In Wirtschaft und Politik wird deutlich, dass wir an die Grenzen individueller Intelligenzleistung stoßen. Die Finanzkrise ist in wesentlichen Aspekten eine Krise der Entscheidungsträger. Jon Danielsson von der London School of Economics bringt es auf den Punkt: "It used to be that banks became insolvent because their loans went sour. Now it is the complexity of assets that lets them down…Banks simply became too sophisticated for their own good." Bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Systemtheoretiker William Ross Ashby darauf hingewiesen, dass die Zahl der möglichen Zustände in einem Kontrollsystem immer größer sein muss als die Zahl der möglichen Zustände im zu kontrollierenden System. Dieses als Ashby`s Law bezeichnete Prinzip gegengleicher Komplexität macht deutlich, dass wir in einer vernetzten Welt nur als Netzwerk angemessen handlungsfähig sein und bleiben können. Neben die Notwendigkeit der Verjüngung der Gesellschaft tritt gleichberechtigt die Notwendigkeit des Übergangs von der individuellen zur kollektiven Intelligenz.
FreieWelt.net:
Und der Umgang mit Netzwerken ist ohne Zweifel eine Domäne der jungen Generation. Haben wir es dann mit einer weiteren Verschärfung des Generationenkonfliktes zu tun?
Prof. Peter Kruse: Tatsächlich entsteht gerade ein durchaus interessantes Spannungsverhältnis zwischen den etablierten Machtinstanzen der Gesellschaft und den jungen Menschen, die mit den neuen Möglichkeiten der kommunikativen Vernetzung groß geworden sind. Die derzeit heftig diskutierte Unterscheidung zwischen "Digital Natives" und "Digital Immigrants" ist weit mehr als eine weitere modische Kategorisierung aus der Feder rühriger Trendforscher. Die Sozialisationskraft des Web2.0 kann kaum überschätzt werden. Wer seine Kindheit in online-Communities verbringt, wer sich über Youtube das Fernsehprogramm selbst zusammen stellt, wer den Zugang zu Informationen für selbstverständlich hält, wer jede Augenblicksidee in die Welt twittert und seine Gefühle über Emotikons zum Ausdruck bringt, entwickelt mit hoher Wahrscheinlichkeit Einstellungen und Handlungsstrategien, die hinreichend anders sind, um die bestehenden Systeme gehörig auf zu mischen. Im Spiegel online vom 25.6.2009 liest sich der Schlachtruf der Digital Natives bereits recht eindeutig: "Sie werden sich wünschen, wir wären Politik verdrossen." Angesichts der Möglichkeiten zur Partizipation und Einflussnahme, die sich mit den neuen Medien eröffnen, und angesichts der Fähigkeit der jungen Generation, sich diese Möglichkeiten zu nutze zu machen, dürfte die noch vorherrschende Vorstellung gesellschaftlicher Machtausübung heftig unter Druck geraten. Politik und Wirtschaft stehen vor einem Erdbeben
FreieWelt.net:
Was bedeutet "Erdbeben" in diesem Zusammenhang?
Prof. Peter Kruse: Die verändernde Kraft der Netzwerke ist nicht auf die klassischen Wirkwege von Karriere, Parteiarbeit oder Lobbyismus angewiesen. Im Netz können sich selbst scheinbar randständige Aktivitäten in kürzester Zeit zu mächtigen Bewegungen aufschaukeln, wenn sie auf Resonanz stoßen. Solche Aufschaukelungseffekte entstehen spontan und sind letztlich nicht steuerbar. Die klassischen Kommunikationswerkzeuge bleiben weitgehend wirkungslos. Wenn wie jüngst im Iran ein sterbendes Mädchen dem Protest gegen das Regime ein Gesicht gibt und weltweit Sympathien auslöst, dann können selbst scheinbar unangreifbare Machtapparate unvermittelt unter Druck geraten. Aber weit mehr als die prinzipielle Möglichkeit derartiger Aufschaukelungseffekte bildet der wachsende Wunsch nach direkter politischer Einflussnahme das eigentliche Epizentrum des Erdbebens. Unsere Interviewergebnisse zeigen, dass die Jugendlichen heute tatsächlich keineswegs Politik verdrossen sind. Kritisiert werden nicht politische Themen oder Aktivitäten, sondern die bestehenden Mechanismen politischer Beteiligung. Ich denke es ist nicht zu gewagt, zu prognostizieren, dass die Politik sich in absehbarer Zeit mit der Formierung politischer Kräfte konfrontiert sehen wird, die themenspezifisch durchaus größere Wählermassen bewegen können, ohne sich der klassischen Mobilisierungswege einer Protestbewegung bedienen zu müssen. Es ist heute nicht mehr notwendig, auf die Straße zu gehen, um eine kritische Masse zu erreichen. Vielleicht werden auf den neuen Wegen der Partizipation sogar Mehrheiten möglich, die sich nicht mehr wie bisher aus den Wertemustern der gesellschaftlichen Mitte speisen.
