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Kindermangel in Deutschland – warum das “traditionelle” Familienbild nicht schuld ist

21. Dezember 2012, 08:53 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte:

Die Entscheidung für Kinder sei in Deutschland „so unattraktiv wie nie“, woran das noch immer viel zu „traditionelle Mütter- und Familienleitbild“ in Westdeutschland schuld sei. 

Dies behaupten Print- und Onlinemedien unter Berufung auf eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, die angeblich „erstmals“ die „Gefühlslage der Deutschen bei der Frage nach dem dauerhaften Geburtenrückgang“ berücksichtige. Ein zentrales Hemmnis der Familiengründung sei die Auffassung, dass Frauen zuhause bei den Kindern bleiben sollten. Das „kulturelle Leitbild der guten Mutter” sei ein zentraler Grund für die im „globalen Vergleich“ einzigartig hohe Kinderlosigkeit und so dafür verantwortlich, dass Deutschland zu den „Schlusslichtern“ bei den Geburten gehöre (1).

Die politische Botschaft ist unmissverständlich: Mehr Kinder gibt es nur, wenn sich die Deutschen von ihren hergebrachten Familienidealen und Lebensformen verabschieden. Dafür gelten nicht nur Betreuungsangebote und finanzielle „Anreize“ als notwendig, sondern auch eine gezielte Politik der „habit formation“. Zu dieser Strategie gehört die Legende von der Rabenmutter: Den Begriff verwenden schon lange nur noch diejenigen, die den Deutschen einreden wollen, dass ihr Familienbild im europäischen Vergleich besonders „traditionell“ und also „rückständig“ sei (2). Empirische Erhebungen zeigen indes ein differenzierteres Bild: Die Westdeutschen beurteilen demnach die Erwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern skeptischer als Skandinavier und vielleicht auch Franzosen, unterscheiden sich in dieser Hinsicht aber kaum von Briten oder Niederländern. Besonders kritisch sind die Einschätzungen, wenn nach einer Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern gefragt wird – selbst in Dänemark und Schweden präferieren die meisten Befragten eine Teilzeiterwerbstätigkeit. Diese Teilzeitpräferenz zeigen sogar die Ostdeutschen, die von allen Europäern – abgesehen von den Dänen – am wenigsten an der Vereinbarkeit der Erwerbstätigkeit von Müttern mit der Erziehung kleiner Kinder zweifeln (3). Fast nirgendwo sonst in Europa ist die Ganztagsbetreuung von Kindern so verbreitet wie in Ostdeutschland.

Dies ist ein Erbe der DDR, die ein umfassendes Ganztagssystem aufgebaut hatte. Nach der „Wende“ wurde dieses System pädagogisch neu ausgerichtet, blieb in seiner Struktur aber weitgehend erhalten. Inwiefern ein „modernes“ Familienleitbild die Fertilität fördert, lässt sich damit am innerdeutschen Vergleich überprüfen: In Ostdeutschland bleiben Frauen deutlich seltener als in Westdeutschland kinderlos. Trotzdem sind die durchschnittlichen Kinderzahlen ähnlich niedrig wie in Westdeutschland. Der Grund dafür ist, dass ostdeutsche Frauen nur selten drei und mehr Kinder haben (4). Solche Mehrkinderfamilien spielen für das Geburtenniveau eine Schlüsselrolle, wie der internationale Vergleich zeigt: Auch in Großbritannien, den Niederlanden und den USA liegen die Anteile kinderloser Frauen deutlich höher als in Ostdeutschland (5). Trotzdem sind die Geburtenraten wesentlich höher als in Ost- sowie in Westdeutschland, weil Eltern sich häufiger für dritte und weitere Kinder entscheiden (6). Der größere Anteil von Mehrkinderfamilien erklärt auch zu einem wesentlichen Teil, mehr noch als die etwas niedrigere Kinderlosigkeit, die höheren Geburtenraten in Frankreich und Nordeuropa (7). Und überall gilt, dass „traditionelles Familienleitbild“ und Mehrkinderfamilie zusammen gehen: Mit der Kinderzahl geht die Erwerbstätigkeit von Müttern – vor allem in Vollzeit – zurück. Die lebenspraktischen Gründe dafür sind dem normalen Menschenverstand einsichtig – die Erziehung mehrerer Kinder ist kein Feierabendvergnügen, sondern Arbeit. Fürsprecher des neuen Leitbilds hält dies indes nicht davon ab, selbst von kinderreichen Müttern Vollzeiterwerbstätigkeit zu fordern. Eltern für diese im Vergleich zu Kinderlosen doppelte Belastung materiell  zu entschädigen ist nicht vorgesehen – Geldtransfers und Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung auszubauen gilt als obsolet (8). Eltern sollen ihrer Kinder nicht mehr selbst erziehen – das macht der Staat – aber mehr noch als bisher für deren Kosten aufkommen. Dass eine solche „Modernisierung“ Elternschaft attraktiver machen soll, lässt sich in der Tat bezweifeln. Eher sind noch weniger Kinder zu erwarten. Die Argumentation in den einschlägigen Medien ist jedenfalls logisch nicht nachvollziehbar, ja geradezu widersinnig.


