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Bonum Iter (IV)
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Bonum Iter, Latein für «Gute Reise», ist ein Blog- und Reiseexperiment von Arlesheim Reloaded  und der Weltwoche. Es handelt von einer nicht ganz alltäglichen Reise, von der noch nicht  feststeht, wohin sie führen wird. Klar ist die Dauer: Vier Wochen, sowie das Transportmittel:  Bahn, 1. Klasse.  Manfred Messmer, der Betreiber von Arlesheim Reloaded, hat die Beiträge  aus Bonum Iter freundlicherweise auch Der Freien Welt zur Verfügung gestellt, die sie hier als  Reportageserie veröffentlicht.

 

Mittwoch, Juli 01, 2009

Nummus iactus est

Die Sache ist die: Wir konnten uns nicht entscheiden. Aber irgendwann muss mal Schluss sein mit diesem Theater Schottland oder Südfrankreich, Polen oder Slowenien oder doch lieber Schottland?

Also haben wir eine Münze geworfen. Schottland oder Marseille lautete die Frage. Zumindest was den Osten anbelangt, haben wie einen mutigen Entscheid gefällt und diese Zielrichtung gestrichen. Vorerst.

Nummus iactus est: Marseille.

Nachdem die Münze gefallen war - Zahl nach oben für Marseille, sind wir mit unseren wirklich praktischen Bromptons zum Bahnhof geradelt - der liegt nur wenige Minuten von unseren Büros weg.

Interrail Global Pass, 1. Klasse für ganz Europa für 1.327 Franken das Stück. Dann kommt noch das 1/2-Tax-Ticket für die Strecke Dornach-Arlesheim nach Genf hinzu, denn der Global Pass gilt nicht für das Land, in dem man wohnt. Dies kostet statt 52 Franken lediglich 48.40 Franken (einfach). Ab Genf werden wir mit dem TGV fahren. Die Plätze sind für Spezialtickets beschränkt vorhanden, sagt die SBB-Frau am Schalter, und müssen auf jeden Fall reserviert werden. Zudem muss man für die wirklich schnellen Züge einen Zuschlag bezahlen. Wir waren gespannt auf die Details: 5 Franken kostet der für den TGV, inkl. Reservierung. Na ja, das ist ja eher ein Zuschlagsscherz.

Gut, das wär's also. Am 9. Juli um 09.45 Uhr geht's los. In Delémont müssen wir zum ersten Mal umsteigen. In Delémont.

PS: Die nette SBB-Beraterin am Schalter im Bahnhof Dornach-Arlesheim heisst übrigens Daniela Schmid. Und ist ab heute auch ein Fan von Bonum Iter.


Donnerstag, Juli 02, 2009

Bücher - doch welche, das ist die Frage

Mein Problem ist derzeit das Gepäck. Ich meine nicht das Zeugs für den Alltag. Auch nicht alle diese Kabel und sperrigen Adapter für iPhone, Netbook, iPod, Nokia (sie) etc. Nein, es ist die Bücherliste, die mich unruhig macht.

Ich kann nicht ohne Bücher verreisen. Und ich nehme immer viel mehr mit, als ich dann tatsächlich lese.

Dasselbe Problem mit der Musik hat sich dank Apple perfekt gelöst. Früher, also vor der Zeit des iPod, haben wir acht CDs in den Wechsler des Autos gefüllt und nahmen noch ein paar weitere mit. Die dann während der Fahrt im Seitenfach klapperten.

Und klar war es dann so, dass du ausgerechnet jenes Musikstück, welches die einmalige Stimmung dieser Landschaft draussen vor dem Autofenster geradezu ideal untermalt hätte, nicht dabei hattest. Oder nach ein paar Tagen du die Scheiben im CD-Wechsler nicht mehr hören konntest. Heutzutage ist dieses Reiseproblem schon mit einem 16GB Nano aus dem Weg geschafft.

Bücher sind sperrig. Und haben ihr Gewicht. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, spielt beides keine Rolle. Aber im Koffer, wo sich Literatur mit Hemden, Hosen und Unterwäsche den knappen Platz streitig machen muss – was nimmt man da mit?

