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11.02.2012
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Eltern müssen Pflichten wahrnehmen: Interview Regine Schwarzhoff
Weitere Themen: Kindergartenpflicht, Familie



Regine Schwarzhoff ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des deutschen Elternvereins, seit 2005 zudem Landesvorsitzende des Elternvereins NRW.
FreieWelt.net sprach mit der Architektin über gute Familien- und Bildungspolitik und die Kindergartenpflicht.

FreieWelt.net: Frau Schwarzhoff, von seiten der Politik wird immer häufiger eine Kindergartenpflicht gefordert. Als 2. Vorsitzende des Deutschen Elternvereins und Landesvorsitzende des Elternvereins NRW vertreten Sie die Interessen sehr vieler Eltern in der Bundesrepublik. Ich frage Sie : Erziehungsrecht der Eltern und Kindergartenpflicht - geht das zusammen?
 
Regine Schwarzhoff:
Wir im Elternverein lehnen diese vorgeschlagene weitere Einschränkung des elterlichen Erziehungsrechtes entschieden ab. Schon für die Sprachstandsuntersuchungen bei Vierjährigen, die wir grundsätzlich für sinnvoll halten, wurde in den betreffenden Bundesländern die allgemeine Schulpflicht auf das Kindergartenalter ausgedehnt. Rein rechtlich wäre aus unserer Sicht eine Kindergartenpflicht für ein volles Jahr nur mit Klimmzügen durchsetzbar.
 
Das Dilemma, das zu solchen Überlegungen führt, sehen wir durchaus: zu viele Eltern möchten heute Ihr Recht auf Kindererziehung sehr wohl gewahrt wissen, aber bei der Wahrnehmung der Pflichten hapert es. Wenn Eltern ihren Kindern nicht mal Sprechen beibringen geschweige denn Einsatzbereitschaft, Respekt und Rücksicht gegenüber anderen, dann sind das Defizite, die später im Schulalter die Chancen dieser Kinder sehr negativ beeinflussen. Es ist aber stark zu bezweifeln, ob eine Verpflichtung aller Eltern, jedes Kind mindestens ein Jahr lang in den Kindergarten zu schicken, dieses Dilemma wirklich beheben wird. Über 90 % der Kinder werden ja freiwillig in einen Kindergarten geschickt. Aber selbst mit den Sprachstandsfeststellungen erreicht man nicht alle Kinder - es gibt z.B. Familien, deren Kinder bis zum Schuleintrittsalter bei Verwandten im Herkunftsland leben und damit in der Zeit davor nicht zu erfassen sind. Das sind überwiegend diejenigen, die eine vorschulische Förderung am nötigsten hätten.

FreieWelt.net: Die lautesten Rufe nach der Kindergartenpflicht kommen derzeit aus der einstigen "Familienpartei" CDU. Wird das Konsequenzen für das Wahlverhalten von Eltern am 27. September haben?
 
Regine Schwarzhoff:
Wir sind im Elternverein, gelinde gesagt, erschrocken darüber, daß eine CDU-Mehrheitsregierung einen solchen Vorschlag macht.
Was will der Staat denn noch alles den Eltern aus der Hand nehmen? Diese derzeitige Familienpolitik sendet leider, um Eltern wieder mehr in die Pflicht zu nehmen, genau die falschen Signale.

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Eltern haben flächendeckend Anspruch auf einen Betreuungsplatz für ihr Kleinkind - dann können sie ihre Zeit gewinnbringender beim Arbeitsamt oder in staatlichen Schulungsmaßnahmen verbringen? In den Schulen sollen kostenlos Milch und Obst verteilt werden - dann brauchen Vater und Mutter morgens gar nicht mehr aufzustehen und Frühstück zu machen? Alle Kinder müssen in den Kindergarten geschickt werden - dann brauchen Mutter und Vater nur noch ihr Kind an der Haustür der staatlich organisierten Verwahrungseinrichtung abzugeben und verlassen sich bequem auf die staatliche Garantie, daß aus ihm ein brauchbarer Mensch gemacht wird? Alle Schulen müssen Ganztagsschulen werden - dann haben Vater und Mutter den ganzen Tag Zeit, sich in ihrem Job "selbstzuverwirklichen" und sind abends zu müde zum Zuhören und Reden? Dies sind alles Signale zur Verstärkung der Vollkaskomentalität und des Anspruchsdenkens, gegen ein stärkeres Bewußtsein jedes einzelnen für seine eigene Verantwortung. Demokratie sieht anders aus!
 
