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04.02.2012
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Wissenschaft: Qualifikation statt Quote - Interview Dr. A. Ulfig
Weitere Themen: Bildung, Reformen



Dr. Alexander Ulfig studierte Philosophie, Soziologie und Sprachwissenschaften in Hamburg und Frankfurt am Main. 1997 promovierte er mit einer Arbeit über "Lebenswelt". Der Mitbegründer der Internetplattform "Streitbar.eu" lebt derzeit als freier Autor in Frankfurt am Main.

FreieWelt.Net sprach mit ihm über Qotenregelungen und Defizite in der Wissenschaft

FreieWelt.Net: Sie haben die Internetplattform „Streitbar.eu“ , Forum für unabhängiges Denken, ins Leben gerufen. Mit welchem Ziel? Welche Themen stehen dort im Vordergrund?

Dr. Alexander Ulfig: Die Streitbar.eu ist ein Plattform zur Diskussion von Themen, die aus Gründen der Politischen Korrektheit kaum Eingang in den öffentlichen Diskurs finden. Unser Ziel ist jedoch nicht die Erzeugung von Kontroversen um ihrer selbst willen, vielmehr möchten wir durch eine Ausweitung der Diskussionen zur Lösung wichtiger gesellschaftlicher Probleme beitragen. Im Forum versammeln wir Beiträge zu Schwerpunktthemen in Form von Aufsätzen, Essays, Berichten und Rezensionen. Unser erstes Schwerpunktthema heißt „Qualifikation statt Quote“. Die Gleichstellungspolitik, die in das Programm des „Gender Mainstreaming“ eingebettet ist, umfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Sie äußert sich in der einseitigen Förderung und in der Bevorzugung von Frauen mittels Gleichstellungs- bzw. Quotenregelungen. Besonders stark wird sie an den Hochschulen forciert. Eine kritische Debatte über die Gleichstellungspolitik findet an den Universitäten aber nicht statt. Dies möchten wir ändern und eine offene und freie Debatte initiieren. Dabei möchten wir nicht nur etwas kritisieren. Wir sind nicht gegen, sondern für etwas, für eine Politik der Qualifikation, also dafür, dass die Qualifikation zum einzigen Faktor bei der Stellenvergabe wird.
Wichtig sind für uns Themen, die mit Wissenschaft und Wissenschaftspolitik zusammenhängen, z.B. die Erforschung der normativen Grundlagen der Wissenschaft, die Bedeutung der Qualifikation und anderer Faktoren, die bessere wissenschaftliche Leistung zur Folge haben, und der Einfluss von außerwissenschaftlichen Faktoren auf die Wissenschaft. Darüber hinaus möchten wir diejenigen Mechanismen und Tendenzen behandeln, die die Demokratie in Frage stellen und die Freiheiten des Einzelnen einschränken. Ich denke hier vor allem an moderne Ideologien, wie Politische Korrektheit, Ökologismus und Feminismus, aber auch andere Formen des totalitären Denkens, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet sind.  


FreieWelt.Net: Wer macht heute schon mit? Wer kann sich beteiligen und wie?

Dr. Alexander Ulfig: Wir sind ein loser Zusammenschluss von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen. Mit unserem ersten Schwerpunkt wenden wir vorwiegend an das akademische Publikum. Wir versammeln kritische Beiträge von Wissenschaftlern, Publizisten und Politikern. Aus dem akademischen Bereich können sich daran Professoren, Dozenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten beteiligen. Wissenschaftler sind auch aufgerufen, über konkrete Fälle von Benachteiligungen zu berichten. Es kann sich nur dann etwas ändern, wenn sie ihre Benachteiligungen Publik machen. Unser erster Schwerpunkt ist auf ein großes Interesse in der akademischen Welt gestoßen. Besonders viel Zustimmung erhalten wir von jungen Wissenschaftlern und von Privatdozenten. Sie beklagen sich über ihre Diskriminierung durch die Gleichstellungspolitik. Allerdings ist es für viele nicht einfach, über ein solches Tabuthema öffentlich zu sprechen. Sie fürchten Brandmarkung, negative dienstliche Beurteilung, Benachteiligungen bei Bewerbungen und Kürzungen bei der  Vergabe öffentlicher Aufträge und Fördermittel. Das sagt schon Einiges über das Klima an den deutschen Universitäten aus.