Also habe ich mir gestern Abend gesagt, kaufen wir noch ein Gadget, einen Sony Reader. Da kann man, lesen wir, tausende von Büchern speichern. Gut, die muss man auch zuerst mal kaufen. Aber handlich wäre dieses Teil schon.

Heute morgen beim Rasieren – für jeden Mann ein meditativer Akt - kam mir der, ich gebe es zu, naheliegende Gedanke: sich zu Beschränkung. Warum nicht mal genau soviele Bücher mitnehmen, wie man tatsächlich während vier Wochen Zugsfahrt (theoretisch) bewältigen könnte?

Mein Spiegelbild und ich einigten uns schnell auf diese Variante und hatten damit schon so um sieben Uhr herum doch glatt 448 Franken plus nochmals 69 Franken für ein weiteres Ladegerät gespart. Wenn das kein guter Tag wird.

Doch die Frage ist: Was ist der dieser Reise angemessene Lesestoff? Vier Wochen, quer durch Europa: Was liest man da? Gestrichen sind alle Reiseführer. Soviel steht fest.

Wenn ich da Tipps bekommen könnte, wäre mir sehr geholfen. Möglich aber auch, dass mein Problem nur noch grösser wird.

Ich sollte nicht jedes meiner Probleme in der Öffentlichkeit ausbreiten.


Freitag, Juli 03, 2009

Dä-dä-dätem, Dä-dä-dätem , Dä-dä-dätem

Gestern Abend habe ich meine Musiksammlung etwas neu sortiert. 2.895 Titel, 8,5 Tage, 14,93 GB gehen mit auf die Reise. Und die sind in einem Ding gespeichert, das gerade mal 9 auf 4 Zentimeter misst und 0.6 cm dick ist. Wahnsinn.

Musikmässig bin ich irgendwann mal stehen geblieben. Stellte ich fest. Die Popstücke datieren zumeist in die 70er Jahre und früher zurück: Blind Face, Bob Dylan, Cat Stevens (oh Gott), David Bowie, Deep Purple, Blind Faith, Steppenwolf, Queen, Doors, Eric Clapton, Beatles, Rolling Stones, Fleetwood Mac, J.J. Cale, Pink Floyd und so weiter und so fort. Gut, die Dire Straits haben bis in die 90er Jahre hinein gespielt, Bruce Springsteen kann man noch heute auf der Bühne erleben. Doch auch Zucchero ist kein Vertreter dieses Jahrtausends ("Dune mosse", Zucchero und Miles Davis, ein Knaller).

Bei der Jazz-Auswahl ist e.s.t. mit allen Alben dabei, dann Brad Mehldau, Diana Krall, Erika Stucky, Herbie Mann, Jacques Loussier, Jan Lundgren, John Scofield, Marcus Miller und Miles Davis, Nils Landgren, Wynton Marsalis und so weiter: 112 Interpreten auf 72 Alben meldet die Anzeige.

Dazu noch die gängige Pop-Klassik (Beethoven, Mozart, Vivaldi, Wagner). Dann steh ich noch auf Country (Alison Krauss, Dixie Chicks, Garth Brooks, Trace Adkins etc.). Ich denke, das sollte reichen.

Man könnte ja zwischendurch auch mal das Rattern des Zugs geniessen. Aber das gibt's nur noch im Film.

Dä-dä-dätem, Dä-dä-dätem , Dä-dä-dätem - was für ein Sound!

Montag, Juli 06, 2009

Das Roamingmonster

Das Einzige, was mir bei diesem Projekt etwas Sorgen bereitet, sind die Kosten fürs Bloggen und Twittern im sogenannten Ausland. Roaming ist das Stichwort. Und das löst bei jedem Handybesitzer, also bei allen über fünf Jahre, die schlimmsten Alpträume vor völlig überhöhten Telefonrechnungen aus. Gut, bei der Kategorie U18 wohl eher bei den Eltern.

