FreieWelt.net:
Hätten Sie unter anderen Voraussetzungen eine Europäische Währungsunion gut geheißen?
Joachim Starbatty: Eine Währungsunion, deren Mitglieder über lange Zeit ihre Fähigkeit zu währungspolitischer Disziplin unter Beweis gestellt hätten - die Schweiz, Österreich, Niederlande, Deutschland, Finnland -, wäre ein voller Erfolg geworden. Andere Länder hätten sich diesem Stabilitätsblock dann anschließen können.
FreieWelt.net: Was für eine Politik würden Sie angesichts der aktuellen Griechenlandkrise, von der befürchtet wird, dass sie sich auf den gesamten Euroraum ausweitet, empfehlen?
Joachim Starbatty: Man kann Griechenland nur aus eigenem nationalen Interesse empfehlen, aus der Währungsunion auszuscheiden. Dann kann es abwerten, seine Exporte, vor allem in der Touristikbranche, erhöhen und inländische, statt ausländische Arbeitskräfte beschäftigen. Die Schuldenfrage muss in einer europäischen Konferenz geregelt werden.
Die jetzt Griechenland aufgezwungenen Maßnahmen sind das Gegenteil von dem, was Ökonomen für solche Situationen empfehlen. Die Maßnahmen für Griechenland gleichen der Brüningschen Politik während der Weltwirtschaftskrise (1929), die allgemein als verhängnisvoll angesehen wird. Es wird auch in Griechenland die Stimmung radikalisieren. Den Beginn haben wir bereits gesehen.
FreieWelt.net: Sie sind einer der Autoren des 2008 initiierten „Jenaer Aufrufs zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft. Was sind die Kernforderungen dieses Aufrufs?
Joachim Starbatty: Es entspricht der Würde jedes Menschen, dass er für die Erwirtschaftung seines Lebensunterhalts zunächst selbst verantwortlich ist. Für den Einzelnen muss Raum bleiben, private Vorsorge zu treffen und Vermögen zu bilden. Dies ist die entscheidende Voraussetzung für eine Gesellschaftsordnung, in der der einzelne Verantwortung übernimmt und sich auch für den Nächsten verantwortlich fühlt.
Inzwischen müssen sich die Staatsbürger stattdessen entmündigt fühlen. Die Unterzeichner des Jenaer Aufrufs fordern daher die Politik auf, die Kosten der Sozialleistungssysteme transparent zu machen. Die Findigkeit der Menschen, die Leistungen kollektiv finanzierter Sozialsysteme auszuschöpfen und sie damit zum Einsturz zu bringen, wird bei stärkerer Eigenverantwortung in eine Richtung gelenkt, in der die Nachhaltigkeit ins Zentrum rückt. Jetzt wirkt sich individuelle Kreativität zum Nutzen aller aus.
FreieWelt.net: Wie sehen Sie die wirtschaftliche Zukunft Europas?
Joachim Starbatty: Wenn die Regierungschefs wahr machen, dass sie im Falle eines Falles Griechenland finanziell beistehen, dann machen sie ein Fass ohne Boden auf. Andere gefährdete Mitgliedstaaten werden dann nicht wie erforderlich ihre Staatsfinanzen sanieren, sondern auf finanzielle Hilfe warten. Dann ist sicher, dass die Währungsunion auseinanderbricht, unsicher ist bloß der Zeitpunkt.
Das Interview führte Fabian Heinzel
zur Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft
(Foto: Joachim Starbatty)