Staat und Elternverantwortung – Interview mit Albert Wunsch

29. August 2009, 09:10 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Redaktion FreieWelt.Net

Dr. Albert Wunsch lehrt u.a. Konzepte zur Elternqualifikation und zur frühkindlichen Bildung an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Köln.

Im Gespräch mit FreieWelt.net sprach der Erziehungswissenschaftler über die von der CDU geplante Kindergartenpflicht, den politischen Mißbrauch des Begriffs des "Kindeswohls" und die Erstverantwortung der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder.

FreieWelt.net: Was halten Sie als Erziehungswissenschaftler von der Idee der CDU, den Kindergarten verpflichtend einzuführen?

Dr. Albert Wunsch: Kurz gesagt, gar nichts. Denn eine per Gesetz geregelte Verpflichtung zum Kindergartenbesuch ist eine Bevormundung bzw. Entmündigung. Sie drückt aus, den Eltern weder Einsicht noch Mitverantwortung zuzutrauen. So werden Väter und Mütter nicht zur Wahrnehmung einer qualifizierten Erziehungsleistung herausgefordert, sondern statt dessen weitgehend kalt gestellt, um durch den Kindergarten – quasi unter staatlicher Aufsicht – die wichtigsten Lebensvorbereitungen zu übernehmen. Für eine christliche Politik ist dies gleichzeitig ein Offenbarungseid, eigene Grundpositionen aufgegeben zu haben. Denn ein christliches Menschenbild setzt Eigen-Verantwortlichkeit und Selbst-Tätigkeit voraus. Statt etwas per Gesetz zur Pflicht zu machen, sollten ganz gezielt – auch finanzielle – Anreize für eine qualitative Verbesserung der Kinder-Erziehung in der Kooperation von Eltern und Kindergärten geschaffen werden, z.B. durch einen Bonus zum Kindergeld beim Nachweis von Elternqualifikations-Seminaren. Dies hätte zur Folge, dass Engagement honoriert und nicht Mangel und Unvermögen finanziert würde.

FreieWelt.net: Aber es gibt doch viele Kinder, denen ein Pflicht-Kindergarten gut helfen würde, die offenkundigen Mängel innerhalb der elterlichen Aufwachsbedingungen auszugleichen.

Dr. Albert Wunsch: Natürlich ist der Kindergarten eine wichtige Institution, gerade für Kinder mit offenkundigen Defiziten, ob im Sprachverhalten, der sozialen Entwicklung oder im Bereich der Konzentrationsfähigkeit, um nur einige zu nennen. Eine Besserung kann aber nur effektiv im Zusammenwirken mit den Eltern durch eine kontinuierliche Befähigung zwischen Förderung und Herausforderung erfolgen. Außerdem müsste eine breite Diskussion über die Konzepte einer angemessenen Kindergarten-Pädagogik im Zusammenwirken von Fachkräften und Eltern einsetzen. Per Gesetz läßt sich jedenfalls keine elterliche Mangelerziehung zwischen Unvermögen, Überforderung und Gleichgültigkeit reduzieren. Bisher ist ja auch noch keiner auf die Idee gekommen, per Gesetz zu regeln, dass Menschen vor dem Sprechen den Verstand einschalten und die Verantwortung für Ihre Äußerungen nicht ausgrenzen sollen, obwohl die Überwindung dieses Mangels in Politik und Gesellschaft einen rasanten Innovations-Schub auslösen würde.

FreieWelt.net: Sie scheinen dem Staat ja nicht allzu viel zuzutrauen?


