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11.02.2012
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Kindern Kreativität ermöglichen - Interview mit Josef Kraus
Weitere Themen: Bildung



Josef Kraus ist Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Oberstudiendirektor an einem Gymnasium in Bayern und Diplom-Psychologe. Der Bundesverdienstkreuzträger schreibt regelmäßig für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen und hält für den SWR und RBB Vorträge. Auf dem Symposium „Bindung, Bildung, Innovation!“ am 29. Juni 2009 wird er zum Thema
„Kreativität braucht Zeit“ referieren.

FreieWelt.net sprach mit Josef Kraus über Zeit, Kreativität und seine Forderungen an die Politik.

FreieWelt.net: Herr Kraus, räumen wir unseren Kindern zu wenig Zeit ein, sich kreativ zu entfalten?

Josef Kraus:
Teilweise leider schon! Ob ein Kind Gelegenheit bekommt, sich kreativ zu entfalten, das hängt im ersten Lebensjahrzehnt sehr von den Eltern ab. Eltern, die ihren Kindern nichts anderes als mediale Reize bieten, aber auch Eltern, die ihre Kinder schon im Kindergarten- und Grundschulalter managementmäßig verplanen und von einem Förderprogramm ins nächste jagen, verhindern eine kreative Entfaltung. Damit sind unwiederbringlich Chancen vertan, denn später, in den weiterführenden Schulen, werden die jungen Leute ohnehin mehr und mehr einem Beschleunigungsdenken, einer Nützlichkeitsideologie und einer ganztägigen Verplanung unterworfen. Da bleibt viel von dem für Kreativität notwendigen Frei- und Spielraum auf der Strecke.

FreieWelt.net: Gerade erst hat man sich auf die deutschlandweite Einführung des Abiturs nach 12 Jahren geeinigt. Bleibt da noch Zeit für Kreativität?

Josef Kraus:
Das Gymnasium verstand sich gottlob immer auch als eine Stätte umfassender kultureller Bildung.

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Die obendrein kopflos eingeführte Verkürzung des Gymnasiums auf das so genannte G8 (in manchen Bundesländern ist es wegen einer dort etablierten sechsjährigen Grundschule nur ein G6) hat gerade im Bereich der kulturellen Bildung manches kaputt gemacht. Viele Gymnasiasten sind zeitlich jetzt so sehr in Anspruch genommen, dass sie für Schultheater, Kleinkunst, Chor, Orchester, Bigband, Instrumentalunterricht, Sport-AG, Wettbewerbs- und Experimentiergruppen keinen Nachmittag mehr freihaben. Wiewohl die Lebenserwartung ständig steigt, unterwerfen wir die Menschen, gerade auch unsere jungen Leute, immer mehr einem Beschleunigungswahn.

FreieWelt.net: Wie entscheidend ist die Herausbildung von Kreativität für die Entwicklung und die Zukunft unserer Kinder?

Josef Kraus:
Kreative Potentiale zu entfalten, das ist für jeden Einzelnen wie auch für ein Gemeinwesen unerlässlich. Menschen, die ihre Kreativität nicht ausleben und entwickeln können, werden eindimensional, sie werden zu Automaten, sie verkrusten. Dass jedes Gemeinwesen nicht nur einige wenige herausragende kreative Köpfe, sondern die Kreativität von Millionen braucht, dürfte auch jenseits von Sonntagsreden Gemeingut sein. Für die meisten Länder in Europa gilt: Ohne die Innovationsfähigkeit und ohne die Innovationsbereitschaft von Millionen fallen wir zurück. Der Sozialstaat wäre übrigens der erste, der einen solchen Rückstand schmerzlich zu spüren bekäme. Das heißt auch: Wir müssen den von vielen immer noch gepflegten Affekt gegen kreative Eliten
ablegen.

FreieWelt.net: Wie können Eltern bzw. Lehrer die Kreativität ihrer Kinder wecken, fördern und weiterentwickeln?

Josef Kraus:
Hier gibt es keine Patenrezepte, aber ein paar Grundsätze. Erstens sollen die Erwachsenen hinsichtlich Neugier, Wissensdurst und Experimentierfreude Vorbild sein. Zweitens sollten Eltern ihren Kindern vielfältige Angebote machen, mit ihnen reisen, Museen und Bibliotheken besuchen, lesen, vorlesen, erzählen, diskutieren, sporteln, basteln - aber nichts aufdrängen. Drittens sollten sie ihren Kindern unstrukturierte, unverplante Zeit gönnen.

FreieWelt.net: Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang von der Politik?

