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Mutter unser im Himmel

20. Dezember 2012, 12:01 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , ,

Die deutsche Sprache ist nicht besonders geschlechtssensibel. Das schafft Probleme. Die gibt es zwar im restlichen Jahr auch, aber zu Weihnachten spitzen sie sich zu.

Herrgott Frau Schröder! Ich schreibe diesen Satz, solange es noch möglich ist, ohne damit ins gesellschaftliche Abseits zu geraten und viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Mit der vorweihnachtlichen Botschaft Kristina Schröders in einem „Zeit“-Interview, dass Gott womöglich weiblich sei, dürften auch die Weihnachtsgottesdienste nicht gerechnet haben. Als ob angesichts des nahenden Weihnachtsfestes nicht schon genug Hektik ausgebrochen ist. Was nun auf die Schnelle tun mit der frohen Botschaft, dass Gott, der Vater, uns seinen Sohn auf Erden geschickt hat? Das sind gleich zwei Männer! Da hilft auch die Flexi-Quote nicht weiter. Dazu nur eine läppische Gottesmutter auf Erden. Immerhin – aber zumindest für die evangelischen Freunde nicht viel Trost, die mit der Heiligen Maria nicht so viel anfangen können. Nun also wissen wir, man könne auch „Das Gott“ sagen, warum nicht gleich „die Göttin“ Frau Schröder? Wer ist denn hier schließlich fruchtbar und kann Kinder, alternativ Gottessöhne gebären? Muss denn der Ursprung allen Lebens nicht sogar zwangsläufig weiblicher Natur sein?

Wohin mit dem Vaterunser?

Bleibt das ungelöste Problem, wohin wir vier Tage vor Weihnachten das Vaterunser entsorgen. Millionenfach wird es vermutlich in der Weihnachtsnacht unbedacht ausgesprochen werden, da ist Gefahr im Verzug! Darf es in der Kindermesse noch erwähnt werden? Obwohl, viele bekommen das sowieso nicht mehr hin, oder nötigen wir unseren Kindern damit eine unnötig einseitige, sexistische Gottesbetrachtung auf, die sich womöglich im Jenseits, sollte man noch an selbiges glauben, als falsch erweisen wird?

Gut, dass sich auch schon andere Frauen um das Thema bemüht haben, zumindest das Vaterunserproblem scheint bereits hinlänglich gelöst. Auf der Seite Frauensprache.com, die sich um politisch korrekte Sprache unter besonderer Berücksichtigung der Frau bemüht, weiß man schon lange, dass das „Patriarchat manipuliert, wo es kann“ und man hat jahrtausendealte Lügen der Religion endlich aufgedeckt und geradegezogen. Das Vaterunser heißt dort inzwischen

„Oh du atmendes Leben, Ursprung des schimmernden Klanges. Du scheinst in uns und um uns, selbst die Dunkelheit leuchtet, wenn wir uns erinnern. Vater-Mutter des Kosmos, oder Atmendes Leben in allem, Namen aller Namen, unsere Identität entwirrt sich durch dich.“

Ich fühle förmlich, wie sich die Ekstase ausbreitet und die Klangschalen vibrieren. Dann lieber ohne Worte im stillen Gebet.

Schluss mit lustigem Zigeunerleben

Ja, ganz zu Recht hat uns die Familienministerin darauf hingewiesen, dass es in unserem Sprachgebrauch mehr Tücken und Fettnäpfchen gibt, als wir bislang geahnt haben. Und Opfer sind die Kinder, da muss man doch besonders sensibel vorgehen! Sollen sie doch zu toleranten, gendersensiblen Geschöpfen herangezogen werden. Da muss man früh anfangen, sich den Stereotypen zu nähern, die durch Kinderbücher, Schulbücher, Märchen und einseitige Religionsmythen auf sie einprasseln. Weg mit den passiven Prinzessinnen aus unserer Kindergartenliteratur. Nix mehr mit Schneewittchen (obwohl, die hatte immerhin sieben Zwerge als Untertanen); weg mit Aschenputtel, Dornröschen und Co. Frau Schröder schreitet vorbildlich voran, sie lässt beim Vorlesen sogar den „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf unter den Tisch bzw. die Seite fallen und hat für ihre Tochter eigene Wörter parat, damit das arme Kind nicht irgendwann beim Bäcker nebenan in seiner grenzenlosen Naivität einen Negerkuss bestellt. Auch unser Nachtischrepertoire wird sich anpassen, fortan werden nur noch überpigmentierte süße Schaumspeisen an der Waffel gekauft. Damit sollten wir der Sprachpolizei gerade noch mal entronnen sein. Wobei „eine an der Waffel“ sich als Stichwort in diesem Zusammenhang nahezu aufdrängt.

