suchen
11.02.2012
Einloggen | Registrieren
 
 
 
Hier entsteht Dubai 2.0 - Interview mit Gérard Al-Fil
Weitere Themen: Finanzkrisen, Allgemein



Der Diplom-Kaufmann und Finanzjournalist Gérard Al-Fil lebt und arbeitet in Dubai.  "Leben und Arbeiten in Dubai" ist auch der Titel von Al-Fils Buch, der in Konstanz, London und Düsseldorf studiert hat und 2005 als erster deutscher Korrespondent seine eigene Redaktion in Dubai gründete.  FreieWelt.net sprach mit Gérard Al-Fil über die wirtschaftliche Entwicklung Dubais, die Auswirkungen der Finanzkrise und die Lehren aus dem Aufstieg und Absturz des Emirats.

FreieWelt.net: Dubai hat in den vergangenen Jahrzehnten zunächst einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg erlebt. 2009 konnte ein Staatsbankrott dann nur noch mit Hilfe des Nachbaremirats Abu Dhabi vorerst abgewendet werden.  Was hat Dubais Aufstieg ermöglicht und was hat die massiven Schwierigkeiten verursacht?

Gérard Al-Fil: Der Aufstieg Dubais war ein Aufstieg aus Zwang.Weil die Ölvorräte in Dubai schneller zur Neige gingen als in den Nachbar-Emiraten und anderen Golfstaaten, setzte die Herrscherfamilie Al-Maktoum früh auf neue Industriezweige. Der Freihafen Dschebel Ali südwestlich von Dubai wurde Ende der siebziger Jahre gebaut. Er ist heute der größte Container-Umschlagplatz im Nahen Osten als Drehkreuz zwischen Europa und Ostasien. Im Laufe der Zeit sind 18 weitere Freihandelszonen für die verschiedenen Branchen wie Banken, Schwerindustrie, Medizin, Biotechnologie oder Medien hinzugekommen, so dass fast jedes der 500 grössten Unternehmen der Welt eine Zweigstelle in Dubai unterhält. Allein im Freihafen sind 5,500 Firmen aus 120 Ländern ansässig. Grund für die Dubaianer ihren Herrscher Sheikh Mohammed Bin Rashid Al-Maktoum auch CEO von Dubai Inc. zu titulieren.

Dubais relativ liberale Politik (Internationale Sportwettkämpfe finden regelmässig statt, Alkohol ist in Gastronomiebetrieben erlaubt,...) verhalf schließlich dem Tourismus zum Aufstieg. Dafur ließ die Regierung einen modernen Flughafen aus dem Wüstenboden stampfen, etablierte eine der besten Fluggesellschaften (Emirates Airline) der Region, baute das größte Einkaufszentren der Welt Dubai Mall, und, und, und...

Die Vernetzung mit der Weltwirtschaft hat das Emirat aber auch abhängiger von deren Entwicklung gemacht. Das bedeutet: brummt die globale Ökonomie, geht es Dubai überdurchschnittlich gut. Erlahmt jedoch der Welthandel, dann fällt die Wirtschaftsleistung Dubais überproportional stark.

Heute steuert der Ölexport in Dubai nurmehr 1 bis 3 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Dagegen lagern im Nachbar-Emirat Abu Dhabi, das wie Dubai zu den sieben Scheichtümern der Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zählt, ein Zehntel der weltweit bekannten Ölvorräte. Es ist wahr, dass Dubai mehr denn je auf die Finanzkraft Abu Dhabis angewiesen ist. Aber mal Hand aufs Herz: ist es nicht in jedem Staat so, dass die reichen Regionen den finanzschwächeren zur Seite stehen? Denken Sie nur an den Länderfinanzausgleich in Deutschland. Oder an die Hunderte von Milliarden Euro, die seit der Einheit von Westdeutschland in die neuen Bundesländer geflossen sind.


FreieWelt.net: War ein nahender Bankrott nicht schon seit längerem abzusehen und hätte er verhindert werden können?

Gérard Al-Fil: Gegenfrage: war die Weltfinanzkrise nicht schon seit längerem abzusehen und hätte sie verhindert werden können? Alle Länder und Regionen haben gelitten aufgrund des ausgetrockneten Kapitalmarkts infolge der Lehman-Pleite.

