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11.02.2012
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Tagungs-Bericht: "Das Geheimnis erfolgreicher Bildung"
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Familie



"Das Geheimnis erfolgreicher Bildung" konnte auf einer Experten-Tagung in Düsseldorf überzeugend gelüftet werden: es liegt schlicht in der vertrauensvollen frühkindlichen Beziehung zu stabilen erwachsenen Bezugspersonen. Frühkindliche Prägung bestimmt in einem viel stärkeren Maße als etwa genetische Grundausstattung oder spätere Ausbildung den Lebenserfolg eines Menschen, inklusive Gesundheit, Lebenserwartung, Sozialkompetenz, Leistungsbereitschaft und Anfälligkeit für Kriminalität.

Die theoretischen und empirischen Belege für diesen Zusammenhang, den Wissenschaftler aus fünf Ländern in Düsseldorf interdisziplinär zusammentrugen, sind überzeugend. Vor diesem Hintergrund geriet die Kritik an den derzeit in Deutschland herrschenden politökonomischen Rahmenbedingungen für frühkindliche Prägung zum heimlichen Hauptthema der Tagung. Schon das  Einführungsreferat von Dr. Christoph Meinecke gab hier die Richtung vor, indem es den massiven Ausbau von Kindertagesstätten in Deutschland mit der "Welt und dem Wesen des kleinen Kindes" kontrastierte, für welches die frühe Fremdbetreuung in erster Linie Streß bedeutet.

Neue Erkenntnisse der molekularbiologischen Forschung

"Kindheit wirkt", so das überzeugende Fazit des Schmerzforschers Prof. Ulrich T. Egle. Er stellte mit seinem beeindruckenden Vortrag die Grundperspektive der Tagung auf die Basis der sensationellen Erkenntnisse der jüngsten molekularbiologischen Forschung im Bereich der Epigenetik. Den Pionieren der Epigenetik um den kanadischen Forscher Michael Meaney gelang es im letzten Jahr, ihre Erkenntnisse von Mäusen und Ratten auf den Menschen zu übertragen. Gegenstand dieser Erkenntnisse sind bestimmte epigenetische "Schalter", die als Steuerungsmechanismen oberhalb der genetischen Grundausstattung des Menschen wirksam sind und maßgeblich durch soziale Interaktion aktiviert werden. Das sogenannte "Epigenom" ist für die menschliche Entwicklung mindestens so wichtig ist wie die Gene selbst und – dies ist eine der größten Überraschungen – kann ebenfalls über Generationen hinweg weitergegeben werden. Die Möglichkeiten für erfolgreiche, auch vergleichsweise kurzfristig wirksame Eingriffe zur Veränderung sind andererseits beim Epigenom sehr viel größer als beim Genom.

Es sind eben nicht die Gene, es ist die Gen-Aktivierung durch soziales Verhalten, die auf die Hirnentwicklung und den Hormonhaushalt des Menschen wirkt. Am stärksten aber ist diese Wirkung in der frühen Kindheit. Was beim Kleinkind grundgelegt wird, läßt sich später beim Schüler, Azubi oder Studenten nur noch mit enormem Aufwand verändern. Diese Erkenntnisse aus Hirnforschung, Psychologie und Epigenetik zur frühkindlichen Bindung werden im übrigen durch die empirische Sozialforschung schon seit langem und regelmäßig bestätigt. Michael Meaney und Kollegen werden jetzt als heiße Kandidaten für den nächsten Nobelpreis gehandelt.

Ungünstige gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen für Familien

Der zentrale Ort für die "Reifwerdungsprozesse" der Kinder in der warmen, erfüllenden Bindung an Erwachsene ist im Regelfall die Familie. Außerfamiliäre Bindungsprozesse sind dort am erfolgreichsten, wo sie wie eine Nachahmung der familiären Konstellation aufgebaut sind. Ein solches Umfeld ist aber unter den herrschenden sozioökonomischen Bedingungen auch in der Familie immer weniger gegeben. Der Soziologe Prof. Tilman Allert sagte sogar eine weitere "Erosion von Elternschaft" voraus.

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Die Idee der Familie als eine "auf ewig gestellte Kommunikationsbeziehung" in der "Gleichzeitigkeit von Streit und Versöhnung" gelebt und daran auch der Bildungsprozeß des Kindes ausgerichtet wird, gerate immer stärker unter den Druck der "Vereinbarkeit" von Familie und Beruf. Allert bezeichnete die Vereinbarkeitsthese als eine elterliche "Selbstsuggestion". Vereinbarkeit gebe es nur "im Paradies, aber nicht bei Lufthansa".

