“Pilgerweg des Vertrauens” – Interview mit Frère Wolfgang

23. Juli 2010, 06:23 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Redaktion

Mehr als 200.000 Menschen kommen jährlich zu den ökumenischen Jugendtreffen der Communauté de Taizé, die auch für ihre Musik bekannt ist.  FreieWelt.net sprach jetzt mit dem Ordensangehörigen Frère Wolfgang über das Wesen der Gemeinschaft, die Bedeutung der Musik und die Jugendarbeit von Taizé.

 

FreieWelt.net: Was sind die Ziele der Communauté, der Brüdergemeinschaft von Taizé?

Frère Wolfgang: Unsere erste Berufung als Brüder ist es, gemeinsam ein “Gleichnis der Gemeinschaft” zu leben. Dies schließt mit ein, dass wir uns immer wieder verzeihen uns untereinander versöhnen. Wir sind ja an die 100 Brüder aller Altersstufen, aus fast 30 Nationen, die ganz verschiedene Erziehungsstile genossen haben, verschiedene Ausbildungen haben, verschiedener Meinung sind. Unsere kulturellen und auch konfessionellen Ursprünge unterscheiden sich sehr. Es gibt kein gemeinsames Leben ohne Verletzungen, ohne die Notwendigkeit, jeden Tag wieder neu anzufangen. Darauf lässt man sich als Bruder von Taizé ein, darin ist alles andere enthalten.

Dazu hat es sich ergeben, dass wir seit Jahrzehnten ein Treffpunkt vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene sind, die auf einem “Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde” für eine Woche nach Taizé kommen. Die Treffen sind sehr einfach strukturiert, damit für alle viel Zeit zum persönlichen Nachdenken und auch zum persönlichen Sich-aussprechen bleibt. Dazu gibt es die gemeinsamen Gebete dreimal am Tag, bei denen die Gesänge eine große Rolle spielen, neben dem Wort Gottes und längeren Zeiten der Stille. Dafür gibt es auch Bibeleinführungen durch uns Brüder mit anschließenden Gesprächen in kleinen Gruppen. Es geht also mehr um ein Miteinander als darum, dass die einen Gäste etwas für die anderen vorführen. Daneben stehen wir Brüder für persönliche und auch Gruppengespräche zur Verfügung. Schwestern einer anderen Gemeinschaft helfen uns dabei.

Aus diesem “Pilgerweg” haben sich zudem Jugendtreffen entwickelt, die einmal jährlich am Jahreswechsel in einer europäischen Großstadt und regelmäßig auch auf den anderen Erdteilen stattfinden. Dort sind wir mit den Jugendlichen unsererseits bei einer Ortskirche zu Gast. Die Kirchengemeinden nehmen die Jugendlichen in Familien und Gemeinderäumen auf, lassen sie an den Vormittagen an ihren Gebetsleben und ihren sozialen Einsätzen teilnehmen. Immer wieder finden im Lauf des Jahres auch gemeinsame Gebete, die von ganz verschiedenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorbereitet werden oft in den Domen und Hauptkirchen großer Städte, aber auch in ganz kleinem Kreis statt.

Allerdings fühlen wir uns überhaupt nicht dazu berufen, eine fest organisierte Bewegung zu gründen. Taizé-Kreise oder ähnliches lehnen wir ab. Wir arbeiten mit den Kirchengemeinden, den Jugendstellen, mit Schulen ergänzend zusammen, und auch nicht nur mit kirchlichen Einrichtungen.

FreieWelt.net: Ist eine weltweite Einigung und Zusammenarbeit der christlichen Kirchen nicht in weiter Ferne?  Es sieht eher so aus, als würde sich das Christentum immer weiter spalten.

Frère Wolfgang: Man kann immer wieder den Eindruck haben, dass es neue Spaltungen gibt, vielleicht sind es aber eher Entfremdungen, die nicht unbedingt entlang der klassischen konfessionellen Trennlinien verlaufen müssen, im Gegenteil. Diese Bedrohung besteht, seit es die Gemeinschaft der Christen gibt. Andererseits erfahren wir, dass es vielen deutlich bewusst ist, dass die Kirchen als getrennte Welten einen großen Teil ihrer Glaubwürdigkeit verspielen. Frère Roger, der unsere Communauté 1940 ins Leben rief, betonte immer wieder, dass es keinem Menschen einleuchten kann, wenn die Christen getrennt und gespalten zum Glauben an den einen Gott aufrufen, der Liebe ist.

