suchen
28.05.2012
Einloggen | Registrieren
 
 
 
"Geringschätzung von Eltern" - Interview Prof. Schroeter
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Familie



Prof. Dr. Johannes Schroeter ist Landesvorsitzender des Familienbundes der Katholiken in Bayern und Vater von vier Söhnen. Im Interview mit FreieWelt.net sprach er über die Intoleranz der Gesellschaft gegenüber der Entscheidungsfreiheit der Familien, über die Überheblichkeit mancher Bildungs- und Erziehungsdienstleister und über die Rivalitäten um die Schaffenskraft der Eltern.

FreieWelt.net: Prof. Schroeter, als Landesvorsitzender des Familienbundes der Katholiken in Bayern engagieren Sie sich bereits seit vielen Jahren für eine familiengerechte Ausgestaltung von Politik und Gesellschaft. Wie beurteilen Sie das familienpolitische Handeln der schwarz-gelben Koalition und der neuen Familienministerin Kristina Schröder seit der Bundestagswahl im letzten September?

Prof. Dr. Johannes Schroeter: Ich bin unschlüssig. Es gab begrüßenswerte Fortschritte bei Kindergeld und Kinderfreibetrag. Als ärgerlich empfand ich aber die Geringschätzung von Eltern, die in den koalitionären Streitigkeiten um das Betreuungsgeld zum Vorschein kam.

FreieWelt.net: Die Regierung hat gleich nach ihrem Amtsantritt das Kindergeld und den Kinderfreibetrag erhöht. Eine zweite Erhöhung ist noch in dieser Legislaturperiode in Aussicht gestellt. Aus der Opposition, aber auch aus den eigenen Reihen der Regierungskoalition, werden diese Fortschritte im Familienlastenausgleich aber immer wieder heftig angegriffen. Auch andere familienpolitische Leistungen, etwa das Elterngeld oder das geplante Betreuungsgeld, geraten immer mehr in die Kritik. Worin sehen Sie die Ursachen für solche Angriffe?

Prof. Dr. Johannes Schroeter:
Ich sehe die Ursachen teils in Intoleranz, teils in Überheblichkeit und teils in wirtschaftlicher Rivalität. Intoleranz besteht in Teilen unserer Gesellschaft gegenüber der verbrieften Freiheit der Familien, die Bildung und Erziehung ihrer Kinder vorrangig selber zu bestimmen.

Artikel weiterlesen  
ANZEIGE


„Geld ist gemünzte Freiheit“, hat Dostojewski einmal geschrieben. Es ließe Eltern viele Möglichkeiten, die Bildung und Erziehung ihrer Kinder zu gestalten. Diese Freiheit ist mancher ein Dorn im Auge, die keinen anderen Lebensentwurf als den eigenen dulden mag. Das gilt auch im Hinblick auf die Wahl von Eltern zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit.

Überheblichkeit ist da anzutreffen, wo Dienstleister im Bereich der Bildung und Erziehung nicht dienen, sondern dominieren wollen. Manchen hat seine fachliche Ausbildung in einem Dienstleistungsberuf nicht gebildet, sondern verbildet. „Bildung beginnt bei der Betreuung“, ist ein Satz, der sich beispielsweise bei einem großen deutschen Sozialdienstleister findet. Hier wird indirekt in Abrede gestellt, dass im Elternhaus überhaupt Bildung stattfinden könne. Wer so redet, hat keinen Dienst an den Familien im Sinn, schon gar nicht im Sinn christlicher Nächstenliebe. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Forderung, familiäre Bildung und Erziehung gegenüber anderen Alternativen finanziell zu diskriminieren. Das Problem beginnt schon da, wo sich Erziehungsdienstleister als „Erziehungspartner“ gerieren und damit beanspruchen, dass sie den Eltern bezüglich der Rechte und Pflichten bei der Kindererziehung gleich gestellt seien.

