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11.02.2012
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"Autoritäten nicht blind vertrauen" - Interview mit Vince Ebert
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Der Physiker und ehemalige Unternehmensberater Vince Ebert ist seit 1998 als Comedian tätig.  Auf humorvolle Weise vermittelt er seinem Publikum dabei wissenschaftliche Erkenntnisse und weist auf verbreitete Wissenschaftsirrtümer in Politik und Gesellschaft hin.  FreieWelt.net sprach im Exklusiv-Interview mit Vince Ebert über Comedy, Denkfallen und Politik.

FreieWelt.net:  „Denken Sie selbst!“ ist eine der Kernaussagen Ihres aktuellen Programms.  Was hindert Menschen daran, genau dies zu tun?

Vince Ebert: Friedrich Hebbel sagte: „Der Mensch lässt sich keinen Irrtum nehmen, der ihm nützt.“ Deshalb tappen wir alle nur allzu gerne in Denkfallen. Der Lottospieler sagt: Die Chancen auf den Hauptgewinn beträgt 1:140 Millionen  – es könnte mich treffen! Der Raucher dagegen sagt: Die Chancen auf Lungenkrebs beträgt 1:1000 – warum sollte es ausgerechnet mich treffen?

Um diese Fallen weitgehend zu umgehen, hat man die Wissenschaften entwickelt. Wissenschaftliches Denken ist, banal gesagt, nichts anderes als eine Methode zur Überprüfung von Vermutungen. Wenn ich z.B. vermute: „im Kühlschrank könnte noch Bier sein“ und ich schaue nach, dann betreibe ich schon eine Vorform von Wissenschaft. Großer Unterschied zur Theologie. Da werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte: „Im Kühlschrank ist Bier“ bin ich Theologe. Wenn ich nachschaue, bin ich Wissenschaftler. Wenn ich nachsehe, nichts finde und trotzdem behaupte, es ist Bier drin – dann bin ich Esoteriker!

FreieWelt.net:  Sie nehmen im Rahmen Ihres Comedyprogramms die häufige Verzerrung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der medialen Berichterstattung aufs Korn.  Wie kommt es zu diesen Verzerrungen?

Vince Ebert: Als vor einigen Wochen ein Trafobrand im Kernkraftwerk Krümmel zur Schnellabschaltung führte, habe ich in keinem einzigen „seriösen“ Medium erfahren, dass auf der achtstufigen internationalen Sicherheitsskala der Vorfall in die Kategorie „Null“ eingestuft wurde. Die öffentliche Diskussion über Reizthemen wie Atomkraft oder Gentechnologie wird von Menschen dominiert, die oft noch nicht mal wissen, was ein Gen ist, oder die Becquerel für einen französischen Landwein halten.

Obwohl man zum Beispiel die Photovoltaik mit jährlich einer Milliarde Euro subventioniert, macht sie nur 0,3 Prozent des Energiemixes aus. Rein von der Ökobilanz wäre es also effektiver, Langzeitarbeitslosen 100.000 Euro pro Jahr zu zahlen, damit sie ein, zwei Stündchen am Tag auf Ergometern für den deutschen Energiehaushalt strampeln.

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Deswegen heißt Solarenergie ja auch so. Weil sie so lala funktioniert.
Aber statt sich ernsthaft mit zukunftsfähigen Technologien auseinanderzusetzen, träumen wir von Ackerbau und Viehzucht vor 100 Jahren, stellen Windmühlen auf und schicken unsere Kinder in Schulen in denen sie lernen, ihren eigenen Namen zu tanzen. Und dieses weltfremde Rumgeeiere nennen wir dann „Fortschritt“.

FreieWelt.net:  Wie groß ist die Gefahr, dass die Wissenschaft von der Politik missbraucht wird?

Vince Ebert: Das Geschäft mit der angeblichen Klimakatastrophe ist ein sehr gutes Beispiel. Viele Politiker retten lieber das Klima in 50 Jahren, als sich heute mit so lästigen Themen wie Rentenpolitik oder der Gesundheitsreform zu beschäftigen. Der Staat pumpt seit Jahren Unsummen von Fördergeldern in Klimaforschungsinstitute – im Wesentlichen, um den Satz zu hören: Es wird alles immer schlimmer – wir müssen endlich etwas tun!