So wie früher pünktlich zur Ferienzeit die Medien voll von Meldungen über das Ungeheuer von Loch Ness waren, lesen wir heute die unglaublichsten Geschichten über das Roamingmonster.

Tausende von Franken sollen schon in Rechnung gestellt worden sein, wegen ein paar netter Worte zu den Daheimgebliebenen oder wegen des stündlichen Zustandsberichts per SMS oder wegen ein paar Schlagzeilen von der Netzausgabe der Lokalzeitung.

Das Blogexperiment drohte kurze Zeit wegen des Roamingmonsters zu scheitern.

Doch dann las ich die erlösende Botschaft. Weil ich ein stockkonservativer Handynutzer bin, bei Swisscom. Die bieten eine Ausland Datenoption für Vielsurfer für 125 Franken, 200 MB gültig für einen Monat.

Und weil die von der Swisscom offensichtlich nicht möchten, dass dieses Angebot von allzuvielen Kunden genutzt wird, haben sie das Angebot auf ihrer Website so versteckt, dass man eher zufällig darüber stolpert.

Um die zu ärgern, veröffentlichen wir hier exklusiv den direkten Link zum Surfglück: Datenübertragung im Ausland.

Also ich denke, das wird reichen, 200 MB fürs iPhone und nochmals 200 MB für das Notebook von HP (hat die beste Tastatur seiner Klasse).

Sollte uns die nächste Swisscomrechnung trotzdem in den finanziellen Abgrund treiben, stellen wir eine Sammelbüchse ins Netz.

Montag, Juli 06, 2009

The Art of Travel

Die Musikindustrie, besser gesagt: Die Tonträgerindustrie ist der Verlagsindustrie um Jahre voraus. Denn dank Apple und anderen kann man heute seine Grundbedürfnis an Musik in handlicher Form und in bester Qualität überall hin mitnehmen.

Aber machen Sie das mal mit Ihrer Bibliothek. 2.000 Bücher mitschleppen analog zu den 2.895 Musiktiteln komprimiert im MP3-Format - da kann man gleich einen Umzugswagen bestellen.

Es geht um’s bibliophile Grundrauschen. Ich brauche einfach Bücher um mich herum. Mit zwei , drei Büchern – das kann man drehen und wenden wie mal will, das reicht nicht. Deshalb habe ich mit dem Kauf eines Sony-Readers geliebäugelt. Ist ja praktisch so ein Ding.

Doch eher enttäuschend ist die Auswahl des aktuellen Angebots. Keine Klassiker, keine Philosophen, wenig Handfestes (für meinen Geschmack).

Doch die Rettung lag gleich neben mir.

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Denn erneut entpuppt sich das iPhone als Pforte zum Glück. Stanza heisst das App. Mehrere zehntausend Bücher liegen abrufbereit auf irgendwelchen Servern rund um den Planten. Allein das Gutenberg Projekt hält 25.000 Titel zum Runterladen bereit (schamhaft angefügt: gratis).

Damit ist das Grundrauschen gesichert mit Schiller, Dante, Schnitzler, Rilke, Flaubert, Mann, Kafka, Goethe (italienische Reise 2), Descartes, Mommsen (römische Geschichte). Und dann noch von Johanna Schopenhauer „Reise durch England und Schottland“. Sie ist mir nicht bekannt, aber der Titel hat mein Interesse geweckt. Dann habe ich aufgehört. Schliesslich kann ich auch unterwegs weitere Bücher herunterladen.

Ganz auf Papier werde ich allerdings nicht verzichten. Ich habe mir überlegt, ob ich endlich den „Ulysses“, den ich bisher trotz zweimaligem Anlauf nur bis knapp in die Mitte geschafft habe, mitnehmen soll. Doch dann drückte mir ein wohlgesonnener Zeitgenosse „Schuld und Sühne" in die Hand, das in einer Neuübersetzung nun „Verbrechen und Strafe" heisst . Danke, Hanspeter.