FreieWelt.net:
Auch in Deutschland? Sie haben einmal gesagt, es gibt eigentlich die alte gesellschaftliche "Mitte" nicht mehr. Die ist abgeschmolzen zugunsten hoch differenzierter Wertepräferenzen. Aber die großen Parteien berufen sich im Wahlkampf nach wie vor auf diese Mitte und versuchen dort Wählerstimmen zu bekommen.
Prof. Peter Kruse: Die Idee einer rein quantitativ dominierenden gesellschaftlichen Mitte finden wir tatsächlich in unseren Untersuchungen durchgängig nicht mehr bestätigt. Es scheint so zu sein, dass sich die Menschen mit ihren Wertepräferenzen viel stärker an Situationen orientieren, als dies früher der Fall gewesen ist. Eine Person, die sich beim Autokauf eher konservativ verhält, überrascht die Marktforscher damit, dass sie sich im Urlaub für ein avantgardistisch experimentelles Angebot entscheidet. In der Politik schmelzen die klassischen Stammwähler-Populationen immer mehr ab und Wahlentscheidungen werden zunehmend kurzfristig getroffen. Um erfolgreich zu sein, reicht es nicht mehr, sich auf die Meinung der Masse zu konzentrieren, weil es die Masse als einheitliches Resonanzmuster nicht mehr gibt. Insbesondere die Musikindustrie hat dies schmerzlich erfahren. Die alten Rezepte, wie man Verkaufszahlen nach oben treibt, funktionieren ebenso immer weniger, wie die alten Rezepte, die Wählergunst zu gewinnen. Alle Anbieter ob in Wirtschaft oder Politik müssen ihre Strategien überdenken und sich intensiver auf ihre Mitspieler einlassen. Bereits das 1999 erschienene Cluetrain Manifest hat die Unternehmen darauf aufmerksam gemacht, dass Märkte in Zeiten des Internets zu Gesprächen werden und die Macht zunehmend zum Kunden wechselt. Es ist wohl an der Zeit, die Politik darauf aufmerksam zu machen, dass im Zeitalter von Web.2.0 die taktische Machtausübung kleiner und eine ehrliche Bürgerbeteiligung größer zu schreiben ist. Demokratie braucht mehr Partizipation, sonst gehen ihr die Wähler verloren. Das Motto, das Horst Köhler für seine neue Amtsperiode gewählt hat, ist programmatisch: "Demokratie sind wir alle". Persönlich würde ich mir wünschen, dass die Politik ihr Ohr generell wieder stärker an den Herzen der Menschen hat. Die Intuition und das Einfühlungsvermögen von Politikern mit einer „Nase fürs Volk“ reichen heute allerdings nicht mehr aus und angesichts der weg brechenden Mitte sind statistische Erhebungsverfahren ein immer schlechterer Ratgeber. Die Sonntagsfrage als Orientierungshilfe hat ausgedient. Benötigt werden Verfahren, die einen schnellen und strukturierten Zugang zu den differenzierten Wertewelten der Menschen ermöglichen. Wenn es nicht gelingt, neue Wahrnehmungsorgane zu etablieren, bleibt der Politik nur die Resonanztestung über Versuch und Irrtum. Das wünsche ich uns nicht.
