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Wieder auf gutes Deutsch achten - Interview mit Dr. Gisela Spieß
Weitere Themen: Allgemein, Bildung



Dr. Gisela Spieß ist Regionalleiterin des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS) in Freiburg. Die promovierte Germanistin war als Studien- bzw. Oberstudienrätin in Hamburg, Salem und Überlingen tätig. FreieWelt.net sprach mit Frau Dr. Spieß über die deutsche Sprache, den VDS, seine Ziele und das schönste Wort der deutschen Sprache.

FreieWelt.net: Was will der Verein Deutsche Sprache erreichen?

Frau Dr. Spieß:
Wir wollen erreichen, daß unsere schöne und einst in der ganzen Welt geschätzte Sprache wieder mehr geachtet und nicht leichtfertig zerstört wird.

FreieWelt.net: Auf welchem Weg wollen Sie diese Ziele erreichen?

Frau Dr. Spieß:
Wichtig ist zunächst, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie unsere Sprache durch ständig eingefügte Englischbrocken und fehlerhaftes Deutsch zerstört wird, was wir durch Gespräche und Anschreiben zu erreichen versuchen.

FreieWelt.net: Sprachen haben sich schon immer gegenseitig beeinflusst.  Früher wurden vor allem Begriffe aus dem Lateinischen und dem Französischen entnommen, heute steht das Englische an erster Stelle.  Auch im Englischen gibt es aus dem Deutschen entliehene Wörter.

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  Ist der Sprachwandel nicht ein ganz normaler Vorgang?

Frau Dr. Spieß: Natürlich beeinflussen sich Sprachen gegenseitig, wogegen auch nichts einzuwenden ist. Es kommt nur darauf an, in welchem Maße das geschieht. So hat sich z.B. schon ein Cicero gegen die Übernahme zu vieler griechischer Wörter zur Wehr gesetzt. Und was heute bei uns in Deutschland geschieht, ist ja nicht mehr normal. Denn man benutzt (aus Angeberei oder Dummheit) plötzlich nicht mehr seine deutschen Wörter, sondern die englischen Übersetzunngen, und das auch oft noch falsch (body bag, public viewing usw.). Und wenn etwas Neues erfunden wird, übernehmen wir blindlings die englischen Bezeichnungen, während andere Völker Bezeichnungen in ihrer Sprache erfinden.

FreieWelt.net: Eine globalisierte Welt wie die unsrige benötigt eine allgemeine Verkehrssprache.  Das Englische hat sich in diesem Zusammenhang durchgesetzt.  Ist das nicht im Rahmen der internationalen Verständigung eher vorteilhaft?

Frau Dr. Spieß:
Wir haben keineswegs etwas gegen Englisch als allgemeine Verkehrssprache. Aber wir haben etwas dagegen, daß man in Deutschland nicht mehr deutsch spricht und daß man dadurch viele Menschen ausgrenzt und man eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schafft.

FreieWelt.net: Welche Aufgaben im Zuge der Sprachvermittlung sehen Sie bei den Eltern, welche bei den Schulen und welche bei den Medien?

Frau Dr. Spieß:
Die Eltern sollen mit ihren Kindern viel reden und auch vorlesen.  In den Schulen soll es nicht mehr um Spaß gehen, sondern es sollte wieder gelernt werden, und der Muttersprache müßte größere Bedeutung zugemessen werden.
Die Medien sollten endlich wieder auf gutes Deutsch achten und nicht ständig englische Bezeichnungen gebrauchen bzw. sogar einführen.

FreieWelt.net: Was ist für Sie das schönste Wort der deutschen Sprache?

Frau Dr. Spieß:
Da es so unendlich viele schöne deutsche Wörter gibt, ist es schwer für mich, das schönste zu nennen. So nenne ich eins der schönsten: Feierabend.

