»Suizid ist kein Ausdruck von Freiheit« – Interview mit Dr. Josef Bordat

18. Januar 2013, 11:47 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , , | von Redaktion
Foto: Josef Bordat
Redaktion (oe)

Die Frage nach der Beihilfe zum Suizid stellt die Gesellschaft vor gravierende ethische Probleme. »Darf« sich ein Mensch das Leben nehmen, wenn er schwer krank ist? Oder ergibt sich für die Angehörigen und Pflegepersonal sogar eine Verpflichtung, dem Kranken seinen Todeswunsch zu erfüllen? FreieWelt.net sprach mit dem Philosophen Dr. Josef Bordat, der schwerpunktmäßig zu ethischen Fragestellungen forscht.

FreieWelt.net: Herr Bordat, Sie sind wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und betreiben ein Weblog, auf dem Sie sich schwerpunktmäßig mit Ethik aus christlicher Perspektive beschäftigen. Warum sprechen Sie sich vor diesem Hintergrund gegen Sterbehilfe aus?

Josef Bordat: Der Hauptgrund ist für mich die Unveräußerlichkeit der Menschenwürde und des elementaren Lebensrechts, eine Unveräußerlichkeit, die aus der Geschöpflichkeit des Menschen resultiert. Gott schenkt uns Leben, über das wir Menschen nicht verfügen dürfen. Wir können uns dieses Geschenk gegenseitig – beziehungsweise eben uns selber – nur in formaler Weise als »Lebensrecht« zu-, nicht jedoch in Gestalt eines »Tötungsrechts« absprechen. Daraus folgt, dass auch die Unterstützung nur im positiven, niemals aber im negativen Modus erfolgen darf.

Menschliches Leben hat in jeder Ausprägung und unter allen Umständen einen unermesslichen Wert. Aus diesem Grund lehne ich alle utilitaristischen Ansätze ab, die das Lebensrecht von Bedingungen abhängig machen. Als Christ bin ich daher für den unbedingten Schutz des Lebens, was bedeutet, dass ich gegen embryonenverbrauchende Forschung, Abtreibung, Sterbehilfe, Folter, Todesstrafe, Krieg und Umweltzerstörung bin. Umgekehrt bin ich für Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, angemessene Arbeitsbedingungen, gerechte Verfahren in Justiz und Verwaltung sowie eine lebensförderliche Forschung.

FreieWelt.net: Kann man auch eine Ethik des Lebensschutzes aus säkularer Perspektive entwickeln?

Josef Bordat: Ja, vor allem zu dem hier einschlägigen Fall der Selbsttötung lassen sich säkulare Argumente anführen. Kant war etwa der Meinung, der Mensch sei »Zweck an sich« und dürfe – bei aller Autonomie – nicht einmal sein eigenes Leben zum Mittel machen, etwa um Leid zu verkürzen. Er sieht in der Selbsttötung eine Verletzung der moralischen Pflicht des Menschen, gemäß seiner »Naturanlagen« zu leben. Und das sagt er in einer Zeit, in der es noch nicht so gute Möglichkeiten gab, auch starke Schmerzen medikamentös zu lindern.

FreieWelt.net: Gehört es nicht zur Freiheit des Menschen dazu, selbst über den Zeitpunkt seines Lebensendes zu bestimmen?

Josef Bordat: Aus christlicher Perspektive nicht, denn das Leben ist – wie gesagt – ein Geschenk Gottes und damit dem Zugriff des Menschen entzogen. Man kann zwar argumentieren, dass die Freiheit des Menschen das Recht umfasse, das eigene Leben jederzeit zu beenden, wenn man dies denn will. Doch das ist eine Position, die sich grundsätzlich auch ohne Gottesbezug kritisieren lässt, wie man an Kant sieht. Vor allem aber muss man sich die Frage stellen, ob ein Mensch, der meint, nicht mehr weiterleben zu können, überhaupt »frei« ist, also autonom und selbstbestimmt.

Zudem muss man sich von dem Gedanken lösen, Freiheit sei das Resultat von einem möglichst breiten Angebot an Optionen. Denn Freiheit braucht paradoxerweise immer auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Bindung, um Entscheidungsspielräume auf ein faktisch und ethisch handhabbares Maß einzuengen. Absolute Freiheit – wozu ich die Verfügung über Menschenleben, auch über das eigene, zählen möchte – ist ein geradezu unmenschlich hoher Anspruch. Für den Menschen gibt es keine absolute Freiheit, zumindest nicht als spürbare Freiheit, denn absolute Freiheit führte in der Praxis zu Entscheidungsunfähigkeit und damit de facto zu Unfreiheit. Echte Freiheit gibt es nur unter Bedingungen. Eine Möglichkeit, ein Mehr an Freiheit zu erlangen, ist daher die freiwillige Selbstbindung. Für den Christen erfolgt diese als Bindung an Gott.