 
(1)   http://www.sueddeutsche.de/politik/sinkende-geburtenzahlen-eltern-werden-so-unattraktiv-wie-nie-1.1552335. Der Artikel bezieht sich auf die folgende Studie: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.): (K)eine Lust auf Kinder? Geburtenentwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2012. In dieser Studie sind nirgends Zahlen zur Kinderlosigkeit im internationalen Vergleich zu finden. Die Autoren behaupten lediglich, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland „außerordentlich“ (Ebd., S. 52) hoch sei. Was dies bedeuten soll, bleibt undefiniert. Den damit eröffneten Spielraum für Spekulationen nutzte die Süddeutsche Zeitung, um die Studie als Beleg für ihre familienpolitische Weltsicht zu nutzen. Auf die in der Studie präsentierten harten Fakten kann sich diese Sicht indes nicht stützen.
(2)   Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/458-0-Wochen-14-15-2012.html.
(3)   Siehe hierzu: http://www.erziehungstrends.de/Familie/Ostdeutschland. Diese Darstellung bezieht sich auf eine Auswertung des Eurobarometers 2006 von Angelika Scheuer und Jörg Dittmann (Berufstätigkeit von Müttern bleibt kontrovers. Einstellungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland und Europa, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38, Juli 2007). Sie wird durch die neue Studie des BIB nicht widerlegt, sondern bestätigt. Von den dort aus dem World Survey 2008 ausgewählten acht europäischen Ländern bewerten die Ostdeutschen die Erwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern am seltensten kritisch. Vgl.: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.): (K)eine Lust auf Kinder? a.a.O., S. 42.
(4)   Siehe: „Kinderzahlen in Ost- und Westdeutschland“ (Abbildung unten).
(5)   Zur Kinderlosigkeit im europäischen Vergleich: Bert Rürup/Sandra Gruescu: Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2003, S. 13 (Tabelle 3). Zu den USA siehe weiter unten.
(6)   Siehe: „Kinderzahlen in Deutschland und den USA“ (Abbildung unten).
(7)   Vgl.: Hans Bertram et al.: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, S. 6-15, in: Aus Politik und Zeitgeschichte – 23-24/2005, S. 7. Bertram bezieht sich hier speziell auf Frankreich und Finnland. Es ist evident, dass auch für das Geburtenniveau in Schweden und anderen nordischen Länder dritte und weitere Geburten eine zentrale Rolle spielen.
(8)   Detaillierter hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/461-0-Wochen-16-17-2012.html.

 
 
Dieser Beitrag erschien zuerst auf i-daf.org.
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3 Kommentare auf "Kindermangel in Deutschland – warum das “traditionelle” Familienbild nicht schuld ist"

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