Am Shabat letzte Woche haben wir bei Freunden nach dem Kiddusch ein wirklich vorzügliches Mal genossen und bis spät in die Nacht über die Vielfalt des Seins und Reisen und Literatur diskutiert, worauf die Gastgeberin nach einem kurzen Abstecher in ihre reichhaltige Bibliothek – sie hat lange Jahre Buchkritiken geschrieben und sie sollte das als Bloggerin wieder aufnehmen - mit einem Roman des Spaniers Carlos Ruiz Zafón „Das Spiel des Engels“ zurückkam. Es handelt in Barcelona. Auch dieses Buch kommt mit. Danke Eve.

Die Leserempfehlungen Bryson und Saner habe ich gekauft, haben mich aber beim ersten Querlesen nicht wirklich begeistert. Als drittes Buch kommt jedoch die weitere Empfehlung „The Art of Travel“ von Alain de Botton mit. Danke Chris. Das Buch hat mich schon auf der ersten Seite begeistert. Bei Seite 9 habe ich es weggelegt. Dieses Buch möchte ich im Zug lesen.

The Art of Travel – wenn das mal nicht eine echte Herausforderung ist.

Packtag

Heute ist Tag 0, der Tag vor Tag 1. Heute ist Packtag. Die Koffer sind nicht übermässig gross. Zum Neuen, den wir vor einer Woche gekauft haben - mit wirklich guten Rollen -, meinte die Verkäuferin: "Der ist ideal für ein verlängertes Wochenende." Dazu haben wir dann einfach mal gar nichts gesagt.

Meine Reisebegleiterin und ich haben in den vergangenen Jahren feriengepäckmässig einiges an Erfahrung sammeln können. Fahren Sie beispielsweise mal mit einer sechsköpfigen Familie für (nur) eine Woche in die Skiferien. Das ist das eine Extrem. Das andere ist der Kofferraum eines Porsche.

Beim Reisen gilt das Axiom: Alles, was Du mitnimmst, musst Du auch schleppen. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, hat man zumeist nur diesen kurzen Weg von der Tiefgarage hinauf ins Zimmer. Aber mit dem Zug? Und für vier Wochen?

Das sinnloseste Geschleppe ist gebrauchte Wäsche. Wenn man sich bei der Sauberen einschränkt, folgt logischerweise, dass man weniger Gebrauchtes im Koffer hat. Also wird zwischendurch mal kurz gewaschen. Für das gibt es den Hotelservice. Oder ein Lavabo. Oder, falls Wassermangel, halt einen Laden, wo man sich was Neues kaufen kann.

Ich war dann auch einverstanden, dass wir das Reisebügeleisen mitnehmen.

Mittwoch, Juli 08, 2009

Murphy`s Law

Mann, war das ein Tag. Geschlagene fünf Stunden habe ich heute in einem Swisscom-Shop verbracht (sind übrigens nett eingerichtete Läden). Das Modem meines Notebooks funktionierte nicht mehr. Wer heute den Twitter-Einträgen gefolgt ist, hatte was zu lachen.

Wir haben alles gemacht, was man machen konnte und in diesen langen Stunden jede Menge Software raufgeladen und wieder runter. Also sie hat es getan, meine Kundenberaterin, Evelyne Wietlisbach. Dazwischen System runter fahren und wieder rauf. Telefon an Technik und IT und gute Ratschläge von Kollegen. Keine Verbindung. Und dann war da noch diese Kompatibilitätsproblem zwischen Microsoft und Swisscom.

Und so gegen ein Uhr war mein HP-Notbook zu einem Eisblock gefroren. Nichts ging mehr.

Im Media-Markt für 475 Franken ein neues Notebook gekauft. Dann zurück zur Swisscom, neue Software, neue Modems - Plural - keine Verbindung.

Dann habe ich vorgeschlagen, ob wir mal die SIM-Karte auswechseln sollten, beispielsweise die von meinem iPhone. Meine persönliche Kundenberaterin hat dann ihre reingetan und siehe da, es war die SIM-Karte.

