Gysi und Genossen haben mit einer beispiellosen Klagewelle erfolgreich alle mundtot gemacht, die versucht haben, Licht in das Dunkel ihrer Stasiverstrickungen und Vermögensschiebereien zu bringen. Das ist kein Zeichen von Glaubwürdigkeit, sondern von Geschicklichkeit, rechtsstaatliche Institutionen zu instrumentalisieren, um von der eigenen Vergangenheit abzulenken.
FreieWelt.net:
Vor kurzem wurde enthüllt, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration erschoss, in den Diensten der Stasi stand. Es ist nicht erwiesen, dass Kurras im Auftrag der Stasi gehandelt hat, es steht jedoch fest, dass die Studentenbewegung durch den Tod Ohnesorgs viele Unterstützer gewann. Gehen Sie davon aus, dass die Studenten damals von der DDR-Führung instrumentalisiert worden sind?Vera Lengsfeld: Sicher hat die DDR-Führung auch versucht, die Studentenbewegung zu instrumentalisieren, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass die Studenten damals keineswegs gegen ein „repressives System“ gekämpft haben, sondern gegen die beste Demokratie, die Deutschland je hatte. Das von den radikalen Studenten so genannte „Schweinesystem“ war ein Rechtsstaat, der ihnen die größten Freiheiten für die Artikulierung ihres Protestes bot. Denken wir nur an die verniedlichend „Happenings“ genannten Veranstaltungen , in denen öffentliches, kollektives Mobbing von unliebsamen Professoren betrieben wurde. Dabei ist nur allzu oft die Würde der gemobbten Person verletzt worden. So wie es der größte Propagandaerfolg der DDR ist, bis zu ihrem Untergang als die zehntstärkste Industriemacht der Welt zu gelten, obwohl sie pleite war, ist es der größte Propagandaerfolg der 68er Bewegung die Legende, die 68er hätten die Bundesrepublik demokratischer, toleranter ,offener gemacht. Ich halte das für die Lebenslüge der 68er Meinungseliten der alten Bundesrepublik. Die Generation, die angetreten ist, Tabus zu brechen, hat jede Menge neue Tabus installiert.
Nur ein paar Beispiele: in der Auseinandersetzung mit den kommunistischen Verbrechen gilt das Überwältigungsverbot, das Gleichsetzungsverbot, das Verbot der Opferkonkurrenz. Diese Begriffe dienen der Verhinderung der Aufklärung. Im Extremfall wird das Gleichsetzugsverbot so rigide ausgelegt, dass die bloße Erwähnung kommunistischer Verbrechen als Relativierung des Holocaust gewertet wird, was die sofortige Forderung nach Sanktion impliziert. Der antitotalitäre Konsens, auf den sich die westdeutsche Nachkriegsdemokratie geeinigt hat, ist fast ausgehebelt. Tabus und Denkverbote beherrschen auch außerhalb der Geschichtsdebatte unsere Gesellschaft, ob das erneuerbare Energien , die unhinterfragbar gut oder Atomindustrie, die unhinterfragbar von Übel ist, betrifft ,oder das Dogma, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, an dem nicht gerüttelt werden darf, bei Strafe der Ausgrenzung als Neoliberaler.
Die 68er haben von zwanzig Jahren Veränderung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft profitiert, die so grundlegend waren, dass man sie getrost revolutionär nennen kann. Der eigentliche Beitrag der 68er war eine Wendung dieser Entwicklung ins Totalitäre. Die Demonstrationsfreiheit wird durch Tolerierung von Gewalt, nicht nur gegen Sachen, wie die letzte Maidemonstration in Berlin wieder gezeigt hat, sowie durch die klammheimliche Freude an Angriffen auf die Polizei von einem Recht auf freie Meinungsäußerung zu einem Recht auf gewaltsames Meinungsdiktat einer Minderheit. Die Pressefreiheit wird durch die sich immer mehr ausbreitenden Denunziationspraktiken beschädigt. Wer einmal medial hingerichtet wurde, hat einen lebenslangen Makel. Das verwundert nicht, denn die Studenten, die mit Bildern von kommunistischen Massenmördern wie Mao und Pol Pot für einen Sozialismus chinesischer oder kambodschanischer Art demonstriert haben, sitzen nach ihrem langen Marsch an den Schaltstellen unserer Gesellschaft. Manche haben aus der Geschichte gelernt, aber längst nicht alle, wie die jüngste Debatte um die Stasimitarbeit von Kurras beweist.
