“Veralberung der elterlichen Leistungen” – Interview mit Prof. Johannes Schroeter

07. März 2011, 09:16 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , , | von
Prof. Dr. Johannes Schroeter/privat
Redaktion FreieWelt.net

Prof. Dr. Johannes Schroeter ist seit vielen Jahren Landesvorsitzender des Familienbundes der Katholiken in Bayern. Im Interview mit FreieWelt.net sprach der Vater von vier Söhnen über die Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland, die finanzielle Diskriminierung der Familien und die Notwendigkeit einer stärkeren Anerkennung von elterlicher Erziehungs- und Bildungsleistung.

FreieWelt.net: Die aktuellen Geburtenzahlen zeigen zwar einen leichten Aufwärtstrend, dennoch belegt Deutschland bei den Geburten in Europa nach wie vor einen der hinteren Plätze. Warum bekommen die Deutschen nicht mehr Kinder?

Prof. Johannes Schroeter: Ganz allgemein ist es so, dass Länder einen Geburtenrückgang erfahren, wenn sie von einer Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft konvertieren. In Deutschland hat der Jahrgang 1880 als letzter eine bestandserhaltende Geburtenrate gehabt. Derzeit rutschen Schwellenländer wie der Iran in das Geburtendefizit. In den Agrargesellschaften ist Kinderreichtum relativ vorteilhaft für die Eltern, in den Industriegesellschaften ist dagegen Kinderlosigkeit vorteilhafter. Die relative Nachteilhaftigkeit der Elternschaft wird in den verschiedenen europäischen Ländern auf unterschiedliche Weisen, aber immer nur teilweise kompensiert. Für Deutschland ist bekannt, dass das staatliche Angebot an den elterlichen Wünschen vorbeigeht. Bei Befragungen über die Gründe der Kinderlosigkeit nennen Deutsche vorrangig die finanzielle Belastung der Elternschaft und erst nachrangig fehlende Betreuungsangebote. Der Staat setzt die Gewichtung seiner Unterstützung genau umgekehrt.

FreieWelt.net: Aber der Staat gibt doch eine ganze Menge Geld für Familien aus: Elterngeld, Kindergeld, Kinderfreibetrag, Kinderzuschlag etc. Warum greifen diese familienpolitischen Maßnahmen nicht?

Prof. Johannes Schroeter: Weil sie zu dürftig sind. Ein großer Teil der staatlichen Familienleistungen besteht aus fragwürdigen Bilanzen. Das Bundesfinanzministerium hat die staatlichen Leistungen für Familien auf 60 Milliarden EUR per anno geschätzt, die Deutsche Bundesbank auf 180 Milliarden EUR und das Kieler Institut für Weltwirtschaft kam auf 230 Milliarden EUR. Alleine schon die gravierenden Unterschiede stimmen verdächtig. Gemeinsam ist diesen Bilanzen, dass sie immer nur öffentliche Leistungen der Gesellschaft an die Familien auflisten, aber niemals die Leistung der Familien für die Gesellschaft. Nur die Robert-Bosch-Stiftung hat sich einmal die Mühe gemacht, beide Seiten der Bilanz aufzustellen. Sie kam dabei zu dem Ergebnis, das der Staat pro Kind knapp 80.000 EUR mehr einnimmt, als er pro Kind an Unterstützung gewährt. Für die Eltern ist jedes Kind – finanziell bilanziert – ein Verlust, für den Staat ein Gewinn.

FreieWelt.net: Verschiedene familien- und sozialpolitische Experten sehen in den gravierenden Ungerechtigkeiten, die für Familien im Sozialsystem bestehen, einen wesentlichen Grund für die niedrigen Geburtenzahlen. Inwiefern wäre eine familiengerechte Korrektur der sozialen Sicherungssysteme dazu geeignet, diesen Trend umzukehren?

Prof. Johannes Schroeter: In der Tat werden Eltern mit hohen Abgaben an die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen belastet. Im Gegensatz zur Lohn- und Einkommensteuer wird nämlich die Belastung für den Kindesunterhalt nicht herausgerechnet, wenn die Bezugsbasis für die Abgaben errechnet wird. Deshalb zahlen Eltern gleich hohe Sozialabgaben wie Kinderlose, obwohl sie neben diesen finanziellen Beiträgen auch einen sogenannten generativen Beitrag leisten: Indem sie Kinder aufziehen, sorgen sie für die Beitragszahler der Zukunft. Einzige Ausnahme ist die Pflegeversicherung. Für diese hat das Bundesverfassungsgericht bereits explizit festgestellt, dass Eltern im Vergleich zu Kinderlosen doppelt Beitrag leisten: mit ihrem finanziellen und mit ihrem generativen Beitrag. Deshalb dürfe der finanzielle Beitrag der Eltern nicht genauso hoch ausfallen wie der finanzielle Beitrag der Kinderlosen. – Umgesetzt worden ist dieses Urteil allerdings auf eine äußerst fragwürdige Weise: Der Beitragssatz für Eltern wurde nicht reduziert, sondern der Beitragssatz für Kinderlose wurde erhöht – allerdings so marginal, dass es einer Veralberung der elterlichen Leistungen nahe kommt.

FreieWelt.net: Welche familienpolitischen Schritte sollten dringend unternommen werden, um der Erziehungsleistung der Eltern mehr Geltung zu verschaffen?

Prof. Johannes Schroeter: Generell muss die elterliche Leistung bei der Bildung, Betreuung und Erziehung anerkannt werden. Das fängt beim Denken und Sprechen an: Die statistischen Ämter in Deutschland werten nur solche Kinder als betreut, die in außerfamiliären Betreuungseinrichtungen sind. Kinder, die bei ihren Eltern sind, wären demnach unbetreute Kinder. Und der deutsche Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2010“ hat beispielsweise ein eigenes Kapitel „Angebote frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung“. Darin findet man alle möglichen Einrichtungen erwähnt, aber nicht die Familie. Und im nächsten Kapitel findet sich der bemerkenswerte Satz: „Die Bildungsbeteiligung von Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt ist im letzten Jahrzehnt bundesweit zur Regel geworden.“. Gemeint ist damit, dass nunmehr fast alle Kinder den Kindergarten besuchen. Tatsächlich wird damit aber unterschwellig die infame Behauptung aufgestellt, Bildung fände nur in Einrichtungen und nicht in Familien statt. Denn Kinder bilden sich selbstverständlich auch in Familien. Wo sonst haben die meisten von uns ihre sprachliche Erstausbildung, also ihre Muttersprache, erfahren? Auf persönliche Nachfrage hat mir einer der Autoren der Studie erklärt, mit der Bildung sei es ebenso wie mit der Arbeit: Beide fänden per Definition in Familien nicht statt.

Wir Eltern müssen uns hartnäckig dieser Sprachverfälschung widersetzen: In unseren Familien wird gearbeitet, wird betreut und wird gebildet. Wer Elternzeit als „Auszeit“ bezeichnet, hat die Familie schon diffamiert und der finanziellen Diskriminierung Vorschub geleistet.

Familienbund-Bayern.de

Vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Kerstin Schneider

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