Steffi Ober: Grüne Gentechnik schadet Mensch und Umwelt

31. März 2010, 08:20 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Redaktion

Grüne Gentechnik leistet keinen erkennbaren Beitrag zur Hungerbekämpfung, bringt Schäden für Mensch und Umwelt mit sich, gefährdet die Biodiversität und schafft ökonomische Probleme.  Das ist der Standpunkt von Dr. Steffi Ober, Referentin für Gentechnik beim Naturschutzbund (Nabu).  Im Interview mit FreieWelt.net erläutert er sie ihre Bedenken gegenüber der neuen Technologie und plädiert für einen weniger ressourcenintensiven Lebensstil.

FreieWelt.net: Könnten Sie den wissenschaftsunkundigen Lesern kurz erläutern, was Grüne Gentechnik eigentlich ist?

Dr. Steffi Ober: Grüne Gentechnik bezeichnet die Anwendung einer Züchtungsmethode für Saatgut, die darauf basiert, dass ein fremdes Gen, also eine Erbinformation, mittels Technik in ein anderes Genom eingebaut wird. So wird das auch im Gentechnikgesetz für den Laien definiert. Das Besondere, was die Gentechnik von anderen Methoden unterscheidet ist, dass Gene aus einer anderen Art eingesetzt werden können, die sich auf normalem Weg nie kreuzen könnten. Z.B. ein Rattengen in einen Salat, ein Flundergen in eine Erdbeere oder ein Gen aus einem Bodenbakterium in einen Mais.

FreieWelt.net: Wo vor allem sehen Sie die Gefahren der Grünen Gentechnik?

Dr. Steffi Ober: Mit einem Hammer können sie einen Nagel in die Wand schlagen oder einen Menschen umbringen. Diese Technologie an sich zeigt auch erst in der Anwendung ihre möglichen Probleme, die man abwägen muss mit dem möglichen Nutzen. Die weiße Gentechnik in geschlossenen Systemen z.B. sehen wir ja auch als eine sehr effiziente Ressourcennutzung und relativ unproblematisch an. Also nicht die Technik an sich ist entscheidend. Eine Mindestanforderung jedoch an eine neue Technologie ist meiner Ansicht nach, dass sie nicht mehr Probleme schaffen soll, als sie zu lösen vermag. Genau an diesem Punkt schneidet die Grüne Gentechnik schlecht ab.

Sie bringt sozioökonomische Risiken mit sich, da sie Patente begründet, das Saatgut verteuert und die Abhängigkeiten der Bauern erhöht. Die Saatgutpreise in USA für gv-Soja und gv-Mais sind weit mehr gestiegen als die Mehrerträge, die sie mit sich bringen.
Herbizidresistente Pflanzen und hoher Einsatz von Roundup führt zu immer mehr Resistenzen und damit in eine Spirale des Herbizideinsatzes ohne Ende.
Bt-Baumwolle ist nur wenige Ernten erfolgreich, dann entwickeln sich Second-Pest Deseases und Resistenzen, gerade jüngst in Science veröffentlicht gegen den roten Baumwollkapselbohrer.

Sie befördert eine high-input Landwirtschaft mit hohem Einsatz von Pestiziden und Dünger und ist daher nicht nachhaltig. Und sie bring konkret Schaden für die Umwelt und Mensch durch den hohen Einsatz von Roundup (siehe Argentinien und USA) mit sich. Die Biodiversität wird immer weiter ausgerottet statt erhalten und vermehrt.
Sie bedroht die Saatgutreinheit der Landsorten, da sich gv-Mais in Lateinamerika und Afrika unkontrolliert mit den dortigen Sorten mischt. Koexistenz ist de facto eine Illusion.

FreieWelt.net: Nach Aussage der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) haben bereits heute mehr als 1 Mrd. Menschen nicht genug zu essen. Es wird erwartet, dass im Jahr 2030 ungefähr 50 % mehr Lebensmittel benötigt werden als heute. Die Grüne Gentechnik verspricht eine deutliche Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität und könnte so helfen, dieses Problem zu lösen.

Dr. Steffi Ober: Von Versprechungen alleine ist noch keiner satt geworden.

Der UNCTAD´s Trade and Environment Review 2009/2010 betont, dass der organische Landbau die beste und angepassteste Lösung für die Welternährung ist. Ich zitiere daraus und mache darauf aufmerksam, dass von Gentechnik und High Tech gerade nicht die Rede ist:

“Similar opportunities exist in sustainable agriculture, opened up by alternative production methods, developments in technology, and changing
consumer preferences, the report says. It recommends that governments encourage the use of various forms of sustainable agriculture, including organic farming, low external input sustainable agriculture, or integrated pest management that minimizes the use of agro-chemicals.