FreieWelt.Net: Sie kritisieren, dass Quotenregelungen in der Wissenschaft die Qualität verdrängen.

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Welche Regelungen sind aus Ihrer Sicht besonders leistungsfeindlich?

Dr. Alexander Ulfig: Die Gleichstellungsregelungen sind insgesamt leistungsfeindlich, weil sie auf die Bevorzugung einer bestimmten Gruppe und nicht auf die Beachtung der Qualität bzw. der Qualifikation hinauslaufen. Das Anliegen der Gleichstellungspolitik ist es, Ungleichheiten im Verhältnis der Geschlechter aufzuheben. Ungleichheit meint damit statistische Ungleichheit, also den Tatbestand, dass es in bestimmten Bereichen – z.B. in der Wissenschaft - weniger Frauen als Männer gibt. Um Ungleichheit aufzuheben, soll das Geschlechterverhältnis 50:50 hergestellt werden. So steht es z.B. in dem Berliner Landesgleichstellungsgesetz (§8). Zwangsläufig wird dabei Qualifikation als der zentrale Faktor außer Kraft gesetzt: Es zählt nicht mehr die Qualifikation, sondern ein statistischer Gleichheitswert.
Es gibt wissenschaftliche Bereiche, in denen es offensichtlich mehr höher qualifizierte Männer als Frauen, z.B. Mathematik oder Informatik, andererseits Bereiche, in denen es offenbar mehr höher qualifizierte Frauen als Männer, z.B. pädagogische oder philologische Bereiche, gibt. Versucht man mit politischen Mitteln in all diesen Bereichen das Geschlechterverhältnis 50:50 herzustellen, wird nicht nur die Qualifikation als Faktor aufgehoben, sondern werden auch die unterschiedlichen Interessen von Männern und Frauen nicht berücksichtigt.
Oder nehmen wir die Satzung „Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt.“ Sie hat ihren festen Platz in den Gleichstellungsgesetzen der Länder und in den Gleichstellungsregelungen vieler Hochschulen. Gleiche Qualifikation gibt es nur bei einfachen Tätigkeiten, etwa dabei, zehn Flaschen Milch innerhalb einer Minute ordnungsgemäß in ein Päckchen einzupacken. In den meisten Arbeitsbereichen kann es gleiche Qualifikation jedoch gar nicht geben. Wissenschaftliche Qualifikationen z.B. sind viel zu komplex und differenziert, um in ihren Fall von Gleichheit zu sprechen. Wissenschaftler sind immer unterschiedlich qualifiziert. In vielen Einstellungsverfahren können Qualifikationsunterschiede aufgrund von bestehenden (mangelhaften) Qualifikationskriterien nur schwer festgestellt werden. In solchen Fällen kann einfach gesagt werden, dass „gleiche Qualifikation“ vorliegt und dass eine Frau vorgezogen werden sollte. Viel sinnvoller wäre es doch, weitere, genauere und bessere Qualifikationskriterien auszuarbeiten, die die Vergabe von Stellen an Bestqualifizierte gewährleisteten, und zwar im Absehen von Geschlecht, Nation, Hautfarbe usw.


FreieWelt.Net: Wenn Sie Universität und Wissenschaft insgesamt betrachten. Wo sehen Sie die größten Defizite? Welche Verbesserungen würden Sie sich wünschen?