Schließlich gibt es Probleme durch wirtschaftliche Rivalität. In dem Ausmaß, in dem außerfamiliäre Bildung und Erziehung zum Zweck der Erwerbstätigkeit betrieben wird, werden Betreuungsanbieter zu Konkurrenten der Eltern. Familien und außerfamiliäre Anbieter konkurrieren gegeneinander um die knappe Ressource der staatlichen Förderung. Von daher erklären sich manche Appelle der Betreuungsdienstleister, das staatliche Geld nicht in Familien zu geben, aus ökonomischen Rivalitäten. – Daneben gibt es Rivalitäten um die Schaffenskraft der Eltern. Die Wirtschaft fürchtet erklärtermaßen eine Verknappung von Arbeitskräften im Demografischen Wandel. Dem meint sie entgegen wirken zu können, indem Eltern sich weniger als bisher mit ihren Kindern beschäftigen und dafür stärker erwerbstätig sind. Als praktikables Steuerungsinstrument wird das Geld angesehen: die Entscheidung für Erwerbstätigkeit soll mit hohen Subventionen für den resultierenden Betreuungsbedarf abgefedert werden, während die Erwerbsausfälle mit voller Wucht auf die Eltern durchschlagen sollen, die sich für Erziehungsarbeit entscheiden. Solchermaßen kann man etlichen Eltern tatsächlich die Kindererziehung austreiben. Tragikomisch ist vor diesem Hintergrund aber das Lamento der Wirtschaftsverbände über die zunehmende Zahl unerzogener Lehrstellenbewerber.

FreieWelt.net: Nehmen wir einmal an, Sie hätten drei familienpolitische Wünsche an die Regierung frei. Was würden Sie sich wünschen?

Prof. Dr. Johannes Schroeter:
Ich glaube, ich würde mir nur eines wünschen: Die Einführung eines Allgemeinen Wahlrechts in Deutschland. Jeder Staatsbürger muss zukünftig ein Wahlrecht haben, auch die Kinder. „One man, one vote“ – ein Mensch, eine Stimme. Nur so kämen die Familien zu einem politischen Gewicht, das auch ihrem Bevölkerungsanteil entspräche. Erst dann wird es politisch möglich sein, für eine nachhaltige familienpolitische Entwicklung die erforderlichen Stimmenmehrheiten zu finden. In den vergangenen beiden Bundestagen hat es immerhin schon zwei interfraktionelle Anträge gegeben, die genau diese Entwicklung zum Ziel hatten. Das stimmt mich hoffnungsvoll.

Zum Familiebund-Bayern.de

Das Interview führte Kerstin Schneider

Foto: J. Schroeter



Redaktion FreieWelt.Net, 10.05.2010 10:55 | Kommentare (3)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (3)

Franz Josef Neffe, 10.05.2010 22:01
Die Eltern von heute haben ihre Pädagogik als Schüler der Schule von gestern gelernt. Wenn die Schule von heute mit dieser Pädagogik nicht einverstanden ist, dann ist SIE in der BRINGSCHULD. Als Ich-kann-Schule-Lehrer fand ich es schon immer unwürdig, als PROFI LAIEN den Schwarzen Peter zuzuschieben. Das ist keine Problemlösung; das ist kontraproduktiv.
Wenn man nur wählen darf, wenn man weiß, was man wählt, müsste man in Deutschland den mneisten Erwachsenen das Wählen verbieten. Wenn ich konkret mit Kindern die Probleme löse, die Erwachsene angerichtet haben, dann verstehen die Kinder stets schnell, besser und tiefer, worum es geht. Und genau deshalb gelingt es ihnen, sogar Erwachsene zu ändern, die umgekehrt weder andere noch sich verändern konnten.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe


Friedemann, 10.05.2010 14:13
@Klimax
Ein durch die Eltern wahrgenommenes Wahlrecht für die Kinder könnten meines Erachtens deren Interessen sowie die Interessen der Kinder besser vertreten helfen. Natürlich dürfen Mütter dabei nicht bevorzugt werden, jeder Vater sollte, auch wenn die Mutter das alleinige Sorgerecht hat, pro Kind eine halbe Stimme zusätzlich bekommen, sofern er sich am Unterhalt beteiligt. Die überall gefühlten und häufig objektiven Benachteiligungen richten sich nicht nur gegen Väter, sondern gegen Männer und Jungen allgemein, aber auch gegen Mütter, die diese Rolle noch ernst nehmen und sich selbst um ihr Kind kümmern wollen. Ich sehe gerade in der Einführung eines allgemeinen Wahlrechts eine, wenn auch sehr begrenzte Möglichkeit, sich gegen Feminismus und Staat etwas besser zur Wehr setzen zu können.