Der Verein Deutsche Sprache unter vds-ev.de


Das Interview führte Fabian Heinzel

Foto: Gisela Spieß/VDS e.V



Redaktion FreieWelt.Net, 10.06.2010 11:48 | Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Karin Pfeiffer-Stolz, 17.06.2010 23:22
Geier: bravo.
Die Rechtschreibreform ist der Sargnagel der Schriftkultur, und da Schrift auf die Sprache zurückwirkt, nimmt auch diese Schaden. Auf lange Sicht ist der Schaden, den die Rechtschreibreformer unter tatkräftiger Mithilfe der Politik angerichtet haben, jener Katastrophe vergleichbar, welchen Zentralbanken und Politik durch die Manipulation der Geldmenge heraufbeschwören. Leider haben die Menschen ein kurzes Gedächtnis. Was die Orthographie betrifft, so haben heute bereits viele Personen vergessen, daß wir vor 1996 eine gut funktionierende Rechtschreibung besaßen, die lernbar war. Die geschickte Propaganda hat den Mythos erzeugt, die Reform habe die Rechtschreibung erleichtert.
Die Wahrheit sieht anders aus: Die inkonsistenten Neuregeln widersprechen der inneren Logik einer gewachsenen Ordnung. Die Reform wirkt mithin wie ein Virus, der allmählich, Stück für Stück, das gesamte Gefüge zerrüttet. Wir sind auf dem Weg zum Chaos schon ein gutes Stück vorangeschritten. Und auf diesem Weg werden wir weitergehen müssen, sofern nicht das Ruder gänzlich herumgerissen und sämtlichen blödsinnigen „Regeln“ für überflüssig erklärt werden. Der Teufel muß zum selben Loch hinaus, wie er hereingekommen ist. Andernfalls muß man für die weitere „Ent“wicklung unserer Orthographie schwarz sehen.


wahre worte, 16.06.2010 20:01
Werte Frau Spieß,

vor gut 20 Jahren hat der Reformwahn unser Land heimgesucht; einer dieser wahnhaften Reformen war die „Rechtschreibreform“.

Es war erstaunlich zu erkennen, u.a., wie schlecht viele Mitbürger die deutsche Sprache in Schrift und Wort beherrschten. Diese Reform sollte vielfach helfen, die deutsche Sprache in schriftlicher Form vereinfacht anzuwenden. Ist dieses Ergebnis tatsächlich erreicht worden ? Ich denke nicht !

Derart viele sprachliche Unsinnigkeiten und begriffliche Umstrukturierungen. Die deutsche Sprache leidet und leidet.

Der sprachliche Austausch in Anwendung mit neuen Techniken (Handys, SMS, Internet etc.) zeigt, wie die sprachliche Substanz sich mehr und mehr zersetzt, besonders bei der jungen Generation. Einflüsse wie Medien, Mischung von Multikulturen und Wortkürzelgebrauch werden dem Sprachgebrauch künftig mehr und mehr verändern – und das nicht zum Guten.

Die Tendenz der nächsten Generationen geht in die pragmatische Anwendung und das wird die Sprachsubstanz weiter in Mitleidenschaft ziehen. Es ist jetzt schon manchmal erschreckend, der jungen Generation zuzuhören. Auch wenn viele Eltern versuchen darauf noch positiv Einfluss zu nehmen, wird der allgemeine Sprachgebrauch - wie oben beschrieben - sich verselbstständigen.

Geht man zeitlich in die Epoche der Linguistik zurück und zitiert die Bibel: „Am Anfang war das Wort“, so könnte das bedeuten, dass Sprachentwicklung in Abhängigkeit zur Zeit und ihrem Wandel steht. Damit hat deutsche Sprache eine Chance auf bessere Zeiten !


Geier, 14.06.2010 08:49
Solange der VDS an der sog. Neuen Rechtschreibung festhält — und diese verficht er; das »müßte« im Text ist wohl der Niederschrift des Inverviews anzurechnen, nicht aber der offiziellen VDS-Praxis — ist er nicht legitimiert, sich zu Fragen von gutem oder schlechtem Deutsch zu äußern. Gegen die Sprachzerstörung, die von dieser »Reform« ausgegangen ist, sind alle Anglizismen vergleichsweise harmlos.

