Religiosität kann stützende Funktion in der Psychiatrie haben

22. Juni 2009, 11:41 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , , | von
Redaktion FreieWelt.net

Dozent DDr. Raphael M. Bonelli hielt am 04. Mai 2009 auf der Tagung „Liturgie und Psyche“ im Stift Heiligenkreuz einen Vortrag zum Thema „Tut Religion der Psyche gut?“ FreieWelt.net sprach mit dem Experten für Grenzfragen zwischen Spiritualität und Psychotherapie über gesunde Spiritualität, die Perversion des Religiösen und das therapeutische Potential der Religiosität.

FreieWelt.Net: Herr Dozent DDr. Bonelli, welche positiven Einflüsse können Religion und Spiritualität auf unser Leben haben oder – einfach gefragt: Tut Religion der Psyche gut?

Bonelli: Wir beschäftigen uns als Psychiater und Psychotherapeut nicht mit Religion, sondern mit Religiosität. Religiosität (bzw. Spiritualität) ist eine deskriptive psychologische Realität, so wie z.B. Empathie. Sie beweist nicht notwendigerweise z.B. die Existenz Gottes –diese Frage ist eine theologische, mit der wir uns als Psychiater nicht beschäftigen. Religiosität ist aber in jedem Menschen – zumindest rudimentär – zu finden; das ist ein Konsens, den auch agnostische Kollegen wie Martin E. P. Seligmann (im Buch „Authentic Happyness“ 2005) mittragen können. Und damit ist Religion einmal prinzipiell etwas, was einer inneren Sehnsucht des Menschen entgegenkommt und entspricht. Auch Sigmund Freud hat das Phänomen der Sehnsucht nach dem Göttlichen beschrieben: „das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke ihrer Wünsche“. In der wissenschaftlichen Psychiatrie gehen die neueren Daten klar in die Richtung, dass Religiosität bei Suchterkrankungen, bei Suizidalität und in der Depressionsbewältigung eine wichtige stützende Funktion haben kann, die Befindlichkeit verbessert und protektiv bei diese drei Krankheitsgruppen wirkt. Experten unterscheiden weiter zwischen intrinsisch und extrinsisch motivierter Religiosität, die sich da hinsichtlich der Wirkung auf die Befindlichkeit deutlich unterscheiden dürften.

FreieWelt.Net: Religiöser Fanatismus, Terrorakte im Namen Gottes oder Sektenbildungen zeigen, dass Religiosität auch Dämonen gebären kann. Unter welchen Voraussetzungen kippt die positive Wirkmächtigkeit von Religion zugunsten von Terror und Fundamentalismus?

Bonelli: Ja, das ist eine wichtige Frage. Denn die pathologische und pathogene Religiosität ist spätestens seit dem 11. September 2001 in aller Munde. Nun, einerseits kann eine gesunde Religiosität auf Religionssysteme treffen, die weit von den üblichen Weltreligionen entfernt sind – als Beispiel sei die Davidianer-Sekte in den USA genannt, die 1993 in Waco einen Massensuizid verübt haben. Andererseits kann ein „normales“ Religionssystem auf pathologische Religiosität, d.h. pathologischer Verarbeitung und Verdrehung treffen. Als Bespiel hierzu seinen die früher beschrieben „ekklesiogenen“ Neurosen genannt. „J.B. Torello hat dazu treffend festgestellt: Nicht das religiöse Leben schafft Neurotiker, es ist der Neurotiker, der das religiöse Leben verformt“. Ich denke, dass hier das Konzept der intrinsisch und extrinsisch motivierten Religiosität greift: nach Gordon W. Allport (1967) lebt der intrinsisch Religiöse seine Religion, während der extrinsisch Motivierte die Religion für seine Zwecke benutzt – oder sogar missbraucht. Der politisierte Missbrauch der Religion im Zusammenhang mit dem 11. September 2001 oder der ichhafte Missbrauch fremder Religiosität von diversen Sektenführern sind weitere radikale Ausformungen dieser Problematik.

