Wir selbst wollten in typisch deutscher Weise unbedingt eine Genehmigung haben für das, was wir tun und natürlich auch mehr Freiheit für alle erreichen. Deswegen haben wir für unsere Kinder die Genehmigung für diese Form der Bildung beantragt und, als man uns diese Genehmigung verweigerte, gegen unser Bundesland Bremen geklagt. Bisher haben wir in allen Instanzen bis hin zum Bundesverwaltungsgericht glatt verloren, und unser Anwalt bereitet jetzt die juristische Auseinandersetzung auf EU-Ebene vor. Insofern war unsere Klage juristisch (und finanziell) ein Desaster, aber durch die Medienaufmerksamkeit, die wir (und etliche andere Homeschool-Familien) mit solchen Prozessen erhielten, ist es heute überhaupt in Deutschland bekannt, dass es diese Bildungsalternative gibt und dass wir praktisch das einzige entwickelte Land sind, wo sie (seit 1938) kriminalisiert wird.
Parallel zu unseren Prozessen wurden uns Zwangsgelder bis 7.500 € auferlegt, der Gerichtsvollzieher kam, um diese Gelder zu pfänden, man drohte mit Erzwingungshaft, sperrte uns sämtliche Konten (für uns als Selbstständige besonders schlimm) und legte uns nahe, doch endlich ins Ausland zu verschwinden. Zu diesem Schritt entschlossen haben wir uns dann aber vor allem aufgrund des Damoklesschwerts eines Sorgerechtsentzugs, wie er immer wieder gegen Homeschool-Eltern ausgesprochen und vom Bundesverfassungsgericht und Ende 2007 auch vom Bundesgerichtshof ausdrücklich als angemessen legitimiert worden ist. Seit Januar 2008 leben wir überwiegend im EU-Ausland (vor allem Frankreich und Spanien, siehe auch den kürzlich ausgestrahlten
ZDF-Film). Das ist für uns ein beträchtliches Opfer, denn wir möchten viel lieber ganzjährig in unserer Heimatstadt leben, wo unsere Verwandten und Freunde sind. Aber wir sind sicher, dass sich der deutsche Sonderweg nicht mehr lange halten wird. Schade ist nur, dass derzeit so viele bildungsnahe, stabile Familien mit wunderbaren Kindern jedes Jahr Deutschland verlassen, um ihren Kindern eine
Bildung in Freiheit zu ermöglichen.
Freie Welt:
Traut der Staat den Eltern zuwenig zu?Dagmar Neubronner: Die meisten Eltern trauen sich leider selbst zu wenig zu, obwohl sie ja in der Regel das Schulsystem durchlaufen haben, also nach staatlicher Logik topfit sein sollten. Auch im Grundgesetz heißt es ja eindeutig, dass den Eltern „zuvörderst“ die Sorge für die Erziehung der Kinder obliegt – und dem Staat nur ein Wächteramt. Der deutsche Staat behauptet aber einen (im Grundgesetz nicht vorgesehenen und bürgerrechtlich sehr zweifelhaften) „staatlichen Erziehungsauftrag“, Olaf Scholz (SPD) spricht sogar von der „Lufthoheit über den Kinderbetten“, die der Staat haben müsse.
Und die Begründung? Der offensichtliche Bildungserfolg beim Homeschooling wurde in vielen Studien zweifelsfrei nachgewiesen - und zwar auch und gerade für Kinder aus bildungsfernen oder Migrantenfamilien! Angesichts der katastrophalen Bildungsergebnisse unseres Schulsystems steht daher das Argument von der fehlenden Bildungskompetenz der Eltern nicht im Vordergrund. Stattdessen behauptet der Staat allen Ernstes, Kinder könnten im heimischen Umfeld nicht zu demokratiefähigen, toleranten Bürgern heranwachsen. Das passt zu der Diskriminierung der Lebensform Familie in vielen Medien.
