“Sehnsucht gehört zum Menschen”

23. Juni 2009, 07:23 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Redaktion

Der Benediktinerpater Anselm Grün hat bisher über 300 Bücher veröffentlicht, die eine Gesamtauflage von über 15 Millionen Exemplaren erreicht haben.  Schwerpunkt seiner Tätigkeit als Autor sind spirituelle Themen.  FreieWelt.net sprach im Exklusiv-Interview mit Anselm Grün über Orientierung, Sehnsucht und das Überwinden von Ängsten.

FreieWelt.net:  Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise ist auch Ausdruck einer globalen Vertrauenskrise. Viele Menschen sind auf der Suche nach Orientierung und Halt. Wie kann ihnen die christliche Spiritualität auf dieser Suche helfen?

Anselm Grün: Die christliche Spiritualität spricht von  drei göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Tugenden werden uns von Gott geschenkt. Aber wir sollen sie auch einüben, damit sie für uns Quellen innerer Kraft werden. Glaube bedeutet, dass wir uns von Gott getragen fühlen in dieser Welt der Orientierungslosigkeit. Und der Glaube führt zum Vertrauen, dass das, was wir in die Hand nehmen,von Gott gesegnet ist und Segen bringt für unsere Welt. Ohne Hoffnung können wir die Krise nicht bewältigen. Hoffnung ist aber nicht einfach Optimismus, sondern eine von Gott geschenkte Haltung, die diese Welt prägen soll. Und Liebe ist die Haltung, die das Leben lebenswert macht.

FreieWelt.net: In Ihren Büchern schreiben Sie der Kraft der menschlichen Sehnsucht eine besondere Bedeutung zu, warum?

Anselm Grün: Die Sehnsucht gehört zum Menschen. In ihr geht er über diese Welt hinaus. Wer die Sehnsucht verdrängt, gerät in Sucht. Und Süchte schaden den Menschen. Gesund wird er nur, wenn er seine Sucht wieder in Sehnsucht verwandelt. Die Sehnsucht ist die Spur, die Gott in unser Herz gegraben hat. Sie hält uns lebendig.

FreieWelt.net:  Wir Menschen haben sehr oft Ängste vor den Veränderungen in unserem Leben, was können wir tun, um diese zu überwinden?

Anselm Grün: Es ist gut, mit der Angst zu sprechen. Die Angst weist uns oft auf Haltungen hin, die uns am Leben hindern. Wir wollen übertriebene Sicherheit und Klarheit. Die Angst lädt uns ein, uns von Illusionen zu verabschieden und realistischer mit uns umzugehen. Veränderung und Verwandlung gehören zu unserem Leben. Was sich nicht wandelt, erstarrt.

FreieWelt.net:  Viele Menschen empfinden ihren Alltag als zum Teil grau und funktional. Dadurch lassen sie allzu oft ihre persönlichen Wünschen und Träume bei Seite. Die Folgen sind Lustlosigkeit, Erschöpfung und inneres Ausgebranntsein. Welcher Weg kann zu einem authentischen Leben und wahrhaftigem Glück führen?

Anselm Grün: Erschöpfung ist immer ein Zeichen dafür, dass ich aus einer trüben Quelle schöpfe, aus der trüben Quelle des Perfektionismus, des Druckes, mich immer beweisen zu müssen. Authentisch wird das Leben, wenn ich mit mir selbst in Einklang komme, wenn ich das einmalige Bild in mir entdecke, das Gott sich von mir gemacht hat, das für mich stimmig ist. Glücklich ist der, der dankbar ist für das Leben, das er lebt, der einverstanden ist mit sich selbst und sich vorbehaltlos annehmen kann.

FreieWelt.net:  Nur selten  wird der christliche Glaube als Ansprechpartner für  Lebensfragen gesehen, wie kann aus Ihrer Sicht der Glaube und die christliche Spiritualität heute den Menschen zu einem besseren Leben und zu mehr persönlicher Freiheit führen?

Anselm Grün: Der Glaube darf nicht moralisierend verkündet werden, sondern so, wie Jesus ihn verkündet hat, als Hilfe zum Leben. Der Glaube entlastet uns von dem Druck, alles selber leisten zu müssen. Und er gibt unserem Leben Sinn. Jesus zeigt uns einen Weg der Weisheit auf, wie das Leben gelingen kann. Die 8 Seligpreisungen sind gleichsam der achtfache Pfad Jesu zum gelingenden Leben. Aber seine Botschaft muss immer auch in unsere Zeit neu übersetzt werden.

FreieWelt.net: Was vernachlässigen wir heute Ihrer Meinung nach am meisten?

Anselm Grün: Wir vernachlässigen das Hören auf die eigene Seele, auf die leisen Impulse unserer Seele. Dazu bedarf es der Stille. Wer der Stille aus dem Weg geht, verliert den Kontakt zu sich selbst und zu seiner Seele.

Freiewelt.net: Wo und wie können die Menschen heute mit Gott in Kontakt treten?

Anselm Grün: Da ist einmal die Stille, die uns einlädt, die eigene Wahrheit Gott hinzuhalten. Dann gibt es die Hilfe der Rituale. Wenn ich morgens den Tag bewusst unter den Segen Gottes stelle, werde ich den Tag anders erleben. Wir können uns einfach in eine Kirche setzen und mal auf die Sehnsucht achten, die dann in unserer Seele auftaucht, auf die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Angenommensein, nach Sinn, nach Liebe. In dieser Sehnsucht nach Gott ist schon Gott. Da erahnen wir die Spur Gottes in unserem Herzen.

Das Interview führten Sven von Storch und Fabian Heinzel

zum Internetauftritt von Anselm Grün

(Foto: Thomas Lohnes/ddp)

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