Nun könnte man der Swisscom oder meiner Beraterin Vorwürfe machen oder noch mehr. Tue ich aber nicht. Ich stand ja daneben und jeder einzelne Schritt, den sie getan hat, schien mir (und auch den anderen im Laden) durchaus plausibel.

Denn alle wussten: ES IST NIE DIE SIM-KARTE!

Liebe Leute von der Swisscom. Ihr habt da eine Kundenberaterin in Basel, die sich durch eines auszeichnet: Interesse am Problem eines Kunden. Wäre sie nicht derart hartnäckig und geduldig am Ball geblieben, wäre ich morgen, kurz vor neun, wenn der Zug abfährt, ziemlich blöd am Bahnhof gestanden.

PS Murphy's Law: "Whatever can go wrong, will go wrong."


Auf dem Weg in den Süden

Man trifft immer wieder Menschen, welche die Latte ziemlich hoch setzen. Zum Glück beispielsweise spiele ich nicht Tennis.

Chris hat mir vor ein paar Tagen hier ein Buch empfohlen, dass mich schon auf den ersten Seiten gepackt hat. Es ist von Aliain de Botton geschrieben worden und trägt den Titel „The Art of Travel.“

Herr Botton hängt die Latte ziemlich hoch, schon gleich zu Beginn seiner Aufzeichnungen:

    If our lives are dominated by a search for happiness, then perhaps few activities reveal as much about the dynamics of this quest – in all is aroudur an paradoxes – than our travels. They express, however inarticulately, an understanding of what life might be about, outside the constraints of for and the struggle for survival.

Ich zitiere das hier in meinem ersten Post – unterwegs nach Genf - weil er mit ein paar wenigen Sätzen das ausdrückt, was mich in den letzten Wochen beschäftigt hat.

    We are inundated with advice on where to travel to; we hear little of why and how we should go.

Dann erzählt er die Geschichte eines französischen Adligen, der während des Lesens eines Buchs von Charles Dickens spontan entschied, nach London zu reisen, um in die Welt des englischen Schriftstellers einzutauchen.


Als er dann aber am Bahnhof auf den Zug nach London wartete, überfielen ihn Zweifel am Sinn dieser Reise. Und er versetzte sich in jenen Moment zurück, als er den Entschluss fällte, zu dieser Reise aufzubrechen.

    What was the good of moving when a person could travel so wonderfully sitting in a chair? Wasn’t he already in London, whose smells, weather, citizens, food, and even cutlery were all about him? What could he expect to find over there except fresh disappointment?

Also fuhr nach Hause “and never left home again.” Das ist das Ende der Seite 11. Das Buch hat
254 Seiten.

Die kommenden Stunden werden von zwei Reisen geprägt sein, von der im Buch und der
anderen Richtung Süden.


Donnerstag, Juli 09, 2009

Sound des Diesels

Die Zugreise von Basel nach Marseille war erstaunlich schnell. Das lag nicht nur am TGV. Wenn ich heute Morgen gefragt habe, ob Umsteigen ein Unterbruch der Reise sei oder deren Fortsetzung, so kommt als weiteres Phänomen hinzu, dass eine Kaffeepause einlegen mit dem Auto bedeutet, anzuhalten.
Das Bild: TGV fährt zu schnell für die Linse meines iPhones.

Im Zug fährt man weiter. Was die allfällig verlorene Zeit des Umsteigens bei weitem aufwiegt. Sofern man in solch kleinlichen Zeiteinheiten rechnen will.

Obwohl die Wetteransage meines iPhones für Marseille 28 Grad anzeigt, ist es angenehm kühl - eine Brise vom alten Hafen zum Bahnhof hinauf wirkt als Ventilator.

Die Hotelsuche war kein Problem. Die findet man gleich unten an der grossen Treppe des Bahnhofs. „Hotel Windsor“ schien uns standesgemäss zu sein. Zumindest was den Namen betrifft. Innen ist es sauber, drittklassig oder noch tiefer. Ich liebe auch solche Hotels. Da weiss man wenigstens, dass man nicht irgendwo sondern zum Beispiel in Marseille ist.

