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22.05.2013
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"Autoritäten nicht blind vertrauen" - Interview mit Vince Ebert
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Der Physiker und ehemalige Unternehmensberater Vince Ebert ist seit 1998 als Comedian tätig.  Auf humorvolle Weise vermittelt er seinem Publikum dabei wissenschaftliche Erkenntnisse und weist auf verbreitete Wissenschaftsirrtümer in Politik und Gesellschaft hin.  FreieWelt.net sprach im Exklusiv-Interview mit Vince Ebert über Comedy, Denkfallen und Politik.

FreieWelt.net:  „Denken Sie selbst!“ ist eine der Kernaussagen Ihres aktuellen Programms.  Was hindert Menschen daran, genau dies zu tun?

Vince Ebert: Friedrich Hebbel sagte: „Der Mensch lässt sich keinen Irrtum nehmen, der ihm nützt.“ Deshalb tappen wir alle nur allzu gerne in Denkfallen. Der Lottospieler sagt: Die Chancen auf den Hauptgewinn beträgt 1:140 Millionen  – es könnte mich treffen! Der Raucher dagegen sagt: Die Chancen auf Lungenkrebs beträgt 1:1000 – warum sollte es ausgerechnet mich treffen?

Um diese Fallen weitgehend zu umgehen, hat man die Wissenschaften entwickelt. Wissenschaftliches Denken ist, banal gesagt, nichts anderes als eine Methode zur Überprüfung von Vermutungen. Wenn ich z.B. vermute: „im Kühlschrank könnte noch Bier sein“ und ich schaue nach, dann betreibe ich schon eine Vorform von Wissenschaft. Großer Unterschied zur Theologie. Da werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte: „Im Kühlschrank ist Bier“ bin ich Theologe. Wenn ich nachschaue, bin ich Wissenschaftler. Wenn ich nachsehe, nichts finde und trotzdem behaupte, es ist Bier drin – dann bin ich Esoteriker!

FreieWelt.net:  Sie nehmen im Rahmen Ihres Comedyprogramms die häufige Verzerrung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der medialen Berichterstattung aufs Korn.  Wie kommt es zu diesen Verzerrungen?

Vince Ebert: Als vor einigen Wochen ein Trafobrand im Kernkraftwerk Krümmel zur Schnellabschaltung führte, habe ich in keinem einzigen „seriösen“ Medium erfahren, dass auf der achtstufigen internationalen Sicherheitsskala der Vorfall in die Kategorie „Null“ eingestuft wurde. Die öffentliche Diskussion über Reizthemen wie Atomkraft oder Gentechnologie wird von Menschen dominiert, die oft noch nicht mal wissen, was ein Gen ist, oder die Becquerel für einen französischen Landwein halten.

Obwohl man zum Beispiel die Photovoltaik mit jährlich einer Milliarde Euro subventioniert, macht sie nur 0,3 Prozent des Energiemixes aus. Rein von der Ökobilanz wäre es also effektiver, Langzeitarbeitslosen 100.000 Euro pro Jahr zu zahlen, damit sie ein, zwei Stündchen am Tag auf Ergometern für den deutschen Energiehaushalt strampeln. Deswegen heißt Solarenergie ja auch so. Weil sie so lala funktioniert.
Aber statt sich ernsthaft mit zukunftsfähigen Technologien auseinanderzusetzen, träumen wir von Ackerbau und Viehzucht vor 100 Jahren, stellen Windmühlen auf und schicken unsere Kinder in Schulen in denen sie lernen, ihren eigenen Namen zu tanzen. Und dieses weltfremde Rumgeeiere nennen wir dann „Fortschritt“.

FreieWelt.net:  Wie groß ist die Gefahr, dass die Wissenschaft von der Politik missbraucht wird?

Vince Ebert: Das Geschäft mit der angeblichen Klimakatastrophe ist ein sehr gutes Beispiel. Viele Politiker retten lieber das Klima in 50 Jahren, als sich heute mit so lästigen Themen wie Rentenpolitik oder der Gesundheitsreform zu beschäftigen. Der Staat pumpt seit Jahren Unsummen von Fördergeldern in Klimaforschungsinstitute – im Wesentlichen, um den Satz zu hören: Es wird alles immer schlimmer – wir müssen endlich etwas tun!

Vielen ist nicht bewusst, dass es in der Klimaforschung im Grunde gar nicht um Wissenschaft geht. Die computergestützten Klimamodelle, auf die sich alle Prognosen stützen, basieren nämlich alle auf sogenannten „nichtlinearen Systemen“. Ich habe in meinem Studium und später als Unternehmensberater diese nichtlinearen Systeme kennen gelernt und weiß, dass man mit ihnen jedes beliebige Ergebnis „errechnen“ kann, wenn man nur geschickt den ein oder anderen Anfangsparameter minimal variiert. Salopp gesagt sind Prognosen von Klimamodellen also nichts anderes als die in Formeln gegossene Meinung ihrer Schöpfer.
Das steht übrigens auch so im Weltklimabericht. In Kapitel 13 (ganz weit hinten also) findet sich der Satz: „Klimamodelle arbeiten mit gekoppelten nichtlinearen chaotischen Systemen. Dadurch ist eine langfristige Voraussage des Systems Klima nicht möglich.“ Egal ob Sie also eine Versicherung abschließen oder die Welt retten wollen – lesen Sie vorher auf jeden Fall das Kleingedruckte!