Dr. Alexander Ulfig: Politik sollte sich so wenig wie möglich in die Wissenschaft einmischen. Nur so kann die Freiheit der Forschung und die Autonomie der Universität gewährleistet werden. Und nur so kann die wissenschaftliche Qualität erhöht werden. Wissenschaft darf nicht zum Spielball von Ideologie und Weltanschauungen werden, die Universität darf nicht von Parteien, Interessengruppen und Lobbies dominiert werden. Die Gleichstellungspolitik ist ein aktuelles Beispiel für eine Einmischung in das akademische Leben.
Die Bewerber sollten alleine nach ihrer Qualifikation beurteilt werden. Wir brauchen an den Universitäten, aber auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, eine konsequente Politik der Qualifikation. Orientiert man sich bei der Stellenvergabe ausschließlich an Qualifikationen, verlieren Gruppenzugehörigkeiten, persönliche Vorlieben, Seilschaften und Kontakte an Bedeutung. Die Orientierung an Qualifikation ermöglicht eine allein auf wissenschaftliche Leistung bezogene Beurteilung. Eine Politik der Qualifikation würde nicht nur mehr Gerechtigkeit schaffen, sondern auch mehr Effizienz zur Folge haben. Stellen würden dann an die Bestqualifizierten vergeben werden. Dies hätte auch enorme Vorteile für die Volkswirtschaft.
Qualifikation sollte deshalb zur zentralen Kategorie der bildungstheoretischen und -politischen Debatte werden. Eine besondere Rolle würde dabei die wissenschaftliche Erforschung der Qualifikation, die Qualifikationsforschung, spielen, in der u.a. Qualifikationskriterien ausgearbeitet werden. Die Qualifikationsforschung steckt noch in den Anfängen. Sie wird gegenwärtig kaum gefördert. Würde man ihr nur einen Bruchteil der Gelder gewähren, die für das Programm des Gender-Mainstreaming vergeben werden (jährlich mehr als eine Milliarde Euro), würden wir schon längst in einem gerechteren Bildungssystem leben.
Besonderes Augenmerk sollte die Qualifikationsforschung auf diejenigen Qualifikationskriterien legen, die für die Vergabe von Professuren wichtig sind bzw. sein könnten. Die bestehenden Kriterien reichen offensichtlich nicht aus, um Unterschiede festzustellen, sonst würde man nicht von gleicher Qualifikation sprechen. Konkret schlage ich z.B. vor, dass bei Berufungsverfahren mehr externe Gutachten herangezogen werden. In der Regel sind es zwei, was offensichtlich nicht ausreichend ist. Bewerber, die in die engere Auswahl kommen, könnten über mehrere Tage fachliche Gespräche mit Fakultätsmitgliedern führen. Diese Praxis ist in den USA weit verbreitet. Zweckmäßig wäre es auch, für diesen Personenkreis mündliche und schriftliche Prüfungen einzuführen. Sinnvoll halte ich darüber hinaus anonymisierte Verfahren, bei denen den Gutachtern die Identität der Bewerber nicht bekannt ist.


FreieWelt.Net: Sie selbst sind Philosoph und betonen die Bedeutung des Ethos der Wissenschaft.  Was sind die Pfeiler dieses Ethos? Welche Vorstellung vom Menschen liegt dem zu Grunde?

Dr. Alexander Ulfig: Das Ethos der Wissenschaft bezeichnet eine Haltung, zu der folgende Normen gehören:

Unparteilichkeit – der Wissenschaftler soll in seiner Arbeit nicht die Interessen von bestimmten Gruppen vertreten;

Vorurteilsfreiheit/Unvoreingenommenheit – er soll Vorurteile jeglicher Art aufheben;

Weltanschauliche Neutralität – seine persönliche Weltanschauung soll ausgeschaltet werden. Er muss auch in der Lage sein, Forschungsergebnisse anzuerkennen, die seiner Weltanschauung widersprechen;

Der Soziologe Robert K. Merton nennt in diesem Kontext auch noch weitere Normen, u.a. den Universalismus – wissenschaftliche Erkenntnisse gelten unabhängig von ihrem Ursprung, d.h. ohne Rücksicht auf Person, Nationalität, Rasse und andere Gruppenzugehörigkeiten des Wissenschaftlers.

