Zu fast allen Zeiten und in vielen bekannten Kulturen wurde das ungeborene Leben offenbar anders als das geborene betrachtet – es war oft weniger geschützt. Selbst das in der jüdisch-christlichen Tradition eindeutige Tötungsverbot galt nicht immer automatisch und ebenso konsequent für das ungeborene Leben. So haben die herrschende Religion, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, nicht zuletzt der Stand der medizinischen Möglichkeiten und heute die "Apotheose" der Selbstverwirklichung das Umgehen mit dem ungeborenen Leben beeinflusst. Bei dem Konflikt der unerwünschten Schwangerschaft – aus welchen Gründen auch immer – stehen sich die Entscheidungsfreiheit der betroffenen Frau – ihr Selbstbestimmungsrecht und das Recht der ungeborenen Leibesfrucht auf Leben gegenüber. In einem Papier der EKD aus dem Jahre 1991 lesen wir, dass "das Selbstbestimmungsrecht von Menschen … kein Verfügungsrecht über das Leben eines anderen Menschen begründet." Ein Schwangerschaftsabbruch sei immer "Tötung menschlichen Lebens",… Selbstbestimmung fände ihre Grenze "am Lebensrecht des anderen".
FreieWelt.net:
In welchen Ausnahmefällen können Sie sich einen Schwangerschaftsabbruch vorstellen?
Prof. Ulrich: Es gibt Grenzsituationen, in denen sich für mich die Frage nach Abbruch der Schwangerschaft stellen kann: bei Gefahr für Leib und Leben der Mutter, bei verschiedenen kindlichen Fehlbildungen, die mit einem menschlichen Leben nicht vereinbar sind (so sind z. B. sehr selten das Gehirn oder das Herz nicht angelegt), oder bei Schwangerschaften nach Vergewaltigung. In unserer Klinik gehen wir sehr behutsam damit um und besprechen die Situation in unserem Ethikkomitee, in dem auch eine Seelsorgerin vertreten ist.
FreieWelt.net:
Was sind außer Behinderungen besonders häufige Gründe für eine Abtreibung und gibt es auch in Deutschland Fälle von pränataler Geschlechterselektion?
Prof. Ulrich: Am häufigsten geht es nicht um "Behinderungen" sondern um psychosoziale Gründe, die zur Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch führen. Bei den körperlichen "Behinderungen" ist es wegen ihrer Häufigkeit vor allem die Trisomie 21 beim erwarteten Kind, die Veranlassung zu einem Abbruch gibt.
FreieWelt.net:
Wie wirken sich Schwangerschaftsabbrüche auf die betroffenen Frauen psychisch aus?
Prof. Ulrich: Es ist schwierig, eine Reaktion angeben zu wollen, die für alle betroffenen Frauen verbindlich wäre. Ich kenne Frauen, die unter dem Abbruch seit Jahrzehnten seelisch leiden. Ich glaube, dass so ein Verlauf vielen betroffenen Frauen unter dem verwirrenden Eindruck des akuten Geschehens bzw. Eingriffs, der "das Problem" scheinbar löst, begreiflicherweise zunächst nicht gegenwärtig ist.
FreieWelt.net:
Wie wird Ihre Ablehnung von Abtreibungen in Ihrem beruflichen und wie in Ihrem persönlichen Umfeld aufgenommen?
Prof. Ulrich: Sehr unterschiedlich. Ich erlebe aber mehr Ablehnung und Unverständnis als Zustimmung.
Lebenslauf von Prof. Ulrich beim Martin-Luther-Krankenhaus
das Interview führte Beatrix von Oldenburg
Foto: U. Ulrich