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Jeder würgt für sich allein. Ein Schauspieler-Drama

04. Juli 2012, 06:48 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: ,

Gute Schauspieler reden nicht selten dummes Zeug, über Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft. Ältere Beispiele: Otto Sander, Matthieu Carrière, Götz George, Rolf Becker, Iris Berben oder Hannelore Hoger (die hat laut Wikipedia herausgefunden, die „globale Marktwirtschaft“ koste täglich 24000 Menschen das Leben).

Ob aus Sebastian Blomberg, geboren 1972, irgendwann ein guter Schauspieler wird, steht noch dahin, aber mit dem Stuss reden fängt er schon mal an.

In einem Interview der TV-Programmbeilage des „Stern“ verrät der Theater-, Kino- und Fernsehschaffende, am 6.7. Im ZDF-Krimi „Das letzte Schweigen“ zu sehen, dass er eine Zeitlang täglich die Münchener Maximilianstraße entlang gegangen sei. Da lagen, oh Horror, Handys für 15000 Euro in den Auslagen! Das hat ihn erschüttert.

In einem Ankündigungsvideoclip für eine Late-Night-Show, die Konstantin Wecker und Blomberg im örtlichen Residenz-Theater veranstalten, sieht man den blendend aussehenden Mimen würgen und auf die nämliche Straße kotzen. Blomberg: „Die bekannte Forderung ´Empört euch´ schien uns nicht ausreichend. Wir haben daraus ´Entleert euch!´ gemacht.“

Da läuft der „Theaterkommunist“, wie ihn Bert Brecht als einen Prototyp der Weimarer Kulturrepublik beschrieb, zu später Form auf. Euer Reichtum kotzt uns an! Gesellschaftskritik vom Feinsten. Statt aber dumm Tüch zu reden, wie man im Hamburg sagt, wo der Stern erscheint, sollte sich der reihernde Blomberg nicht lieber freuen, dass reiche Säcke ihre Knete in Deutschland verballern, statt sie auf den Cayman Islands oder unter der Matratze zu bunkern? Um bei jedem Luxusshopping satte 19 % Mehrwertsteuer abzudrücken, welche den Staat flüssig halten? Zum Beispiel, um die Bayerische Staatsschauspielbühne, das Residenz-Theater, finanzieren zu können, welche zu den Brötchengebern von Blomberg gehört?

Aber mit Ökonomie haben es Staatsschauspieler nicht so. Ob nämlich irgendjemand – außer den dort Beschäftigten – das nicht sonderlich renommierte Residenz-Theater benötigt, mag man ebenso bezweifeln wie die Sinnhaftigkeit eines Handys für 12000 Euro. Es braucht, versteht sich, auch niemand einen Audi Q7, weil man in einem Dacia Logan sehr gut von A nach B kommt. Niemand braucht teure Uhren (in Mimenzirkeln übrigens ungemein beliebt); denn auch eine Swatch zeigt die Zeit korrekt an. Bloß rappelt es beim Logan und bei der Swatch nicht gerade vernehmlich in der Steuerkasse. Außerdem gibt es da ein paar Leute, die das sündhaft teure, steuerpflichtige und daher durchaus nicht ganz überflüssige Zeug aufwändig herstellen, damit handeln und auf diese Weise ihre Familien ernähren. Beiläufig tragen sie dazu bei, dass u.a. das Herz zerreißend schlechte deutsche Subventionstheater und sein schauriges Pendant, das Förderkino, ad infinitum aufrecht erhalten werden. Also eben jene Töpfe, die Leute wie Blomberg alimentieren.

Macht ein Stück weit ratlos, dieser Fall. Da ist ein vierzigjähriger Schauspieler, der in einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt sorglos aufgewachsen ist, eine Erziehung im teuren Elite-Internat Salem von den Eltern spendiert bekam und nunmehr als kostspielige Pflanze des Kulturbetriebs grünt. Und was ist daraus geworden? Ein stolzer Träger derselben Ressentiments, die auch ein verbiesterter DDR-Nostalgiker pflegt, der nach der Wende seinen bequemen Job verlor und nun für die SED-Nachfolgepartei in Klein-Machnow Plakate klebt.

Das aber wenigstens, ohne gleich in die Gegend zu kotzen.

PS: An sich ist gegen die Parole „Entleert euch!“ natürlich nichts einzuwenden. Auch mich überkommt manchmal eine seltsame Übelkeit. Und ein Würgereiz, gepaart mit ätzenden Magensäften, gegen die selbst Maaloxan machtlos ist, steigt in meiner Speiseröhre auf. Zum Beispiel, wenn ich mir vorstelle, ich könnte aus irgendwelchen Gründen gezwungen werden, mit einem wie Sebastian Blomberg über die Maximilianstraße zu spazieren. Oder gar mit Konstantin Wecker!

http://www.youtube.com/watch?v=WF40YORHk3c

http://www.rezitator.de/gdt/815/

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com

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2 Kommentare auf "Jeder würgt für sich allein. Ein Schauspieler-Drama"

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