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11.02.2012
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CDU verliert ihre Identität - Interview mit Prof. Ockenfels
Weitere Themen: Allgemein, Bildung



Professor Wolfgang Ockenfels ist Dominikanerpater und Sozialethiker. Er hat den Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier inne. Ockenfels ist Geistlicher Berater des Bundes Katholischer Unternehmer BKU und Chefredakteur der Zeitschrift Die Neue Ordnung. Er ist Vorsitzender des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, Präsident der Internationalen Stiftung Humanum und Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung. Seit 2000 ist er Kuratoriumsmitglied des Forum Deutscher Katholiken. Vor einigen Tagen erschien sein Buch „Das hohe C. Wohin steuert die CDU?“ im St. Ulrich Verlag, Augsburg.

FreieWelt.net sprach mit Professor Ockenfels über das Verhältnis zwischen den Christen in Deutschland und den C-Parteien vor der Bundestagswahl.

FreieWelt.net: Professor Ockenfels, Sie gelten als profilierter Kritiker des aktuellen CDU-Parteiprogramms aus christlicher Sicht. Welche Punkte darin bereiten Ihnen die größte Sorge und wie beurteilen Sie das gemeinsame „Regierungsprogramm“ von CDU/CSU zur Bundestagswahl vor diesem Hintergrund?

Ockenfels:
Die Auszehrung christlicher Substanz in der CDU-Programmatik ist ein schleichender Prozeß, der nicht erst mit Frau Merkel begonnen hat. Die Partei entfremdet sich zunehmend von ihrer eigenen Tradition und verliert damit ihre C-Identität. Was vom „C“ übrig bleibt, ist der schwache Aufguß dessen, was man „christliches Menschenbild“ nennt. Es bleibt bei rhetorischen Beschwörungen hehrer „Werte“ wie Menschenwürde, Ehe und Familie. Deren rechtliche Bedeutung wird aber völlig verkannt. So folgt im neuen Regierungsprogramm aus der „ungeteilten Menschenwürde“, die auch den Ungeborenen zukommt, nicht etwa die rechtliche Konsequenz eines verstärkten Lebensschutzes. Natur- und Tierschutz haben für die CDU eine größere Bedeutung als der Menschenschutz.

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Obwohl sich die heute gängige Abtreibungspraxis als überaus sozialschädlich erweist. Sie ist die Hauptursache für das demographisches Problem, das unsere Sozialsysteme und unsere ökonomische Zukunft erheblich gefährdet. Uns fehlen heute genau die Millionen Kinder, die wir seit den siebziger Jahren „rechtswidrig, aber straffrei“ haben abtreiben lassen. Die anreiztheoretisch ausgeklügelten familienpolitischen Maßnahmen zur Behebung dieses Desasters werden nicht ausreichen. Vor allem nicht die Kinderkrippen, die das Problem nur verschärfen und zur Verstaatlichung der Familien führen.

FreieWelt.net: Auch jenseits des Parteiprogramms lässt sich eine Entfremdung zwischen der CDU und den Christen im Land beobachten, etwa im Zuge der so genannten "Papst-Schelte" der CDU-Parteivorsitzenden, die viele Katholiken verstört hat. Wie sollten sich überzeugte Christen angesichts dieser Entwicklung Ihrer Meinung nach bei der Bundestagswahl verhalten?