Gut, das hört man auch am Gehupe. Trotzdem bewegt sich die Autokolonne in Richtung Hafen nur im Schritttempo. Ich mag den Sound des Diesels. Am Nachbartisch erzählt ein Mann einem anderen ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, bilde ich mir ein, weil er gestenreich Arabisch spricht. Grossstadt. Süden.

Wir haben für zwei Nächte gebucht, müssen bar bezahlen; 120 Euros. Stand übrigens auf einer offiziellen Preistafel angeschrieben. Was zumindest beruhigend wirkt. Auf einen Schweizer.

Wir sitzen im Eckbistro gegenüber dem Hotel. Bei einem kühlen Bier. Soviel Mitteleuropa muss jetzt sein.


Tarte aux pommes

Die Reise nach Marseille hat sich gelohnt. Es ist ja nicht so, dass die Stadt 2.700 Jahre darauf gewartet hat, dass ich mal vorbeischaue. Aber ich bin immerhin der erste, der live aus Marseille bloggt, als Vorbeikommender. Was die 830.000 Einwohner wohl kaum kümmern wird. Und die 1,3 Mio. im Einzugsgebiet erst recht nicht.

Es gibt da derzeit eine aktuelle Frage, die sich in die Kulisse schiebt: Wo zeigt sich die Wirtschaftskrise? Wir haben sie auf unserem gestrigen Spaziergang zum alten Hafen nicht gesehen. Die Restaurants rund um den Hafen waren gut besetzt. Wir haben uns für das „Au Beurre“ entschieden, was okay war. An den Nebentischen sassen Einheimische, das heisst Menschen, die Arabisch sprachen, zwei Tische weiter ein Ehepaar mit Kindern, die als Touristen durchgehen könnten.

Soupe de poissons avec Croûtons, rouille maison et gruyere

Wenn man in einem Restaurant isst, das vor allem von Einheimischen aufgesucht wird, dann gilt das ja gemeinhin als Zeichen, dass der gemeine Touri zu einem Reisenden mutiert. Wenn die Beiz dann noch klein ist und vielleicht noch eine Spur schmuddelig und selbstverständlich in einer Seitengasse gelegen, dann zählt man zu der äusserst kleinen Schar der Kenner. Das „Au Beurre“ war nur ein wenig schmuddelig.

Bei unserem Abendspaziergang nach der ausgiebigen Mahlzeit, kamen wir dann in dieser Hintergasse vorbei, wo sich ein Restaurant ans andere reiht. Was heisst Hintergasse, das ist ein ganzes Quartier.

Modern und geschmackvoll eingerichtet das eine wie das andere. Wie soll ich sagen: Das Restaurant-Viertel ist eine Lounge-Landschaft, wie sie jetzt zur Sommerzeit in Basel und Zürich aufgebaut wurden. Offensichtlich verstehen die Leute in Marseille dasselbe unter „südlichem Lebensgefühl“ wie wir in Zentraleuropa.

So gesehen, haben wir mit dem „Au Beurre“ noch ein altes Stück Marseille entdeckt.

Ein Hafen ist ein Parkplatz

    "Mein jetziges Leben sieht einem Jugendtraume völlig ähnlich, wir wollen sehen, ob ich bestimmt bin, ihn zu geniessen, oder zu erfahren, dass auch dieses, wie so vieles andre, nur eitel ist."

Okay – Goethe zu zitieren (Italienische Reise) mag eitel sein. Heute Morgen sagte ich zu meiner Reisebegleiterin, dass diese Art zu reisen, doch so sei, wie damals, als wir per Autostopp in den Süden getrampt sind. Wobei schon das Wort „trampen“ darauf hinweist, dass das schon lange her ist. Die Beatles hatten sich eben getrennt.

Der grösste Ballast, den man zum Beispiel nicht mit sich rumschleppen muss, ist das Auto. Man muss deshalb auch keinen Parkplatz suchen, was in einer Stadt wie Marseille doch ein erheblicher Vorteil ist.