FreieWelt.net:
Wie macht man die Politik wieder sehend?
Prof. Peter Kruse: Das herauszufinden bleibt Aufgabe der Politik. Aber wir können in diesem Zusammenhang vielleicht mit dem in unserem Bremer Methoden- und Beratungsunternehmen nextpractice entwickelten Interviewverfahren nextexpertizer einen kleinen Beitrag leisten. Entstanden ist das Verfahren eigentlich als Instrument zur Analyse und zum Controlling kultureller Veränderungsprozesse in Unternehmen. Die Messung weicher Faktoren ist ein methodisches Problem, das sich weder mit Fragebögen noch mit qualitativen Interviews zufriedenstellend lösen lässt. Fragebögen erfassen nur die bewusst repräsentierten Einstellungen und Meinungen von Auskunftspersonen. Intuitive und emotionale Bewertungen bleiben nahezu völlig unberücksichtigt. Qualitative Interviews dringen zwar auf die Ebene der weichen Faktoren vor, erlauben jedoch nur sehr bedingt eine mathematisch statistische Bearbeitung von Erhebungsergebnissen und sind daher zur Ermittlung übergreifender kultureller Präferenzmuster weitgehend ungeeignet. Das Interviewverfahren nextexpertizer verbindet die Quantifizierbarkeit von Fragebögen mit der inhaltlichen Aussagekraft qualitativer Interviews. Wie schon eingangs erwähnt, wird es mit dem Verfahren möglich, in einer Art "Computertomographie kultureller Bewertungen" die geeinschaftlichen Präferenzmuster, oder wie wir es gerne bezeichnen, die kollektive Intuition von Gruppen sichtbar zu machen. Nach dem wir das Verfahren zuerst über 10 Jahre lang erfolgreich bei der Erfassung von Unternehmenskulturen eingesetzt haben, fand es in den letzten fünf Jahren darüber hinaus zunehmend Anwendung in der Markt- und Trendforschung. Dadurch, dass im Verfahren so gut wie keine sprachlichen Vorgaben gemacht werden und die Befragten alles mit ihren eigen Worten beschreiben können, hat sich nextexpertizer insbesondere auch im Kontext internationaler kulturübergreifender Vergleichsstudien bewährt. Eine Übertragung auf politische Fragestellungen lag nahe. Wir sind angesichts der bisherigen Erfahrungen sehr optimistisch, dass es mit nextexpertizer möglich ist, die Entwicklung gesellschaftlicher Wertewelten für politische Entscheidungsfindungs- und gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse in einer Form aufzubereiten, die Komplexität reduziert, ohne zu trivialisieren. Allerdings hilft auch kein noch so gutes Werkzeug, wenn es den Entscheidungsträger in der Politik an der erforderlichen Neugier fehlt und die Idee der Bürgerbeteiligung nicht wesentlich über den Status einer Feigenblatt- oder Alibifunktion hinauskommt. Partizipation wird im politischen Diskurs noch zu häufig mit dem Begriff "Schwarmintelligenz" denunziert, als dass man davon ausgehen kann, dass die Idee der "dummen und manipulierbaren Masse" bereits nachhaltig aus den Köpfen verschwunden ist. Nur wer wirklich vom Mehrwert der Beteiligung überzeugt ist, interessiert sich für Erkenntnisse, die sich aus der Analyse kollektiver Intuition oder aus einer intelligenten Vernetzung ergeben. Ohne eine Neudefinition demokratischer Machtausübung und einer entsprechenden Änderung in den Wertesystemen der Politiker wird die Praxis noch lange hinter den Möglichkeiten zurück bleiben.
FreieWelt.net:
Welche Partei macht es denn derzeit am besten? Wer ist am nächsten dran?
