Spätfolgen der Krippenbetreuung sind ein Tabu

14. Juni 2012, 11:15 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von Redaktion
Foto: Maria Steuer/privat
Redaktion FreieWelt.net

Vor sieben Jahren hat die Kinderärztin und Familientherapeutin Maria Steuer, selbst Mutter von 3 Kindern, das Familiennetzwerk gegründet, eine Lobbyorganisation für die Bedürfnisse von Kleinkindern. Morgen wird sie als Expertin vor dem Familienausschuß zum Betreuungsgeld sprechen. Im Interview mit FreieWelt.net zeigt Steuer, wie wichtig eine enge Elternbindung für Kinder vor allem in den ersten Jahren ist und fordert ein Betreuungsgeld in Höhe der derzeitigen Krippensubvention.

FreieWelt.net: Frau Steuer, Sie engagieren sich seit vielen Jahren für eine bessere Anerkennung elterlicher Erziehungsarbeit und sind eine ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet. Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach das Betreuungsgeld in der familienpolitischen Gesamtstrategie der Bundesrepublik?

Maria Steuer: Das Betreuungsgeld spielt eigentlich keine Rolle, denn es wird ja mit den übelsten Unwörtern belegt. Offensichtlich kommt kaum ein Politiker seiner ureigensten Aufgabe nach, nämlich sich zu informieren, was es bedeutet, wenn wir die Bedürfnisse von Kleinstkindern politischen und wirtschaftlichen Interessen opfern und sie mit einer „Kitapflicht“ täglich mindestens acht Stunden liebestechnisch unterversorgen.

FreieWelt.net: In der Tat stößt das Betreuungsgeldprojekt auf sehr viel Gegenwind. Bei kaum einem anderen Thema wird derzeit derart hitzig gestritten. Insbesondere wird von den Gegnern immer wieder betont, daß Kinder von frühkindlicher Bildung ferngehalten würden, wenn Sie daheim bei den Eltern und nicht in einer Kinderkrippe betreut würden. Was halten Sie von diesem Einwand?

Maria Steuer: Die frühkindliche Bildung besteht daraus, Liebe, Nähe, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit von Mama und Papa zu erfahren. Dieses ist in Einrichtungen nicht möglich. Gerne wird übersehen, daß die Wissenschaft belegt, daß sich selbst Kinder aus bildungsfernen Familien in der Einrichtung verschlechtern. Um diesen Kindern einen besseren Start zu ermöglichen, sollten wir die 1.500€ Subvention in die Hand nehmen und eine individuelle Familienunterstützung, einschl. evtl. nötiger therapeutischer Begleitung organisieren. Überhaupt ist es doch einen Gedanken wert, daß es mit der pro-Kind-Subvention des Staates möglich wäre, jedem Kind sein privates Kindermädchen zu bezahlen, was in Muttererreichbarkeit das Kind betreuen könnte: das wäre Qualität!!!

FreieWelt.net: Welchen Belastungen sind Kinder unter drei Jahren in außerfamiliärer Betreuung ausgesetzt?

Maria Steuer: Sie erleben täglich ein Liebesleck, was nie wieder im Leben zu stopfen ist. Äußerlich funktionieren sie als Kinder, wie auch als Erwachsene – die Spätfolgen zu diskutieren ist zur Zeit noch tabu.

Und: sie erleben den Verlust ihrer Selbstwirksamkeit. Wenn ein Kind mehrmals am Tag versucht, in irgendeiner Form seiner Betreuerin klar zu machen, daß es zu seiner Mama will, diese das Kind aber nicht versteht (es kann ja noch nicht reden) und auch dem Wunsch nicht nachkommen kann (die Mutter ist weit weg) und dies fünf Tage die Woche erlebt, entsteht das Gefühl, ich kann machen was ich will, es ändert sich nichts. Ich habe keinen Einfluß, Dinge zu verändern. Das wird dann zum Lebensgefühl!

FreieWelt.net: Aber damit Eltern sich frei dafür entscheiden können, ihre Kinder selbst betreuen zu können, d.h. auf einen Teil des Erwerbseinkommens längerfristig zu verzichten, sind 150 € im Monat doch viel zu wenig – oder?

Maria Steuer: Auf jeden Fall, da braucht man nur einen Finger um sich das abzuzählen!

FreieWelt.net: Wird die Einführung des Betreuungsgeldes einen familienpolitisch relevanten Effekt haben?

Maria Steuer: Nein, nur, wenn die Diskussion weiter geht, das Betreuungsgeld in gleicher Höhe wie die Krippensubventionierung bezahlt wird. Oder umgekehrt: Familien in dieser Gesellschaft wieder den Wert bekommen, der ihnen zusteht.

FreieWelt.net: Welche familienpolitischen Baustellen sollten Ihrer Meinung nach als nächstes angegangen werden?

Maria Steuer: Familienernährer/innen müssen einen Kündigungsschutz ab dem 2. Kind bekommen, Ganztagsangebote dürfen nur freiwillig sein, die Rentenanerkennung für Kinderzeiten wie in der Schweiz gerechnet werden und in der Zeit der „Kinderaufzucht“ sollten Familien finanziell in die Lage versetzt werden, mit einer Familiengesamtarbeitszeit von 40 Stunden ausreichendes Einkommen zu haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

www.familie-ist-zukunft.de

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