Wer darüber hinweg sieht, wird sorglos in einer der verschiedenen Bahnen weitermachen, in die sich die Christen durch Nachlässigkeiten verlaufen haben, die im Nachhinein schwer zu klären sind. Wir bemerken aber, dass immer mehr Christen versuchen, sich in andere hinein zu versetzen, die Kirche und den Glauben auch einmal mit den Augen anderer zu sehen. Dies führt in keiner Weise zu einem unguten Relativismus, eher zu guten Relationen, zu zunehmend tragfähigen Beziehungen und vor allem zu einer gewissen Bescheidenheit, die umso mehr Raum für das Wesentliche, für das Geheimnis der Kirche als solcher lässt.

FreieWelt.net: Welche Rolle spielt die Musik für die Bruderschaft von Taizé?

Frère Wolfgang: Musik spielt gerade auch für das Miteinander der Christen unserer Erfahrung nach eine unersetzliche Rolle. Es steht allen Christen frei, sich zu versammeln und gemeinsam Gott zu lobpreisen, im gemeinsamen Singen wie aus dem einen Atem des Leibes Christi, der Kirche, zu schöpfen, um es theologisch-poetisch auszudrücken. Keine Instanz kann es ihnen verbieten.

Solche unmittelbare Gemeinschaft erfahren wir ganz konkret Tag für Tag bei unseren gemeinsamen Gebeten. Dabei stört es nicht, hilft es im Gegenteil, wenn die Gesänge einfach gehalten sind. Umso mehr, umso leichter können sich dann gerade Jugendliche beteiligen, ob sie ein großes Glaubenswissen haben oder nicht, und in der Vielfalt der Nationen, in der sie in Taizé zusammen sind. Im Sommer können das bei 5000 Jugendlichen bis zu hundert Nationen sein, darunter auch eine Anzahl von Nichtgetauften, und auch Menschen verschiedener Religionen.

FreieWelt.net: Ist Musik für Sie auch ein wesentlicher Bestandteil des Christentums als solches?

Frère Wolfgang: Lange bevor es Menschen gab, die dann bald Christen genannt wurden, spielte der Lobpreis Gottes bei religiösen Menschen und Gruppierungen eine wesentliche Rolle. Die Christen konnten gar nicht anders als diesen Lobpreis – zum Beispiel den der Psalmen – weiterzutragen, und ihn durch den Lobpreis des auferstandenen Christus, der aus Liebe das Kreuz auf sich genommen hat, noch zu ergänzen. In dieser Tradition stehen wir selbstverständlich auch in Taizé.

Und es gibt nicht nur den Lobpreis. Nicht wenige “Gesänge aus Taizé” bringen von ihrer Melodie und natürlich von den Worten her zum Ausdruck, dass der Glaube auch durch schwere Zeiten, leidvolle Prüfungen führt und den Glaubenden mit allen Menschen solidarisch macht, die durch dunkle Stunden, durch tiefes Leid gehen. Musik reicht manchmal weiter als Worte oder bringt inniger als das gesprochene Wort zum Ausdruck, was Worte sagen möchten.

Oberflächliche Stimmungsmache, spirituelle Ola-Wellen in jeder Form lehnen wir in Taizé von jeher ab. Das heißt jedoch nicht, dass dem Gefühl der ihm zukommende Raum verweigert wird. Wir werden uns niemals darauf einlassen, die Gefühle der Jugendlichen in irgendeiner Weise lenken zu wollen, aber wir bemerken, wie sehr es sie und auch uns befreit, sich neben den Gedanken auch den Gefühlen auszusetzen.

Hier hat die Musik oft wiederum eine fast objektivierende, aus der persönlichen Befangenheit herausführende Funktion, da die Gesänge ja nicht von jedem für sich, sondern von allen gemeinsam gesungen werden (auch wenn es freilich den einzelnen freisteht mitzusingen oder nicht). In den gesungenen Gebeten wächst eine alle umfassende Gemeinschaft, in der kein einzelner untergeht. Manchmal erscheinen einem ein solcher Gesamt wie ein Gehäuse, in dem alle zuhause sein können, wie ein Kirchenbau aus Klängen, der freilich immer wieder neu errichtet werden muss.

