Es geht in dieser Diskussion sicher darum, dass mit offenen Augen wahrgenommen wird, mit welcher Intensität der Konflikt hier geführt wird und nichts beschönigt oder verschleiert wird. Die Bezeichnung „Krieg“ soll aber vor allem deutlich machen, unter welcher Bedrohung deutsche Soldaten durch die Taliban bzw. „Aufständische“ stehen und dabei täglich ihr Leben riskieren. Seit den letzten Jahren gibt es hier in Kunduz eine permanente Eskalation, die aber nicht von deutscher Seite, sondern von den „Aufständischen“ herbeigeführt wurde. Die zunehmende Gewalt richtet sich dabei nicht nur gegen ISAF, sondern auch gerade auch gegen die Zivil-bevölkerung. Taliban und andere Kräfte halten sich dabei an kein Kriegsvölkerrecht oder die allgemeinen Menschenrechte. Ich habe mich daher in einem Interview mit dem ZDF sogar soweit geäußert, dass ich eher den Eindruck habe, dass wir zu wenig gegen diese Gewalt tun und ihr nichts entgegensetzen. Wir sind auf dem besten Wege, das Vertrauen der Zivilbevölkerung zu verlieren, weil ISAF der Zivilbevölkerung keinen Schutz bietet. Hier kommt für mich das in der Friedensdenkschrift der EKD ausgesprochene Prinzip der „Rechtserhaltenden Gewalt“ zum Tragen. Die Anwendung militärischer Gewalt ist in dieser Situation m.E. sehr wohl mit christlichem Verständnis vereinbar und möglicherweise sogar geboten.
3. Auch ihre Äußerung, es sei zum Verzweifeln, dass die militärische Option schon wieder in den Vordergrund rücke, kann ich nicht mit meinen Beobachtungen hier decken. Den Taliban ist es in hervorragender Weise gelungen, das deutsche Konzept von Sicherheit und Wiederaufbau zu torpedieren. Dies braucht die offene Kommunikation mit der zivilen Bevölkerung. Als Folge der vielen Anschläge verlassen die Soldaten nur noch in gepanzerten und bewaffneten Fahrzeugen das Lager. Das hat wiederum zur Folge, dass der notwendige Kontakt unterbrochen ist und auch ein ganz anderer Eindruck über die Deutschen entsteht, der nicht förderlich ist. Ich habe schon von mehreren Seiten gehört, dass man aus Dörfern, in denen man früher freundlich begrüßt wurde und mit den Einheimischen Gespräch geführt werden konnten, nunmehr beschossen wird. Wie soll man mit einem Gegner verhandeln und Ge-spräche führen, wenn man beschossen wird, bevor man überhaupt nur in die Nähe kommt, um ihm zu helfen?
4. Belastend für die Soldaten ist vor allem der nicht greifbare und heimtückische „Gegner“. Ein Mann, der eben noch eine Waffe getragen hat, taucht im nächsten Moment als harmloser Bauer auf, der sein Feld bestellt – oder umgekehrt. Der friedliche und zivile Fahrradfahrer, der sich nähert, entpuppt sich als Selbstmord-Attentäter… Von daher ist die Diskussion über Zivilisten oder Nichtzivilisten von hier aus nicht nachvollziehbar und schlichtweg unzutreffend. Jeder Tote oder verwundete Soldat, Polizist oder Angehörige von Regierungs- oder Nichtregierungsorganisationen ist Opfer der von Ihnen so bezeichneten Zivilisten. Man hat den Eindruck, dass Sie auf abstrakter und theoretischer Ebene über eine Sache diskutieren, ohne sich selbst erstens einen persönlichen Eindruck von der Realität vor Ort verschafft zu haben und zweitens Ihre Verbesserungsvorschläge in Allgemeinplätzen, wie z.B. „mehr Phantasie für den Frieden“ verbleiben. Wenn man die militärische Option grundweg ablehnt, muss man mindestens Alternativvorschläge mit konkreten Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Sonst fällt das Ernstnehmen schwer.
5. Sie stellen fest, dass der Einsatz militärischer Gewalt keinen Frieden gebracht habe.
Sicherlich ist es notwendig, die Anwendung militärischer Mittel immer wieder zu überprüfen und auch zu hinterfragen. Ich habe aber in meinen siebeneinhalb Jahren als Seelsorger in der Bundeswehr noch keinen Soldaten getroffen, der die Ansicht vertreten hat, dass das Militär Frieden schaffen könne. Bestenfalls Sicherheit. Und auch dies wird klar nur als ein Teil in einem komplexen Prozeß auf dem Weg zum Frieden gesehen. In meinen Augen macht auch die internationale Gemeinschaft einen Fehler, wenn sie gerade im zivilen Wiederaufbau zu wenig tut und dies darüber hinaus auch schlecht koordiniert und halbherzig in Angriff nimmt. Konzeptionelle Klarheit in Bezug auf das, was man in Afghanis-tan will, ist in der Tat überfällig. Soldaten fühlen sich immer wieder auch als Opfer dieser Unklarheit!
Ich habe große Hochachtung für die Männer und Frauen, die ihr eigenes Leben und ihre Ge-sundheit , ihren Komfort und ihren Wohlstand aufgeben, um hier den Afghanen ein Leben ohne Bedrohung und Unterdrückung in einem friedlichen Umfeld so zu ermöglichen, dass diese befähigt werden dieses in absehbarer Zeit in eigene Hände zu nehmen. Ich würde mir wünschen, dass unsere Kirche besser und genauer verstehen lernt, was die Soldaten leisten und ertragen, gerade dann, wenn sie zur Durchsetzung des Auftrages und damit auch zum Schutz anderer Menschen eine Waffe in die Hand nehmen und das Risiko eingehen, damit töten zu müssen. Und ich würde mir wünschen, dass etwas mehr von diesem Verständnis von unserer Kirche in die Öffentlichkeit getragen werden würde. Ihre öffentlichen Äußerungen tragen leider dazu bei, dass auf Kosten der Soldaten zwischen zivilen und militärischen Optionen polarisiert wird, anstatt anzuerkennen, dass – zumindest hier in Kunduz - beide zusammen wirken.
Sehr geehrte Frau Käßmann, ich bin nur ein einfacher Militärgeistlicher, aber ich möchte Ihnen den Vorschlag unterbreiten, sich selbst ein Bild von der Situation der Soldaten in Afgha-nistan, am Besten sogar hier in Kunduz zu machen. Der gegenseitige Austausch wäre bestimmt sehr fruchtbar. Und ich glaube, darin würde auch ein Stück Wertschätzung der Kirche zum Ausdruck kommen. Denn für die Soldaten ist nichts so bitter, als zu spüren, dass sie keinen Rückhalt haben. Das gilt für die familiäre Ebene, aber auch für die gesellschaftliche.
In der Hoffnung, die Diskussion etwas voranzubringen verbleibe ich mit freundlichen Grüßen hochachtungsvoll
Karsten Wächter, Militärdekan
Foto: Frauenkirche Dresden/ddp