Ockenfels:
Frau Merkel ist bereits durch ihr Elternhaus und vor allem durch ihre DDR-Sozialisation ein wenig milieugeschädigt, was man ihr nicht moralisch vorhalten kann. Sie hätte aber inzwischen lernen müssen, was die christliche, vor allem katholisch-soziale Tradition der CDU inhaltlich bedeutet. Sonst riskiert sie die Resignation, das Abwandern ihrer treuesten Stammwähler. In ihrem Bestreben, als mütterliche Gouvernante der Nation es allen recht zu machen und sich allen anzubiedern, ist sie freilich ein hohes Risiko eingegangen. Wozu CDU wählen, wenn das charakteristische „C“ immer mehr verschwimmt und ähnliche Positionen auch von anderen Parteien eingenommen werden? Bezeichnend ist, wie Frau Merkel profilierte Christen wie Friedrich Merz, Christoph Böhr, Paul Kirchhof und andere hinausgeekelt hat. Die fehlen der Partei heute sehr.
Was die Eseleien betrifft, die Frau Merkel im Zusammenhang mit ihrer „Papst-Schelte“ zu Recht vorgeworfen werden, so runden sie das Bild von dieser opportunistischen Kanzlerin nur noch ab. Ihre Insinuation, Papst Benedikt XVI. habe den abtrünnigen Bischof Williamson, der auch noch den Holocaust leugnete, rehabilitiert, hat Frau Merkel bis heute noch nicht zurückgenommen. Dazu hätte sie in Berlin und München vor den katholischen Akademien die Gelegenheit gehabt. Solange sich Frau Merkel nicht von dieser abenteuerlichen Unterstellung distanziert, der Papst hätte irgendwie etwas mit Holocaust-Leugnung zu tun, werde ich sie nicht wählen. Und so wie ich denken viele in der CDU.

FreieWelt.net: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um das Vertrauen der Christen in die C-Parteien wieder zu bestärken?

Ockenfels:
Durch ihr strenges Regiment hat es Frau Merkel geschafft, innerhalb ihrer Partei pointiert christliche Persönlichkeiten und Programmpositionen zu unterdrücken. Es ist traurig, wie darunter die Freiheit der innerparteilichen Diskussion stranguliert wird. Zeitgeist-Opportunisten beherrschen das Feld und verdrängen die Erfahrungen der Wertkonservativen. Diese finden aber immer noch Anklang innerhalb der CDU-Junioren und der Senioren-Union. Besondere Hoffnungsträger sind die „Christdemokraten für das Leben“ (CDL). Sie sorgen sich darum, daß es auch in Zukunft genügend Wähler für die CDU gibt.
Von einem eigenen katholischen Arbeitskreis innerhalb der CDU, wie ihn Werner Weidenfeld fordert, erwarte ich mir nichts. Katholiken können sich in der CDU organisieren und hoffentlich auch engagieren, ohne sich der „Diktatur des Relativismus“ zu unterwerfen. Allerdings bedürfen sie dazu der Rückendeckung vonseiten der katholischen Kirche. Aber auch diese Kirche scheint in der Öffentlichkeit inzwischen völlig abgetaucht zu sein. Darin liegt das eigentliche Problem.


Das Interview führte Christoph Kramer
Foto: Prof. Ockenfels



Redaktion FreieWelt.Net, 20.08.2009 09:37 | Kommentare (6)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (6)

Johannes Resch, 28.08.2009 22:01
An der Kritik von Prof. Ockenfels mag ja vieles richtig sein, aber sie geht noch viel zu wenig in die Tiefe. Die Entchristlichung der CDU begann schon mit der Sozialpolitik Adenauers. Seine Verfälschung des von Wilfrid Schreiber ersonnenen Generationenvertrages zum Generationenbetrug kam einer Enteignung der Eltern gleich und bedeutete einen schweren Verstoß gegen das 4. Gebot durch den Gesetzgeber. – Die dadurch erzwungene relative Verarmung der Familien innerhalb der Gesellschaft musste die Familien zunehmend überfordern und immer mehr als Auslaufmodell erscheinen lassen. Die Verstaatlichung der Kindererziehung durch Kinderkrippen ist nur die konsequente Fortsetzung der von Adenauer eingeleiteten Politik.