Dabei wird völlig übersehen, daß es Eltern gibt, die sich ihren Kindern mit Liebe, Hingabe, Sinn für Bildung und Erziehung und großem Verantwortungsbewußtsein widmen und sich das auf keinen Fall aus der Hand nehmen lassen wollen. Und das sind viele, sie sind nur recht bescheiden, zurückhaltend und leise. Aber gerade diese Eltern verdienen Anerkennung für ihre Leistung, statt als "Heimchen am Herd" und "Softis" belächelt zu werden. Als "echter", traditionsbewußter und im positiven Sinne altmodischer Familienmensch mit demokratischem Anspruch kann man solche Politiker nicht wählen.
 
FreieWelt.net: Wie sollte aus Ihrer Sicht eine gute Familien- und Bildungspoltik in ihren Grundzügen aussehen?
 
Regine Schwarzhoff:
Eltern müssen ihre Pflichten wieder stärker in den Blick nehmen, diejenigen, die ihre Kinder ohne Frühstück und Arbeitsmaterial in die Schule schicken, genauso wie die, die bei jeder mäßigen Note sofort mit dem Rechtsanwalt drohen. Statt aber Prämien auszusetzen für die Erfüllung selbstverständlicher Pflichten, wie auch überlegt wurde, sollten lieber diese Eltern zu Seminaren und Fortbildungen verpflichtet werden, in denen ihnen die notwendigen Verrichtungen und Verhaltensweisen nahegebracht werden. Bei Versäumen dieser Elternkurse wäre z.B. Kürzung des Kindergeldes und Elterngeldes denkbar. Entsprechende Angebote könnten durch Kindergärten und Schulen organisiert werden; in eigens dafür zu Familienzentren entwickelten Kindergärten findet das heute schon statt.
 
Ganztagsangebote an Schulen sind notwendig und schon verbreitet. Hauptschulen muß dies flächendeckend ermöglicht werden. Allerdings halten wir nichts von flächendeckender Umwandlung in verpflichtende Ganztagsschulen - die Eltern, die ihre Kinder selbst fördern wollen, müssen dazu die Freiheit haben; das ist ihr Recht. Für uns ist das gegliederte Schulwesen das unangefochten beste System, weil in ihm erwiesenermaßen die individuelle Förderung nach Anlagen und Fähigkeiten am besten gelingt. Die hängt aber vom Lehrer ab. Wir brauchen mehr und besser ausgebildete Lehrer, neue Leistungsbereitschaft und besseren Unterricht. Dazu müssen unsere Lehrkräfte von den überbordenden Verwaltungs- und Nebenaufgaben entlastet werden durch Sozialarbeiter, Schulpsychologen und Verwaltungsangestellte.
Die Familienpolitik muß vor allem Mütter darin unterstützen und bestärken, die wichtigen ersten drei Lebensjahre so viel Zeit wie irgend möglich für ihre Kinder dazusein. Studien belegen, daß Kinder in diesem Alter noch die enge Bindung an die Mutter brauchen, um das persönlichkeitsstärkende Urvertrauen zu entwickeln, und daß ihnen in diesem Alter ein häufiger Wechsel der Betreuungsperson seelischen Schaden zufügt. Ich stelle mir mindestens eine angemessene, auskömmliche Mutter-Rente vor, mit der die Gesellschaft die Erziehungsleistung honoriert, außerdem kostenlose Kranken- und Sozialversicherung für hauptberufliche Mütter. Dann sollten arbeitsplatznahe Betreuungsangebote vonseiten der Arbeitgeber - auch in Kooperation mehrerer Betriebe - unterstützt werden, wo höchstens fünf Kinder zugleich von einer verläßlichen, qualifizierten Kraft umsorgt werden. Hat ein Arbeitgeber so ein Angebot aktiv unterstützt, wird er von der Einsatzfreude und Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiterinnen profitieren.
 
Die intakte Familie als Keimzelle der Gesellschaft muß grundsätzlich in ihrem hohen Wert wieder anerkannt und an Platz eins der Familienpolitik gesetzt werden, denn gute Vorbilder haben einen wertvollen Einfluß auf Kinder und Erwachsene.

Deutscher Elternverein NRW

Das Interview führte Christoph Kramer

Foto: R. Schwarzhoff



Redaktion FreieWelt.Net, 21.09.2009 14:33 | Kommentare (0)




 
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