Josef Kraus: Zweierlei: Zum einen muss vor allem die Bildungspolitik ihren Wahn der permanenten Beschleunigung von Bildungsabläufen inkl. einer immer früheren Einschulung und ihren Wahn totaler Ganztagsverplanung unserer Kinder ablegen. Zum anderen muss die Bildungspolitik aufhören mit ihrer Illusion, der mühsame Erwerb konkreten Wissens und Könnens sei ersetzbar durch die Vermittlung von allgemeinen Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen. Vielmehr gilt auch hier der alte Edison: Zehn Prozent von Kreativität sind Inspiration. Neunzig Prozent sind Transpiration. Will sagen: Man muss sich viel an Wissen und Können aneignen. Aus der Gesamtschau heraus entsteht dann eben auch Kreativität.

Das Interview führte Christoph Kramer
Foto: J. Kraus



Redaktion FreieWelt.Net, 24.06.2009 10:42 | Kommentare (3)


Nachricht zum Thema auf FreieWelt.net



 
  Kommentare (3)

Hans von Atzigen, 05.08.2009 08:38
Innzwischen ist es doch praktisch in der ganzen Westlichen Welt üblich das die Lehrbauftragten jeweils nur noch einzelne Fächer unterrichten.
Die Lehrer sind offenbar nicht mehr in der Lage das ganze Angebot aus einer Hand (Kopf)anzubieten.Die Kinder und Jugendlichen sollen wofür 5-10 Erwachsenenhirne nötig sind in einem vereinen.Von Kindern und Jugendlichen werden Leistungen verlangt zu denen ausgebildete Lehrkräfte anscheinend nicht mehr fähig sind.Mich überrascht schon lange gar nix mehr.


interessierter, 04.07.2009 15:13
sehr geehrter herr tobermory, ich habe auch an sie eine frage: was für eine beziehung hatten sie vor und neben dme internatsleben zu ihren eltern? haben sie eine bindung an sie verspürt?
oder waren es eher die mitschüler im internat, die sie geprägt haben? oder die erzieher? und wie glaben sie, hat die internatserziehung auf sie und oihre mitschüler einfluss gehabt in bezug auf das spätere leben?


Tobermory, 26.06.2009 00:24
Man kann Herrn Kraus im Grundsatz eigentlich nur beipflichten. Dennoch habe ich einen gewichtigen Einwand. Er fordert, dass: "Eltern ihren Kindern vielfältige Angebote machen, mit ihnen reisen, Museen und Bibliotheken besuchen, lesen, vorlesen, erzählen, diskutieren, sporteln, basteln...". Das wäre natürlich ideal, aber findet wohl selten statt. Es ist doch wohl eher so, dass das Zitat von Gottfried Benn die Sache triftt: "Bei uns zu Hause hingen keine Gainsboroughs, hochgekommen im Schatten des Herdes, ganz amusisches Gedankenleben..."

Ich bin als ehemaliger Internatsschüler fest davon überzeugt, dass eine Hinwendung zur Ganztagsschule nur Vorteile bringt. Das hat nichts mit "Verplanung" zu tun, sondern mit Angeboten, die die Eltern zu Hause gar nicht bieten können.

Ich habe an meinem Internat schon in den 60er Jahren eine Grundausbildung und Prüfung zum Rettungsschwimmer (DLRG), Jugendfeuerwehrmann und Bergwachtretter absolviert. Ich habe das nie als militärischen Drill empfunden. Meine ehemaligen Mitschüler auf dem städtischen Gymnasium hatten nach 13 Uhr frei und wurden bestimmt nicht am Nachmittag von ihren Eltern mit der Idee konfrontiert, ein Museum oder eine Bibliothek zu besuchen. Auch so etwas steht natürlich auf der Agenda eines guten Internates.

Es mag sein, dass der von Herrn Kraus bemängelte "Beschleunigungswahn" existiert. Vielleicht sollten wir kreativere Angebote machen, die sich an den Interessen der Jugendlichen, statt an den hehren Vorstellungen der Erwachsenen orientieren.

Es ist doch Unsinn, jeden 15-jährigen in die Oper schleifen zu wollen. Ich habe an einer englischen Internatsschule gesehen, wie man die Jungs motiviert. Diese Schule hatte eine toll ausgestattete Werkstatt, in der die Schüler Oldtimer restaurierten. Die haben sogar die Ledersitze wieder erneuert und die Motoren komplett zerlegt. Da muss man doch nur hin schauen. Diesem Trieb folgen Jugendliche auch hier ganz unabhängig vom Elternhaus, indem sie ihre Mopeds amateurhaft frisieren. Daraus kann die Schule etwas ma...



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