Diese Normen werden von einzelnem Wissenschaftler im Idealfall verinnerlicht. Sie bestimmen positiv seine Forschungspraxis. Ferner sollten sie auch die Praxis der Stellenvergabe bestimmen: Die Qualifikation der Bewerber gilt als der einzige Faktor. Faktoren wie Geschlecht, Nation, Hautfarbe usw. sollen keine relevante Rolle spielen. Das bedeutet, dass es für einen Wissenschaftler, der dem Ethos der Wissenschaft folgt, völlig gleichgültig ist, von wem eine wissenschaftliche Leistung vollbracht wurde, ob von einem Mann oder einer Frau, einem Deutschen oder Nicht-Deutschen, einem Christen oder einem Moslem usw. Was einzig und alleine zählt, ist die wissenschaftliche Leistung als solche.

Dem liegt die Vorstellung vom Menschen zugrunde, dass der Einzelne danach betrachtet werden sollte, was er darstellt, nach seiner Persönlichkeit bzw. seinem Charakter, dann natürlich auch nach seinen Kenntnissen, Fähigkeiten und Qualifikationen, nicht nach seiner Gruppenzugehörigkeit. Es zählt nur, was der einzelne Mensch denkt, wie er handelt und was er leistet.

Zur Internetseite streitbar.eu

Das Interview führte Gerard Bökenkamp

Foto: A. Ulfig

 



Redaktion, 31.08.2009 16:44 | Kommentare (2)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (2)

Dr. Eugen Maus, 02.09.2009 14:43
Das ist eine längst fällige Initiative, zu der ich Alexander Ulfig beglückwünsche!

Natürlich hat es immer Verflechtungen zwischen Politik und Wissenschaft gegeben. Mit der so genannten Gleichstellungspolitik haben aber rein parteiische Interessen einer politfeministischen Klientel Einzug in die Hochschulen gehalten. Ulfig schreibt: "Das Anliegen der Gleichstellungspolitik ist es, Ungleichheiten im Verhältnis der Geschlechter aufzuheben." Das ist jedoch nur ein vorgeschobenes Anliegen. Bekanntlich wird keine Gleichheit angestrebt etwa bei gefährlichen Berufen mit einem Männeranteil von fast 94 % bei tödlichen Arbeitsunfällen, eine Domäne, die gerne den Männern überlassen wird. Tatsächlich geht es um Machterwerb, Definitionshoheit und Vorteilspositionen für politfeministische Seilschaften in allen Bereichen der Gesellschaft.

Mit Sachargumenten alleine wird man da nichts ausrichten. Es ist eine Machtfrage. Wissenschaft sucht nach Erklärungen, Politik will etwas erreichen. Was feministische Politik erreichen will, das hat die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach noch vor ihrem Amtsantritt deutlich gesagt: "Was wir wollen, ist Macht - Macht für Frauen!"

Dr. Eugen Maus, MANNdat e.V. - geschlechterpolitische Initiative


ajk, 01.09.2009 16:56
Das finde ich sehr gut, spricht das weiter an. Ich bin zwar nicht aus der Wissenschaft, aber erkenne die Probleme schon sehr stark und merke auch wie das Ansehen von Universitäten (und allgemein der Schulen) fällt.

Leistung zählt nicht mehr, nur auswendiglernen und Quote ist wichtiger als Inhalt.. Das wird nix mit Informationsgesellschaft..

Ich bin dabei eine Plattform aufzubauen in welcher sich Männer jeglicher Gesellschaftlichen Gruppe austauschen können, und konkret Anfangen zu handeln. Nicht GEGEN etwas, sondern FÜR etwas. Und zwar ein positives Männliches Selbstverständniss. Der Wissenschaftliche Ethos ist ein wichtiger Teil davon.

/ajk



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