FreieWelt.Net: Einige Therapeuten tun sich nach wie vor schwer mit dem Thema Religion bzw. mit der Religiosität ihrer Patienten. Welche Bedenken haben Ihre Kollegen diesbezüglich und wie lassen sich Religion und Psyche in Einklang bringen?

Bonelli: Zu Recht befürchten manche Kollegen, dass die Grenzen zwischen den Bereichen Psychotherapie und Seelsorge verschwimmen und Psychiater beginnen, ihre Weltanschauung und ihr Gottesbild in die Therapie einfließen zu lassen. Solch eine Vorgangsweise halte ich für unzulässig, für einen Autoritätsmissbrauch, für Manipulation. Denn das ist nicht der Auftrag des Patienten, wenn er in eine Therapie geht. Ich plädiere für die Trennung, die ich bereits eingangs skizziert habe: Religiosität ja, Religion nein. Und tatsächlich kommt es meines Erachtens sehr viel häufiger zu Grenzüberschreitungen, als man denkt. Da laut rezenten Studien Psychotherapeuten signifikant weniger religiös sind als ihre Klienten, ist diese Manipulation aber häufiger eine religionsfeindliche. Natürlich gibt es auch noch vereinzelt ältere Kollegen, die mit Sigmund Freud Religion für eine (Zwangs-)Neurose und damit für eine Krankheit halten, für einen „infantilen Wunsch nach dem übermächtigen Vater“. Die macht der neue Trend natürlich aus ihrer Weltanschauung heraus nervös, denn im 19. Jahrhundert galt alles Religiöse als „unwissenschaftlich“. Übrigens hielte ich es auch für problematisch, wenn Seelsorger allzu viel Psychotherapie in ihre Arbeit hineinbringen.

FreieWelt.Net: Inwiefern kann sich die Psychotherapie die Religion bzw. die Religiosität ihrer Patienten während einer Therapie zu Nutze machen?

Bonelli: In der Therapie wird nicht die Wahrheitsfrage gestellt. Aber man kann die Religiosität des Patienten als Ressource für die Therapie ansehen. Der Therapeut informiert sich über das Weltbild des Klienten und versucht, seine Interventionen in dieses System einzupassen. Er hat nicht die Aufgabe, dieses zu korrigieren. Wenn sich ein Klient nun als religiös beschreibt und erlebt, kann man den spirituellen Aspekt gut in die Therapie integrieren. Fast alle Religionsgründer und religiöse Vorbilder haben auch Dinge gesagt, die in die psychodynamische Situation des Patienten hineinpassen. Je informierter der Therapeut über den Glaubenshintergrund seines Patienten ist, umso treffender kann er seine Interventionen wählen – ohne die Grenze seiner Kompetenz und Aufgabe zu überschreiten.

FreieWelt.Net: Sie haben schon einige Tagungen zum Thema „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ abgehalten, die immer erstaunlich gut besucht waren. Wie erklären Sie sich das Interesse, und was haben Sie weiter vor?

Bonelli:
Tatsächlich ist die Offenheit heute unter Psychiatern und Psychotherapeuten groß, und Fachtagungen wie die unsere werden in ganz Europa abgehalten. In Deutschland und Österreich war das vielleicht ein besonderes Tabuthema, weswegen jetzt möglicherweise Nachholbedarf besteht. Die von Ihnen eingangs erwähnte Tagung „Liturgie & Psyche“ hatte sogar solch einen Andrang, dass wir die Anmeldungen sperren mussten, da wir nicht genug Plätze hatten. Wir – die Initiatoren und Organisatoren der ersten vier Veranstaltungen – haben jetzt das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie gegründet (www.rpp-congress.org); das in Zukunft die Tagungen und Kongresse veranstalten wird. Im Herbst ist eine Fachtagung zum Thema „Verletzung – Verbitterung – Vergebung“ geplant, auch die Themen für das Jahr 2010 sind schon intern geklärt.

Das Interview führte Christoph Kramer.

Zur Website von Raphael M. Bonelli bonelli.info

Foto: R. Bonelli

Schlagworte: , ,

Schreibe einen Kommentar

Anzeige