Joseph Ratzinger nahm damit den vakant gewordenen Platz des Physikers und Nobelpreisträgers
Andrei Dmitrijewitsch Sacharow ein, der sich zu Lebzeiten für Menschenrechte in der Sowjetunion eingesetzt hatte.
Auch umstrittene Handlungen des Papstes spart Twomey in seiner Rede nicht aus. In Bezug auf die
Regensburger Rede, bei der der Papst die mohammedkritischen Äußerungen eines mittelalterlichen Gelehrten zitiert hatte, liest Twomey einen Satz aus einem Brief vor, den ein Bischof aus einem arabischen Land an Benedikt XVI. geschrieben hat: „Vor der Regensburger Rede durfte niemand über das Thema „Gewalt und Islam“ sprechen. Jetzt dürfen wir“. Auch bei der Empfehlung im Kampf gegen Aids in erster Linie auf Enthaltsamkeit und Treue und nicht auf Kondome zu setzen, habe der Papst Recht gehabt, betont Twomey und erinnert daran, dass auch der bekannte Aids-Forscher
Edward C. Green (Havard Universität) Ratzingers Sicht unterstützt.
Suche nach der WahrheitFür Twomey haben gerade diese Äußerungen große Bedeutung. Denn sie zeigen, dass sich Benedikt XVI. der Wahrheit und dem Gewissen, nicht politischem oder medialem Druck, verpflichtet fühlt. Jeder Mensch müsse sein eigenes Gewissen bilden. Niemand dürfe sich hinter Mehrheitsentscheidungen verstecken. Die Wahrheit ist kompromisslos.
Eine der großen Bedrohungen des Gewissens sieht Benedikt XVI. im Relativismus, führt Twomey weiter aus. Die falsche Annahme, es gäbe keine objektive Moral, keine objektive Wahrheit könne sich vor allem in der Politik negativ auswirken. Wenn man nach dem Gewissen handelt, wird auch eine freie Gesellschaft möglich sein. Ohne Gewissen wird sie nicht möglich sein. Es ist das Gewissen, das letzten Endes die Menschlichkeit der Politik ausmacht.
Natürlich ist der Begriff des Gewissens auch im Papstamt tief verankert. Das Papsttum basiert auf dem Gewissen, der Mensch, der es ausübt, muss bekennen und nach seinem Gewissen handeln, um die Herzen der Menschen anzusprechen. Dabei ist Gewissen nicht einfach auf das Gewissensurteil zu reduzieren. Die ontologische Ebene darf nicht ausgeklammert werden.
Das Gewissen ist von unserem Wesen her in uns angelegt. Twomey vergleicht es mit der Sprache. „Wir haben die Fähigkeit zu sprechen, aber wenn wir nicht in einer Gesellschaft aufwachsen, in der gesprochen wird, können wir nicht sprechen“. Auch unser Gewissen muss erweckt werden. Durch die ständige Suche nach der Wahrheit muss das Urgewissen zu sich kommen, erläutert Twomey. Jeder, der nach der Wahrheit sucht, hat etwas zu sagen, auch wenn er Fehler macht. Das sei der Grund, warum Papst Benedikt XVI. jedem Menschen genau zuhöre.
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(Foto: Vincent Twomey/Quelle: Feldmark)