Vielen ist nicht bewusst, dass es in der Klimaforschung im Grunde gar nicht um Wissenschaft geht. Die computergestützten Klimamodelle, auf die sich alle Prognosen stützen, basieren nämlich alle auf sogenannten „nichtlinearen Systemen“. Ich habe in meinem Studium und später als Unternehmensberater diese nichtlinearen Systeme kennen gelernt und weiß, dass man mit ihnen jedes beliebige Ergebnis „errechnen“ kann, wenn man nur geschickt den ein oder anderen Anfangsparameter minimal variiert. Salopp gesagt sind Prognosen von Klimamodellen also nichts anderes als die in Formeln gegossene Meinung ihrer Schöpfer.
Das steht übrigens auch so im Weltklimabericht. In Kapitel 13 (ganz weit hinten also) findet sich der Satz: „Klimamodelle arbeiten mit gekoppelten nichtlinearen chaotischen Systemen. Dadurch ist eine langfristige Voraussage des Systems Klima nicht möglich.“ Egal ob Sie also eine Versicherung abschließen oder die Welt retten wollen – lesen Sie vorher auf jeden Fall das Kleingedruckte!

FreieWelt.net:  Neben Ihrer Arbeit als Comedian sind Sie auch einer der Autoren des liberalen Weblogs „Die Achse des Guten“ und setzen sich dort kritisch mit staatlichem Aktionismus auseinander.  Was hat Sie als Wissenschaftler und Comedian dazu motiviert, sich politisch zu positionieren?

Vince Ebert: Wer ernsthaft Naturwissenschaft betreibt, lernt ja nicht nur etwas über Formeln und Zahlen, sondern er lernt vor allem: skeptisch zu sein, kritische Fragen zu stellen und Autoritäten nicht blind zu vertrauen. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass Wissenschaft und Demokratie zum gleichen Zeitpunkt entstanden sind: im alten Griechenland. Die Werte der Naturwissenschaften und die der Demokratie gleichen sich und können in vielen Fällen nicht unterschieden werden. Beide bestehen auf vernünftiges Denken und Aufrichtigkeit. Beide sind an keine privilegierten Positionen gebunden, fördern den freien Austausch von Ideen, unkonventionellen Meinungen und lieben den leidenschaftlichen Diskurs. Das größte Geschenk der Wissenschaft besteht für mich darin, dass sie uns etwas über den Gebrauch von geistiger Freiheit lehrt. Lernen, die richtigen Fragen zu stellen; zu überprüfen, welche Gründe verlässlich sind und sich bewusst sein, dass man vieles nur sehr unzulänglich weiß.

FreieWelt.net:  Politisches Kabarett hat mittlerweile einen schlechten Ruf, es gilt als langweilig und einseitig.  Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen staatlichen Subventionen für den Kulturbetrieb und dieser Entwicklung und welche Zukunft sehen Sie für die „Wissenschafts-Comedy“, die Sie und Ihr Kollege und Regisseur, Eckart von Hirschhausen, betreiben?

Vince Ebert: Mir fehlt in der Tat bei vielen Polit-Kabarettisten ein echtes Querdenken. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die meisten von ihnen einen sehr ideologischen, meist linken, Hintergrund haben. Man verdient sich eine goldene Nase, indem man seinem Publikum erzählt, dass die Marktwirtschaft alles kaputt macht. Neulich erst saß ich nach einer TV-Aufzeichnung mit einem berühmten Polit-Kabarettisten zusammen und habe ihn gefragt: „Was würdest Du eigentlich tun, wenn du im Jahr eine Million Euro zur Verfügung hättest?“ und er antwortete mir: „Ich müsste mich sehr einschränken.“

Das, was Eckart und mir so viel Spaß macht, ist die etwas andere, eher faktenorientierte Herangehensweise an aktuelle Themen. Geht die Schere zwischen reich und arm wirklich auseinander? Haben homöopathische Mittel tatsächlich eine Wirkung? Beeinflusst eine gute Erziehung den IQ? Oft sind die Antworten darauf nicht die, die wir eventuell hören wollen. Weil sie unser Weltbild, das wir uns über Jahre hinweg aufgebaut haben, erschüttern. Ich weiß, wir Naturwissenschaftler können manchmal ganz schöne Spielverderber sein. Aber das ist eben unser Job...