Artikel weiterlesen  
ANZEIGE


Nehmen Sie die Schweiz: dort hat die Großbank UBS innerhalb eineinhalb Jahren mehr als ihr gesamtes Eigenkapital verloren. Und eine Volkswirtschaft, die wie Dubai eine Transformation von einer Ölindustrie zu einer breit aufgestellten Wirtschaft durchläuft, ist noch verwundbarer als andere Märkte. Zumal die Energiepreise nach dem Lehman-Fall auch vielen und Abu Dhabis eigene Einnahmen nicht mehr so sprudelten wie während der Preisrally von 2004 bis 2008.

Bei diesem Umwandlungsprozess hat Dubai aber auch Fehler gemacht. Es wurden zu viele Freihandelszonen und Immobilienprojekte zur gleichen Zeit gestartet und wie Standalone-PC in die Landschaft gesetzt, fast ohne Vernetzung mit der Infrastruktur. Dies überstieg die Kräfte der Regierung und der Privatwirtschaft gleichermassen. Hier hätte das Scheichtum behutsamer und sukzessiver vorgehen sollen. Auch die „Laisser-faire“-Politik, also dass der Staat der Wirtschaft fast freies Spiel ließ, war im Nachhinein schädlich.

FreieWelt.net: Sie haben sich in Ihrem Buch mit dem Thema „Leben und Arbeiten in Dubai“ beschäftigt. Ist das angesichts der aktuellen Wirtschaftslage noch eine Option?

Gérard Al-Fil: Ja, auf jeden Fall! Hier entsteht gerade ‚Dubai 2.0.“ Jetzt schaut der Markt mehr auf Qualität, fallen unqualifizierte Mitarbeiter und Projekte ohne Substanz aus dem Rennen. Das sind gute Karten für motivierte Menschen aus deutschen Landen und für Erzeugnisse „Made in Germany“, zumal Deutsche in der arabischen Welt generell hochwillkommen sind.

Der Manager der Deutsche Bank in Dubai fur Projektfinanzierungen Frank Beckers sagte mir in einem Gespräch, die Lebensqualität sei heute viel besser als vor der Krise. Verstopfte Straßen und die ewige Hektik im Alltag gehörten der Vergangenheit an. Auch ist der Freizeitwert gestiegen. Besonders die neue Business Bay rund um den Burj Khalifa, dem mit 828 Metern höchsten Gebäude der Welt, ist sehr schön  geworden und lädt zum Flanieren und Verweilen ein.

Der öffentliche Personennahverkehr hat durch die Dubai Metro, die im September 2009 eröffnet wurde, und die 400 MAN-Personenbusse den höchsten Stand auf der arabischen Halbinsel, wenn nicht im Nahen Osten.

Nicht zuletzt bietet Dubai westlichen Frauen mehr Karrieremöglichkeiten als jeder andere Ort im Nahen Osten. Die Regieung fördert die Intergration von Frauen in die Arbeitswelt ausdrücklich.
Ich durfte unlängst eine Managerin einer Teppich-Firma aus Baden-Württemberg interviewen.Frau Iris Seiffer von Object Carpets beliefert die ganze Golfregion und die Levante von Dubai aus mit hochwertigen Erzeugnissen, und dies, obwohl der Orient ja bekannt ist fur die besten Teppichstücke. Aber die jungen Araber achten auf Qualität, Design und – was neu ist – auf Umweltverträglichkeit. Letztes Jahr hat diese Firma die Business Lounges der Fluggesellschaft Etihad Airways ausgestattet, und zwar weltweit. Die Leute lernen allmählich, dass billig nicht immer günstig ist.


FreieWelt.net: Was sollte man als Ausländer in Dubai unbedingt beachten?

Gérard Al-Fil: Die go-go-Jahre sind vorbei. Früher hieß es: wer in den Golfstaaten keinen Gewinne erzielt, der muss sich schon ganz ungeschickt anstellen. Das ist passé Ab jetzt besteht man in der 1,8-Millionen-Einwohnermetropole Dubai in den 201x-Jahren mit Zähigkeit und Ausdauer und natürlich mit Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Im Schmelztiegel Dubai leben und arbeiten Menschen aus 150 Nationen. Das Modell der Freihandelszonen mit niedrigen Markteintrittsbarrieren hat Mitbewerber aus aller Welt gelockt. Das drückt bei den Unternehmen auf die Margen, der Wettbewerb wird härter.

Weiter sollte man beachten, dass die Staatsgewalt wie in allen Ländern auch in Dubai an Einfluss gewinnt. Vor Kurzem wurde beispielsweise das Rauchverbot verschärft. Wer in Krankenhäusern, Einkaufszentren oder Sport-Clubs zur Zigarette greift, kann verhaftet werden, Unternehmer können ihre Lizenz verlieren.

