Türen zu Suizid-Beihilfe sind Türen zur »Hölle« – Interview mit Ruth Zacharias

24. Januar 2013, 09:18 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von Redaktion
Redaktion (rk)

Ruth Zacharias kämpft seit vielen Jahren für taubblinde Menschen in Deutschland. Für ihren unermüdlichen Einsatz ist sie mehrfach geehrt worden, zuletzt im Oktober 2012 mit dem sächsischen Bürgerpreis. Im Interview mit FreieWelt.net bezieht die Pastorin, die selbst sehbehindert ist, Stellung zur aktuellen Debatte um Suizid-Beihilfen.

FreieWelt.net: Frau Zacharias, Sie führen den Taubblindendienst e.V., einen Fachverband im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche. Wie arbeitet der Verein?

Ruth Zacharias: Der Verein ist bundesweit im evangelischen Raum tätig; darüber hinaus hat er eine Mitgliedschaft im Gemeinsamen Fachausschuss Taubblind (GFTB); in dem elf Bundesvereine für die Interessen und Rechte taubblinder Menschen zusammenarbeiten; zugleich ist er Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Einrichtungen und Dienste für taubblinde Menschen (AGTB); in der zehn Einrichtungen für das Wohl taubblinder Menschen von der Frühförderung bis zum Pflegeheim sorgen. Für den Freistaat Sachsen ist der Verein mit seiner Beratungsstelle mit ambulanten Diensten Ansprechpartner für diesen Personenkreis, aber auch für alle, die von Taubblindheit bedroht sind. Vorort gibt es die Begegnungsstätte Storchennest, die sich als Seelsorge-, Bildungs- und Ferienstätte versteht und als Gästehaus mit ihren Angeboten von diesem Personenkreis bundesweit genutzt wird. Seit 2008 sind wir im Aufbau eines Ambulant Betreuten Wohnens für taubblinde Menschen, das erste dieser Art in Deutschland. Wir führen Fachtagungen durch. Für Studenten und Interessierte gibt es u.a. Seminare »Mit drei Sinnen leben«.

Taubblinde Menschen sind die eigentlichen Meisterer des Lebens

FreieWelt.net: Zwei taubgeborene belgische Zwillingsbrüder haben sich vor Weihnachten eine tödliche Injektion geben lassen, nachdem sie erfahren hatten, dass sie bald auch noch erblinden würden. Wie wird diese Nachricht in Fachverband und unter den Taubblinden aufgenommen?

Ruth Zacharias: Diese Nachricht ist von uns allen mit großer Erschütterung aufgenommen worden, auch von taubblinden Menschen. Zu diesem Geschehen muss ein fragwürdiger und vielschichtiger Hintergrund gesehen werden. Für die Betroffenen löst neben der Taubheit das Voranschreiten und das Auftreten der Sehbehinderung bis zur Erblindung einen »Notstand« mit komplexen Folgen aus, so dass umfangreiche Hilfen zum »Neubeginn« gegeben werden müssen. Ich weiß, wenn diese Hilfen gegeben werden – und das sage ich dann sehr gerne – sind taubblinde Menschen die eigentlichen Meisterer des Lebens.

FreieWelt.net: Die FAZ bezeichnet es als einen »Skandal«, dass die Brüder jemanden finden konnten, der ihnen beim Sterben half. Dies habe die Entscheidung vorausgesetzt, dass das Leben der Zwillinge als nicht mehr lebenswert eingestuft wurde, obwohl Taubblindheit nicht einmal eine tödliche Krankheit ist. Wie beurteilen Sie das Verhalten der Sterbehelfer?

Ruth Zacharias: Die FAZ hat mehr als recht! Der Skandal kann nicht skandalös genug gesehen werden, und er darf nicht nur behinderte Menschen, sondern muss unsere ganze Gesellschaft wachrütteln und aufs Tiefste beunruhigen. Geleistet wurde keine Sterbehilfe, sondern Hilfe zum Suizid. Ein solches Handeln und Geschehen ist beschämend, unzulässig und verwerflich. In Deutschland kann zudem ein solches Handeln und Geschehen nicht ohne das Erleben mit dem Dritten Reich gedacht werden. Auf welchen Wegen befinden wir uns, wenn inzwischen alles das, was zum Thema »Abtreibung« praktiziert wird, als höchste Humanität gewertet wird, obwohl in Wahrheit der Gipfel von Inhumanität erreicht und festgeschrieben wurde? Auf welchem Weg wollen wir uns noch begeben, wenn – wie in Belgien und Holland – aktive Hilfe zum Suizid unser Ziel ist und damit Türen zur »Hölle« geöffnet werden?

Hilfen zum Leben zu praktizieren ehrt eine Gesellschaft

Ich weiß aus meiner Arbeit für taubblinde Menschen in fünf Jahrzehnten und aus der ständigen Auseinandersetzung mit Behinderung, Krankheit und Leid jeder Art, wie gerade durch diese Befindlichkeiten mit dem anscheinend sinnlosen und unwerten Leben Werte für unsere Gesellschaft entstanden sind, die es ohne diese Situationen nicht geben würde. Unsere Gesellschaft braucht neben den Leistungs- und Powermenschen die entscheidende Ergänzung mit diesen Werten aus den Reihen der »Schwachen«. Dass wir uns mit diesen Werten befassen, dazu ruft uns alle der Skandal aus Belgien auf. Hilfen zum Leben mit Schutz und Geborgenheit, mit Sinngebung und Wertschätzung zu praktizieren – das ehrt eine Gesellschaft.

FreieWelt.net: Sie kämpfen seit Jahren mit hohem Einsatz für wirksamere Hilfen zu Gunsten taubblinder Menschen in Deutschland. Was kann getan werden, um Taubblinden das Leben zu erleichtern?

Ruth Zacharias: Ich kämpfe nicht allein, sondern mit allen zusammen, die in unserem Land für taubblinde Menschen tätig sind. Das ist eine beachtliche Zahl von hochengagierten Personen, die vielfältige Aktivitäten auf politisch-gesellschaftlicher Ebene gestartet haben. Wir werden nicht Ruhe geben, bis gesetzlich verankerte Rechte für taubblinde Menschen festgeschrieben sind. Dazu gehört unter anderem das Recht auf staatlich bezahlte Assistenz, einkommens- und vermögensunabhängig; das wiederum erfordert die Anerkennung von Taubblindheit als eine eigene Form der Behinderung mit dem Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis »tbl«. Bereits 2008 hat das EU-Parlament sich mehrheitlich für diese eigene Form der Behinderung entschieden. Deutschland hat es in neun Jahren noch nicht geschafft, diese Anerkennung zu vollziehen und die daraus sich ergebenden Gesetze im Bundestag zu verabschieden. Im Oktober 2012 hat es endlich als Ergebnis unseres Kampfes eine einstimmige Entscheidung der Sozialministerkonferenz für die Einführung des Merkzeichens »tbl« gegeben. Zu hoffen ist, dass es jetzt Schritt um Schritt zu Gesetzen kommt. Das allein ist der gebotene Weg für Deutschland, Hilfen zum Leben mit Qualität und Teilhabenkönnen für diese Minderheit unter behinderten Menschen zu schaffen.

Wehe unserer Gesellschaft, die Tür »zur Hilfe zum Suizid« zu öffnen und weitere Skandale für »gesunde Menschen« als Ziel höchster Humanität festzuschreiben.

Foto: Ruth Zacharias

Zur Website des Vereins Taubblindendienst e.V. 

Das Interview führte Christoph Kramer

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