In einer musikalischen Einlage begeisterten die Kinder und Jugendlichen des Erfurter Musikkonservatoriums das Publikum mit schmissigen Rhythmen. Die ursprünglich vorgesehene Stadtführung mußte aufgrund des dicht gedrängten Programms auf den nächsten Morgen verschoben werden.
Die Verantwortlichen, das Familiennetzwerk unter seiner Vorsitzenden Maria Steuer und die Thüringer Elterninitiative „Wir sind Familie“, verdienen großes Lob angesichts der sehr gelungenen Veranstaltung. (Siehe auch:
Interview mit Maria Steuer auf FreieWelt.net) Frau Dr. Pistner von der Elterninitiative „Wir sind Familie“, die die Tagung vor Ort organisiert hatte, erklärte, ihre Motivation zu diesem Engagement liege unter anderem in dem Bestreben, der von ihr geleisteten (unbezahlten) Familienarbeit endlich die selbe Anerkennung zu verschaffen wie (geldmäßig entlohnter) Erwerbsarbeit. (Siehe auch:
Interview mit Dr. Pistner auf FreieWelt.net)
Die Alte Oper Erfurt bot eine großartige und würdige Kulisse für das anspruchsvolle Tagungsprogramm. Verschiedene familienpolitische Initiativen aus dem In- und Ausland waren in Erfurt vertreten, etwa die Initiative „Gerne leben mit Kindern“ von Almut Rosebrock oder Prof. Danhel vom Österreichischen Familiennetzwerk und viele andere. Angesichts zahlreicher anderer Tagungen zu familienpolitischen Themen, die am gleichen Wochenende stattfanden, haben sich vergleichsweise viele Besucher in Erfurt eingefunden. Eine wesentliche Ursache für den Zuspruch dürfte in der großen Zahl hochkarätiger Referenten zu suchen sein, die vom Familiennetzwerk gewonnen werden konnten.
Den gelungenen Auftakt im Referentenreigen machte die Familientherapeutin Dr. Carmelite Avraham-Krehwinkel aus Israel. Ihr Vortrag über Sozialisation im Kibbuz brachte viele in Deutschland, aber auch in Israel weitgehend unbekannte Fakten und erschreckende Einblicke in eine letztlich gescheitere Erziehungs- und Betreuungsform, die im kulturellen Gedächtnis dennoch weiterhin eher positiv besetzt ist.
Die britische Psychotherapeutin Melanie Gill trat mit flammend rotem Haar vor das Publikum und forderte, wunderbar kämpferisch in Tonfall und Pose, eine familienfreundliche Politik in den westlichen Industrienationen ein.
Wolfgang Bergmann überzeugte mit einem sehr bewegenden, auch rhetorisch bewegt vorgetragenen Referat über das frühkindliche Gefühlsleben und Bindungsbedürfnis. Allen betroffenen Eltern im Publikum werden vielleicht besonders die wertvollen Hinweise des bekannten Kinder- und Jugendpsychologen zum Umgang mit der berühmten Supermarkt-Situation (Kind gerät an der Kasse in Wut, weil es das Bonbon in der Auslage nicht bekommt) in Erinnerung bleiben.
Die freie Journalistin Dr. Karin Jäckel trat als zusätzliche, nicht im Programm angekündigte Referentin zum Thema „Jugendamt“ auf. Was sie auf der Basis jahrzehntelanger Recherchen an erschreckenden Fallgeschichten aus der Praxis der „Kinderklaubehörde“ zu berichten hatte, empfanden viele im Publikum geradezu als erschütternd.
Als Doyenne der Therapie und Forschung im Familien- und Erziehungsbereich zog Christa Meves eine Bilanz ihrer lebenslangen Arbeit, zeigte sich aber immer noch auf der Höhe der zeitgenössischen Entwicklung etwa in der Hirnforschung. Sehr beeindruckend.
Hauptschulrektor Siegfried Bäuerle referierte über die „Brutalisierung der Jugend“ und betonte unter anderem die Bedeutung der familiären Bindung in der Prävention von Gewalttaten.
Stefan Fuchs vom Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie referierte sehr fundiert über die fortschreitende De-Familialisierungstendenz in der deutschen und europäischen Politik. (Siehe auch:
Interview mit Stephan Fuchs auf FreieWelt.net)
Der bekannte liberale Rechtsanwalt Carlos A. Gebauer setzte in seinem rhetorisch versierten Vortrag einen etwas anderen Akzent und warnte vor dem staatlichen Angriff auf die Freiheit, v.a. im Bereich der Zwangsversicherungen. Später in der Kaffeepause präzisierte Herr Gebauer noch einmal seine Vorstellung des Verhältnisses von Staat, Freiheit und Familie zueinander. Man müsse sich das ungefähr so vorstellen: Der Staat ist ein zu enger Schuh, der überall am ganzen Fuß drückt. Die Familie aber ist wie der große Zeh, bei dem es am schnellsten anfängt weh zu tun. (Siehe auch:
Interview mit Carlos A. Gebauer auf FreieWelt.net)
Den Abschluß und gleichzeitig den rhetorischen Höhepunkt der Referentenriege bildete zweifellos der Vortrag von Eva Herman, der zeitweilig Züge einer Erweckungspredigt annahm. Eva Herman verband viele Ansätze der Vorredner zu einem einfühlsamen und stimmungsvollen Gesamtbild, das genau den Nerv der Zuhörer traf und zu recht mit viel Beifall bedacht wurde.
Homepage des Familiennetzwerks Familie-ist-Zukunft.de
Fotos: MichalePanse.de