Klimax, 13.06.2010 11:26
@Klinkmüller: "Ich möchte Ihnen die neue deutsche Rechtschreibung nahelegen (wenn schon müßte, dann müsste..."

Rechtschreibung ist nicht Sprache, da verwechseln Sie etwas. Zudem ist die neue Rechtschreibung nicht gewachsen, sondern ein Oktroy sog. "Experten", die von Politikern eingesetzt wurden. Die von diesen vorgesehenen neuen Regeln sind zum überwiegenden Teil schnell und hastig zurückgenommen worden, weil sie sich als unsinnig erwiesen. Das, was man belassen hat, dient letztlich nur dem Bedürfnis, die Reform nicht als völlig gescheitert ansehen zu müssen. Ich schreibe weiterhin nach der alten Rechtschreibung, wie es die meisten Autoren auch tun, wenn sie ihr Verlag nicht gängelt.

Kleines Beispiel gefällig? Heute soll man "Quäntchen" schreiben statt "Quentchen", weil unsere sog. Rechtschreibexperten finden, daß dies logischer, also der Etymologie gemäßer sei: wir sagen ja Quantum, nicht Quentum. In der Tat. Nur haben die angeblichen Experten nicht bedacht, daß unser Wort Quentchen mitnichten von Quantum kommt, sondern von einer alten Maßeinheit, dem Quent, die im Mittelalter nocht gebräuchlich war. Soviel zur Idiotie der "neuen" Besserwisserrechtschreibung.


Johannes G. Klinkmüller, 12.06.2010 15:23
Sehr geehrte Frau Dr. Spieß, Sie schreiben:

"Die Eltern s o l l e n mit ihren Kindern viel reden und auch vorlesen. In den Schulen s o l l es nicht mehr um Spaß gehen, sondern es s o l l t e wieder gelernt werden, und der Muttersprache m ü ß t e größere Bedeutung zugemessen werden.
Die Medien so l l t e n endlich wieder auf gutes Deutsch achten und nicht ständig englische Bezeichnungen gebrauchen bzw. sogar einführen."


Ist das gutes Deutsch, Frau Spieß, wenn Sie ständig das Modalverb "sollen" wiederholen?
Von "müssen" ganz zu schweigen.

Die Verwendung dieser Modalverben ist aus einem anderen Grund verräterisch: Wer sie verwendet, agiert gern aus dem Eltern-Ich heraus: Du musst ... Du sollst ... Du solltest ... Du müsstest ...

Auf diesem Hintergrund werden Sie kaum ein Kind, kaum einen Jugendlichen überzeugen, dass die deutsche Sprache liebenswert ist. Zumal Sie dieser altertümlichen Vorstellung verhaftet sind, richtiges Lernen sei offensichtlich nur dann gegeben, wenn Spaß ausgeschlossen ist.

Ich möchte Ihnen die neue deutsche Rechtschreibung nahelegen (wenn schon müßte, dann müsste) - ich bin nicht deren Freund, aber sie ist nun einmal da - und viel Spaß bei Ihrer an sich lobenswerten Tätigkeit wünschen.

Übrigens bin ich auch der Ansicht, dass Deutsch eine wunderbare und vielschichtige Sprache ist und ich bin dankbar, dass es meine Muttersprache ist.


Klimax, 12.06.2010 11:58
Liebe Freie Welt: "Früher wurden vor allem Begriffe aus dem Lateinischen und dem Französischen entnommen.." Sie wurden nicht entnommen sondern übernommen, sonst nämlich wären sie hinterher im Französichen bzw. Lateinischen verschwunden gewesen.

Liebe Frau Spieß: Gegen Griechisch hat sich bei den Römern vor allem der ältere Cato gewehrt, Cicero, der im übrigen das Griechische perfekt beherrschte, hat lediglich als erster eine adäquate lateinische Terminologie der griechischen Wissenschaftssprache gegenübergestellt, so wie das im Bereich der Philosophie etwa Christian Wolff für das Deutsche geleistet hat. Einen Kampf gegen das Griechische, vergleichbar mit unserem Versuch gegen das "Denglische", kann man Cicero sicher nicht anlasten.



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