FreieWelt.net:  Neben Ihrer Arbeit als Comedian sind Sie auch einer der Autoren des liberalen Weblogs „Die Achse des Guten“ und setzen sich dort kritisch mit staatlichem Aktionismus auseinander.  Was hat Sie als Wissenschaftler und Comedian dazu motiviert, sich politisch zu positionieren?

Vince Ebert: Wer ernsthaft Naturwissenschaft betreibt, lernt ja nicht nur etwas über Formeln und Zahlen, sondern er lernt vor allem: skeptisch zu sein, kritische Fragen zu stellen und Autoritäten nicht blind zu vertrauen. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass Wissenschaft und Demokratie zum gleichen Zeitpunkt entstanden sind: im alten Griechenland. Die Werte der Naturwissenschaften und die der Demokratie gleichen sich und können in vielen Fällen nicht unterschieden werden. Beide bestehen auf vernünftiges Denken und Aufrichtigkeit. Beide sind an keine privilegierten Positionen gebunden, fördern den freien Austausch von Ideen, unkonventionellen Meinungen und lieben den leidenschaftlichen Diskurs. Das größte Geschenk der Wissenschaft besteht für mich darin, dass sie uns etwas über den Gebrauch von geistiger Freiheit lehrt. Lernen, die richtigen Fragen zu stellen; zu überprüfen, welche Gründe verlässlich sind und sich bewusst sein, dass man vieles nur sehr unzulänglich weiß.

FreieWelt.net:  Politisches Kabarett hat mittlerweile einen schlechten Ruf, es gilt als langweilig und einseitig.  Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen staatlichen Subventionen für den Kulturbetrieb und dieser Entwicklung und welche Zukunft sehen Sie für die „Wissenschafts-Comedy“, die Sie und Ihr Kollege und Regisseur, Eckart von Hirschhausen, betreiben?

Vince Ebert: Mir fehlt in der Tat bei vielen Polit-Kabarettisten ein echtes Querdenken. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die meisten von ihnen einen sehr ideologischen, meist linken, Hintergrund haben. Man verdient sich eine goldene Nase, indem man seinem Publikum erzählt, dass die Marktwirtschaft alles kaputt macht. Neulich erst saß ich nach einer TV-Aufzeichnung mit einem berühmten Polit-Kabarettisten zusammen und habe ihn gefragt: „Was würdest Du eigentlich tun, wenn du im Jahr eine Million Euro zur Verfügung hättest?“ und er antwortete mir: „Ich müsste mich sehr einschränken.“

Das, was Eckart und mir so viel Spaß macht, ist die etwas andere, eher faktenorientierte Herangehensweise an aktuelle Themen. Geht die Schere zwischen reich und arm wirklich auseinander? Haben homöopathische Mittel tatsächlich eine Wirkung? Beeinflusst eine gute Erziehung den IQ? Oft sind die Antworten darauf nicht die, die wir eventuell hören wollen. Weil sie unser Weltbild, das wir uns über Jahre hinweg aufgebaut haben, erschüttern. Ich weiß, wir Naturwissenschaftler können manchmal ganz schöne Spielverderber sein. Aber das ist eben unser Job...

Das Interview führte Fabian Heinzel

Zur Homepage von Vince Ebert

(Foto: Vince Ebert/Fotograf: Frank Eidel)

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Redaktion, 25.08.2009 11:02 | Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

lab, 15.01.2010 22:32
@Adiaphoron
Ebert bezieht sich auf den dritten Sachstandsbericht (da er leider keine echte Quellenangabe macht, musste ich eine Weile suchen) und das Zitat steht auch nicht im Kapitel 13, sondern 14. Genaugenommen steht es auch nicht am Ende des Berichtes, sondern am Ende des ersten (von vier) Teilen des Sachstandberichts.
Da macht es dann auch nicht mehr viel, dass genau das Problem der Anfangsparameter in dem entsprechenden Abschnitt behandelt wird und der Bericht zeigt, wie damit umgegangen wird (nämlich mit sehr vielen verschiedenen Durchläufen der Modelle und einer statistischen Auswertung der Ergebnisse). Deswegen - und darauf bezieht sich das Zitat - kann man eben das Klima nicht exakt vorhersagen, sondern nur mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Das ist wohlgemerkt keine Erkenntnis von Ebert, sondern steht so im Bericht.


Rainer, 13.12.2009 09:15
Mein Kommentar ist beim Freischalten wohl zu 95% verloren gegangen. Schade.

Rainer, 09.12.2009 19:51
>>Ich weiß, wir Naturwissenschaftler können manchmal ganz schöne Spielverderber sein. Aber das ist eben unser Job...


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