Auch die Einhaltung islamischer Werte, wie z. B. das Tragen von züchtiger Kleidung wird strenger überwacht. Westler in Short und Unterhemden an der Kasse werden nicht mehr toleriert und müssen mit Verwarnung und Geldstrafen rechnen.

FreieWelt.net: Welche Schlüsse sollten andere Golfstaaten aus der Entwicklung Dubais ziehen?

Gérard Al-Fil: Dass sie neben neuen Industriezweigen, die ja notwendig sind für die berühmte Zeit „nach dem Öl“, auch die Rahmenbedingungen neu aufbauen müssen. Das bedeutet: mehr Rechtssicherheit und ein verbesserter unbürokratischer Service müssen her. In diesen Punkten ist das Umfeld in Dubai übrigens einmalig. Die UNO vergibt Dubai regelmäßig Bestnoten in puncto eGovernance. Die Dubaier Ministerien und Kontrollorgane der Freihandelszonen sind echte Dienstleistungszentren. Da könnte sich so manch deutsches Amt eine Scheibe abschneiden.
Alle Golfstaaten werden zudem prüfen müssen, ob das Modell der befristeten Arbeitsbewilligungen noch Sinn macht. Ein Deutscher kann alle drei Jahre sein Aufenthaltsvisum verlängern, so er denn in einem Arbeitsverhältnis steht oder selbständig ist. Er kann aber nie eine unbefristete Bewilligung (wie in der Schweiz die Bewilligung ‚C‘) erhalten und dauerhaft sesshaft werden. Aus diesem Grund besteht nur wenig Kontinuität im Management der privaten Unternehmen. Dies schadet gerade in Krisenzeiten, wenn der Vorstandschef alle zwei Jahre wechselt.Dagegen wird man in klassischen Einwanderländern wie Australien oder Kanada schon nach einigen Jahren eingebürgert.

Gérard Al-Fils Buch "Leben und Arbeiten in Dubai" bei amazon

Das Interview führte führte Fabian Heinzel

(Foto: Gérard Al-Fil)



Redaktion, 11.01.2010 10:42 | Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Ahmed Salam, 14.01.2010 17:32
Kennen Sie das Poem von Berthold Brecht - Wer baute das siebentorige Theben ?

Wer baute Dubai - 100000de von Arbeitssklaven ? Wer beutete sie in unertrtaeglicher Weise aus ? - Muslims !
Verlust von Moral und Ethik; Diktat von Profit und Groessenwahn - das ist Dubai. Schade ! Oder nein - Weg damit ! Dubai ist haram - so einfach ist das !



Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*

Bitte Geben Sie für die Freischaltung das Ergebnis ein:

Click to reload image
 
 
 



Spruch des Tages
"Sei nicht reich durch Unrecht."
- Thales von Milet

ANZEIGE

Umfrage

Sollte Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurücktreten?






Ergebnis

Würden Sie sich für die Einführung eines "Nord-Euro" aussprechen?






Ergebnis


Interviews

Hedwig Freifrau von Beverfoerde Seelisch-Moralische Unversehrtheit der Kinder bewahren!
Hedwig Freifrau von Beverfoerde
Sprecherin Initiative Familienschutz

Alfred Zellfelder ESM schwere Belastung für nächste Generationen
Alfred Zellfelder
Landesvorsitzender Freie Wähler Schleswig-Holstein

Mehr Interviews


Empfohlene Blogs

author Beatrix von Storch
Der finale ESM-Vertrag - Ende von Demokratie und Parlamentsvorbehalt

author Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
Diekmann for President!

author Albrecht Prinz von Croy
Warum Deutschland eine Verfassungsreform braucht

author Vera Lengsfeld
Rettet das Bundespräsidentenamt- nehmt Gauck !

author Stefan Fuchs
Verrat an der Wissenschaft: Kathederpropheten vergreifen sich am Betreuungsgeld


Video

EU: Treaty of debt - stop it now! (engl. Version von EU: Treaty of debt - stop it now! (engl. Version von

Stoppt EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! auf Abgeordneten-Check.de Stoppt EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! auf Abgeordneten-Check.de

"Otto von Habsburg über die christlichen Fundamente und die Seele Europas" von Kirche in Not (kirche-in-Not.de) "Otto von Habsburg über die christlichen Fundamente und die Seele Europas" von Kirche in Not (kirche-in-Not.de)

