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19.05.2013
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Ordnungspolitische Sünden - Prof. Justus Haucap im Interview
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Justus Haucap ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Gründungsdirektor des Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und Vorsitzender der Monopolkommission.  FreieWelt.net sprach mit Professor Haucap über staatliche Subventionen, Marktwirtschaft und die Rolle der Wirtschaftswissenschaften in den Medien.

FreieWelt.net:  Welche der in den letzten Monaten getätigten, staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft hätte die Regierung Ihrer Ansicht nach besser unterlassen sollen?

Justus Haucap: In der Wirtschaftskrise ist teilweise richtig reagiert worden, es sind aber auch ordnungspolitische Sünden begangen worden, die den Steuerzahler viel Geld kosten werden, ohne dass dafür nachhaltig etwas bewirkt wurde. Die vorläufige Rettung von Opel war ein Fehler, das wird sich noch deutlich zeigen. Auch die Subventionen und Bürgschaften für Werften, Druckmaschinenhersteller und Katalog-Versandhandel sind schlecht angelegt – das sind alles schrumpfende Branchen, in denen man den Strukturwandel nicht aufhalten kann, solange die Verbraucher frei entscheiden dürfen, was sie kaufen möchten.

Ein einziger Irrsinn war auch die Abwrackprämie. Dass es eine Schnapsidee ist, Leute für das Zerstören funktionsfähiger Nutzgegenstände zu bezahlen, versteht vermutlich jeder Grundschüler – leider aber nicht alle Politiker. Die Rechnungen der Gewerkschaften, dass sich das alles von ganz allein finanzieren würde, sind grotesk. Dass die Politik keine Hemmungen hat, unser Geld so zu verprassen, zeigt in eklatanter Weise ein Mangel an Verantwortungsgefühl.

FreieWelt.net:  Meist werden der Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen als offizielle Begründung für Konjunkturmaßnahmen angeführt.  Ist es überhaupt möglich, durch solche Programme langfristig Arbeitsplätze zu schaffen beziehungsweise zu erhalten?

Justus Haucap: Langfristig können in einer Marktwirtschaft durch Konjunkturprogramme keine Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert werden. In letzter Konsequenz entscheiden die Verbraucher, welche Produkte sie kaufen wollen und welche nicht. Davon hängt dann auch ab, welche Arbeitsplätze erhalten bleiben und welche nicht. Daran kann man nur etwas ändern, wenn man sich von der Marktwirtschaft verabschiedet und dem Verbraucher die Freiheit nimmt, selbst zu entscheiden, was er möchte und was nicht.

FreieWelt.net:  Die Prognosen von Wirtschaftsexperten treten keineswegs immer ein.  Wo können die Wirtschaftswissenschaften noch dazu lernen?

Justus Haucap:  Dass die Prognosen von Wirtschaftsexperten nicht eintreffen, hängt auch mit der übertriebenen Genauigkeit zusammen, welche viele Prognosen suggerieren. Die Wirtschaft ist ein komplexes soziales System, dessen Ergebnisse aus dem Zusammenspiel von Abermillionen von Entscheidungen einzelner Individuen resultieren. Hinzu kommen exogene Schocks, der Zufall spielt auch eine große Rolle. Die Erwartungen an die Prognosen sind hier zu hoch. Ich will es einmal mit dem Fußball vergleichen. Die Prognose, dass bei einem Aufeinandertreffen zwischen dem FC Bayern und dem FC St. Pauli, der FC Bayern gewinnen wird, ist (leider) meistens richtig, aber auch nicht in jedem Einzelfall. Absolute Experten können vielleicht auch noch das Ergebnis vorhersagen. Aber selbst das ist schon schwierig, dabei geht es nur um die Interaktion einer recht überschaubaren Zahl von Individuen. Nahezu unmöglich dürfte es dann sein zu prognostizieren, in welcher Minute genau die einzelnen Tore fallen werden. Ich kann jedoch prognostizieren, dass der sportliche Erfolg eines Fußballvereins steigt, wenn er mehr finanzielle Ressourcen zur Verfügung hat. Selbst das trifft nicht auf jeden Einzelfall zu, aber es stimmt im Durchschnitt, also prinzipiell. Ähnlich verhält es sich mit wirtschaftlichen Prognosen. Im Einzelfall liegen sie oft daneben, aber in der Tendenz stimmen sie doch recht oft.

Hinzu kommt noch eine weitere erhebliche Schwierigkeit. Die Prognosen selbst verändern das Verhalten der Menschen. Das ist völlig anders als bei Wetterprognosen. Das Wetter ist nicht abhängig von der Wettervorhersage. In der Ökonomie dagegen reagieren Politik, Unternehmen und Verbraucher auf die Prognosen. Da beißt sich die Katze gewissermaßen in den Schwanz, denn in der Prognose muss man prinzipiell schon berücksichtigen, wie diese Gruppen wohl auf genau diese Prognose reagieren. Das verstehen viele Kommentatoren leider nicht einmal ansatzweise.

FreieWelt.net:  Was würden Sie sich von der Wirtschaftsberichterstattung in den Medien wünschen?

Justus Haucap: Von der Wirtschaftsberichterstattung in den Medien würde ich mir wünschen, dass sie etwas differenzierter ausfällt. In Teilen wird recht undifferenziert berichtet. So werden z.B. Auftragsstudien, die keinerlei wissenschaftlichen Maßstäben genügen, teilweise als gleichwertig dargestellt zu wissenschaftlichen Arbeiten, die einem rigorosen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess durchlaufen müssen. Das Handelsblatt ist hier aus meiner Sicht ein Vorreiter und versucht, hier sorgfältiger zu differenzieren. Das begrüße ich sehr.

zur Lehrstuhlhomepage von Professor Dr. Haucap

Das Interview führte Fabian Heinzel

(Foto: Justus Haucap)

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Redaktion, 02.11.2009 12:37 | Kommentare (0)


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