Organic farming, for example, is good for the environment and often fits the circumstances of smallholder farmers who make up the majority
of food producers in the developing world. Such farmers in many cases can´t afford fertilizer or pesticides and are used to functioning without them. Organic produce sells for higher prices, and recent Food and Agriculture Organization (FAO) research has shown that when
organic farming is combined with reduced tillage techniques, farming can become almost climate-neutral. According to UNCTAD research, farms that engage
in certified organic production in East Africa were significantly more profitable than comparable groups of farms engaged in conventional production. In contrast to the experience of developed countries, organic conversion in many African countries is associated with
increases, rather than reductions, in yield.”

Diese Aussage trifft sich im Übrigen mit den Ergebnissen des Weltagrarberichtes (www.aggassement.org) der betont, dass die multifunktionale Landwirtschaft die beste Lösung ist, standortangepasste, low-input Systeme. Und dass die Biotechnologie bis jetzt keinen erkennbaren Beitrag zur Lösung des Welthungers bietet. Wie auch – von den 132 Mio ha Fläche GVO im letzten Jahr geht das meiste in die Futtertröge der Tiere der reichen Länder.  Die stehen nicht den Menschen vor Ort als Nahrung zur Verfügung, im Gegenteil, sie rauben ihnen Flächen, auf denen sie sich ernähren könnten. Das gleiche gilt für Baumwolle, die man bekanntermaßen auch nicht essen kann. Die meisten Hungernden leben auf dem Lande. Es gibt keine Versicherungen gegen Ernteausfälle, keine Kredite für teueres Saatgut und Dünger, die Grüne Revolution hat nicht nur Gutes gebracht. Ich verweise auf das Papier der Deutschen Bank zur Welternährung, die genau dies bestätigt. Ich zitiere eine ideologisch unverdächtige Quelle: http://www.dbresearch.de/PROD/DBR_INTERNET_DE-PROD/PROD0000000000248191.pdf

Zur Grünen Revolution Seite 24:

„— Große Nachteile: Umweltbelastung und -verschmutzung, ungleich verteilter Nutzen,
sinkende Erträge“

Diese, Urteil kann ich mich nur anschließen. Weiter geht es auf Seite 25 zur Biotechnologie:

„Gleichzeitig besteht jedoch das Risiko, dass sich Schädlinge und Unkräuter entwickeln, die mit den Techniken des „Genetic Engineering“ nicht bekämpft werden können. Die Grüne Revolution hat gezeigt, wie ernst dieses Risiko zu nehmen ist: Im Jahr 1993
hatten 700 Schädlinge, 200 Krankheitskeime und 30 Unkräuter aufgrund des übermäßigen Einsatzes neuer Insektizide und Herbizide Resistenzen gegen agrochemische Produkte entwickelt.

68
Die Sicherheit von genetisch veränderten Produkten wird derzeit äußerst kontrovers diskutiert, zumal es nicht möglich ist, die langfristigen Auswirkungen abzuschätzen. Ein weiteres zentrales Problem im Zusammenhang mit Genetic Engineering sind die geistigen Eigentumsrechte.“

„Allgemein ist ein sektorübergreifender Ansatz in der landwirtschaftlichen Forschung von zentraler Bedeutung, in den Agronomen, Pathologen, Genetiker, Ernährungswissenschaftler sowie Ökonomen und Soziologen eingebunden werden sollten. Für einen
effektiven Transfer werden die Bauern optimalerweise von Anfang an eingebunden.

74 Damit dauerhafte Verbesserungen erzielt werden
können, müssen technische Fortschritte und andere Innovationen miteinander verbunden werden.

75 (i) Organisationen in den Bereichen Forschung, Faktoreinsatz, Marketing, Bildung und Beratung76 profitieren von Innovationen in den Bereichen
Kapazitätsverbesserung, strategische Planung, Finanzierung und Bewertung. Im Bereich Beratung werden umfassende organisatorische Reformen in Bezug auf Dezentralisierung, Privatisierung
und Auslagerung durchgeführt. (ii) Innovationen im Bereich Institutionen (definiert als das System an Vorschriften: Gesetze, Regelungen, Traditionen usw., innerhalb dessen Innovationen stattfinden) beziehen sich vor allem auf öffentlich-private Partnerschaften, soziale Netzwerke und partizipative Forschung. Sie
führen zu einem besseren Austausch von Wissen und einer gerechteren Risikoverteilung sowie zu Skaleneffekten und potenziellen Synergien. (iii) Politische Programme müssen ebenfalls überwacht und beurteilt werden, um Fehler zu korrigieren. So kann
es wünschenswert sein, Düngemittel zu subventionieren; dabei muss jedoch darauf geachtet werden, dass der Markt nicht verzerrt wird und es nicht zu einer Überschussnachfrage kommt.