Das Interview führte Fabian Heinzel

Zur Homepage von Vince Ebert

(Foto: Vince Ebert/Fotograf: Frank Eidel)



Redaktion, 25.08.2009 11:02 | Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

lab, 15.01.2010 22:32
@Adiaphoron
Ebert bezieht sich auf den dritten Sachstandsbericht (da er leider keine echte Quellenangabe macht, musste ich eine Weile suchen) und das Zitat steht auch nicht im Kapitel 13, sondern 14. Genaugenommen steht es auch nicht am Ende des Berichtes, sondern am Ende des ersten (von vier) Teilen des Sachstandberichts.
Da macht es dann auch nicht mehr viel, dass genau das Problem der Anfangsparameter in dem entsprechenden Abschnitt behandelt wird und der Bericht zeigt, wie damit umgegangen wird (nämlich mit sehr vielen verschiedenen Durchläufen der Modelle und einer statistischen Auswertung der Ergebnisse). Deswegen - und darauf bezieht sich das Zitat - kann man eben das Klima nicht exakt vorhersagen, sondern nur mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Das ist wohlgemerkt keine Erkenntnis von Ebert, sondern steht so im Bericht.


Adiaphoron, 05.01.2010 20:07
Der werte Herr scheint vom 4. Sachstandsbericht des IPCC nicht mal in den Anfang angeschaut zu haben. Sonst hätte er gemerkt, dass bereits von Anfang an genau Aufschluss über wissenschaftliche Unsicherheiten gegeben wird. Abgesehen davon, dass der Report "the physical science basis", in dem die wissenschaftlichen Grundlagen zum Klimawandel behandelt werden, überhaupt keine 13 Kapitel hat. Dass der sich nicht selbst etwas lächerlich vorkommt, wenn er mit seinem Physik Diplom als großer Wissenschaftler hausieren geht..

Ice66, 13.12.2009 23:21
Satire ist mit der trockenen wissenschaftlichen Argumentationsmethode leider nicht vereinbar.

Ebert hat recht, dass wissenschaftliche Theorien und Thesen in den Medien häufig verzerrt wiedergegeben werden. Leider bemerkt er nicht, dass er dies selbst in Bezug auf die Theorie des vorrangig anthropogenen Klimawandels auch macht.

Ich schätze Satire sehr, solange es um Themen der sozialen Wirklichkeit geht. Aber bei der Naturwissenschaft bin ich ein Spielverderber.

"Viele Politiker retten lieber das Klima in 50 Jahren, als sich heute mit so lästigen Themen wie Rentenpolitik oder der Gesundheitsreform zu beschäftigen."
Diesen rhetorischen Kunstgriff nennt man Ablenkungsmanöver. Es wird das Thema gewechselt. Vom Klimawandel zur Rentenpolitik. Ebert nutzt die Tatsache, dass der Klimawandel zwischenzeitlich auch ein Politikum ist, dazu aus, unterschiedliche politisch relevante Betätigungsfelder gegeneinander auszuspielen.

"Der Staat pumpt seit Jahren Unsummen von Fördergeldern in Klimaforschungsinstitute – im Wesentlichen, um den Satz zu hören: Es wird alles immer schlimmer – wir müssen endlich etwas tun!"
Ein ganz normaler Vorgang: nämlich dass der Staat Forschungsinstitute finanziert, wird durch die konkrete Wortwahl eine gehässige Konnotation verliehen.

"Vielen ist nicht bewusst, dass es in der Klimaforschung im Grunde gar nicht um Wissenschaft geht. Die computergestützten Klimamodelle, auf die sich alle Prognosen stützen, basieren nämlich alle auf sogenannten „nichtlinearen Systemen“."
Der atmosphärische Treibhauseffekt und auch die Verstärkung des atmosphärischen Treibhauseffekts wurde durch keine Computersimulation bewiesen. Es wird lediglich versucht Thesen über die Folgen des Klimawandels mit Computersimulationen zu präzisieren, obwohl diesen Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind, worauf hingewiesen wird.

Ebert macht hier aus einem Teilaspekt der Theorie über den vorrangig anthropogenen Klimawandel ein Absolutum, was dann den Schluss zulässt, das die Theorie gar keine wissenschaftliche Theorie wäre.

