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04.02.2012
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Ohne starke Familien keine Demokratie
Weitere Themen: Familie



Professor Neufeld war vom 5.-10. Oktober zum mittlerweile vierten Mal in Deutschland: Nach Seminaren über Adoleszenz, Aggression und Gegenwillen an der Universität Mainz und in der Lehrerfortbildung Hessen hielt er auf Einladung der Universität Bremen und des Bundesverbandes Natürlich Lernen e.V. am 10. Oktober 09 einen Vortrag zum Thema:
"Die Sozialisationsfrage - Die entwicklungspsychologischen Grundlagen für echte Reifeentwicklung als Bedingung für Demokratiefähigkeit"

Und diesen Vortrag kann man getrost als Meilenstein bezeichnen. In der von ihm bekannten, stringenten und trotzdem leicht verständlichen, nachvollziehbaren Art zog Neufeld seine Zuhörer im Bremer ‚Haus der Wissenschaft’ in seinen Bann.
Er räumte in seinem spannenden Vortrag mit dem akademisch klingenden Titel, der von Dagmar Neubronner simultan übersetzt wurde, mit sieben Mythen zur Sozialisation auf, die von der Wissenschaft schon längst widerlegt sind. In den Köpfen vieler Menschen und leider auch Politiker stecken sie aber weiter fest und haben fatale Auswirkungen auf die Familien- und Bildungspolitik. So denken viele von uns, Sozialisierung sei ein Vorgang, der uns dazu befähigt, in unserer Gesellschaft klar zu kommen und uns erfolgreich einzubringen, und dieser Vorgang stehe im Gegensatz zur Individualisierung, der Herausbildung der eigenen Persönlichkeit. In Wirklichkeit, so Neufeld, ist eine erfolgreiche Sozialisierung das Ergebnis der vorher abgelaufenen Individualisierung plus der Bindungen eines Menschen.
Neufeld erläuterte, was entwicklungspsychologisch gesehen die Grundlage echter Demokratiefähigkeit ist: Nämlich die in der präfrontalen Hirnrinde als Potenzial angelegte Fähigkeit von Menschen, verschiedene Emotionen gleichzeitig zu fühlen und so zu einem ausgeglichenen Gefühlsleben zu finden. Erst wenn ich in der Lage bin, verschiedene Aspekte eines Problems in mir selbst perspektivisch zu betrachten, das Einerseits-Andererseits abzuwägen und „geteilter Meinung“ zu sein, kann ich auch auf der gesellschaftlichen Ebene übergeordnete Aspekte berücksichtigen.
Dem universal gültigen orthogenetischen Prinzip folgend besteht jede Entwicklung aus drei Phasen: Erstens Fusion oder Verschmelzung, z.B. von Eizelle und Sperma, zweitens Differenzierung, bei der z.B. verschiedene Zelltypen unabhängig voneinander ihre Unterschiedlichkeit ausformen, sowie drittens die Integration: Gemeinsamkeit ohne Verlust der Eigenständigkeit, z.B. die Kooperation verschiedener Organe und Gehirnhälften.
Dasselbe Prinzip gilt auch für die Entwicklungspsychologie des Kindes: Es ist zunächst innerlich ganz verschmolzen mit seinen Eltern (oder denen, die diese im Notfall ersetzen) und sollte dann auf dem Boden dieser Geborgenheit seine individuelle Eigenständigkeit entwickeln.