Gut, der Bus der Linie 19, mit dem wir runter zum Meer fuhren, war etwas stickig gewesen. Bis sich der Chauffeur dazu hinreissen liess, die Klimaanlage auf Volltouren zu stellen.

Doch die modernen Trams – innen mit bequemen Einzelsitzen aus Holz ausgestattet, was nicht nur gut aussieht, sondern eigentlich auch sonst eine gute Idee ist – also diese Bombardiers sind immer kühl. Und fahren in die Vorstadt. Wo wir an der Endstation sitzen blieben, um wieder zurückzufahren. Denn dort gab`s ausser modernen Wohnblocks nichts zu sehen. Ein Tagesticktet kostet auch nur 5 Euro.

Eine Stadt erschliesst sich einem wohl am Besten zu Fuss. Da kommt man dann zufällig an einem Markt vorbei, mit allerlei Bekanntem, wie beispielsweise dem Zwiebelschneider von Zyllis, den ein Marktfahrer an Frau und Frau und Frau und Frau brachte. Nein, sagte ich ihm, ich wolle keinen.

Da gibt es aber auch Unbekanntes, wie diesen Teehändler, der nicht nur Darjeeling und Gun Powder verkauft, sondern selbst gemischten Kräutertee. Mischungen, die aussehen, wie gehobelte Baumrinde mit ein paar Blühten darunter gestreut.

Eine Stadt erschliesst sich einem aber auch über die Speisekarten. In Marseille gibt es selbstverständlich den Italiener, den Chinesen, den Vietnamesen und all die anderen Franzosen mit ihrer traditionellen provenzalischen Küche.

Wir nahmen etwas Leichtes beim Libanesen ein, in der Nähe des alten Hafens. Wobei die Bezeichnung „alter Hafen“ etwas vorgibt, dass er mit Sicherheit nicht ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Es handelt sich um einen ziemlich grossen innerstädtischen Parkplatz für private Boote und Bötchen.


PS: Gestern haben unten am alten Hafen die Pétanque-Weltmeisterschaften stattgefunden. Weltmeisterschaften? 16 Nationen lese ich heute in der La Marsaillaise haben daran teilgenommen. Ein Herr Lacroix hat gewonnen.

Freitag, Juli 10, 2009

Der Spurt von Gene Hackman

Wir nehmen Abschied von Marseille. Was für ein herrlicher Tag das heute war. Es ist ja unglaublich, wie viele Kilometer man zu Fuss in so einer Stadt während eines einzigen Tages zurücklegt.

Gegessen haben wir beim Kaschmiri. Der hat sein Lokal gleich neben dem Italiener und dann folgt der Mexikaner. Das indische Essen war viel zu wenig scharf. Nächstes Mal, beispielsweise in London, muss ich unbedingt daran denken, zu sagen, wir hätten es gerne hot and spicy, like in India, you know. (Nein, dieses Mal kein Bild.)

Im Sinne eines Verdauungsspaziergangs sind wir dem alten Hafen entlang flaniert. Als wir zu dieser Stelle kamen, wo der alte Hafen auf dem letzten Stück zum Meer zu einem Kanal wird, erinnerte ich mich plötzlich an Popeye Dole, diesen amerikanischen Cop, von Gene Hackmann gespielt, der weiter vorne, wo wir nicht hinkönnen, nochmals einen Gewaltsspurt hinlegte, um dann den Dingsda zu erschiessen, diesen fiesen Obergangster Charnier in French Connection.

Morgen nehmen wir auch Abschied von Sherif unserem Hotelbesitzer, dessen Empfangsdesk den Charme einer Polizeistation in Kamerun hat (sagt meine Reisebegleiterin): eine Agenda, ein Telefon, ein Schreibtisch und ein Stuhl, das reicht. Die Kasse ist seine Hosentasche, denn Quittungen stellt er keine aus.

Um 08.06 fährt unser Zug.

Karawanenpfad

Wenn ich mich zurückerinnern werde an Marseille, dann wird es auch an diese Strassenecke sein, wo wir gestern Abend einfach stehen blieben.

