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Lebensformenwandel: Feuilleton-Phantasien versus nackte Empirie

30. Juli 2012, 07:38 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte:

Zu den Ritualen postmoderner Feuilleton-Diskurse gehört es, „Mythen" zu „dekonstruieren", die das Bewusstsein vermeintlich unaufgeklärter Zeitgenossen vernebelten. Eine besonders beliebte Zielscheibe ihrer Kritik ist die „soziale Konstruktion" der Familie als Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern.

Dieses „idealisierte” Bild der bürgerlichen Kernfamilie sei ein Relikt der Nachkriegszeit, das den Blick auf die „Dynamik” familialer Lebensformen verstelle. Der Rückzug der Kernfamilie seit den 1960er Jahren bedeute keinen Verlust, sondern einen Gewinn an „Vielfalt”. Es gebe daher keine Krise, sondern einen „Wandel” der Familie. Sie werde heute mehr mit „Partnerschaft” assoziiert, während Kinder eine geringere Rolle spielten (1). Neue Lebensformen wie das „Living apart together” (LAT) stünden für ein „verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt”. Familie wandele so ihre Gestalt: Sie sei „nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt” und habe „zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken” (2).
„Familie” ist also alles und nichts. In Fernsehtalkshows ist solcher Beliebigkeit Beifall sicher, Erkenntniswert fehlt ihr jedoch ebenso wie praktischer Nutzen. Aufschlussreicher ist da die amtliche Bevölkerungsstatistik. Sie geht zunächst von den Haushalten als kleinster Zelle der Gesellschaft aus. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendete sie dafür oft synonym den Begriff Familie. In der großen Mehrzahl der Haushalte lebten bis dato Eltern mit ihren Kindern; Single-Haushalte waren noch äußerst selten. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich diese Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt: Ein-Personenhaushalte sind zur (relativen) Mehrheit und Familienhaushalte zur Minderheit geworden (3). Leben wir also in einer Single-Gesellschaft? Das wäre ein Fehlschluss, der einen trivialen Sachverhalt übersieht: In Familienhaushalten leben immer mehrere Personen – ihr Anteil an der Bevölkerung ist deshalb wesentlich größer als der an der Zahl der Haushalte. Die Hälfte der Bevölkerung in Privathaushalten bilden noch immer Eltern mit ihren Kindern. Familien mit außerhalb des Haushalts lebenden Kindern sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Gemeinsam mit kinderlosen Paaren fallen sie unter die Kategorie „Paare ohne Kinder”. Zusammen bilden diese Paare etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, während etwa ein Fünftel als „Single” ohne Partner im Haushalt lebt (4). Bleiben die Minderjährigen außen vor, dann ist etwa jeder vierte Erwachsene Single.
Viele dieser „Singles” haben aber einen Partner, der außerhalb ihres Haushalts wohnt (5). Solche „LAT”-Beziehungen dienten früher jungen Paaren als „Probezeit” vor Heirat und Familiengründung. Diese Konstellation gibt es natürlich noch immer; vielen „LAT”-Partnerschaften fehlt heute aber eine Familienperspektive: Junge Frauen in diesen Beziehungen wollen genauso oft kinderlos bleiben wie Single-Frauen. Im Vergleich zu den Singles (mit und ohne Partner) wünschen sich Frauen in einer Lebensgemeinschaft wesentlich häufiger Kinder; besonders ausgeprägt ist der Kinderwunsch bei den Verheirateten (6). Auch wenn ihr Ruf in Feuilleton und Talkshow eher schlecht ist, für die Entscheidung zur Elternschaft ist die Institution der Ehe wichtig. Zu heiraten ist aber immer weniger selbstverständlich: Etwa vierzig Prozent der 30-39-Jährigen sind heute noch unverheiratet – seit 1980 hat sich die „Ledigenquote” damit mehr als vervierfacht (7). Die Ehe verliert also an Verbindlichkeit – aber führt diese „Dynamik” zu mehr „Vielfalt”, mehr „Autonomie” und mehr Freiheit im Zusammenleben?
Die nackte Empirie müsste eigentlich nachdenklich stimmen: Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil der ohne einen Partner lebenden 30-40-jährigen Frauen fast verdoppelt. In diesem klassischen Familienalter lebt inzwischen jede fünfte Frau und sogar jeder vierte Mann allein – Tendenz weiter steigend (8). Nicht wenige von ihnen dürften dieses Alleinleben weniger als selbstbestimmte Wahl, denn als unglückliches Schicksal erleben. Ihre Chancen eine eigene Familie zu gründen verbessert es sicher nicht. Aber das ist für Feuilletonisten ja auch nicht wichtig. Nebulös bleibt indes, welche Bindungen die von ihnen gepriesenen „Netzwerke” zusammen halten sollen.

(1) Exemplarisch für diese Sicht: Bernhard Gückel: Gibt es eine Krise der Familie? Eine Lebensform im Spannungsfeld zwischen Wandel und Konstanz. Prof. Dr. Norbert F. Schneider zur Situation der Institution Familie bei der Dritten Tendenzwendekonferenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 17. November 2011 in Berlin, im Interview in der Sendung „Kulturgespräche” des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR 2) am 23. Dezember 2011 und im Beitrag „Geld allein ist keine Lösung” der Publikation „The European” vom 10. Januar 2012, S. 10-11, in: Bevölkerungsforschung Aktuell 01/2012, S. 10-11.
(2) Jahel Mielke: „Allein wohnen heißt nicht allein sein”, Interview mit Norbert Schneider, in: DER TAGESSPIEGEL vom 25.4.2010, http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein/1807966.html.
(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/196-0-Woche-30-2009.html.
(4) Siehe hierzu: „Lebensformen der Deutschen 2011″ (Abbildung unten). Zur Definition der Lebensformen in der amtlichen Statistik: Statistisches Bundesamt: Alleinlebende in Deutschland – Ergebnisse des Mikrozensus 2011, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 11. Juli 2012 in Berlin, Wiesbaden 2012, S. 7.
(5) Empirisch fundiert zum Phänomen der „LAT-Partnerschaften”. Grundlegend zu Jens B. Asendorpf: Living Apart Together: Alters- und Kohortenabhängigkeit einer heterogenen Lebensform, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, 4/2008, S. 749-764. Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/201-0-Woche-33-2009.html.
(6) Eingehender dazu: http://www.i-daf.org/394-0-Wochen-23-24-2011.html..
(7) Siehe Abbildung: „Ledig bleiben – postmoderne Lebensformenrevolution”, in: http://www.i-daf.org/297-0-Wochen-15-16-2010.html.
(8) Siehe: „Alleinleben nimmt bei jungen Frauen sprunghaft zu” und „Männer leben immer häufiger allein” (Abbildungen unten).

Dieser Beitrag erschien zuerst auf idaf.org.

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