Freie Welt:
Kommen wir zur Familie Romeike, die jetzt gerade in den USA politisches Asyl erhalten hat, weil das US-Gericht in ihr Angehörige einer verfolgten gesellschaftlichen Gruppe sieht. Die Familie betont, streng religiös zu sein. Ist es nicht gefährlich, wenn Kinder mit einseitigen Werten erzogen werden?
Dagmar Neubronner: Gefährlich finde ich es, wenn der Staat sich anmaßt, darüber zu befinden, was die richtigen Werte sind. Unter dem Vorwand, alle Kinder müssten viele Werte kennenlernen, damit sie Toleranz leben, wird die Möglichkeit, Werte zu vermitteln und individuell Lebensentwürfe umzusetzen, abgeschafft. Genauso wie ein holländisches Gericht befunden hat, eine Dreizehnjährige dürfe nicht allein um die Welt segeln, und zwar deswegen nicht, weil sie die Gesellschaft Gleichaltriger brauche. Was ist das für eine Anmaßung? Menschen sind doch unterschiedlich!
Gefährlich finde ich auch, wenn wir Bürger uns dafür rechtfertigen müssen, in welcher Form wir unseren Kindern Bildung ermöglichen wollen. Alle anderen entwickelten Demokratien gestehen ihren Bürgern das Recht zu, ihre Lebensform selbst zu wählen – sind Ihnen aus Österreich, Dänemark, Skandinavien, England, Irland, USA, Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland usw. bereits Berichte über die immer wieder durch Kriminalität auffälligen Homeschooler zu Ohren gekommen? Die gibt es nicht.
Freie Welt:
Aber was ist mit den sozial schwachen Familien? Würden die nicht massenhaft ihre Kinder zu Hause behalten, wenn die Schulpflicht fallen würde? Was ist mit radikalen Moslems?Dagmar Neubronner: Schauen Sie sich doch bei uns in Deutschland um: Die Kinder der „sozial Schwachen“ schwänzen bereits heute so massenhaft die Schule, trotz Schulzwang, dass die Behörden praktisch machtlos sind. Diese Eltern beantragen nicht die Erlaubnis, ihre Kinder selbst unterrichten zu dürfen, sondern bleiben einfach im Bett liegen. Eine Legalisierung des Hausunterrichts würde sie in keiner Weise berühren. Und religiöse Fundamentalisten, ob Moslems oder Christen, überlassen die Indoktrinierung ihrer Kinder nicht irgendwelchen einzelnen Muttis und Papis, sondern gründen weltanschaulich gebundene Schulen. Die wiederum sind vom Grundgesetz im Rahmen der Religionsfreiheit ausdrücklich vorgesehen. Nein, die Homeschoolfamilien, die ich kenne, sind Individualisten und Nonkonformisten und äußerst engagiert für das Wohl und die Bildung ihrer Kinder.
Freie Welt:
Warum ist man denn dann in Deutschland so eisern?Dagmar Neubronner: Erstens sind wir Deutschen sehr stolz darauf, die Schulpflicht erfunden zu haben, und trennen uns ungern von diesem Verdienst.
Zweitens gibt es in Deutschland, vielleicht aufgrund des Nazi-Traumas, ein generelles Misstrauen gegen die Bildungs- und Demokratiekompetenz der Bürger – man möchte alles unter Kontrolle haben, um „Parallelwelten“ vorzubeugen und sieht jede Weitergabe individueller Werte mit Misstrauen. Man will alle Kinder im demokratischen Geist erziehen und sieht nicht, dass Demokratie Vielfalt und Freiheit und das Recht auf individuelle Lösungen und Experimente braucht, wenn man nicht zerstören will, was man zu schützen vorgibt.