Die von der Politik in den letzten Jahren gesetzten Rahmenbedingungen haben die sozioökonomische Problemlage von Eltern und Familien eher verstärkt, als vermindert. Die Ursachen dafür zeigte der Ökonom Dr. Bertram Zitscher in einer nüchternen Analyse der Interessenlage der wirtschaftlichen und politischen Eliten Deutschlands. Der demographische Wandel strapaziert die sozialen Umverteilungssysteme, von der die politische Legitimität des Systems maßgeblich abhängt, und reduziert gleichzeitig die nachwachsenden Arbeitskräfte für die Volkswirtschaft. Von allen denkbaren Möglichkeiten, zusätzliche Fachkräfte für die Wirtschaft zu rekrutieren, erscheint die Mobilisierung der Reserve gut ausgebildeter junger Frauen als die kurzfristig einfachste und wirksamste. Im Einklang mit der Wirtschaft zielt die Familienpolitik auf Erwerbstätigkeit von Frauen und erhöht damit objektiv das ökonomische Risiko von Mutterschaft, besonders bei mehr als einem Kind. Zitscher sprach in diesem Zusammenhang von gezielter Ein-Kind-Politik. Dieser Kurs könne die demographische Lücke am Arbeitsmarkt allerdings nur kurzfristig schließen. Mittelfristig drohten eine Krise des Leitbildes der sozialen Marktwirtschaft und vielleicht sogar des demokratischen Systems. Zitscher plädierte vor diesem Hintergrund für ein langfristiges demographisches Denken und Handeln des Staates und für die Entwicklung einer um familiensoziologische Belange weiterentwickelten Marktwirtschaft.

Erziehungsgehalt als Einfallstor für Staatsintervention in die Familie?

In dieselbe Kerbe hieb der Präsident des Deutschen Familienverbandes Dr. Albin Nees. Die derzeitige Diskussion um das Elterngeld verglich er mit einem Streit um die Farbe des Gartenzauns – angesichts eines brennenden Hauses. Nees machte eine Reihe konkreter Vorschläge, wie die Familie durch politische Maßnahmen gestärkt werden könnte, im Steuerrecht, in den Sozialversicherungen und in der Arbeitswelt, u.a. durch ein Erziehungsgehalt. Derzeit werde eine Nicht-Politik in diesem Bereich getrieben. Ein Familienwahlrecht könne über den demokratischen Hebel der Wählerstimmen die Parteistrategen zur Entwicklung familienfreundlicherer Programmatiken bewegen. Unterstützt wurden Nees` Forderungen durch Jürgen Liminski vom Deutschlandradio. Liminski äußerte seine Enttäuschung über das Berliner Polit-Establishment und regte als Alternative familienpolitisches Engagement auf regionaler Ebene an.

Prof. Günter Danhel vom österreichischen Familiennetzwerk, das die Tagung auch materiell unterstützt hatte, erläuterte einige zentrale Schwierigkeiten in bezug auf das geforderte Erziehungsgehalt. Ein Gehalt  bedeutet, daß es auch einen Arbeitgeber, Tarife, Urlaubsregelungen usw. gibt. Der "Arbeitsplatz Familie" sei im Arbeitsrecht schwer abbildbar. Mit der Anerkennung des Staates als "Arbeitgeber" der Familie werde ein großes Einfallstor für unerwünschte staatliche Interventionen in die Familie eröffnet. Dagmar Neubronner, bekannte "Homeschoolerin" und Mitorganisatorin der Tagung, sprach sich dagegen aus, "Mutterschaft zu einem bezahlten Job zu machen". Sie wolle sich nicht als "Angestellte des Staates" sehen.

Fremdbetreuung als Ersatz für familiäre Bindung?

Einen schwierigen Stand hatte Prof. Kristian Folta vom "Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen". Er zog eine kausale Ursache-Wirkungs-Kette zwischen geringem sozioökonomischen Status der Eltern und erhöhtem kindlichen Streß. Je größer die Armut, desto häufiger treten Gewaltanwendung in der Familie, schlechte schulische Leistungen usw. auf. Der Staat müsse sich hier etwas einfallen lassen, wenn er gesunde Kinder haben wolle. Es sei schwierig, in Problemfamilien direkt hineinzuwirken. Es gebe nur eine Chance, nämlich die Kinder aus den Familien schnellstmöglich herauszunehmen, nicht zwanghaft, aber durch das Angebot frühkindlicher Bildungseinrichtungen. Davon würden die sozial Schwachen am meisten profitierten.