77
Lebensmittelabfälle: Verringerung oder Recycling
Die Lebensmittelversorgung hängt nicht nur von der Produktion, sondern auch vom Energieverbrauch bei der Lebensmittelherstellung ab. Nicht alle produzierten Lebensmittel stehen für den menschlichen Konsum zur Verfügung. Nur geschätzt 43% des produzierten Getreides werden tatsächlich von Menschen verzehrt, da bei und nach der Ernte Verluste auftreten und Getreide auch als
Tierfutter verwendet wird.78 Außerdem verbrauchen die privaten Haushalte nicht alle Lebensmittel, die bis zu ihnen gelangen. In Europa werfen die Verbraucher beträchtliche Mengen an essbaren Lebensmitteln weg; Angaben der EU-Kommission zufolge handelt
es sich dabei um bis zu 30% der gesamten gekauften Lebensmittel. Ein durchschnittlicher britischer Haushalt wirft jedes Jahr Lebensmittel im Wert von Hunderten von Pfund Sterling weg.

79
Wenn Lebensmittel weggeworfen werden, führte dies nicht nur zu einer geringeren Verfügbarkeit von Lebensmitteln und entsprechenden finanziellen Verlusten. Es hat auch Auswirkungen auf die Umwelt:
Wasser, Chemikalien und Treibstoff für den Transport werden verschwendet, und die Methanemissionen steigen durch verrottende Lebensmittel an“

Wie gesagt, besser als diese Deutsche Bank Studie lassen sich die Argumente gegen die Heilsversprechungen der Grünen Gentechnik nicht zusammenfassen. Ich schließe mich der Darstellung vollumfänglich an.

FreieWelt.net: Durch die „Grüne Revolution“, in deren Rahmen in den 1950er und 1960er Jahren moderne Reis- und Weizensorten (Hochleistungssorten) entwickelt und erfolgreich in Entwicklungsländern verbreitet wurden, wurden ca. 187 Millionen Menschen vor Hunger bewahrt und die Kindersterblichkeits- und Mangelernährungsraten in den betroffenen Ländern signifikant gesenkt.  Verspricht die Grüne Gentechnik nicht ähnliche oder sogar noch größere Erfolge?

Dr. Steffi Ober: Siehe oben. Die Fakten sind mit dem Weltagrarbericht, dem Bericht der Deutschen Bank und dem UNCTAD Bericht auf dem Tisch und eindeutig dokumentiert. Wichtig ist nicht, was die Grüne Gentechnik verspricht sondern angepasste Technologien, Zugang zu boden+ und ressourcenschonenden Anbaumethoden und die wirkliche Bekämpfung des Hungers und der Mangelernährung

FreieWelt.net: Auch unsere heutigen Getreidesorten sind das Ergebnis jahrtausendelanger Züchtungen.  Ihre Gene sind mit denen der Wildsorten nicht vergleichbar.  

Dr. Steffi Ober: Ja und? Aber sie bekommen trotzdem mit keiner vergleichbaren Methode Gene  Art + und Gattungsüberschreitend gemixt. Außerdem gibt es auf Züchtungen keinen weitreichenden Patentschutz.

FreieWelt.net: Welchen Umgang mit dem Thema „Grüne Gentechnik“ würden Sie sich von der Politik wünschen?

Dr. Steffi Ober: Grüne Gentechnik alleine ist doch kein Thema. Das Thema heißt Landwirtschaft und Landnutzungkonzepte zu entwickeln, die nachhaltig und klimaschonend sind. Dazu gehört:

Ein wirksamer Schutz unsere Lebensgrundlagen setzt einen weniger ressourcenintensiven Lebenstil voraus. Fleisch siebenmal in der Woche ist kein nachhaltiger Lebensstil. Wie dieser vom Wissen zum Handeln in einer Demokratie umgesetzt werden kann, ist eine große Herausforderung, zu der Konzepte erarbeitet werden müssen.
Innovation in der Wissenschaft bedeutet viel mehr als Produktinnovation. Innovativ sind Ansätze, wie sich Lebensstile der Menschen verändern lassen und  wie sich ressourcenschonende Konzepte in der Landwirtschaft etablieren können, die regional angepasste robuste Pflanzen und intelligente Systeme benötigen.
Agrarkultur ist mehr als ausschließlich Agrarwirtschaft, sie muss nicht global wettbewerbsfähig sein. Zudem bedroht die „global wettbewerbsfähig“ angestrebte Überproduktion die Nahrungsmittelindustrie in den sich entwickelnden Ländern, da sie dort Märkte vernichtet, die mühsam mit internationaler Hilfe aufgebaut wurden.
Das vorrangige Ziel der Agrarkultur muss es sein zukunftsfähige Lösungen bereitzustellen, die Ernährung sichern, den Klimawandel bremsen und noch unseren Kindern und Kindeskindern genügend Ressourcen übrig lässt.

Das Interview führte Fabian Heinzel

zum Naturschutzbund

zum Interview mit Professor Klaus-Dieter Jany, der im Rahmen der FreieWelt.net-Debatte einen gentechnikfreundlicheren Standpunkt vertritt

(Foto: Steffi Ober)

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