Drittens hängen viele Deutsche der Illusion nach, Schule könne Chancengleichheit herstellen oder gar Integration z.B. von Immigranten garantieren. In Wirklichkeit sortiert sie Kinder nach Wohngegend und Sozialstatus, gerade in Deutschland so erbarmungslos wie in kaum einem anderen Land. Integration geschieht dort, wo Kinder freiwillig gemeinsamen Interessen nachgehen, z.B. beim Sport oder in der Musik.
Viertens handelt es sich, glaube ich, einfach um das normale Beharrungsvermögen und die Massenträgheit einer riesigen Bürokratiemaschine, die sich einfach schwer tut mit neuartigen, noch dazu vielfältigen und individuellen Modellen. In vielen Fällen herrscht außerdem, leider nicht nur in Bildungsministerien, sondern auch bei den Richtern aller Instanzen und bei den Gesetzgebern, eine große Unwissenheit über die Möglichkeiten und Forschungsergebnisse zum freien Lernen weltweit. Diese Unwissenheit wird verschwinden, wenn in den Behörden und Gerichten ein Generationenwechsel stattgefunden hat, die meisten jungen Menschen machen ja heute spätestens im Studium Auslandserfahrungen.
Freie Welt:
Was wünschen Sie sich?
Dagmar Neubronner: Ich wünsche mir, dass häuslicher Unterricht neben staatlichen und privaten Schulen als eine gleichberechtigte Bildungsform zugelassen wird. Dafür müsste in der Schulgesetzgebung der Bundesländer einfach nur ein Halbsatz eingefügt werden an den Stellen, wo jeweils definiert wird, wie die Schulpflicht erfüllt werden kann bzw. welche Ausnahmen es gibt. Denn Kindern von Eltern mit reisenden Berufen dürfen ja bereits jetzt „zu Hause“ lernen, auch deutsche Kinder, die im Ausland leben, sowie Kinder, die im deutschen Schulsystem bereits nachhaltig und hoffnungslos gescheitert sind, da gibt es besondere Fernschulen. In Österreich werden zu Hause lernende Kinder einmal jährlich überprüft und legen ganz normal als „Externe“ ihre Abschlussprüfungen ab. Andere Länder kommen ganz ohne Kontrollen aus und sind damit genauso erfolgreich.
Im Grunde würde es schon reichen, wenn Betreuungsschulen für frei lernende Kinder, wie die Clonlara-Schule in Deutschland, mit der auch wir zusammenarbeiten, als Ersatzschulen anerkannt werden.
Freie Welt:
Wie wollen Sie das erreichen?
Dagmar Neubronner: Indem wir über dieses Thema aufklären. Schon jetzt steigt die Zahl der ratsuchenden Eltern beständig. Angesichts der allgemeinen Unzufriedenheit mit dem Schulsystem wird bald der Punkt kommen, wo so vielen Eltern der Kragen platzt, dass Politiker Lust bekommen, sich für Bildungsfreiheit einzusetzen. Ich glaube nicht, dass wir dieses Problem noch lange haben werden. Und dann werden auch die Schulen besser werden – weil ihnen sonst die Kinder wegbleiben.
Freie Welt:
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Mehr:
Die Freilerner - Unser Leben ohne Schule
Die Schule ist in vielen Familien das Problemthema Nr. 1. Dagmar Neubronner, Mutter der prominentesten ›Schulverweigerer‹ Deutschlands, schildert spannend und anschaulich, wie es kam, dass sie und ihr Mann trotz großer Bedenken den beiden Söhnen Moritz und Thomas
erlaubten, frei zu lernen - ohne Schule und mittlerweile ohne jeglichen Pflichtunterricht.
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Was können Eltern und Lehrer tun? Mit ausführlichem Anhang zu pädagogischen und juristischen Fragen.
Dipl. biol. Dagmar Neubronner hat über den Bildungsweg ihrer Kinder ein Buch geschrieben: "Die Freilerner. Unser Leben ohne Schule", Genius Verlag.
Mehr unter: Netzwerk Bildungsfreiheit
Foto: Netzwerk Bildungsfreiheit