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Na und?

14. Januar 2013, 09:34 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte:

Elbphilharmonie, S21, Flughafen BER: An den desaströsen Großbauprojekten leiden nicht nur die Steuerzahler, sondern der gesamte Technologiestandort Deutschland.

Die Welt reibt sich ungläubig die Augen: Deutschland und seine Hauptstadt Berlin sind mal wieder mega-prominent. Diesmal aber nicht durch Perfektion, Präzision und Party, sondern wegen Pleiten, Pech und Pannen.

Vom Renommierprojekt „Willy Brandt“-Hauptstadtflughafen über die traumatische Hamburger Elbphilharmonie bis zum württembergischen Aufreger „Stuttgart 21“ reicht die Spur des Misserfolgs. Na und? Was soll’s, was macht’s schon? Ist halt so gekommen und war irgendwie nicht vorhersehbar. Wirklich?

Eine „geheime Mängelliste“

Mit rotziger Nonchalance schüttelt der Berliner „Pannenmeister“ Klaus Wowereit alle Vorhaltungen ab. Im RBB-Fernsehstudio greift der Regierende gar den ihn interviewenden Reporter an. Der hatte ihn darauf angesprochen, dass die EU-Kommission möglicherweise ein Vertragsverletzungsverfahren wegen nicht durchgeführter Umweltverträglichkeitsprüfungen bei der Festlegung der Flugrouten rund um den im Bau befindlichen neuen BER-Airport gegen die Bundesrepublik Deutschland einleiten will; dann aber gebe es wegen der nachzuholenden Prozeduren eine weitere unabsehbare Verzögerung bei der geplanten Inbetriebnahme.

Dafür aber sei doch bitte schön nicht seine Verwaltung, sondern eine andere und zwar eine Bundesbehörde zuständig, raunzte die BerlinerSPD-Galionsfigur. Im Übrigen habe Berlin auch keinen bedeutenden Imageschaden erlitten; der Reporter möge sich mal die ständig wachsende Zahl der Berlin-Besucher anschauen. Tourismus-Boom als Beweis für ein gutes Image und eine Top-Reputation? So kann man auch versuchen, die Capitale an der Spree attraktiv zu reden.

Warum aber laufen Großprojekte wie der BER, das Bahnprojekt „S 21“ und die Elbphilharmonie selbst im Heimatland der Ingenieurskunst so desaströs aus dem Ruder? In Anlehnung an Walter Ulbrichts böse Lüge vom Sommer 1961 zum Berliner Mauerbau listet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ unter dem Titel „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen“ gleich auf einer halben Seite eine „geheime Mängelliste“ mit Dutzenden schwerwiegender Fehler in Planung, Management und technischer Umsetzung auf. Megaprojekte der genannten Größenordnung im öffentlichen Raum beginnen zumeist mit einem festgestellten tatsächlichen oder angeblichen Bedarf, der von auch an der eigenen Bedeutsamkeit interessierten Politikern begierig aufgegriffen wird.

Größenwahn und Gigantismus allein reichen nicht aus

Denn zu allen Zeiten haben bedeutende Staatslenker sich in steinernen Monumenten zu verewigen gesucht. Zuletzt ist dies eindrucksvoll dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand gelungen. „Der Spiegel” stellte den Pseudo-Monarchen, der zahlreiche Prachtbauten und ganze Stadtviertel bis hin zur „Opera de la Bastille“ errichten ließ, 1986 gar in eine Reihe mit dem Pyramidenbauer Pharao Ramses II. Doch Größenwahn und Gigantismus allein reichen nicht aus.

Hinzu kommen müssen eine willfährige Verwaltung und politische Gremien, die aus einer vielfältig verwobenen Interessenlage heraus beim Startschuss applaudieren und sich schon zu diesem Zeitpunkt bewusst sind, dass seit Jahrzehnten kein öffentliches Großprojekt mit den ursprünglich veranschlagten Finanzbudgets erfolgreich vollendet werden konnte. Die öffentliche Akzeptanz für den Beginn aber wird mit traumhaft illusorischen Animationen und einem wider besseres Wissen klein gerechneten Mageretat erkauft.

