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28.05.2012
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Wo die Welt am radikalsten ist - Interview mit Knut Teske
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Kongo, Haiti, Nordirland, Ruanda, Pakistan, Libanon, Afghanistan - es gibt kaum eine Kriegs- oder Krisenregion unseres Planeten, die Knut Teske nicht mit eigenen Augen gesehen hat.  Im Interview mit FreieWelt.net erzählt er jetzt, welche Erfahrungen ihn am meisten beeindruckt haben, wann selbst er aus der Fassung gerät und weshalb es nicht immer gut ist, Brunnen zu bauen.

FreieWelt.net: Wie wird man Kriegsberichterstatter?

Knut Teske: Ich wurde es aus Interesse an Konflikten; ich wollte die Welt dort kennen lernen, wo sie am radikalsten ist: ganz unten – ein Interesse, das seltsamerweise in der Redaktion niemand teilte. So war man immer ohne Konkurrenz.

FreieWelt.net:  Spürt man, wie die Erfahrungen in Kriegs- und Krisengebieten einen selbst verändern?

Knut Teske: Wenn man die Erweiterung der eigenen Kenntnisse dazu zählt, dann ja: Man wird realistischer, nüchterner; man wird (nebenbei) Profi im Überleben in der Dritten Welt oder wie in Afghanistan während des Krieges in der vierten. Aber Du meinst ja die innere Veränderung. Schwer zu sagen, wenn man ehrlich sein will. Man muss seinen Maßstab behalten. Sonst könnte man nicht mehr schreiben. Irgendwie muss man verankert bleiben. Und zu glauben, man dränge bereits tief in die fremdartige Kultur ein, nur weil man ein paar Mal da gewesen ist, hieße sich selbst überschätzen.

Zweimal bin ich aber doch aus der Fassung geraten: in Goma 1994, dem Flüchtlingslager der Hutu nach dem Völkermord in Ruanda-Burundi. Ein unbeschreibliches Elend (auch für einen Journalisten); das Elend von knapp zwei Millionen zusammengepferchten Menschen; dazu das Wissen, dass die meisten der apathisch vor sich hindösenden Männer oder auch Frauen mutmaßliche Mörder an rund einer Million Tutsi gewesen sind. Das zweite Mal in New York 2001 oder “Nine Eleven“. Ein Ausmaß an Zerstörung und Verzweiflung vor Ort, das über das Fernsehen nicht ansatzweise vermittelt werden konnte  und entsprechend schnell in Europa „verarbeitet“ wurde.

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Beide Erlebnisse sind unmittelbar Gegenwart geblieben.

FreieWelt.net:  Welche der besuchten Regionen hat Dich am stärksten beeindruckt?
           
Knut Teske:  Das karge Afghanistan, wo das Leben  auf das Minimum reduziert ist. Dann die Zerstörung von Städten und Brücken: Mostar, Belfast; fast ganz Jugoslawien, wo statt Menschen am Horizont nur noch Rudel wildernder Hunde zu sehen waren.

Beeindruckt hat mich aber auch der Kongo, damals noch Zaire, wo die Frauen  dank ihrer mütterlichen Instinkte oder Notwendigkeiten das Land vor dem Absturz ins absolute Dunkel bewahrt haben. Die lächelnden Frauen mit fünf Kindern auf dem Leib, nicht ihre machohaft auftretenden Männer.

FreieWelt.net:   Politiker müssen Entscheidungen zu Situationen in Krisengebieten treffen, können sich aber selbst nur ein sehr begrenztes Bild von der Lage machen.  Denn selbst wenn sie zum Beispiel nach Afghanistan reisen, können sie sich dort nicht frei bewegen.  Was sollten sie vor allem tun, um zu einer realistischen Lageeinschätzung zu kommen?