Kneller Ludwig, 28.08.2009 11:15
Ich kann Herrn Profesor Ockenfels nur beipflichten, vor allem unter Kanzlerin Merkel hat sich die CDU immer mehr von ihrer christlichen Grundsubstanz entfernt. Aber nicht nur das, ich habe auch das Empfinden, die Partei entfernt sich immer mehr von rechtstaatlichen Standpunkten. Meines Erachtens hat z. B. die Bundeswehr nichts in Afghanistan zu suchen, eigentlich ist es auch völkerrechtlich gar nicht zulässig, da wir noch immer keinen Friedensvertrag mit den Siegermächten des 2. Weltkrieges haben. Bei verschiedenen Gesetzgebungsprojekten ist oft für Laien ersichtlich, daß diese nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind aber offensichtlich nicht für unsere Gesetzgeber. So wird gerade von der CDU versucht, den Einsatz der Bundeswehr in den Grenzen der BRD zu ermöglichen. Ich denke, die Erschaffer des Grundgesetzes hatten ihre Gründe, warum dies nicht zulässig ist. Oder wenn ich mitverfolge, wie der einzelne Bürger im Internet ausgespäht werden soll, kannich nur den Kopf schütteln.
Seit nunmehr 35 Jahren wähle ich die CDU, aber bei dieser Wahl werde ich sie nicht mehr wählen, denn mir graut vor dem, was sie inzwischen darstellt.

Ludwig Kneller


Norbert Knippschild, 28.08.2009 00:29
Schlimmer, die Parteien wissen viel und stellen sich blind um im vorauseilenden Gehorsam gegenüber ihrer Lobbyisten gegen den Willen der Bevölkerung zu "arbeiten" zu können.

Horatio Nelson, 24.08.2009 13:36
Die heutigen Parteien des Etablissements richten sich schon lange nach den Prinzipien: "Fetter Bauch regiert nicht gern" und "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?". Merkels vor kurzem veröffentlichte unglaubliche Deklaration "ICH erwarte von den Russen....."(!) sowie ihre Kritik an den Papst - er, geistig das Vielfache ihres geistigen Umfanges - lassen erkennen, daß sie jeglichen Verstand für ihre eigene tatsächliche "Größe" und folgliche Möglichkeiten verloren hat. Aber was kann man von einer erwarten, die ehemalig Feuer und Flamme für die SED-Jugend und die FDJ war und nun (siehe da) Feuer und Flamme für die Schwarzen ist. Diese Paradedefinition des Begriffes "Opportunismus" gehört in Duden, Brockhaus und das Guiness Buch der Rekorde. Die spricht Bänder auch über den geistigen Zustand der CDU/CSU selbst. Aber auch die Bemerkung Prof. Ockenfels: "Aber auch diese Kirche scheint in der Öffentlichkeit inzwischen völlig abgetaucht zu sein. Darin liegt das eigentliche Problem." Auch ein klarer Zustand der katholischen Kirche nach dem zweiten vatikanischen Konzil. Als Katholik der gegen das "Disneylandisieren" meiner Messe, meiner echten universalen tridentischen Liturgie, protestiere und kämpfe ich gegen dieses desolate "Micky Mouse" Trauerspiel der Kirche. Die Mitläufer des Zeitgeistes des 2. Konzils, Zollitsch, Jaschke, Lehmann, Marx? Die zwei letzteren enttäuschen mich. Ich hätte mir etwas mehr Charakter und Mumm wenigstens von ihnen erhofft. Jaschke ist sowieso der regionalen zeitgeistigen Denkweise ausgesetzt worden. Die untertänige Haltung des Herrn Zollitsch war sowieso zu erwarten. Siehe sein politisch korrektes Verhalten während des Anti-Williamson-Feldzuges sowie seine öffentliche Leugnung des Sühnencharakters des Leidens und Sterbens Christi. Fazit: Die protestantisierte katholische Kirche des zweiten vatikanischen Konzils und die gegenwärtige CDU/CSU passen prächtig zusammen.
Grüße
Horatio Nelson


Lars-Michael Lehmann, 20.08.2009 18:55
ja in der Tat, muss sich die CDU um Ihre Identität des "C" Gedanken machen. Ich selber war auch einmal in der Vergangenheit in der CDU und in der Jungen Union Aktiv.

Bin dann aber wieder ausgetretten, da ich als Christ das was die CDU mit der Agenda 2010 mit zu verantworten hat, nicht mehr vertretten kann


Andre Kowalski, 20.08.2009 12:50
Die Parteien wissen viel und sind blind.


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