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Erst die erfolgreiche Individualisierung befähigt ein Kind dazu, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, ohne seine  Individualität zu verlieren.  Die Sozialisation ist also das Ergebnis zuvor ablaufender Prozesse.
Heute jedoch wird dieser natürliche Ablauf ignoriert, und man erwartet schon von Zweijährigen im Kindergarten , dass sie sich im Sinne einer erfolgreichen Sozialisierung gesellschaftskonform verhalten. Das frühe Miteinander in großen Gruppen noch unreifer Gleichaltriger wird als unerlässlich für Sozialisierung angesehen, obwohl es in Wirklichkeit nachweislich den Prozess der Individualisierung behindert und zu der Konformität führt, die heute bei Jugendlichen so vorherrscht: alle dieselbe Kleidung, dieselbe Musik, dieselbe Sprache – bloß nicht auffallen mit eigenen, eventuell abweichenden Gedanken, Fähigkeiten, Hobbys, Gefühlen.  Die Chance, im Schonraum häuslicher Geborgenheit sich selbst, die eigenen Gedanken, Begabungen  und Vorlieben kennen zu lernen, um sich dann – nach erfolgter Differenzierung - bereichernd in die Gesellschaft einzubringen, wird verpasst zugunsten einer verfrühten Gesellschaftskonformität, die individuelle Reifungsprozesse erschwert. Demokratische Rituale und Abläufe wie Wahlen und parlamentarische Debatten werden zwar, so zeigte sich Neufeld zuversichtlich, noch eine Weile weiter laufen – doch ohne die aktive Beteiligung eigenständig denkender, individuell differenzierter Persönlichkeiten verarmen diese Prozesse zu bloßen Äußerlichkeiten ohne echte geistige Vielfalt dahinter, die für eine Demokratie wesentlich ist.
Erst wenn ich mich selbst als eigenständiges, einmaliges Wesen ausdifferenziert und erkannt habe, kann ich diese Würde auch anderen zuerkennen. Erst wenn ich – durch jahrelanges Training der präfrontalen Hirnrinde - gelernt habe, die widerstreitenden Gefühle in mir selbst zu einer ausgewogenen Mischung zu vereinen, kann ich diese Integrationsleistung auch auf der gesellschaftlichen Ebene mit ihren widerstreitenden Interessenlagen vollbringen.
Das Potenzial hierzu besitzen wir alle, aber, so Neufeld, kein Vierjähriger wird schon sagen, er sei „geteilter Meinung“, oder Ansichten von „Einerseits-Andererseits“ formulieren. Wenn jedoch diese Unausgereiftheit, wie es heute oftmals der Fall ist, auch bei 14jährigen und sogar bei Erwachsenen fortbestehe, sei die Demokratie in Gefahr, denn ein solcher Mangel an Integrationsfähigkeit führe zu dogmatischem Schwarz-Weiß-Denken.
Demokratiefähigkeit ist also nicht selbstverständlich, sondern ein „Luxus-Tool“. Voraussetzung hierfür ist emotionale Geborgenheit, die Kindern ein offenes Herz ermöglicht. Denn Gefühle, die ich nicht empfinde, weil ich mich vor ihrer überwältigenden Wucht abschotten muss und niemanden habe, bei dem ich mich ausweinen kann, die kann ich auch nicht zu integrieren lernen. Ausweinen jedoch können wir uns nur bei jemandem, zu dem wir eine Bindung haben – das Streben nach der Geborgenheit fester, stabiler Bindungen ist ein mächtiger Instinkt aller Säugetiere und auch Menschenkindern sogar wichtiger als Nahrung und Wärme. Dies werde, so Neufeld, derzeit familien- und bildungspolitisch noch nicht berücksichtigt, obwohl die Wissenschaft sich einig sei: Erst wenn die Bindungsbedürfnisse erfüllt sind, ist Raum für Neugierde, Lernen und Persönlichkeitsentwicklung.
Neufeld zitierte Jean-Jacques Rousseau, der dies bereits vor 250 Jahren erkannt hatte und der Meinung sei, dass Kinder erst mit Eintritt in die Pubertät den Schoß der Familie verlassen sollten, um zu echten Demokraten heranzureifen. Deutlich wurde, dass die Familie der natürliche Ort für diese starken primären Bindungen ist. Wenn die Eltern zu schwach sind, um ihre vorgesehene Rolle als Vermittler erfolgreicher Sozialisation zu spielen, liegt die Lösung in stärkender, begleitender Unterstützung durch andere verantwortungsvolle Erwachsene. Das zunehmend übliche Herausreißen des Kindes aus seiner sozial schwachen Familie sei jedoch nur in ganz extremen Ausnahmefällen der richtige Weg.
Das Publikum dankte dem kanadischen Entwicklungspsychologen mit langanhaltendem Applaus und vielen betroffenen Fragen und Diskussionsbeiträgen. Ein Vater fasste zusammen, er nehme aus dem Vortrag mit, dass er unbedingt viel mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen müsse – wie er das mit seiner Karriere vereinen solle, sei ihm noch nicht klar, aber er werde daran arbeiten.
Inzwischen ist Professor Neufeld schon weitergereist nach Schweden, wo er in Stockholm, Upsala und Göteborg Seminare gibt und mit Vertretern der schwedischen Regierung zusammentrifft. Schweden galt ja lange weltweit als Vorzeigemodell: Mütter wurden ermutigt, früh wieder voll berufstätig zu sein, was durch ein flächendeckendes System von Kinderkrippen ermöglicht wurde – ein durchschnittlicher Dreijähriger in Schweden ist über 10 Stunden täglich außer Haus und von seinen Eltern getrennt. Heute werden die Folgen dieser gutgemeinten Politik deutlich: Die Selbstmordrate schwedischer Jugendlicher ist in den letzten dreißig Jahren geradezu explodiert, die Zahl der psychisch gestörten Kinder und Jugendlichen hat ebenfalls stark zugenommen. Da ist der Rat von Experten wie Gordon Neufeld gefragt...