FreieWelt.net: Einem leidenden Menschen den Suizid zu verwehren, heißt, sein Leiden zu verlängern. Nehmen wir einmal an, Sie hätten in einem konkreten Fall die Entscheidung in Ihrer Hand: Wie begründen Sie gegenüber dem Kranken Ihre Haltung?

Josef Bordat: Das ist eine große Frage!

Aus meiner Erfahrung als Beauftragter für den Senioren- und Krankenbesuchsdienst im Dekanat Berlin-Schöneberg/Tempelhof weiß ich, dass spätestens am Krankenbett jede Theorie ergraut. Da kann man nicht mit Kants Pflichtbegriff ankommen! Ich möchte trotzdem einige eher abstrakte Gedanken vorausschicken: Der Mensch hat gegenüber dem Tier den Nachteil, sein Leid in die Zukunft fortschreiben zu können und dadurch in Perspektivlosigkeit zu geraten. Er hat aber zugleich den Vorteil, nicht trostlos leiden zu müssen.

Und so würde ich einem Menschen, für den ich eine solche Entscheidung treffen müsste, mit all meiner Kraft helfen, diesen Trost für sich zu finden. Dass dies leichter geht, wenn ein Mensch an den lebendigen Gott glaubt und die christliche Auferstehungshoffnung hat, ist klar, doch auch allen anderen Menschen kann man mit Geduld und Liebe den Trost spenden, der nötig ist, um weiterzuleben. Ich kann keinen Menschen von seinem Leid befreien, das kann niemand, aber ich kann versuchen, ihm die Verzweiflung zu nehmen. Ich würde ihm konkret raten, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die die Palliativmedizin heute bietet.

Sie merken: Mein Programm kostet Zeit und Geld. Und das ist der Punkt: Sind wir bereit, diese Zeit und dieses Geld zu investieren? Oder suchen wir nach schnelleren, billigeren Lösungen?

FreieWelt.net: De facto ist Abtreibung straffrei, die Präimplantationsdiagnostik ist zulässig und auch für Sterbehilfe gibt es breites Verständnis. Wie passt Ihre Haltung noch in die heutige Zeit?

Josef Bordat: Ich glaube nicht, dass die Achtung der Würde des Menschen und der Schutz des Lebens etwas ist, das »unmodern“ werden könnte, wie Sie mit der Frage suggerieren. Das wäre ja schlimm! Zudem glaube ich nicht, dass die Behauptung, etwas »passe nicht in die heutige Zeit« oder sei »nicht mehrheitsfähig« für sich genommen ein gutes ethisches Argument darstellt. Ich glaube, dass die Würde und das Leben des Menschen kein Verfallsdatum haben – weder im Einzelfall noch als Themen des Diskurses – und auch nicht einfach dadurch bedeutungslos werden, dass Abstimmungen oder Umfragen in einer bestimmten Weise ausfallen. Das gilt übrigens auch für andere Fragen des Lebensschutzes, die sich aus dem Konzept der Würde eindeutig beantworten lassen, wie die Todesstrafe oder die Rettungsfolter, für deren Zulassung sich auch Mehrheiten organisieren ließen. Dennoch wäre eine solche aus meiner Sicht moralisch falsch.

FreieWelt.net: Welche Folgen hätte es, wenn es jedermann erlaubt wäre, Sterbehilfe zu leisten?

Das weiß ich nicht. Das ist ja gerade das Problem: Dass aus einer bestimmten Norm, die mit durchaus guten Absichten gemacht wird, letztlich ein nicht zu kontrollierendes gesellschaftliches Klima erwächst, in dem unerwünschte Effekte eintreten, die – und das ist entscheidend – normativ nicht einzuholen sind. Die Folgen zeigen sich in der Alltagsmoral, im Umgang mit kranken und alten Menschen und vor allem auch mit deren Angehörigen, die ja schließlich »etwas tun« könnten. Das sind Ebenen, die sich selbst nicht rechtlich regeln lassen, gleichwohl aber Frucht einer Rechtsnorm sein könnten. Ich fürchte, dass mit der Akzeptanz von nicht-gewerblicher Sterbehilfe in Form eines Gesetzes der Druck auf kranke und alte Menschen, doch bitte »sozialverträglich« aus dem Leben zu scheiden, beziehungsweise auf Angehörige, ihnen dabei zu helfen, immer mehr zunehmen wird. Mit dem Recht, Sterbehilfe beanspruchen beziehungsweise leisten zu können, korrespondiert nämlich die Pflicht zur Rechtfertigung, warum man dies dann nicht tut.

Die Fragen stellte Benno Kirsch

Zur Initiative »Helft LEBEN – nicht TÖTEN!«

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