"Ich habe in meinem Studium und später als Unternehmensberater diese nichtlinearen Systeme kennen gelernt und weiß, dass man mit ihnen jedes beliebige Ergebnis „errechnen“ kann, wenn man nur geschickt den ein oder anderen Anfangsparameter minimal variiert."
Da hat Ebert recht, das kann man, wenn die Modelle schlecht geeicht sind. Die Eichung muss natürlich auf Basis von empirischen Daten und naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten basieren.
Die Computersimulationen, die zur Erstellung von Wettervorhersagen benutzt werden, werden heutzutage nur noch selten kritisiert, weil sie sich bewährt haben, wenn auch für sie Grenzen gesetzt sind. Dafür ist es aber notwendig, die Anfangsparameter nicht geschickt zu variieren, sondern geschickt zu eichen.
Außer das Ebert die Computersimulationen zu einem Absolutum der Theorie des vorrangig anthropogenen Klimawandels macht, unterstellt er den Klimatologen nun auch noch eine generelle absolute Unfähigkeit mit modernen Verfahren selbstkritisch umzugehen. Übrigens kommunizieren Klimatologen auch ihre Gründe, wieso sie zu dem Schluß kommen, dass die Eichung bei Klimasimulationen sogar zuverlässiger möglich sein sollte, als bei Wettersimulationen.

Das was Ebert hier vorführt, ist keine wissenschaftliche Skepsis mehr, sondern Skeptizismus. Es geht hier nur noch darum eine Theorie abzulehnen, nicht mehr darum eine Theorie zu entwickeln oder zumindest zu verstehen, damit man sie falsifizieren kann.


Rainer, 13.12.2009 09:15
Mein Kommentar ist beim Freischalten wohl zu 95% verloren gegangen. Schade.

Rainer, 09.12.2009 19:51
>>Ich weiß, wir Naturwissenschaftler können manchmal ganz schöne Spielverderber sein. Aber das ist eben unser Job...

Kai Laborenz, 09.12.2009 09:36
Vince Ebert plädiert für mehr Sachlichkeit und wissenschaftliches Denken. Das ist gut.
Weniger gut ist, dass er diesen wissenschaftlichen Anspruch offenbar für sich selbst nicht so Recht annehmen mag.
Statt wissenschaftlich-sachlich zu argumentieren, polemisiert und verkürzt er was das Zeug hält.
Ein Beispiel: Vielen Polit-Kabaretisten fehle ein echtes Querdenken, weil sie einen ideologischen, meist linken Hintergrund hätten... Interessante These - aber wo sind die Belege? Mich würde auch mal die Quellenangabe des folgenden Zitats interessieren, mir kommt der Wortlaut doch sehr bekannt vor. Allerdings nicht aus dem Mund eines berühmten Kabarettisten, sondern als - ziemlich abgeschmackter - Alltagswitz. Mag sein, dass das tatsächlich so gefallen ist, nachprüfen können wir es nicht. Das ist genau das Gegenteil von wissenschaftlicher Diskurskultur.
Auch an anderer Stelle passt es mit der Wissenschaft nicht so Recht. Klimawandel? Wird mit dem Beiwort "angeblich" ins Reich der Phantasie verwiesen - und damit die über Jahrzehnte laufende wissenschaftliche Diskussion zwischen zigtausenden Wissenschaftlern hinweggewischt. Ach ja richtig - das sind ja im Grunde gar keine richtigen Wissenschaftler, sondern - ja was?. Offenbar alle Betrüger, die sich Wissenschaftler nennen und mit funktionsuntüchtigen Modellen ihre eigene Meinung den Politikern von Deutschland bis China untergejubelt haben um sich mit Forschungsgeldern vollzustopfen. Ein genauere Beschäftigung mit den kritisierten Modellen ist dann natürlich überflüssig...
Alles klar, Herr Ebert.
Solarenergie heisst so, weil sie "so lala" funktioniert. Alles klar, Herr Ebert. So geht also Wissenschaft.
Lustig wird es auch wenn Ebert Technikkritikern vorwirft, keine Ahnung von den diskutierten Themen zu haben. Er selbst zitiert an anderer Stelle (http://www.rhein-main.net/sixcms/detail.php/rmn01.c.5352850.de) seinen "Onkel Günter" der angeblich seine Altbauwohnung mit Ökostrom heizt. Heizen mit Strom? Wenn das wirklich stimmen sollte (wenn es wirklich einen "Onkel Günter" gibt - aber vielleicht lebt der ja auch im gleichen Paralleluniversum wie der "berühmte Kabarettist mit den Millioneneinnahmen") dann wäre das Heizen mit Strom der tatsächliche Unfug - und nicht gerade die Regel.
Aber so wird verkürzt und vermengt, was das Zeug hält - "Solarenergie mit "Ackerbau vor 100 Jahren" und "Schulen, in denen Kinder ... den eigenen Namen ... tanzen" - um sich das Klischee eines Technik-feindlichen Mainstreams zurecht zu zimmern.
Und das alles unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft - leider kann die sich nicht gegen solche Vereinnahmung wehren...



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