FreieWelt.net:
Auf Ihrer Homepage fordern Sie “Freiheit und Fairness statt Gleichheit und Gerechtigkeit”. Inwiefern sind diese Begriffe Gegensätze?Vera Lengsfeld: Gerechtigkeit ist ein weiteres nicht hinterfragbares Tabu in unserer Gesellschaft. Mit dem Verdacht, eine politische Entscheidung könne gegen die Gerechtigkeit verstoßen, können noch so notwendige Vorhaben zu Fall gebracht werden. Der Begriff selbst ist diffus, oder besser inhaltsleer, wie alle Schlagworte. Immer mehr wird Gerechtigkeit als Gleichheit verstanden, wobei ausgeblendet wird, welch verheerende Folgen das Streben nach Gleichheit im Kommunismus gehabt hat. Ich setzte Freiheit und Fairness dagegen, weil für mich Freiheit der alles entscheidende Wert ist. Ohne Freiheit keine Demokratie, kein Rechtsstaat, keine Menschenrechte. Fairness finde ich wichtig , weil bei der Durchsetzung der eigenen Interessen die Interessen der Allgemeinheit nicht aus dem Blick geraten dürfen. Wer „Gerechtigkeit“ fordert, hat allzu oft nur den eigenen Vorteil im Auge.
FreieWelt.net:
In Ihrem zurzeit aktuellsten Buch geht es darum, was sich in Politik und Gesellschaft ändern muss. Was muss sich ändern?Vera Lengsfeld: Im zwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall gibt es eine merkwürdige Renaissance der Staatsgläubigkeit. Fast scheint es so, dass, was sich die Kommunisten mit Gewalt nehmen mussten, die Banken, die Schlüsselindustrien, kurz alle Lebensadern der Gesellschaft wieder in die Hand eines alles bestimmenden Staates übergehen soll. Der Kinderglaube, die Politik könne alle Fehlentwicklungen der letzten Jahre richten, indem sie eine Allzuständigkeit erhält, ist deshalb so fatal, weil der größte Teil eben dieser Fehlentwicklungen auf das Konto von willkürlichen politischen Eingriffen in den Markt geht. Diese Erkenntnis wird mit großem propagandistischen Aufwand abgewehrt durch Schuldzuweisungen an Manager, Banker oder allgemein den „entfesselten Kapitalismus“, den wir tatsächlich in Europa noch nie hatten, wenn er je irgendwo existiert hat. Das Absurde an der gegenwärtigen Situation ist, dass die erfolgreichste Form menschlichen Miteinanders, die für den traumhaften Wohlstandszuwachs der letzten Jahrzehnte in Europa gesorgt hat, „verbessert“ werde soll durch Implementierung von Elementen der schmählich gescheiterten Staatsplanwirtschaften, die ökonomisch, ökologisch und mental verelendete Gesellschaften hinterlassen haben. Es ist aber nicht notwendig noch einmal in der Praxis zu beweisen, dass der Sozialismus auch in eine Light- Variante nicht funktionieren kann. Also muss sich vor allem ändern, dass man nicht mehr Gesellschaftsmodellen die Priorität gegenüber dem wirklichen Leben einräumt.
Das Interview führte Fabian Heinzelzur Internetseite von Vera Lengsfeld: www.vera-lengsfeld.de(Foto: V. Lengsfeld)