Knut Teske: Der persönliche Eindruck ist schon durch Nichts zu ersetzen. Und er ist auch möglich. Natürlich gehört kenntnisreiche Beratung dazu. Ein Beispiel. Während wir glaubten, als gute Brunnenbauer der ländlichen Bevölkerung nach dem Motto: jedem Dorf seinen eigenen Brunnen, einen Riesengefallen zu tun, sind die Frauen, um die es ja geht, ziemlich unglücklich darüber. Sie nehmen lieber den mühseligen Weg zum entfernteren Fluss in Kauf, um endlich ein- oder zweimal die Woche der Aufsicht ihrer Männer zu entronnen zu sein. Ein Kulturverhalten, das wir in Deutschland oder Frankreich – auch ein gutes Brunnenbauer-Land – am Grünen Tisch nicht erkannt hatten.

Die realistische Lageeinschätzung kann nur vor Ort hergestellt werden. Allerdings ist das nicht alles. Afghanistan ist ja nur Teil des ganzen Problems namens Islamismus. Und das rechtfertigt eine andere Betrachtung.   

FreieWelt.net:  Was wäre die beste Perspektive für Afghanistan?
           
Knut Teske:  Die beste dürfte die unrealistischste sein: Weil es mindestens eine ganze Generation dauert, das Land aus seiner Erstarrung herauszulösen. Die Annäherung an etwas, das wenigstens ahnungsweise
unseren Vorstellungen entspricht, umfasst einen Zeitraum von vier, fünf Wahlperioden –  für Demokratien eine Unmöglichkeit.

Das macht kein Volk mit. Und dann ist der Erfolg noch nicht garantiert. Unser Versuch, das Land in unserem Sinne zu demokratisieren, ist zum Scheitern verurteilt. Aus vielerlei Gründen: Aus unserer Sicht die wichtigste:  Demokratie ist ohne einen funktionierenden Mittelstand nicht machbar. Und der fehlt völlig – auch wenn in den großen Städten Fortschritte zu erkennen sind. Aber der Weg ist lang, steinig, unbestimmt, eben mindestens eine Generation lang.

FreieWelt.net:  Welche Art von Verantwortung hat ein Kriegsberichterstatter?

Knut Teske: Er soll berichten, was er sieht. Je schlimmer die Zustände, desto purer die Beschreibung.  Sie erreicht wahrscheinlich beim Leser die beste Wirkung. Und der zieht die Schlüsse selber. Er will nicht bevormundet werden. Das schließt journalistische Leidenschaft bei der Reportage nicht aus. Sie darf die Realität nicht verdrängen.

Der Journalist sieht für die, die nicht da sind. Dieser privilegierten Stellung sollte er sich bewusst sein.

Das Interview führte Fabian Heinzel

(Foto: Roland Magunia/ddp)



Redaktion, 28.06.2010 11:26 | Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

Frank, 02.07.2010 23:37
Ich weiß nicht ob es Sinn macht überhaupt ein Statement über Afghanistan abzugeben, denn die Presse ist zensiert und die wahren Zusammenhänge werden nicht öffentlich ausgetragen, sind also nicht erwünscht. Dieses Land wird nie zur Ruhe kommen, denn es ist geostrategisch viel zu wertvoll. Der Islam stellt keine Gefahr für den Weltfrieden dar, wer das behauptet ist desinformiert. Zivilisation oder auch Demokratie bedeutet nichts anderes als die Unterwerfung amerikanischer
Interessen. Die Wurzel allen Übels ist das Geld. Die Übeltäter sind, die davon profitieren.
@ Blaise Pascal => Ich kann mich Ihrer Meinung nicht anschliessen


Blaise Pascal, 01.07.2010 00:56
Die Lösung für Afghanistan wäre eine vollständige Missionierung mit dem christlichen Glauben. Die Wurzel allen Übels in Afghanistan ist der Islam bzw. Islamismus. Kein Islam => kein Islamismus => keine Taliban => Sieg! + Zivilisation! + gerettete Seelen!


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