männernetzwerken nichts zu tun. Diese Forscher verstehen sich bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht als Männer, sondern als Forscher/Wissenschaftler, denen es um wissenschaftliche Erkenntnisse und um den Fortschritt in der Wissenschaft geht.
Es gibt Burschenschaften, die man wohl als Männerbünde bezeichnen kann (manche von ihnen sind für Frauen offen), die jedoch keine Netzwerke von Wissenschaftlern, sondern studentische Organisationen sind.
Die Legende von Männernetzwerken in der Wissenschaft wird hartnäckig aufrechterhalten, um die Einrichtung von staatlich geförderten Frauennetzwerken und damit weiteren Stellen in der Gleichstellungsbürokratie zu rechtfertigen.


Freidenker, 02.07.2010 08:33
Seine Quoten-Meinung teile ich nicht, das ist heute m.E. kein Problem, sondern spiegelt die wahren Interessen und Bedürfnisse wieder. Ansonsten ein interessantes Interview. Ich bin schon mehrfach auf dieses Buch gestoßen, habe es aber bisher noch nicht gelesen.


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