Carlos A. Gebauer spricht über den ESM-Vertrag Carlos A. Gebauer spricht über den ESM-Vertrag

Jean-Claude Juncker: "Wenn es ernst wird, muss man lügen" Jean-Claude Juncker: "Wenn es ernst wird, muss man lügen"


Galerien

Podiumsdiskussion: ESM-Vertrag - Der Weg in die Schuldenunion? Abschaffung von Demokratie und Souveränität? Podiumsdiskussion: ESM-Vertrag - Der Weg in die Schuldenunion? Abschaffung von Demokratie und Souveränität?

Mahnwache vor dem Bundestag: Stoppt EU-Schuldenunion test Mahnwache vor dem Bundestag: Stoppt EU-Schuldenunion test


Reportage

Wer errechnet eigentlich die Inflation? Wer errechnet eigentlich die Inflation?

Hans-Olaf Henkels Euro-Aufklärungstour: "Es gibt Alternativen." Hans-Olaf Henkels Euro-Aufklärungstour: "Es gibt Alternativen."

Mehr Reportagen


Empfohlene Beiträge

Schäuble dementiert Lockerung der Schuldenbremse Schäuble dementiert Lockerung der Schuldenbremse

Monti distanziert sich von Merkozys Eurokurs Monti distanziert sich von Merkozys Eurokurs


Meist gelesen
  1. Bundesbank zwei- felt an Fiskalpakt
    02.02.2012 08:41
  2. Seelisch-Moralische Unversehrtheit der Kinder bewahren! Interview Hedwig von Beverfoerde
    01.02.2012 11:15
  3. Nichts als eine üble Räuberbande
    03.02.2012 12:48
  4. ESM-Video in 12 Sprachen übersetzt und über 750.000 mal angesehen
    02.02.2012 22:10
  5. Schäuble legt sich bei Schuldenschnitt quer
    03.02.2012 09:16

Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Schlagworte

Deutschland Wetter




Finanzkrisen
EU will Finanz- poker verringern
EU plant Sperrkonto für Griechenland
EU-Kommission will deutsches Rentenalter weiter erhöhen
Nahost-Konflikt
Iran baut militärische Drohkulisse auf
Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen?
USA rechnen mit Konflikt am Golf
DDR-Unrecht
Stasi-Unterlagen: 20 Jahre - 2,8 Millionen Akten-Einsichten
"Von oben" verordneter EU-Unionsstaat birgt totalitäre Tendenzen
CSU-General Dobrindt fordert Überwachung der Linkspartei
Allgemein
Inflation stagniert auf hohem Niveau
Google-Nutzer werden noch transparenter
Merkel lobt Wulffs "Offenheit"
Bildung
Familienschutz fordert Prüfung der Lehrinhalte zur Sexualerziehung in Berlin
"Von Krise zu Krise gesteigert" - Interview mit Dr. Bernd F. Schulte
Rezension: Deutsche Policy of Pretention
Reformen
Athens Umschuldung kostet Deutschland Milliarden
EU-Ratspräsident gegen EU-Finanzminister
Troika legt Athen an die Kette
Wirtschaftspolitik
EU-Kommission will deutsches Rentenalter weiter erhöhen
Baden-Württemberg erwägt Klage gegen Länderfinanzausgleich
Athens Umschuldung kostet Deutschland Milliarden
Familie
Seelisch-Moralische Unversehrtheit der Kinder bewahren! Interview Hedwig von Beverfoerde
Lebensschützer demonstrieren in Washington
Familienschutz fordert Prüfung der Lehrinhalte zur Sexualerziehung in Berlin
Autoindustrie
Daimler fährt Rekordgewinn ein
Sprit so teuer wie nie
Aral hält Bezinpreis künstlich hoch
Wahlen
FDP bleibt im Umfragetief
Santorum gewinnt drei Vorwahlen
Merkel nach Sarkozy-Interview in der Kritik
1945-49/Verfassungsbruch1990
Ein politisch tatsächlich bedeutsames Plagiat: Der Verfassungsbruch von 1991
Demonstrative Einigkeit um Zentrum für Vertriebene
Deutscher Richter: Bananenrepublik in Sichtweite
Justiz
Umstrittenes EU-Urheberschutzgesetz blockiert
Europarat gegen Euthanasie
Weiter Streit um Vorratsdatenspeicherung

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008