Foto: G. Neufeld



Dagmar Neubronner, 19.10.2009 11:59 | Kommentare (5)




 
  Kommentare (5)

Maximilian, 22.11.2009 23:29
Leben und Lernen sind unmittelbar miteinander verbunden, wir sind also, natürlicherweise, mit den Fähigkeiten uns zu bilden ausgestattet. Dieser von Innen nach Außen stattfindenede, sensible Vorgang des sich-Entfaltens bedarf keiner Einmischung sondern setzt ein respektvolles Begleiten voraus, welches den meisten Elterngenerationen verwehrt blieb. Der junge Mensch wird im respektvollen Miteinander den ihm eigenen, selbstbestimmten Weg gehen. Es gibt keinen Grund die eigene, uns innewohnende Lernbegeisterung zur Erlernung der notwendigen Kulturtechniken zu verkümmern. Die Institution Schule konnte, will und wird dies niemals bieten!

Stefan Sedlaczek, 25.10.2009 02:13
Es ist wahrlich kein Wunder, daß Neufeld in Deutschland einen Demokratieschock erlebt hat:
http://demokratie-rechtsstaat.blogspot.com/2009/10/demokratieschock-in-deutschland.html
Zur Sozialisation siehe hier:
http://www.wo-lernst-du-denn.de/


Dagmar, 21.10.2009 10:12
Als "gelernter DDR Bürger" habe ich diese erzwungene Anpassung selbst erlebt und durch einen gewissen Rückzug ins Private auch gut überlebt. Ich war guter Hoffnung meine Kinder nach der Wende frei und selbstbestimmt erziehen zu können und sehe mit Schrecken wie längst überwunden geglaubte Überwachungspraktiken wieder um sich greifen. Abweichungen von der Norm werden als krankhaft oder asozial dargestellt und Eltern die ihr Kind nicht in eine Norm hineinpressen lassen wollen, wird die Erziehungkompetenz abgesprochen. Ziel dieser Erziehung sind angepasste und leicht zu führende Menschen. Dazu passt in meinen Augen, dass im Deutschunterricht meiner Tochter (12.Klasse) sechs Monate der Absolutismus behandelt wurde, für die Zeit der Aufklärung blieben dann nur drei Wochen. Auch sonst erlebt man Schule meistens nicht als Übungsplatz für Demokratie, sondern als streng hierarchisch gegliedertes System mit enormen Anpassungsdruck.

Wüsten, 20.10.2009 11:14
Auf den Punkt gebracht!!! Vielen Dank
Ich lebe in einer ostdeutschen Stadt und wir und unsere Kinder erleben genau diese Konformität und Anpassung als absolut extrem.
Gemeinsam mit anderen Müttern haben wir eine Arbeit gegründet, die Familien hilft, ihrer individuellen Verantwortung für Kinder nach zu kommen.
Das ist dringend geboten, wird aber immerhin im Osten auch immer deutlicher von allen Seiten (auch offiziellen)benannt!


Mayte, 20.10.2009 10:22
Zu den Einzelbegutachtungen hier weiterlesen: auf www.bvnl.de

Gordon Neufeld: Kennt Ihr Kind den Grund des Gesprächs mit mir? Wie haben Sie es ihm erläutert?

Hannah: Ich habe oft erlebt, dass Menschen sich frei bildende Kinder einzig deshalb für krank im Kopf erklären und deren Eltern für schlecht. Das weiß ich aus Gesprächen mit Menschen, mit denen ich über Bildung und Schule spreche. Einige sagen auch: naja, für mich war Schule auch nicht gut. Freunde von mir, die sich ohne Schulbesuch bilden, werden deshalb verfolgt, in die Schule zurückgezwungen, ins Kinderheim oder in die Psychiatrie gebracht. Die Kinder sind in ungefähr meinem Alter, eines ist sogar schon 14. Die allerwenigsten Fachleute hier in D. haben Erfahrungen mit Kindern, die sich frei bilden. Die meisten sagen: Schule ist unbedingt wichtig und immer richtig und wenn Du nicht hingehst, bist Du krank. Das ist gefährlich, wenn Leute reden und handeln ohne zu denken und zu erforschen. Ich gehe aber nicht zur Schule und bin trotzdem richtig im Kopf.
Gordon Neufeld habe ich auf der Homepage von Dagmar Neubronner gesehen. Ich denke, dass wir uns gut verstehen werden. Dann kann er auch sehen, dass es mir gut geht. Ich möchte wissen, wie es in Kanada ist.



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