Wie sieht es aber mit Kinderliedern aus? Ein noch völlig unbearbeitetes Feld. Darf ich meinen vieren noch das Lied „Lustig ist das Zigeunerleben“ beibringen? Altes Liedgut, das ich noch aus dem Kindergarten kenne, wo wir es sogar mit Zigeunerkleidung (!) in einem Tanz verarbeitet haben, um es den Eltern vorzuführen. Gut dass es damals noch keine Handykameras gab, ich wäre heute geliefert ob dieser Bilder im Lebenslauf. Womöglich sind das auch noch gleich zwei Fettnäpfchen auf einmal. Denn lustig war es im Laufe der Geschichte nicht immer so als Zigeuner. Ja, es bringt den Takt der Musik ein bisschen durcheinander, aber man muss doch reagieren: „Möglicherweise lustiges Leben der fahrenden ethnischen Minderheiten“, Faria, faria, ho!

Der Macht ist männlich

Wenn man es konsequent durch denkt, ist die Reduktion des Problems nur auf einzelne Bücher oder Gottheiten der Brisanz der Lage nicht einmal annähernd angemessen. Unsere ganze Sprache ist genau genommen derart bipolar vorgestanzt, dass man sich der Sache grundsätzlich annehmen müsste, um wahre sprachliche Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen einzuführen. Da reicht es nicht, wenn in Hamburg die Schulbücher umgeschrieben werden, oder einzelne Pfarreien in Benutzung der Bibel in Gerechter Sprache endlich die geschlechtliche Ungerechtigkeit aus den Gotteshäusern verbannt haben. Unsere ganze deutsche Sprache ist durch und durch sexistisch und stereotyp. Was tun mit Worten wie Vaterland oder Muttererde? Ist es nicht auch das Land unserer Mütter und die Erde unserer Väter? Weg damit! Es schafft nur Verwirrung und grenzt ganz unsensibel aus. Nahezu extrem wird es in Anbetracht der geschlechtszuweisenden Artikel in unserer Sprache.

„Die Macht“ – da lacht einem doch als Frau der blanke Hohn ins Gesicht. Macht soll weiblich sein? Haben wir nicht gelernt, dass uns die Macht ständig vorenthalten wird vom männlichen Patriarchat? Da müssten wir natürlich konsequenterweise den Artikel endlich tauschen. Der Macht ist männlich. Erst nach 20 Jahren Frauenquote können wir das Thema vorsichtig noch einmal aufrollen und auf Realitätsnähe hin überprüfen. Mein Gott (geschlechtsneutral!) wie ich die Länder mit englischer Sprache beneide um ihr gendersensibles „the“. Wenn ich es mir genau überlege, kommt die weibliche sprachliche Seite in vielen Bereichen nicht sonderlich gut weg. Die Angst, die Scham, die Niedertracht, die Häme, die Zwietracht, die Verwirrung, die Dummheit. Alles nicht sonderlich schmeichelhaft und dazu auch noch unfair. Letztendlich auch noch Verwirrendes. Die Toleranz aber auch die Intoleranz, die Dummheit und die Klugheit, die Selbstsucht und die Hingabe, alles weiblich besetzt, heben sich aber gegenseitig aus. Ja was denn nun?

Die Hölle, aber der Himmel

Auch auf männlicher Seite sieht es nicht immer sensibel aus: Der Hass, der Zorn, der Krieg, der Kampf, der Untergang, der Sturm, eindeutig kriegsbeladen und aggressiv, wo wir doch wissen, dass die neuen Männer so sensibel geworden sind. Wer erkennt das endlich auch sprachlich an? Die Liebe ist immer noch weiblich, das ist nahezu ein Affront für jede anständige moderne Beziehung auf Augenhöhe. Auch die Schönheit, die Familie, die Gerechtigkeit, die Lust, die Leidenschaft. Alles weiblich. So geht das doch nicht! Die Vergewaltigung ist dann auch noch weiblich, obwohl die Täter in der Regel männlich. Wer denkt sich so was aus? Und noch einmal zurück zur Religion: die Hölle, aber der Himmel. Das ist wirklich nicht fair, meine Herren, auch wenn der Teufel als Quotenmann zu uns durchgereicht wurde.

Ja, Sie merken sicher schon, es gibt noch viel zu tun für eine geschlechtergerechte Sprache in unserer Welt und das Ganze muss dann natürlich auch in Brüssel auf Europaebene in allen Sprachen einheitlich umgesetzt werden. Ein Ministerium für gendersensible Sprache wäre angemessen. Mon Dieu, was für eine Arbeit!

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.

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6 Kommentare auf "Mutter unser im Himmel"

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