In der Diskussion wurde dagegen mehrfach klargestellt, daß zwischen Armut und sozialem Streß in der Familie zwar eine eindeutige Korrelation, aber keine klare Kausalität besteht. Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld wies darauf hin, daß nicht Armut, sondern Bindungsmangel die Essenz von Streß sei. Die These, daß Kinder aus sozial schwachen Familien von mehr Fremdbetreuung profitieren würden, wurde stark angezweifelt. Viele Studien weisen vielmehr gerade bei Fremdbetreuung eine weit erhöhte Streßbelastung nach. Folta räumte ein, das der gesetzlich vorgeschriebene Erzieher-Schlüssel in den KiTas sowie die Kompetenzen der Erzieher nicht ausreichend seien, hielt aber an seiner Grundauffassung fest, daß gut ausgebildete Erzieher ersatzweise die Bindungsfunktionen der Eltern erfüllen könnten, an denen es Kindern in Problemfamilien mangelt. Das Herausnehmen von "Kindern der Armut" aus der Familie als generalisierte Strategie bezeichnete dagegen Prof. Allert als "Katastrophe".

Eine Rechenaufgabe für Frau Verteidigungsminister

Die Schirmherrin Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg wendete sich mit einem Grußwort an die Teilnehmer. Viel Applaus erhielt sie für die Aussage, daß der Staat niemals die bessere Familie stellen könne. Elternschaft sie die verantwortungsvollste Aufgabe, die das Leben stellt. Kinder und Eltern müßten daher von Anfang an die richtige Unterstützung erfahren, auch und gerade diejenigen Mütter, die ihr Kind in den ersten Jahren selbst betreuen wollen.

Der Moderator Carlos A. Gebauer, der mit viel Humor durch die Tagung führte, entließ Freifrau zu Guttenberg mit einer kleinen Beispielrechnung. Aufgrund der Steuerbelastung müsse man heute 200.000 Euro erarbeiten, um ein Haus zu kaufen, das ohne Steuerbelastung nur 50.000 Euro kosten würde. Dies könne man auch für alles andere, was es zu kaufen gibt, in gleicher Weise an seinen zehn Fingern durchrechnen: "Siebeneinhalb von zehn Fingern gehören in diesem Land dem Staat". Gebauers Hausaufgabe für Freifrau zu Guttenberg: Wie viele Kinder könnten mehr, vor allem mehr Zeit, von ihren Eltern haben, wenn der Staat den Eltern mehr Finger beließe?

Klicken Sie hier, um eine Bildergalerie der Tagung zu sehen.

Weitere Informationen zur Tagung finden Sie auf der Internetseite des Veranstalters: Familiennetzwerk Deutschland.

Der Tagungsbericht erschien ursprünglich auf Familien-Schutz.de.

Foto: familien-schutz.de

 



Christoph Kramer, 19.06.2010 23:41 | Kommentare (5)




 
  Kommentare (5)

Lord V., 11.12.2010 12:01
Hallo "Sir" Toby,
"erziehen" hilft beim Leistungssport nur sehr begrenzt, wichtig ist ausdauerndes und zielgerichtetes Training
Und müssen denn alle "Hochsprung-Olympioniken" werden? Ich glaube, da liegt die Latte im doppelten Sinne zu hoch.
Rhetorisch ist der Kommentar ja durchaus geschickt, inhaltlich aber falsch, werter Olympionike!


Sir Toby, 26.11.2010 14:19
Kein Trainer kann kleinwüchsige Dicke zu Hochsprung-Olympioniken erziehen,...

Das ist falsch - Linke können das! Und wenn Linke nicht nur links, sondern auch noch grün sind, dann können sie nicht nur das, sondern einfach ... alles!! Kaputtmachen.


Freigeist, 06.07.2010 16:07
Der Vergleich zwischen 200.000 Euro und 50.000 Euro erstaunt im ersten Moment. Leider benötigen die Staatsaufgaben viel Geld, das leider aus Steuern bezahlt werden muss.

Paul Meier, 20.06.2010 19:09
Alles gut! So habe ich das auch gesehen! Es gibt doch noch vernüftige Menschen.

Meier, 20.06.2010 18:42
"Es sind nicht die Gene...", sondern das frühkindliche Umfeld, "bestätigen sich die Tagungsteilnehmer" wechselseitig. Natürlich hat das Umfeld in dem Kinder aufwachsen einen wesentlichen Einfluss, kann aber keine genetischen Komponenten quasi sozial vererben, sonst hätten ja bereits viele richtig handelnde Eltern völlig geniale Nachkommen.
Bei aller Euphorie sogenannter Bildungsforscher, sich im politischen Umfeld zu tummeln, den Menschen aus der Vererbung diverser Eigenschaften, bzw. Anlagen ausklammern zu wollen, führt nicht zu sinnvollen Ergebnissen.
Kein Trainer kann kleinwüchsige Dicke zu Hochsprung-Olympioniken erziehen, aber im Bildungswesen hält man daran fest, statt natürliche Minderbegabung als völlig normal zu akzeptieren und nicht noch mit einem Riesenaufwand gegen jede Vernunft ad absurdum zu führen.
Soziale Betreuung der Kinder hilft bestenfalls Mängel im elterlichen Umfeld zu lindern und dort liegen die wesentlichen "Knackpunkte".



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