Mathias von Gersdorff, Publizist

Wird die Familien-Synode zur Streit-Synode?

Auf der Familiensynode in Rom, die im Oktober beginnt, werden liberale und bewahrende Positionen aufeinandertreffen. Der Publizist Mathias von Gersdorff erklärt, was dabei auf dem Spiel steht.

Veröffentlicht: | Kategorien: Interviews, Interviews - Empfohlen, Startseite - Empfohlen, Teaser - Interviews | Schlagworte: Familiensynode, Rom, Papst, Franziskus, Wir sind Kirche, Zentralkomitee der Katholiken, Linkskatholizismus, Bischöfe, Evangeliuem, Sexualität, Massenmedien, Ehe, Familie
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FreieWelt.net: »Ut unum sint«, auf Deutsch »dass sie eins seien« – diese Forderung an die Christen steht im Evangelium. Doch vor der kommenden Synode merkt man nicht allzu viel davon. Was ist los?

Mathias von Gersdorff: In weiten Teilen der Welt befinden sich Ehe und Familie zweifelslos in einer Krise. Aus diesem Grund hat Papst Franziskus diese Synode einberufen. Innerkirchliche Kreise, die man als liberal oder progressistisch bezeichnen kann, haben dies zum Vorwand genommen, ihre alten Forderungen verstärkt zu formulieren: Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, Akzeptanz von Homosexualität, moralische Unbedenklichkeit künstlicher Verhütungsmittel usw. Also die alte Agenda der sexuellen Revolution, hinter der auch Gruppen wie »Wir sind Kirche« oder das »Zentralkomitee der deutschen Katholiken« (ZdK) stehen. Im Grunde missbrauchen sie den eigentlichen Zweck der Synode. Gegen diese Bestrebungen erhob sich ein wichtiger Widerstand aus dem sogenannten »konservativen« Flügel.

FreieWelt.net: Gut, aber Sie können doch nicht leugnen, dass es die Probleme, die die »Liberalen« ansprechen, durchaus gibt. Viele Katholiken interessieren sich nicht für die Lehre ihrer Kirche. Soll man das einfach ignorieren?

Mathias von Gersdorff: Die Aufgabe der Kirche ist, das Evangelium zu verbreiten und die Menschen zum Glauben zu bringen: »Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.« (Matth. 29,19) Die Kirche soll also die Wahrheit des Evangeliums verkündigen und nicht das Evangelium den vorhandenen »Realitäten« anpassen. Das gilt für alle Zeiten und für alle Völker.

FreieWelt.net: Wenn also ein »Graben zwischen Lehre und Lebensweise der Gläubigen« existiert – diese Formulierung stammt von Bischof Bode, einer der Delegierten der Synode –, dann soll das der katholischen Kirche egal sein?

Mathias von Gersdorff: Es darf ihr nicht egal sein, denn die Kirche muss zusehen, dass ihre Botschaft alle Menschen erreicht. Dafür muss sie Methoden der Verkündigung und eine geeignete Sprache entwickeln. In der Sache selbst darf sie sich aber nicht anpassen. Dies fällt aber einigen schwer, was allerdings kein neues Phänomen ist. Die Mitglieder der Kirche leben schließlich in dieser Welt und können von dieser beeinflusst werden. Besonders problematisch wird es, wenn selbst die Grundüberzeugungen davon betroffen sind. Im Vorfeld der Synode beobachtet man gerade in Deutschland, wie viele die Katholiken Maxime der sexuellen Revolution aus dem Ende der 1960er Jahre praktisch 1 zu 1 übernommen haben.

FreieWelt.net: Aber das alles ist kein rein deutsches Problem. Auch in Südamerika und anderen Kontinenten gibt es Katholiken, die die Pille nehmen und außerehelichen Geschlechtsverkehr haben.

Mathias von Gersdorff: Das ist richtig. Doch in Deutschland und in gewisser Weise generell in Nordeuropa ist man schneller bereit, die traditionelle Lehre durch eine Neue ersetzen zu wollen. Das hat mehrere Gründe, einige davon sind der große Glaubensschwund und der hohe Stellenwert der staatlich bezahlten Theologen.

FreieWelt.net: Können Sie das näher ausführen?

Mathias von Gersdorff: Die Lehre der Kirche über Sexualität, Ehe, Familie ist Teil der gesamten Lehre der Kirche. Jemand, der sich katholisch nennt aber kaum noch die Grundlagen seines Glaubens kennt, wird Schwierigkeiten haben, Inhalte zu akzeptieren, die seinen Alltag stark prägen sollen, wie eben die Sexualmoral. Auf der anderen Seite scheinen viele Theologen hierzulande Narrenfreiheit zu besitzen. Sie fühlen sich frei, dem Lehramt zu widersprechen, ohne eine Reaktion seitens der Bischöfe oder des Kirchenvolkes befürchten zu müssen. Diese Theologen (unterstützt eben von Gruppen wie »Wir sind Kirche« und neuerdings auch von Bischöfen) wollen nun ihre Standpunkte in der Synode durchgesetzt sehen. Die deutsche Delegation gehört leider zu den liberalsten aus der ganzen Welt. Keine andere Delegation besteht ausschließlich aus Bischöfen, die die Thesen von Kardinal Kasper unterstützen. Kardinal Walter Kasper ist so was wie die Symbolfigur des Linkskatholizismus in Fragen von Ehe und Sexualmoral.