FreieWelt.net: Wie gestaltet sich die Jugendarbeit von Taizé?

Frère Wolfgang: Aus unserer Sicht geschieht sie in hohem Maße dadurch, dass wir versuchen den Jugendlichen zuzuhören, sie zu verstehen. Wir möchten Ihnen auch den Raum geben für eine unverstellte Begegnung mit Gott und natürlich auch mit den anderen, vor allem Gleichaltrigen. Das ist in den gesellschaftlichen Gegebenheiten gerade der westlichen Welt für nicht wenige Jugendliche eine ungewohnte Situation. Wir bewundern das Vertrauen, mit dem sie sich darauf einlassen. Dies bedeutet nämlich auch, dass sie in Taizé viel selbst in die Hand nehmen, angefangen bei Schrubbern und Eimern, um die Toiletten zu säubern. Sie kümmern sich aber auch selbst um Gedeih und Verderb der kleinen Gesprächsgruppen, ohne dass da ein Bruder intervenieren würde.

Diesem Vertrauen möchten auch wir Brüder gerecht werden, indem wir die Jugendlichen nicht an uns binden, sondern sie auf Christus zu verweisen, der auch die Mitte unseres gemeinsamen Lebens bildet. Es ist manchmal beschämend zu sehen, wie dankbar viele Jugendliche schon für ein geringes Maß an Zuwendung sind, für eine Aufmerksamkeit im Glauben, die nicht gleich wieder an ein bestimmtes Zweckdenken, eine bestimmte Kirchenräson gebunden ist.

Andererseits scheuen wir uns nicht, Jugendlichen Aufgaben und Engagements vorzuschlagen, die ihnen manchmal vielleicht etwas abenteuerlich vorkommen, für die sie sich nicht vorbereitet halten. So schickten wir Jugendliche immer wieder auf einen Pilgerweg zum Beispiel quer durch die Kirchengemeinden und Gruppierungen einer Stadt oder einer Gegend, sozusagen auf Gegenbesuche bei Jugendlichen, die schon in Taizé waren, aber auch bei anderen. Anders könnten wir die Jugendtreffen , die wir immer wieder irgendwo auf der Erde durchführen, gar nicht vorbereiten. Manche Jugendliche entdecken in Taizé beispielsweise auch, dass sie durchaus in der Lage sind, mit einem Mikrofon vor sehr vielen anderen zu sprechen. Wieder andere fällen dort eine Berufsentscheidung oder den Entschluss, sich auf eine Berufung in der Kirche vorzubereiten, nicht nur als Bruder der Communauté de Taizé.

FreieWelt.net: Was möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Frère Wolfgang: Wenn sie selbst nicht mehr Jugendliche oder junge Erwachsene sind, kann ich sie eigentlich nur ermutigen, auf Jugendliche zuzugehen, in welcher Weise auch immer. Gerade wenn sie sich nicht besonders dafür geeignet halten, sind sie vielleicht fähig, über Jugendliche zu staunen, auch über eine erste Fremdheit hinweg. Wenn Jugendliche bemerken, dass Erwachsene sie ernst nehmen (über ihre Eltern, Lehrer und andere hinaus); öffnen sie sich, schenken Sie Vertrauen. Es gibt nichts Schöneres, als jemand zu sein, dem sich andere anvertrauen.

Es passiert immer wieder einmal, dass ältere Erwachsene zusammen mit einigen jungen Erwachsenen nach Taizé kommen, die sie mehr oder weniger zufällig irgendwo kennen gelernt haben. Viele haben ja niemand, der sie dazu “an der Hand nimmt”. In Taizé gibt auch immer eine Gruppe für Erwachsene, so das in Taizé alle ihre Wege gehen können und nachher umso interessanter darüber sprechen können, was jedem während der Woche dort wichtig war. Eine Kirchengemeinde, in der es ein paar Leute gibt, die sich über Jugendliche freuen können, wird nicht ohne Jugendliche sein, vielleicht sogar am Sonntag im Gottesdienst.

http://www.taize.fr/de

Das Interview führte Fabian Heinzel

(Foto: Frère Wolfgang)

 

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