Dr. Albert Wunsch:
Was heißt hier Zutrauen. Im Kern geht es um die leicht variierte Gretchenfrage: ‚Staat, wie hast du’s mit der Elternverantwortung‘? Setzt du auf Befähigung und gute Rahmenbedingungen für eine Erziehung im Elternhaus, oder springst du auf ein öffentliches Versorgungsmodell zwischen Kinderkrippe und Ganztagsschule? Und die Gegenfrage müsste lauten: Eltern, wie habt ihr’s denn mit eurer Erziehungsverantwortung? Wurde sie schon kommentarlos der Öffentlichkeit untergeschoben oder nehmt ihr noch die Erstverantwortung für das Aufwachsen eurer Kinder wahr? – Die Fakten zeigen, in welche Richtung es geht. Das Bundesverfassungsgericht wird zum Anwalt von Kindern und fordert vom Gesetzgeber eine Stärkung der Elternverantwortung. Die Eltern ordnen die Kinder-Erziehungsverantwortung der Erwerbstätigkeit unter. Die Politik setzt auf immer mehr ganztägige Betreuungsangebote. Legislative und Judikative liegen im Clinch und die Eltern scheint die Auseinandersetzung gar nicht zu interessieren. Armes Kinder-Deutschland.

FreieWelt.net: Gibt es denn Ihrer Einschätzung nach nichts Gutes an dieser CDU-Idee?

Dr. Albert Wunsch: Egal welche demokratische Partei das Thema ‚Optimierung der Erziehungs- und Aufwachsbedingungen’ aufgreift, gut ist, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte in diese Verbesserung kräftig investieren. Die Optimierung der Datenerfassung der Vorsorgeuntersuchungen, eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Kinderärzten, Kindergärten bzw. Jugendämtern und ein Herauskommen aus dem ‚Angebots-Charakter’ von Erziehungsgesprächen und Elternseminaren in den Kindergärten sind hier beispielhaft zu nennen. Aber solange nicht die Förderung und Qualifizierung der elterlichen Erstverantwortung für die Erziehung der Kinder im Zentrum steht, wird es letztlich auch keine verbesserten Bedingungen des Heranwachsens der nächsten Generation geben. Und wer glaubt, wenn Kinder eine gute Zeit im Kindergarten verbracht hätten, wären die möglichen Mängel in den restlichen Zeiten innerhalb einer Woche hinnehmbar, lügt sich selbst etwas in die Tasche. Dann ist es schon besser, bei den Eltern anzusetzen und den Kindergarten für seine erzieherische Ergänzungsfunktion besser personell und sachlich auszustatten.

FreieWelt.net: Aber lassen sich durch staatliche Stellen nicht doch die offenkundig gewordenen Fälle von Kindes-Misshandlung und -Vernachlässigung reduzieren. Schließlich geht es doch um das Kindeswohl.

Dr. Albert Wunsch: Wenn von Politikern das Wort ‚Kindeswohl’ gebraucht wird, steigt in mir von Tag zu Tag stärker das ungute Gefühl hoch, dass dieser – an sich gute –Begriff als Keule für die Durchsetzung unterschiedlichster politischer Überzeugungen genutzt wird. Mir liegen auf jeden Fall keine fundierten Untersuchungsergebnisse vor, welche belegen, dass beispielsweise die Betreuung von Säuglingen in Kinderkrippen dem Kindeswohl dient. Nein, würden Kinder gefragt, was ihnen gut täte, stünde auf keinen Fall eine frühe Entfernung von Papa und Mama auf der Äußerungsliste. Dass es auch Gründe für eine Unterbringung von Kindern in Krippen gibt, sollte aber nicht dazu führen, dies mit: ‚dem Kindswohl dienend’ zu begründen. Wenn stattdessen gesagt würde, wir haben Zugeständnisse an die Berufswelt, finanzielle Bedürfnisse oder ans Karrieredenken gemacht, dann wäre dies wenigsten ehrlich. Aber ‚Kinder brauchen Elternhäuser und keine Verschiebebahnhöfe zwischen öffentlicher Ganztagsbetreuung und familiärem Nachtquartier” (aus: Abschied von der Spaßpädagogik) Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

Weitere Infos unter: www.albert-wunsch.de

Das Interview führte Christoph Kramer

Foto: A. Wunsch

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