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Kinder statt Klappstühle

06. Mai 2012, 05:39 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Erziehen Sie noch Kinder, oder gehen Sie schon in die Oper? Warum das Kein-Geld-zurück-für-Nichtnutzung-der-Kita-Argument nicht nur blöd, sondern auch noch falsch ist.

Keine Debatte zum Betreuungsgeld, die ohne dieses hanebüchene Beispiel auskommt. Die SPD hat es zum neuen Slogan erkoren. Ich sehe die Parteistrategen förmlich vor mir, wie sie sich auf die Schulter klopfen über diese wahnsinnig originelle Kausalkette, die in der Regel deswegen unwidersprochen bleibt, weil es den Gegenüber in leichte Fassungslosigkeit versetzt ob der Dinge, die hier allen Ernstes in einen Topf geworfen werden. Der Argumentationsstrang hangelt sich etwa so entlang: Wir zahlen Subventionen sowohl für Krippen als auch für die zahlreichen Opern, Theater und Schwimmbäder in Deutschland. Wer nicht in die Oper, das Theater und das Schwimmbad geht, bekommt schließlich keine Prämie ausgezahlt dafür, dass er fernbleibt – also sollen auch Eltern, die die Kita nicht nutzen, ebenfalls keine „Fernbleibeprämie“ bekommen. Nun werden Dinge ja nicht wahrer, dadurch dass man sie häufig wiederholt Frau Nahles.

Blöd und an den Haaren herbei gezogen

Blöd ist dieses Argument deswegen, weil es Dinge zusammen bringt, die nicht einmal ansatzweise etwas miteinander zu tun haben. Es ist willkürlich und an den Haaren herbei gezogen. Tatsächlich ist die Gleichstellung der liebevollen Erziehung eines Kindes mit einem leeren Klappstuhl in einer hochsubventionierten Oper eine einzige Frechheit. Genauso gut könnte man Kinder gleich setzen mit Solarstrom oder Butterbergen. Hat genauso wenig miteinander zu tun, aber wen interessiert es, wir haben schließlich Wahlkampf. Die Oper und das Schwimmbad stehen also grundsätzlich nur beispielhaft für eine x-beliebige Subvention, die von unser Aller Steuergeldern bezahlt wird.

Falsch ist das Argument, weil die richtige Frage nur die wäre, nach welchen Kriterien wir grundsätzlich Subventionen verteilen? Konsens ist, Kultur braucht Subvention, weil sich Kunst in der Regel für den Künstler immer erst postmortem rechnet. Aber wieso subventionieren wir eigentlich die Opern und die Staatstheater, nicht aber den brotlosen Kleinkünstler in der Fußgängerzone von Duisburg? Die Antwort ist einfach: Die einen halten wir für künstlerisch wertvoll und unterstützenswert, die anderen nicht. Die einen sind professionelle Darsteller, die anderen nicht. Wenn man also einzelne Subventionen in der politischen Debatte gegeneinander ausspielt, dann müssen sie schon aus dem gleichen Topf kommen. Beim Kultur-Topf ist klar: Oper ja, Fußgängerzone nein. Auch wenn man sich bei so mancher Inszenierung im deutschen Regietheater in die Fußgängerzone von Duisburg wünscht, weil der künstlerische Wert oder gar die gesellschaftliche Relevanz nicht erkennbar – trotzdem zahlen wir weiter und sogar noch zusätzlich Eintritt. Angesichts leerer Staats-Kassen sollte man also lieber den Sinn so mancher Kultur-Subvention hinterfragen, denn woanders wird das Geld dringend gebraucht.

Und damit sind wir auch direkt beim Unterschied zwischen erziehender Kita und erziehenden Eltern. Nennen wir es mal den Erziehungs-Topf. Auch hier müssen wir uns das Gesamtvolumen der Subventionen für Betreuung und Erziehung von Kindern vornehmen und schauen, in welche Teller die Suppe ausgeteilt wird. Sie ahnen es sicher schon: Die Kita ist die Oper – die Eltern die brotlosen Kleinkünstler. Irgendwie sympathisch, aber nur ein paar Centstücke im Vorbeilaufen wert. Willkommen in Deutschland.

Doch ist die einseitige Subventionierung von Kitas und die propagierte Nicht-Subventionierung von elterlicher Erziehung überhaupt rechtlich legitim? Bei all dem Geschrei darf man ja nicht vergessen, wir alle bezahlen durch unsere Steuergelder, die man uns zwangsweise abnimmt, alle Subventionen im Land. Es muss also ein gesamtgesellschaftliches Interesse geben an den Dienstleistungen, die wir auf diese Art und durch gemeinsame Anstrengung über Wasser halten.

Die Suppe fairer verteilen

Doch in den Genuss der Subventionen im U3-Ausbau der Kitas kommt nur eine Minderheit von 35 Prozent der Eltern während die Mehrheit von 65 Prozent der Eltern diese Form der Subvention ablehnen – dennoch über ihre Steuern aber mitfinanzieren müssen. Auch laut Umfrage des Magazins „Der Stern“ in Zusammenarbeit mit RTL, sprechen sich 51 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 29 Jahren, also die Betroffenen selbst, für eine Subvention durch das Betreuungsgeld aus. Es stellt sich also die Frage, wieso wir uns erlauben, das ganze Geld aus dem Betreuungs-Topf für eine Minderheit der Eltern auszugeben, obwohl eine Mehrheit der Eltern sich für eine andere Subventionsform ausspricht?

Müsste man nicht fairer Weise die Suppe so austeilen, dass alle etwas abbekommen, anstatt dass bei einigen wenigen der Teller überschwappt, während die Mehrheit hungrig zurück in die Fußgängerzone geschickt wird? Einmal durchgerechnet: Anstatt für 35 Prozent aller Kinder für 1.100 Euro monatlich einen Kitaplatz zu subventionieren, könnte man auch für 70 Prozent der Kinder monatlich 550 Euro Betreuungsgeld auszahlen. Genau wie bei Oper und Fußgängerzone ist es nicht eine Frage der Finanzierung, das Geld wird ja sowieso ausgegeben, es ist nur eine Frage der Prioritäten.

Abseits von Subventionstöpfen kann man die Thematik aber auch einfach mit den Worten meiner lieben Mutter zusammen fassen, die jedes Mal an die Decke geht, wenn wieder einmal jemand vor laufender Kamera Kinder mit Klappstühlen auf eine Stufe stellt: „Die können doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen – und schon gar nicht, wenn die Birnen später unsere Rente bezahlen sollen.“ So isses.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.theeuropean.de

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1 Kommentar auf "Kinder statt Klappstühle"

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