Wir standen zunächst an eine Hauswand gelehnt, später auf der Treppenstufe des Hauseingangs sitzend und taten nichts als die Menschen, die Szenerie um uns herum zu beobachten. Wir waren, als wir um die Ecke bogen, unvermittelt in eine andere Welt eingetaucht. Es war, als hätten wir ein unsichtbares Tor durchschritten. Wir waren in Afrika.

Uns gegenüber sass einer in einem Hauseingang. Während wir dort waren, hat er sich höchstens ein, zwei Mal bewegt. Rechts neben ihm sass eine Gruppe Männer der Hauswand entlang und unterhielten sich lebhaft. An der Strassenecke standen drei Frauen und warteten.

Vor dem Strassenkaffee neben uns fächerte der Wirt die Holzkohle. Auf den Rost des Grills hatte er Leberstücke an Holzspiesschen, ein kleines Nierstück und eine Mergès gelegt. Während er sich um die Holzkohle kümmerte, warf er dieses und jenes Wort den Männern zu, die neben im standen und Cola tranken. Einmal hörte ich ihn „Ali“ sagen und hatte damit zumindest ein Wort verstanden.

Doch das Erstaunlichste war dieses Strässchen selbst, das sich zwischen die in die Jahre gekommenen Häuser zwängte. Es schien, als stünden wir an einem nur von den Einheimischen benutzten Karawanenpfad.

Unablässig zogen Menschen an uns vorbei, in Gruppen, einzeln, zu zweit. Und wenn ich schreibe „vorbeizogen“ so deshalb, weil alle im selben Schritt die Strasse entlang gingen. Bundgekleidete Afrikanerinnen, Schwarzafrikaner, Tunesier, Algerier, Pakistani, Männer mit Henna gefärbtem Bart und weissen Käppis und so weiter und so fort.

Sie hatten diesen Gang von Menschen, die irgendwo hin wollen, doch keiner scheint in Eile zu sein.

Manche trugen die Kleidung ihrer Heimat. Zum Beispiel die beiden Frauen, die mit Ausnahme kleiner Sehschlitze völlig verhüllt in anthrazitgrauem Tuch vorbeizugleiten schienen. Denn ihre Gehbewegungen wurden nur durch ein sanftes hin und her Schaukeln des Tuches angedeutet. Sie trugen Handschuhe.

Meine Reisebegleiterin und ich waren die Exoten an dieser Strassenecke. Niemand nahm Notiz von uns.

Als wir später unten am Ende des Strässchens auf den breiten Boulevard hinaus traten, fuhr eben eine dieser futuristisch anmutenden Strassenbahnen vorbei.

Samstag, Juli 11, 2009

Arles ist wie San Giminiano

Arles ist San Giminiano in der Provence. Beide Städte zeichnen sich dadurch aus, dass es Sehenswürdigkeiten gibt. Und die gleichen Besucher. Wir waren auch dort.

Seit gut einer Stunde sitzen wir auf einer Perronbank des Bahnhofs. Grelle Sonne, Spatzen pfeifen vom Bahnhofsdach, flimmernde Mittagshitze, die von Schatten und Luftzug in Schach gehalten wird.

Ein Schnellzug lärmt vorbei, man muss seine Ohren schützen. In zehn Minuten wird ein lokaler Zug einfahren, weshalb sich das Perron mit Leuten füllt.

Le Monde hat als Aufmacher eine Diskussion, die man auch bei uns führen könnte: Ist es möglich, die Mineralsteuer so zu gestalten, dass sie sowohl umweltwirksam als auch sozial akzeptabel ist? Die Linke sagt, die Reichen sollen mehr bezahlen. Die Rechte sagt, wir können nicht alle subventionieren.

Gegen drei Uhr fährt unser Zug und wird uns weiter in Richtung spanische Grenze bringen. Wir werden in Perpignon übernachten.

zum 1. Teil

zum 2. Teil

zum 3. Teil

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(Foto: Sommaruga Fabio/pixelio.de)

 




Redaktion, 03.08.2009 16:11 | Kommentare (0)




 
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