Je nach der Höhe des Einkommens werden ab bestimmten Grenzen Sozialabgaben fällig. Allerdings ist das verfügbare Einkommen nach dem liberalen Bürgergeldmodell immer höher als im derzeitigen Hartz-IV-System. So wird gewährleistet, dass die Aufnahme von Arbeit für den Bürgergeldempfänger immer lohnenswert ist.
FreieWelt.net: Was würde die Einführung kosten und wer wird diese Kosten tragen?
Kerstin Funk: Im Gegensatz zu allen anderen Grundeinkommensvorschlägen ist das liberale Bürgergeld finanzierbar. Durch die Einführung des liberalen Bürgergelds würden nach vorsichtigen Berechnungen rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze entstehen, und zwar vor allem im Niedriglohnbereich. Dadurch erhöhen sich die Steuereinnahmen und auch das Sozialsystem wird entlastet. Neben der zusätzlichen Einkommensteuer wird es weitere sogenannte dynamische Effekte geben, zum Beispiel durch eine Konsumsteigerung und die damit verbundenen zusätzlichen Mehrwertsteuereinnahmen. Alleine infolge der Arbeitsangebotseffekte finanziert sich das Bürgergeld von selbst. Dies ist auch deshalb der Fall, weil aufgrund der Bedürftigkeitsprüfung die Zahl der Bürgergeldempfänger weitaus geringer ist als bei anderen Vorschlägen.
FreieWelt.net: Laut dem erfolgreichen Unternehmer Götz Werner und Initiativen wie der „Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen“ wäre auch das bedingunslose Grundeinkommen eine realistische Option.
Kerstin Funk: Die scheinbar gerechte und soziale Lösung des bedingungslosen Grundeinkommens hat unterschiedlichste gefährliche Konsequenzen, und zwar sowohl in politischer, ökonomischer als auch gesellschaftlicher Hinsicht.
Grundeinkommen wäre Schweigegeld
Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist in politischer Hinsicht illusionär. Auch langfristig können nicht alle bzw. die meisten Sozialleistungen abgeschafft werden. Dies würde vor allem jene treffen, die nicht nur der finanziellen Hilfe der Gesellschaft bedürfen, sondern andere Hilfen benötigen. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre für diese Menschen eine Art „Schweigegeld“ und würde sie langfristig in die Abhängigkeit des Staats bringen.
Die Grundintention sozialer Sicherungssysteme – vor allem im sozialen Sicherungssystem der sozialen Marktwirtschaft - ist die Vermeidung elementarer Armut und die Senkung der Arbeitslosigkeit durch verbesserte Arbeitsanreize. Diesen Zielen wird das bedingungslose Grundeinkommen nicht gerecht. Es bietet keinerlei Anreiz zur Arbeitsaufnahme, sondern zerstört vielmehr die Arbeitsmoral. Durch die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens wird der Staat vom Helfer in der Not zum Einkommensgaranten. Dies ist jedoch keine Staatsaufgabe, vor allem keine sozialpolitische Staatsaufgabe.
Aus ökonomischer Sicht benötigt der gesamtwirtschaftliche Produktionsprozess den Faktor Arbeit, um das Volkseinkommen zu erwirtschaften. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass bei Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens die Menschen nicht mehr arbeiten, sondern sich mit den teilweise sehr hohen staatlichen Transfers wirtschaftlich einrichten. So würde der Faktor Arbeit hoch belastet, es käme zu einem verringerten Arbeitsangebot und zu einer geringeren Produktion. In der Konsequenz ist daher mit negativen Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft zu rechnen.
Auch aus gesellschaftlicher Sicht hat das bedingungslose Grundeinkommen erhebliche Folgen. So wird es insbesondere in Kreisen der gering qualifizierten Bevölkerung gleichsam zu einer „Karriere“ hin zum Transferempfänger und zur Herausbildung eines Prekariats kommen. Besonders junge Menschen werden ihren Freizeitpräferenzen nachgeben und keine Anstrengungen zur Ausbildung oder Qualifizierung unternehmen. Statt dessen ist zu erwarten, dass durch eine „effektive“ Kombination aus staatlichem Grundeinkommen, regulärem Teilzeiteinkommen und Schwarzarbeit die Transferempfänger jeweils für sich die höchstmöglichen Einkommen „erwirtschaften“.
