Wieso fehlt zu vielen Jugendlichen eine Gewalt-Bremse?

23. Mai 2012, 01:55 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von Redaktion
Foto: Dr. Albert Wunsch
Redaktion FreieWelt.net

Herr Wunsch, Sie waren einer der Experten des vom Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (iDAF) organisierten Kongress "Bindung - Bildung - Gewaltprävention", welcher unter der Schirmherrschaft des Sächsischen Ministerpräsidenten im Dresdener Landtag stattfand. Dort hatte Sie sich im Panel „Abbau des Aggressionspotentials durch Bildung und Familie" mit dem Thema „Weniger Anfälligkeit durch konsequente Erziehung" eingebracht. Immer häufiger ist festzustellen, dass Jugendliche bei ihren Verbrechen äußerst brutal und rücksichtslos vorgehen. Welche fachlichen Erklärungen können Sie uns geben:

Eine grundsätzliche Frage, die viele beschäftigt: Wie können junge Menschen derart wenig, beziehungsweise gar kein Mitleid zeigen?

Im Wort „Beziehung“ liegt der Schlüssel, weil der Umfang von guten und sicheren emotionalen Erfahrungen in der Kindheit – die prägendsten erfolgen im Elternhaus oder auch nicht – darüber entscheidet, ob sich ein Mensch in andere hineinversetzen kann. Konkret: Erfahren Kinder zu wenig Zuwendung, Liebe, Anerkennung und Bindung von Mutter und Vater, kann sich bei ihnen keine Selbst-Sicherheit entwickeln. Wird ihnen nichts oder zuwenig zugetraut, trauen sie auch anderen nicht oder zuwenig. Menschen mit großen emotionalen Mangel-Erfahrungen können wiederum keine Anpassungsleistungen im Sinne eines sozialen Verhaltens erbringen bzw. Begrenzungen oder Zurückweisungen nicht ertragen, wie sie im Leben immer wieder passieren oder notwendig sind. Der kanadische Entwicklungs-Psychologe und Neurologe Gordon Neufeld hat im Rahmen seiner langjährigen Arbeit mit Gewalttätern bei diesen ein restlos unterwickeltes emotionales Hirn-Zentrum diagnostiziert. Das limbische System aber ist ‚die’ Funktionseinheit des Gehirns, welche der Verarbeitung von Emotionen und der Regulation von Triebverhalten dient. Mit einfachen Worten: Wer sich Kindern gegenüber zu wenig empathisch verhält, sie sich zu stark selbst oder anderen überlässt, sollte bei Jugendlichen oder Erwachsenen kein Mitgefühl erwarten.

Häufig wirken auch Bildmedien als Vorbild, wie z.B. im Film “Chico”, in dem ein Gangster mit brutalsten Mitteln die Verbrecher-Karriereleiter hochsteigt. Wie kommt es, dass einige junge Menschen derart anfällig für solche “Vorbilder” sind?

Alle Menschen wollen irgendwie einen anerkannten Platz in der Gemeinschaft haben. Dies fand vor ca. 90 Jahren der österreichische Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler heraus. Reicht es nicht für eine sozial akzeptierte Position, weil dafür positive Leistungen zu erbringen wären, entscheidet sich der Mensch alternativ für einen destruktiven Platz. Und da alle Menschen für ihren Lebensweg Vorbilder brauchen, bietet sich für eine kriminelle Karriere ein Film wie “Chico” geradezu an. Außerdem schafft er reichlich Ansatzpunkte, sich für die nicht erhaltene Zuwendung und Beachtung zu rächen.

Welche Rolle spielt das Gruppenverhalten bei solchen Verbrechen?

‚Gemeinsam sind wir stark’, dies ist eine uralte Gruppen-Erfahrung. Geht es um Gewalt, so geben die anheizenden Blicke der Beteiligten den Handelnden den nötigen Zusatz-Kick und stoppen gleichzeitig evtl. einsetzende Reste von Mitgefühl. Die Gruppe gibt demnach ‚die’ sozial-emotionale Bestätigung, an welcher es ihnen als Kinder mangelte. Außerdem haben sie in Gruppen häufig die Erfahrung gemacht, aus Konfliktvermeidungs-Verhalten oder Angst nicht gestoppt worden zu sein. Das fängt häufig schon in Kindergarten und Schule an.

Wie ist eine solche Tendenz zu immer mehr Gewalt zu erklären.

Da kommen viele Faktoren zusammen. Zu einem großen Teil ist sie auch Ausdruck einer nicht zu tolerierenden Erziehungspraxis, in welcher Missstände nicht als solche bezeichnet und frühzeitig gestoppt werden. Wurde vor ca. 40 Jahren unflätiges bzw. asoziales Benehmen oder aggressives Verhalten noch als solches bezeichnet, wird die Sprache immer schwammiger. So wurde die Umschreibung ‚verhaltensgestört’ bald durch die nichtssagende Umschreibung ‚verhaltensauffällig’ abgelöst. Wenn also Unerzogene die Norm sind, fallen Höfliche und Hilfsbereite aus dem Rahmen, werden somit verhaltens-auffällig. Aber auch diese Sprachregelung ist schon von gestern, wie Michael Winterhoff in einem Interview feststellte und durch den Begriff ‚verhaltens-originell’ ersetzt worden. Auf die Praxis übertragen heißt das: Wenn also jemand Ihre Hauswand mit Farbe versaut, sehen Sie nicht das Wirken eines Täters sondern das ‚Werk eines originellen Künstlers’. Der Irrsinn ist bald nicht mehr steigerungsfähig.

Oft sind Jugendlichen Wiederholungstäter. Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, der Resozialisierung? Macht sie der Gefängnis-Aufenthalt nicht erst recht zu Verbrechern?

Ja, viele Therapeuten und Sozialarbeiter können belegen, dass es eine Möglichkeit der Resozialisierung gibt. Diese ist aber meist nicht per Gefängnisaufenthalt erreichbar. Hier sind nur sehr langfristige und äußerst kostenintensive Therapien erfolgreich, weil in mühseliger Kleinarbeit versucht werden muss, das unterentwickelte oder brach liegende emotionale Zentrum zu fördern. Der klassische Knast kann in der Regel nur ein Wegschließen im Sinne einer Schutzfunktion gegenüber der Gemeinschaft ermöglichen.

Viele der Opfer leiden noch Jahre später unter den Folgen der Taten. Wie kann man Ihnen aus psychologischer Sicht helfen, wieder zurück in den Alltag zu finden?

Auch das ist ein sehr langfristiger und mühevoller Weg. Oft wirkt ein solches Trauma so stark, dass es nicht aufgelöst werden kann. Die Betroffen müssen lernen damit umzugehen, indem sie evtl. bestimmte angst-auslösende Situationen oder Orte meiden. Ergänzend steht noch das Akzeptieren und langsame Abbauen ihrer Trauer und Wut an. Dies wird oft erschwert, wenn die Opfer die Straf-Festsetzung als zu milde empfinden, die Täter in keiner Weise Reue und Ansätze zur Wiedergutmachung zeigen oder sich die Täter selbst als Opfer präsentieren.

Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

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