Ich möchte aber nicht den Eindruck hinterlassen, nur in Deutschland gäbe es progressistische Kirchenmänner. Auch anderorts gibt es solche. Manche von ihnen hatten im Vorfeld der kommenden Synode sehr viel Einfluss, beispielsweise Kardinal Lorenzo Baldisseri, der Generalsekretär der Bischofssynode.

FreieWelt.net: Was wird nun auf der Synode selbst passieren. Ist eine heftige Konfrontationen zu erwarten?

Mathias von Gersdorff: Was in Rom im Oktober 2015 geschehen wird, ist schwer zu prognostizieren. Wie schon erwähnt, ist der Widerstand gegen die Bestrebungen der Linkskatholiken erheblich. In letzter Zeit haben sie wohl deshalb die Erwartungen an die Synode gedämpft und scheinen für die Zeit nach der Synode zu planen. Möglicherweise werden sie versuchen, dass ein widersprüchlicher oder mehrdeutiger Schlussbericht redigiert wird, der die Basis für die weitere Diskussion legt. Der Linkskatholizismus hat einen wichtigen Teil der Massenmedien auf seiner Seite. Diese legen die kirchlichen Stellungnahmen oft verfälscht und entsprechend ihren Wünschen aus. Deshalb werden sie sich möglicherweise während der Synode zurückhalten und erst in der nachfolgenden Diskussion wieder dezidierter ihre Positionen in der Öffentlichkeit vortragen. Dies sind aber Spekulationen. Man muss auf Überraschungen gefasst sein.

FreieWelt.net: Würde Papst Franziskus ein solches Spiel mitmachen?

Mathias von Gersdorff: Die gegenwärtige Debatte fing nach der Rede von Kardinal Walter Kasper vor dem Konsistorium, also vor den versammelten Kardinälen, Anfang 2014 an. Der Papst hat immer wieder Aussagen im Sinne der traditionellen Lehre getroffen, doch es waren meist zweitrangige Anlässe, also keine Enzykliken oder Apostolische Schreiben. Jedenfalls hat er die laufende Debatte zwischen dem liberalen und dem konservativen Flügel nicht zu beeinflussen versucht. Früher oder später muss er sich aber äußern: Die Synode ist ja eigentlich ein beratendes Gremium und trifft keine Entscheidungen. Nach der Synode müsste der Papst ein sogenanntes nachsynodales »Apostolisches Schreiben« redigieren. Normalerweise würde er die Diskussionen der Synode dort einfließen lassen, aber er besitzt die Freiheit das zu schreiben, was er für angebracht hält.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Joseph Rattinger

Familien - Synode, so ein dummes Zeug. In Deutschland ist der Staat doch seit vierzig Jahren damit beschäftigt, die Kirchen, allen voran die katholische, so systematisch zu denunzieren und zu zersetzen, wie die Familie. Die Kirchen wehren sich nicht dagegen, sondern sie sitzen in der Ecke, wie ein geprügelter Hund, Heulsusen von hohem Range eben.

Vielleicht nicht derart ausgeprägt, wie im Deutschland der vereinten ProletArierInnen, dürfte das ähnlich auch auf viele 'westlich' geprägte Länder zutreffen.

Von einer derart lauen, schwachen und degenerierten Kirche sich weitgehendst zu distanzieren, kann man seinen Mitmenschen nur empfehlen.

Suchen Sie sich eben einen neuen Gott, eine neue Religion. Zur Zeit sehr en vogue, verdammte Hitlerei, ist die Euroreligion und Mutti als Gottheit, die uns alles gegeben hat und deren starker Arm uns trägt, wenigstens, wenn sie der Aufenthalt im US - amerikanischen Enddarm gerade einmal nicht daran hindert, das zu tun.

http://www.spiegel.de/forum/politik/eu-reformvertrag-wie-viel-macht-darf-bruessel-haben-thread-7709-88.html#postbit_3974777

Gravatar: Jürg Rückert

1. "macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie ..."
Juden und Muslime ausgenommen, so sieht es wohl auch der Hl. Stuhl und nicht nur das Zentralkomitee der deutschen Katholiken! Da traut man sich nicht mehr ran.
Christus würde, käme er wieder, in der Synagoge sitzen und sich Feinde machen.

2. Man muss dem Lehramt widersprechen, wo es fehlt. Koranküsse sind Irreleitung der Gläubigen! Das Anheizen des Stromes überwiegend muslimischer Wohlstands-Findungs-Flüchtlinge verbunden mit übler Beschimpfung der Europäer und Unterminierung der Existenz europäischen Länder ist eine schwere Sünde. Der Stoß in die Posaune auf Lampedusa wird zum Bürgerkrieg in Italien mit Ermordung der Priester beitragen!
3. Von Gersdorff hat recht, wenn er den gesamtgesellschaftlichen Gegenwind anspricht. Jeder deutsche Bischof hat bereits so viele grün geprägte GlaubensGENOSSEN in seinem Umfeld, dass er gefährlich lebt.

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