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21.05.2013
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»Selbstbestimmung setzt Leben voraus« - Interview mit Ilja Seifert
Weitere Themen: Justiz, Kultur


Foto: iljaseifert.de

Dr. Ilja Seifert wurde 1951 in Berlin (Ost) geboren. Er studierte Germanistik und arbeitete an der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1974 trat er in die SED ein, 1990 in die PDS, die in der Linkspartei aufging. Er wurde 2005 zum dritten Mal in den Bundestag gewählt wurde. Seit 1967 ist er in Folge eines Badeunfalls querschnittsgelähmt. Er ist behindertenpolitischer Sprecher seiner Fraktion.

FreieWelt.net: Sie lehnen jeden Versuch ab, die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei zu stellen. Warum?

Ilja Seifert: Ich halte es für eine falsche Richtungsentscheidung. Jemand kann sich tatsächlich in einer ausweglosen Situation wähnen oder sein. Ich möchte, dass ihr/ihm geholfen wird, da heraus zu finden oder die Situation auszuhalten. Nicht, sich das Leben zu nehmen.

Nun wird »assistierter Suizid«, also Beteiligung an der Selbsttötung, fast immer nur am Beispiel schwerstbehinderter bzw. -kranker Menschen diskutiert, die diese Tat nicht (mehr) selbst ausführen können. Deren »unendliches Leid« soll beendet werden. Das erscheint dann häufig noch als »Erlösung«. Wer so argumentiert, täuscht darüber hinweg – manchmal auch sich selbst –, dass es eigentlich um die Legalisierung der »Tötung auf Verlangen« geht. Und dafür sehe ich keinerlei Veranlassung.

Wir benötigen – im Gegenteil – ein Menschenbild, das Vielfalt – auch Schwäche und Hilflosigkeit – als Gewinn und Bereicherung ansieht. Darin hat auch (großes) Leid seinen Platz. Vor allem aber eröffnet es immer Alternativen, neue Chancen, ungeahnte Wege. Solidarisches Handeln besteht in diesem Lichte darin, solche – manchmal verborgenen – Pfade aufzuzeigen und die »hoffnungslose Person« ggf. darauf ein Stück zu begleiten.

Wenn es sich um Menschen handelt, bei denen der Sterbeprozeß bereits begonnen hat oder unmittelbar bevorsteht, geht es darum, ihnen Schmerzen und Ängste (z.B. vor qualvollem Ersticken) zu nehmen, sie nicht einsam zu lassen.

FreieWelt.net: Sie sind Gründungsmitglied des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland – Für Selbstbestimmung und Würde e.V. (ABiD) und waren von 1996 bis 2008 sein stellvertretender Vorsitzender. Vor allem das mit der Selbstbestimmung finde ich interessant: Sollten Sie vor diesem Hintergrund nicht für das Recht jedes Menschen eintreten, ein selbstbestimmtes Ende zu finden?

Ilja Seifert: Ja, ich bin stolz, Gründungspräsident des ABiD gewesen zu sein. Jetzt habe ich schon seit einigen Jahren die Funktion des Vorsitzenden inne. Und es ist uns wichtig, dass wir im Namen unseres behinderungsübergreifenden Verbandes die Worte »Für Selbstbestimmung und Würde« tragen.

Aber nie verstanden wir Selbstbestimmung als ein Anrecht auf die Beendigung des (eigenen) Lebens zu einem selbstgesetzten Zeitpunkt. Ich halte es für absurd, die Verhinderung jedweder zukünftiger Entscheidung zum höchsten Ausdruck von Selbstbestimmtheit hochzustilisieren.
Die elementarste Voraussetzung, das Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen, besteht darin, daß man lebt.

FreieWelt.net: Dass Ihr politisches Engagement – Sie sind behindertenpolitischer Sprecher Ihrer Fraktion, der LINKEN im Bundestag – etwas mit Ihrer persönlichen Situation zu tun hat, ist offensichtlich. Wie sieht das mit Ihrem klaren Bekenntnis gegen den Gesetzentwurf der Bundesregierung zum § 217 StGB – also zur Beihilfe zum Suizid – aus?

Ilja Seifert: Ich hege die starke Befürchtung, dass jedwede Legalisierung des Tötens auf Verlangen – und darum geht es m.E. in Wirklichkeit – früher oder später zu einer Art »moralischer Pflicht« verkommen könnte, sich töten zu lassen, wenn man ringsum allen nur noch eine »Last« ist. Das kann dann in erster Linie auf Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen projiziert werden.

Ich will nicht, dass sich irgendjemand jemals wieder als »unnützer Esser«, als »ewig Leidender« oder als »Belastung der Allgemeinheit« betrachtet sieht oder sich selbst infolge des »Zeitgeistes« so empfindet.

Was als »Beihilfe zum Suizid« daherkommt, kann in einer Atmosphäre des Kosten-Nutzen-Denkens, leicht zur existentiellen Lebensbedrohung für jede und jeden werden, die/der – gleich, in welchem Alter – umfassenden Assistenzbedarf hat.

FreieWelt.net: Nach meinem Eindruck sind viele Anhänger der Linken (mit der ich nicht nur die Partei Die Linke meine) konfessionslos und vertreten die Auffassung, der Mensch habe ein Recht darauf, den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen. Welche Bedeutung hat die Differenz in dieser – wie ich finde: nicht unerheblichen weltanschaulichen – Frage für Sie?

Ilja Seifert: Ich brauche keinen Gott – und erst recht keine Religion –, um die Absurdität eines Freiheitsbegriffs zu erkennen, der »Selbstbestimmung« darin sucht, den Zeitpunkt (und die Art) des eigenen Todes festlegen zu dürfen.

Dass es in der LINKEN auch andere Meinungen gibt, weiß ich. Das hindert mich jedoch nicht daran, mit großer Konsequenz für die Ermöglichung selbstbestimmter Teilhabe aller und jedes Einzelnen zu kämpfen.

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Redaktion (oe), 28.01.2013 13:43 | Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

Gabi Görtz, 24.03.2013 19:41
Ich bin angenehm überrascht über den Standpunkt von Dr. Seifert. So etwas erwartete ich nicht aus "der linken Ecke". Hoffentlich kann er noch etliche Parteigenossen von seiner Ansicht überzeugen.

Sttn, 28.01.2013 22:17
Er braucht Gott ganz dringend, denn nur Gott kann helfen das wir in der BRD nicht zu einer Gesellschaft der Starken werden die alle Schwachen eleminiert.


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