Am BER gefallen besonders die für die Funktion eines Airports unabdingbar elegante Designerbestuhlung und eine exquisite Holzvertäfelung. Ob dieser Vorzüge fiel es dann zunächst nicht ins Auge und Gewicht, dass die Rolltreppen zu kurz geraten, Regenwasser in die Lüftungsschächte hineinlief und die Kühlung zu schwach ausgelegt war.

In Berlin und auch in Stuttgart mehren sich an die Watergate-Affäre erinnernde Andeutungen, investigative Journalisten mögen doch einmal der „Spur des Geldes“ folgen. Vielleicht sei es ja interessant, in den Grundbüchern nachzuschauen, welche Grundstücke im zeitlichen Umfeld relevanter Bauentscheidungen erworben und dann veräußert worden sind. Bei Bauprojekten dieser Dimension gebe es oftmals auch Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe und der Baudurchführung. Auch da gab es beim BER schon reichlich Zwielicht. Zusätzlich ist in Berlin und Brandenburg ein heftiger Streit bis vor das Potsdamer Landgericht zwischen Architekten, Bauplanern und dem Management der Flughafengesellschaft um die Verantwortung für Chaos und Missmanagement ausgebrochen.

Jetzt wird erst recht weitergebaut

Architekten und Bauplaner zeigen auch zwecks eigener Entlastung mit allen Fingern auf das Management und die Bauherren, die jeweils nach Baubeginn mit Hunderten Änderungs- und Ergänzungswünschen nachgelegt und damit kräftigst auf die ursprünglichen Kosten draufgesattelt und zusätzlich den geplanten Ablauf der Bauarbeiten zerfleddert hätten. Hinzu kommen neben nicht berücksichtigten baurechtlichen Auflagen etwa für einen ausreichenden Brandschutz auch nicht einkalkulierte politische Opportunitätskosten für Lärm- und Naturschutz, die die Projektkosten sowohl in Stuttgart als auch in Berlin regelrecht explodieren ließen. Irgendwann verliert dann fast jeder den Überblick und ähnlich wie bei der Euro-Staatsschuldenkrise ist es schließlich auch ganz egal, ob sich die Baukosten nur um Hunderte Millionen oder gleich um mehrere Milliarden Euro steigern. Na und?

Wenn so viel Geld in den Brandenburger oder Elbsand gesetzt ist, dann gibt es schon aus angeblichen Vernunftgründen auch kein Zurück mehr. Jetzt wird erst recht weitergebaut. Denn nun steht auch die Reputation auf dem Spiel: der Ruf der Kommune, des Bundeslandes und auch der Republik. Das ist Deutschland schließlich seinem Image als Hochtechnologie- und Wissenschaftsstandort schuldig.

Oberflächliche Diskussion

Geht in der privaten Wirtschaft ein zu groß angelegtes und großspurig exponiertes Projekt daneben, dann trifft es neben den Beschäftigten am Ende auch das Management und die Eigentümer. Das haben Daimler und seine Aktionäre mit dem Traum einer Welt AG und der fehlgeschlagenen Megafusion mit Chrysler ebenso wie BMW mit Rover oder auch die zu dynamisch expandierende Schlecker-Gruppe und die miserabel geführte Karstadt-Holding Arcandor erfahren. Während Maria-Elisabeth Schaeffler oder auch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis die Ärmel hochgekrempelt und zur Rettung ihrer Unternehmen erfolgreich in den Ring gestiegen sind, hat der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle aus seinen Fehlspekulationen die verhängnisvolle Konsequenz gezogen, sich selbst das Leben zu nehmen.

Davon aber sind politische Entscheidungsträger Gott sei Dank weit entfernt. Doch leider sind sie nur selten bereit, einzugestehen, dass es ein vorbildlicher Akt und für eine echte Aufarbeitung der Gigantonomie auch notwendig wäre, als Bauherr und Aufsichtsrat Verantwortung zu übernehmen und die Bahn frei für neue und kompetente Kräfte zu machen. Kurt Beck ist erst abgetreten, als das Nürburgring-Desaster so gewaltig war, dass es unter keinen Teppich mehr gefegt werden konnte und ihn selbst zermürbte.

So aber wird der Blick auf die Frage, ob der Hightech-Standort D aus Prestigegründen auch zuweilen nach technologisch unerreichbaren Sternen greift und sich dabei übernimmt, weiter durch eine zu oberflächliche Diskussion verstellt. Denn vielleicht jeht ja alles ooch ’ne Nummer kleener. Na und?

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.

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