Durch ein Grundeinkommen droht eine soziale und kulturelle Spaltung
Darüber hinaus droht eine soziale und kulturelle Spaltung der Gesellschaft: Die lange Abwesenheit von der Erwerbstätigkeit reduziert die Erwerbsfähigkeit drastisch, so dass es zu einer Spaltung von dauerhaft Erwerbstätigen und dauerhaft Erwerbslosen kommen wird.
Weitere – entscheidende – Argumente gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen finden sich in haushaltspolitischer Hinsicht. Verschiedene Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens wurden auf ihre finanziellen Auswirkungen hin berechnet. Alle diese Berechnungen haben gezeigt, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen mit erheblichen Kosten für die öffentlichen Haushalte verbunden wäre. Dies ist angesichts der enorm hohen Schulden der öffentlichen Haushalte kaum vorstellbar.
FreieWelt.net: Warum setzt eine liberale Partei wie die FDP nicht stärker auf ein versicherungsorientiertes System, in dem Art und Höhe von Sozialleistungen wieder stärker von den zuvor eingezahlten Beiträgen abhängen?
Kerstin Funk: Das gegenwärtige Sozialversicherungssystem ist nur dem Namen nach ein Versicherungssystem, denn es verteilt sehr stark um. Dies würde in einem „richtigen“ Versicherungssystem nicht geschehen. Gleichwohl ist in der sozialen Marktwirtschaft eine Mindestsicherung für die Bürger erforderlich. Das liberale Bürgergeld folgt den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft: nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe sichert der Sozialstaat jedem Bürger die Chance, so weit wie möglich aus eigener Kraft ein selbst bestimmtes Leben führen zu können. Nach dem Leistungsprinzip bekommt jeder Bürger die Chance, seine Lebenssituation eigenverantwortlich durch eigene Leistung zu verbessern. Und nach dem Solidaritätsprinzip muss derjenige, der staatliche Leistungen in Anspruch nimmt, zu einer zumutbaren Gegenleistung an die Gesellschaft bereit sein. Die Liberalen möchten für bedürftige Bürger eine Grundsicherung gewährleisten. Aber darüber hinaus sind alle Bürger aufgefordert, privat für sich vorzusorgen. Das können sie dann im Rahmen wirklicher, freiwilliger Versicherungen tun.
FreieWelt.net: Wer hat Anspruch auf das Bürgergeld? Und schaffen nicht Bürgergeld und Grundeinkommen gleichermaßen einen Anreiz, nach Deutschland einzuwandern, nur um entsprechende Gelder zu erhalten?
Kerstin Funk: Anspruch auf Bürgergeld haben diejenigen, die nicht oder nur teilweise in der Lage sind, das Existenzminimum aus eigener Kraft zu erwirtschaften. Anders als beim Bedingungslosen Grundeinkommen ist daher beim Bürgergeld kein „Trittbrettfahrerverhalten“ zu erwarten. Beim Bedingungslosen Grundeinkommen verhält sich das ganz anders. Hier ist mit einer erheblichen Wohlfahrtswanderung nach Deutschland zu rechnen, die wiederum den sozialen Frieden gefährden könnte.
FreieWelt.net: Was geschieht mit den bisherigen Sozialleistungen, etwa den Rentenansprüchen? Wirkt sich der Anspruch auf das Bürgergeld in irgendeiner Weise auf diese aus?
Kerstin Funk: Im Liberalen Bürgergeld werden möglichst alle steuerfinanzierten Sozialleistungen zusammengefasst. So wird das Sozialsystem überschaubar und transparent. Die Rentenansprüche sind umlagefinanzierte Leistungen. Sie werden nicht in den Universaltransfer einbezogen.
(Foto: Kerstin Funk)
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Die Gegenposition zu Dr. Kerstin Funk vertritt der Philosoph Ralph Boes von der "Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen". Boes plädiert für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro. Lesen Sie auch das Interview mit Ralph Boes:
1000 Euro bedingungsloses Grundeinkommen