Klimax, 10.05.2010 11:24
Ein Kinderstimmrecht wäre eine Katastrophe. Wählen kann nur, wer weiß was er wählt. Wer wählt dann für mein Baby? Ich ahne es schon: im mütterseligen und väterfeindlichen Deutschland immer nur die Mama. Dann haben Frauen, sofern sie Kinder haben und sofern diese noch nicht selbst bestimmen können, fortan zwei Stimmen. Ergebnis: noch mehr Feminismus. Noch mehr Staat.
Nein danke. Gewählt wird ab 18. Dabei sollte es bleiben.



Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*

Bitte Geben Sie für die Freischaltung das Ergebnis ein:

Click to reload image
 
 
 



Spruch des Tages
"Die guten Ratschläge verdanken ihren ausgezeichneten Ruf dem Umstand, dass sie niemals befolgt werden." Daniel Spitzer

ANZEIGE

ANZEIGE

Galerien

Europolis: Tagung zur Reform der europäischen Währungsordnung Europolis: Tagung zur Reform der europäischen Währungsordnung

Stuttgart: Anti-ESM-Demonstration des Aktionsbündnis Direkte Demokratie Stuttgart: Anti-ESM-Demonstration des Aktionsbündnis Direkte Demokratie

Südkongreß "ESM-Vertrag - der Weg in die Schulden- und Inflationsunion? Entdemokratisierung Europas?" Südkongreß \"ESM-Vertrag - der Weg in die Schulden- und Inflationsunion? Entdemokratisierung Europas?\"


Interviews

Steffen J. Roth Betreuungsgeld aus Zweifeln an anderen staatlichen Wohltaten geboren
Steffen J. Roth
Institut für Wirtschaftspolitik an der Kölner Universität

Dr. Albert Wunsch Wieso fehlt zu vielen Jugendlichen eine Gewalt-Bremse?
Dr. Albert Wunsch
Therapeut, Erziehungswissenschaftler

Dr. med. Rainer Böhm Betreuungsgeld ist sinnvoll und notwendig
Dr. med. Rainer Böhm
Kinder- und Jugendarzt

Alexander Ulfig »Gleichstellungspolitik führt zu Ungerechtigkeiten«
Alexander Ulfig
http://qualifikation-statt-quote.de/

Hedwig Beverfoerde, Birgit Kelle JA zum Betreuungsgeld!
Hedwig Beverfoerde, Birgit Kelle
Initiative Familienschutz, Frau2000plus

Mehr Interviews


Video

Zivile Koalition: Stoppt ESM-Vertrag - Stoppt Schulden- und Inflationsunion Zivile Koalition: Stoppt ESM-Vertrag - Stoppt Schulden- und Inflationsunion

Thilo Sarrazin: Europa braucht den Euro nicht Thilo Sarrazin: Europa braucht den Euro nicht

EU: Treaty of debt - stop it now! (engl. Version von EU: Treaty of debt - stop it now! (engl. Version von

Stoppt EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! auf Abgeordneten-Check.de Stoppt EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! auf Abgeordneten-Check.de

Hedwig Beverfoerde zum Betreuungsgeld Hedwig Beverfoerde zum Betreuungsgeld


Umfrage

Würden Sie sich für die Einführung eines "Nord-Euro" aussprechen?

Foto: Lupo / pixelio.de




Ergebnis

Meist gelesen
    Offener Brief an die Betreuungsgeld-Skeptiker der FDP

    Dr. Rainer Böhm: Betreuungsgeld ist sinnvoll und notwendig

    Rösler: Weniger Solarsubventionen

    Pressekonferenz: Anti-ESM-Großdemonstration in München

    EU-Ausschuss will Eurobonds

Empfohlene Blogs

author Beatrix von Storch
Ohne Euro bricht alles zusammen- und mit Euro???

author Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
Unsere Politiker verachten das eigene Volk

author Jürgen Liminski
Vom Pudding zum Präsidenten - Die Metamorphose des Francois Hollande

author Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
Die Deutschen haben die Wahlen verloren

author Birgit Kelle
Kinder statt Klappstühle

author Beatrix von Storch
Der sog. Fiskalpakt - oder wie man einen ganzen Kontinent verschaukelt

author Beatrix von Storch
Der finale ESM-Vertrag - Ende von Demokratie und Parlamentsvorbehalt


Reportage

Thilo Sarrazin: Buchvorstellung in Potsdam Thilo Sarrazin: Buchvorstellung in Potsdam

Die eigenartige Zurückhaltung des Westens Die eigenartige Zurückhaltung des Westens

Mit der Brechzange in die Familien Mit der Brechzange in die Familien

Wer errechnet eigentlich die Inflation? Wer errechnet eigentlich die Inflation?

Hans-Olaf Henkels Euro-Aufklärungstour: "Es gibt Alternativen." Hans-Olaf Henkels Euro-Aufklärungstour: "Es gibt Alternativen."

Mehr Reportagen


Empfohlene Beiträge

Offener Brief an die Betreuungsgeld-Skeptiker der FDP Offener Brief an die Betreuungsgeld-Skeptiker der FDP

Familienschutz startet Online-Initiative "JA zum Betreuungsgeld" Familienschutz startet Online-Initiative "JA zum Betreuungsgeld"

Und jetzt die Inflationsunion! Und jetzt die Inflationsunion!

FDP und ESM - Ein Beitrag von Prof. Vaubel FDP und ESM - Ein Beitrag von Prof. Vaubel


Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Schlagworte

Deutschland Wetter




Finanzkrisen
Börse setzt Handel mit Bankia-Aktien aus
Merkel plant EU-Sonderwirtschaftszonen
EU -Warnung an Griechenland
Nahost-Konflikt
Die Sorge um Syrien nimmt zu
Doch keine Neuwahlen in Israel
Pakistan testet erfolgreich Rakete
DDR-Unrecht
Vaatz prangert Heuchelei an
Stasi-Unterlagen: 20 Jahre - 2,8 Millionen Akten-Einsichten
"Von oben" verordneter EU-Unionsstaat birgt totalitäre Tendenzen
Allgemein
Betreuungsgeld aus Zweifeln an anderen staatlichen Wohltaten geboren - Interview mit Steffen J. Roth
Chef der Vatikanbank gefeuert
Muslim-Brüder liegen in Ägypten vorn
Bildung
Pressekonferenz: Anti-ESM-Großdemonstration in München
Offener Brief an die Betreuungsgeld-Skeptiker der FDP
Interview: JA zum Betreuungsgeld!
Reformen
Börse setzt Handel mit Bankia-Aktien aus
Merkel plant EU-Sonderwirtschaftszonen
Thilo Sarrazin: Buchvorstellung in Potsdam
Wirtschaftspolitik
Betreuungsgeld aus Zweifeln an anderen staatlichen Wohltaten geboren - Interview mit Steffen J. Roth
Börse setzt Handel mit Bankia-Aktien aus
Merkel plant EU-Sonderwirtschaftszonen
Familie
Betreuungsgeld aus Zweifeln an anderen staatlichen Wohltaten geboren - Interview mit Steffen J. Roth
Dr. Wunsch kritisiert Caritas und Diözese Rottenburg-Stuttgart
Württemberger Katholiken: Krippenausbau ist alternativlos
Autoindustrie
Opel in Bochum vor dem Aus?
Opel-Krise schwelt weiter
Neuer Schock für Opel
Wahlen
Betreuungsgeld aus Zweifeln an anderen staatlichen Wohltaten geboren - Interview mit Steffen J. Roth
Muslim-Brüder liegen in Ägypten vorn
Europäer diskutieren Eurobonds
1945-49/Verfassungsbruch1990
Ein politisch tatsächlich bedeutsames Plagiat: Der Verfassungsbruch von 1991
Demonstrative Einigkeit um Zentrum für Vertriebene
Deutscher Richter: Bananenrepublik in Sichtweite
Justiz
Stoiber-Tochter verliert Doktortitel endgültig
Terrorhelfer verliert Arbeitsplatz
»Blockupy« glimpflich verlaufen

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008