Prof. Peter Kruse: Mit dem überraschenden Auftreten und Abschneiden der Piratenpartei bei der Wahl zum Europaparlament in Schweden ist wohl auch dem Letzten klar geworden, dass das Thema der neuen Medien auf die eine oder andere Art politische Brisanz entfalten wird. Aber so richtig nah dran bei der Übertragung auf das eigene Handeln ist noch nicht mal die Piraten-Partei selbst. Ich warte immer noch auf den ersten Parteitag, der sich auf das Experiment einer unkontrollierten Netzwerkdynamik einlässt. Die Techniken für eine computergestützte Großgruppenmoderation sind ja längst vorhanden und in der Wirtschaft hundertfach erprobt. Aber welche Parteiführung lässt sich schon gerne absichtlich und bei vollem Bewusstsein darauf ein, von der eigenen Basis überrascht zu werden. Solange in den inneren Abläufen der Parteien noch Vorabsprachen und geschicktes Taktieren die Szene bestimmen, brauchen wir uns darüber, wer bei dem Versuch vorne liegt, die Potentiale offener Bürgerbeteiligung optimal auszuschöpfen, wohl eher nicht zu unterhalten. Solange die Assoziation zwischen Politik und taktischem Machterhalt dominant genug bleibt, um sprichwörtlich zu sein, werden sich Politiker darauf beschränken, über Twitter zu zeigen, dass sie stets auf der Höhe der Zeit und ganz schön hipp sind, sie werden verzweifelt auf die Suche nach einem Digital Native gehen, der ihren Wahlkampf so viral macht wie bei Obama und sie werden ihre PR-Berater dazu auffordern, das Netz zu beobachten und gegebenenfalls zu bloggen und zu chatten was das Zeug hält, um Imagemängel frühzeitig auszubessern. Verstehen, was Macht im Netzwerk wirklich bedeutet, werden sie nicht.
FreieWelt.net:
Wo wird in der Zukunft die Macht liegen?
Prof. Peter Kruse: Auch wenn es jetzt vielleicht ein wenig rührselig klingt, mächtig ist im Netzwerk nur wer authentisch ist, sich verletzlich macht und möglichst wenig mit dem Gedanken spielt, das Schicksal zwingen zu wollen. Denn nicht der Anbieter bestimmt im Netzwerk, ob er für eine gewisse Zeit zum vielgesuchten Knotenpunkt wird, sondern die unkontrollierte und unkontrollierbare Masse der Nachfrager. Wer etwas anbietet, das einen Nerv trifft, das attraktiv ist, der kann über Nacht zum Mittelpunkt der Welt werden. Wer aber glaubt, er kann das Netzwerk austricksen und gezielt manipulieren, wird sich mittel- bis langfristig mit hoher Wahrscheinlichkeit wundern, wie viel Budget man wirkungslos versenken und wie dauerhaft man seine Reputation verlieren kann. Die Magie des Netzwerkes heißt Resonanzbildung. Wem es gelingt, diese Magie in Gang zu setzen, dem stehen einerseits enorme Kräfte zur Seite, der läuft aber andererseits auch immer Gefahr, wie der Zauberlehrling von den Ergebnissen des eigenen Handels überrollt zu werden. Beispiele hiefür hat das Netzwerk bereits zur Genüge hervorgebracht und es werden täglich neue Geschichten auf dem schmalen Grad zwischen Lust und Leid hinzugefügt. Wie fühlt man sich, wenn man seinen Liebeskummer mit ein paar Freunden ertränken will und dann plötzlich zig tausend Partygäste Sylt verwüsten? Wie fühlt man sich, wenn man sich mir 46 Jahren zum ersten Mal singend vor eine Kamera traut und binnen einer Woche zu einer der bekanntesten Frauen der Welt wird? Wenn die Resonanz da ist, weis jeder, wie es dazu kam. Nichts ist leichter als die retrospektive Analyse. Aber welche Resonanz entsteht morgen? Wann und warum wird das nächste Phänomen die Schwelle zur Selbstaufschaukelung überschreiten? Die zentrale Frage in einer vernetzten Welt, die uns alle mehr oder weniger ratlos und mit kindlicher Neugier hinterlässt, lautet schlicht und einfach: What`s next?
Das Interview führte Christoph Kramer
Foto: P. Kruse