“Reform der Rentenversicherung” – Interview mit Markus Grabka

20. Januar 2010, 01:47 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , | von
Redaktion

Dr. Markus Grabka hat sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) intensiv mit dem deutschen Renten- und Pensionssystem, der aktuellen Situation der Rentner in Deutschland und dem Thema Altersarmut auseinander gesetzt.  Im Interview mit FreieWelt.net spricht er über Probleme und Perspektiven der Rentenpolitik.

FreieWelt.net: Was sollten die jetzt  Erwerbstätigen für Ihre Altersvorsorge tun?

Markus Grabka: Privat für das Alter vorsorgen ist unerlässlich.  Eine Möglichkeit ist die Riester-Rente, auch wenn sie nicht in jeder Hinsicht optimal ist.  Es existieren aber noch andere Modelle.  Wer kann, sollte in Immobilien investieren.

FreieWelt.net: Sind nicht gerade Immobilien auch riskant?

Markus Grabka: Auch wenn der Wert von Immobilien schwankt – nutzen können Sie diese in jedem Fall.  Das ist der große Vorteil.  Außerdem besteht die Möglichkeit, eine sogenannte Rückwärtshyptohek aufzunehmen, das heißt Sie beleihen Ihre Immobilie im Alter erneut und erhalten von der Bank für einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren eine monatliche Förderrente.

FreieWelt.net: Vor allem Beamte profitieren laut den Ergebnissen Ihrer aktuellen Studie von den im Laufe Ihres Berufslebens erworbenen Pensionsansprüchen.  Ist denn das steuerfinanzierte Pensionssystem der Beamten langfristig tragfähig?

Markus Grabka: Es ist zumindest diskussionswürdig, denn die Belastungen für die öffentlichen Haushalte werden aufgrund der Pensionsansprüche noch weiter steigen.  Es ist daher zu erwarten, dass die Politik mit Senkungen reagieren wird, was gleichzeitig wieder ein Ansteigen von Altersarmut  bedeuten würde.   Vor allem sollte man sich aber das Verhältnis zwischen Beamtenpensionen und gesetzlicher Rentenversicherung genauer anschauen.

FreieWelt.net: Sollte nicht das System der Finanzierung der Pensionen als solches in Frage gestellt werden?

Markus Grabka: Zumindest sollte bei den betroffenen Berufsgruppen überprüft werden, ob diese wirklich Beamte sein müssen.  Eine komplette Systemrevolution ist nicht sinnvoll.  Viel mehr sollte aber das Augenmerk auf die Vielzahl der ALG II-Empfänger gelegt werden, denen künftig Altersarmut droht.

FreieWelt.net: Welche Konsequenzen sollte die Politik daraus ziehen?

Markus Grabka: Insbesondere eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung ist wichtig.  Statt einer Fixierung auf den Beitragssatz sollte wieder das Versorgungsniveau im Vordergrund stehen.  Dabei werden zwar die Beitragssätze steigen, doch diesem Problem kann durch eine Umfinanzierung der versicherungsfremden Leistungen der Rentenversicherung begegnet werden.

FreieWelt.net: Wie groß ist das Problem der Altersarmut in Deutschland und wie ist diese Altersarmut definiert?

Markus Grabka: Noch ist das Problem begrenzt, allerdings ist aufgrund der großen Zahl von Erwerbslosen und duchlöcherten Erwerbsverläufen mit einer deutlichen Verschärfung zu rechnen, vor allem in Ostdeutschland.  Bei der Definition orientieren wir uns am Sozialhilfesatz.

FreieWelt.net: Sie kritisieren in Ihrer Studie auch die Ungleichheit der Vermögensverteilung.  Ist aber eine Gleichverteilung von Vermögen wirklich ein erstrebenswertes Ziel?  Es scheint doch besser, wenn in einer Sozialen Marktwirtschaft Vermögen zwar ungleich verteilt sind, aber niemand im Elend leben muss als wenn in einer anderen Wirtschaftsform alle das Gleiche aber alle zu wenig haben?

Markus Grabka: Es geht nicht um allgemeine Gleichmacherei.  Mit einem bestimmten Ausmaß von Ungleichverteilung sind aber auch negative Effekte verbunden, da gerade Vermögen spezifische Funktionen wie eine Machtfunktion aufweisen.  

FreieWelt.net: Wie viele Jahre geben Sie dem jetzigen Rentensystem noch?

Markus Grabka: Ich gehe davon aus, dass in Ostdeutschland bereits in den nächsten fünf Jahren das Risiko für Altersarmut deutlich steigt. Neben Arbeitslosigkeit wirkt sich auf die weitaus weniger verbreiteten Betriebsrenten und weit unterdurchschnittlichen Geldvermögen aus.  Im Westen wird es etwas länger dauern.

zum DIW

Das Interview führte Fabian Heinzel

(Foto: Markus Grabka)

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